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Mittwoch, 12. August 2026

Was ist Arbeit und wie viel?

 Wenn man die Arbeit-Definition aus dem Gabler Wirtschaftslexikon wortwörtlich nimmt, geriet man gleich ins Grübeln.

Wo ist, bitte schön, das Ziel?

In dieser Definition kommt nämlich das Ziel an der ersten Stelle:

„Zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit. Ursprünglich war Arbeit der Prozess der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur zur unmittelbaren Existenzsicherung; wurde mit zunehmender sozialer Differenzierung und Arbeitsteilung und der Herausbildung einer Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft mittelbar.“

Zielgerichtet? Was war z.B. das Ziel des Großprojekts Stuttgart 21? Die Zelebrierung des ewigen Bauens? Oder kann mir jemand endlich verraten, was ist eigentlich das Ziel von Institutionen wie Arbeitsagentur und Jobcenter?

Bei Gabler steht nicht, was die meisten von uns zuerst als Ziel nennen würden: die Knete für Arbeitgeber und Manager schaufeln und sich tüchtig wie eine Zitrone auspressen lassen,  

Wie sozial ist unsozial?

Das Adjectiv „sozial“ (zweiter Begriff der Definition) bedeutet vor allem laut DWDS „den Zusammenhang, das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft betreffend.“

Leben wir in einem sozialen Staat? Daran darf man heftig zweifeln. Der Staat häuft zwar riesige Steuereinnahmen an, sagt aber dann - „Jeder ist seines Glückes (Schicksals) Schmied“- und erklärt sich für die sozialen Belange weitgehend nicht zuständig. Müsste es aber nicht heißen: Wer Selbstverantwortung von anderen verlangt, muss mit eigenem Beispiel vorangehen? Davon ist keine Spur zu sehen. Der unverantwortliche Umgang mit Steuergeldern erscheint - höchstwahrscheinlich nicht nur mir - als ein Prinzip und nicht eine Ausnahme.

Die Entscheider jeder Sorte werfen unbestraft das Geld zum Fenster hinaus. Hingegen wird bei den armen Schluckern jeder Cent peinlich genau gezählt.

Profiteure und Pechvögel

Die weiteren Begriffe aus der Definition - „planmäßig“ und „bewusst“ - setzen ein Handeln voraus, das nicht nur der eigenen Klientel dient, sondern die ganze Gesellschaft in ihrer Verschiedenheit und Komplexität zur Grundlage jeder Aktivität des Staates hervorhebt. Diesbezüglich kann Deutschland die Prüfung nicht bestehen. Es wird hier kräftig die Spaltung und nicht der Zusammenhang betrieben. 

Deutschland ist zwar kein Gottesstaat, trotzdem aber folgt einem religiös anmutenden Prinzip: die da unten in der Hierarchie müssen unten bleiben. Dafür sorgt ein ausgeklügeltes System, das die Bildung beinahe ausschließlich vom Geldbeutel der Eltern abhängig macht und es mit dem Schwadronieren über bildungsferne Familien unterstützt. In diesem System erklärt man die Höhe der Löhne zur Geheimsache und befördert dadurch Missbrauch sowohl nach unten wie nach oben. Die Arbeit wird also nicht nach Leistung, sondern willkürlich entlohnt. Die auf dem Papier Verantwortlichen und wirklichen Profiteure weisen jegliche Verantwortung von sich und schieben sie auf die Untergebenen (Evelyn Palla spricht von der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ bei der Bahn. Das ist aber ein allgemeines Phänomen) usw... usf…

Dieses System - übrigens absolut ineffizient, unwirtschaftlich - klammert sich krampfhaft an der Spaltung der Gesellschaft mit allen Mitteln. Auch unter dem Motto: Wenn uns Gesetze (das Grundgesetz inbegriffen) im Wege stehen, dann achten wir einfach nicht auf sie, natürlich immer mit einer guten Ausrede. Gelegentlich und leise gibt man manchmal zu: das System sei undurchlässig. 

Versucht man an diesem feudalen System zu rütteln, ertönt sofort aus der einen oder anderen Ecke ein lautes Geschrei. Am lautesten jammern dabei diejenigen, die sich um ihre Privilegien, ihre bequeme Position und Leben auf Kosten der anderen, der Ausgenutzten, sorgen. So ist das Laben, argumentieren sie: Entweder gehört dir ein Platz auf der Sonnenseite oder bist du ein Pechvogel und überhaupt selber schuld. 


Donnerstag, 18. Juni 2026

Dobrindt läuft rückwärts

 Anders als Ex-Kanzler Schröder, der die Hartz-Gesetze eingeführt hat, und Ex-Kanzlerin Merkel, die sie dankend übernahm, habe ich auf meinem Blog derartige inhumane Politik scharf kritisiert. Weil durch diese „Reformen“ große Teile der Gesellschaft abgehängt wurden und die Armut sich nicht nur verfestigt, sondern auch enorm zugenommen hat. Das unter Scholz verabschiedete Bürgergeld war aus vielen Gründen ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt aber bewegt sich Minister Dobrindt rückwärts und will zu Hartz IV zurückkehren. Gruselig! 

Screenshot

Ein Satz zum Vervollständigen

Dobrindt spricht von „erheblichem Einsparpotenzial bei der milliardenschweren Sozialleistung.“ Das ist genauso einfältig wie kontraproduktiv. Er sieht den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im Eigenen. An den aufgebauschten staatlichen Strukturen, an der wuchernden Bürokratie, an der kriminellen Verschwendung von Steuergeldern, an der blühenden Korruption scheint Dobrindt nicht interessiert zu sein. Denn die Lösung dieser echten Probleme bedarf einer Vision, eines Plans und viel Mut. Diejenigen, die schon unten liegen, tritt man dagegen ganz leicht. Sie haben keine Lobby, daher eignen sie sich am besten für Ablenkungsmanöver jeder Art. Sie sind sozusagen Prügelknaben von Beruf.

Die Aufgabe von Politikern besteht aber nicht darin, erwachsene Menschen zu maßregeln oder zu erziehen. Sie sollen Probleme lösen oder zurücktreten. Leider tun die Wenigsten dies freiwillig. Sie kleben an der Macht, wie … (jeder kann den Satz selbst vervollständigen).

Wonach sieht’s denn aus?

Schröders Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen erhöhte gewaltig den Druck von oben, also von den Machthabern, auf die Gesellschaft, die man mit dem wohlklingenden Slogan „Fördern und Fordern“ täuschte. Der viel zu niedrige Hartz-IV- Regelsatz – sogar Peter Hartz, der Ideen- und Namensgeber, wollte höhere  Beträge – zwang die wehrlose Masse zum Kampf um das nackte Überleben. Das Fördern war eine Lüge. Hartzer dienten ausschließlich als sozusagen Kanonenfutter für dubiose Firmen, die die irrsinnigen Schulungen anboten und sich dumm und dämlich an ihnen verdienten, aber niemanden in die Arbeit brachten. Die neu erschaffenen Jobcenter, die diese Maßnahmen einleiteten, verbrauchten (und immer noch verbrauchen) 70 % der Steuergelder für die eigene Verwaltung. Es sieht nach einem riesigen Beschiss aus, nicht wahr? 

Suche nach dem Schotter

Mit diesem Murks, den man als Reformen stilisierte, schwächte man einerseits die Bienenkonjunktur, anderseits schmälerte die Demokratie, die auf der Teilhabe fußt. Darüber hinaus blähte man die Bürokratie auf und vergrößerte die gehorsame "Staatsarme" von Beamten, um eigene Herrschaft zu verankern. Das Geld verschwand im Labyrinth des Selbstbedienungsladens. Für Investitionen und Infrastruktur fehlte es dagegen. Das haben inzwischen alle bemerkt, auch diejenigen, die Schröder und Merkel nur aus eigenem Interesse beklatschten. 

Wenn Minister Dobrindt jetzt mit seinem Vorschlag durchkommt, wird das ein großer Rückschritt. Der Schotter steckt außerdem woanders. In der Demokratisierung zum Beispiel: ich meine hier das Prinzip "Gleiche Regeln für alle." Der Vorschlag von Ministerin Bas, die Beamten, Ärzte und Anwälte in die Rentenkassen  einzahlen zu verpflichten, geht in die richtige Richtung.

Meinerseits wiederhole ich seit Langem, dass es sich für die Geldschlucker wie Arbeitsamt und Jobcenter keine nachweisbare Verwendung finden lässt.

Dass es einer Firma Arbeiter fehlen, glaube ich erst, wenn sie bereit wird, auf langwierige unsinnige Prozeduren zu verzichten und innerhalb wenigen Stunden Menschen einzustellen. Dadurch gehen Firmen kein Risiko ein. Es gibt doch Probezeiten, die die Arbeitgeber absichern. 

Denn Menschen wollen arbeiten, wenn man ihnen eine Chance dafür gibt.


Dienstag, 6. Juni 2023

What Is A Woman? – Kennst du die Antwort?

 Habt Ihr den Film gesehen? Twitter schaltete ihn vor ein paar Tagen frei. Seitdem wurde dieser Doku-Streifen über 170 Millionen Mal angeklickt. Wow! 

Screenshot

Einfach oder provozierend?

Matt Walsh stellt eine einfache, wie er meint, Frage, die aber gegenwärtig wie pure Provokation wirkt. Ist diese Frage überhaupt zulässig? Wer jetzt mit „Nein“ antwortet, der bildet ein Teil des Problems. Denn so jemand will apodiktisch bestimmen, worüber man diskutieren darf oder nicht. Derartige Praktiken und Verhältnisse zeichnen Diktaturen aus.  

Das Recht, alles zu hinterfragen, gehört für mich zu den Menschenrechten. Ein mündiger Bürger oder eine mündige Bürgerin muss mündig genug sein, selbständig Fragen zu stellen und nach Antworten genauso selbständig zu suchen. Wer das verbietet, der zerstört die Grundlagen der Demokratie. 


 Das Gegenwart-Theater

Zum Kern des Problems gehört der Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht. Daran scheiden sich die Geister. 

Auf den Seiten des bpb lesen wir darüber folgendes:

"Gender" ist der englische Begriff für das, was im Deutschen als "soziales Geschlecht" bezeichnet wird. Gemeint sind die individuelle Identität und soziale Rolle jedes Menschen in Bezug auf das Geschlecht und wie diese in einer Gesellschaft bewertet werden. Ursprünglich wurde dabei vom biologischen Geschlecht (Sex) direkt auf das soziale Geschlecht (Gender) geschlossen und über die Veränderbarkeit des sozialen Geschlechts diskutiert; so etwa, ob eine "biologische" Frau auf die soziale Rolle als Mutter festgelegt sei. Heute wird betont, dass Sex und Gender voneinander unabhängig sind.“

So weit, so gut, könnte man sagen. Wir spielen heute in unserem Gegenwart-Theater ganz andere Rollen als unsere Vorfahren. Auch der Autor der Dokumentation scheint damit nicht wirklich ein Problem zu haben. Womit er sich aber nicht einverstanden zeigt, ist der Übergang vom Spielen zur chirurgisch-pharmazeutischen Umwandlung des biologischen Geschlechts. Besonders wenn es um Kinder geht.

Meine Meinung

Eine Gesellschaft, die den Cannabis für Erwachsene verbietet, aber die Geschlechtsumwandlung von Schutzbefohlenen erlaubt, hat jeglichen, nicht nur moralischen, Kompass verloren. Für mich handelt sich hier um Kindesmissbrauch.


Dienstag, 16. Oktober 2018

Tacheles gegen Potemkinsche Dörfer

Ich mag das Wort Tacheles. Es klingt nach Klarheit und Sachlichkeit: nicht um den heißen Brei herum, sondern direkt zur Sache kommen. Dahinter versteckt sich auch die Sehnsucht nach der Wahrheit. Ich weiß, wie pathetisch diese Behauptung wirkt. Haben wir aber nicht lange genug in den Potemkinschen Dörfern gelebt?


                                                             Wir müssen neue Wege betreten. Eigenes Foto

Feigenblätter für die Nacktheit


Potemkinsche Dörfer verstecken  hinter den schönen Fassaden die raue Wirklichkeit. Die Wahrheit ist per definitionem immer nackt. Wer will sich jedoch freiwillig ungeschützt zur Schau stellen? Es geht mir natürlich nicht um das Entblößen für die Fotos in der Bild-Zeitung.

Wir verstecken uns gerne hinter verschiedenen Feigenblättern, seitdem wir aus dem Paradies, wo die Unschuld nackt schlenderte, verbannt wurden. Die Märchen, die wir über unsere Freundschaften, Ehen, Jobs usw. erzählen, bleiben in Wahrheit nur Märchen.

Dafür das große Wort Lüge zu bemühen, ist überflüssig wie ein Kropf. Es handelt sich vielmehr um die weitgehend verbreiteten und akzeptierten Chiffren oder Narrative, die man sozusagen geschenkt von seinem Umfeld bekommt. Ob wir es wollen oder nicht, färbt unsere Umgebung auf uns ab. Viel wichtiger ist aber, dass wir das Phänomen der Verschönerung erkennen.

Virtuell und real


Politiker sind meist Verschönerer von Beruf. Was sie berühren muss größer, besser, schneller, effizienter usw. sein. Natürlich nicht in Wirklichkeit. Als ob sie sich in einer Welt des nie endenden Wettbewerbs des Schönredens befänden. Als ob? Oder geht es in der Politik fast ausschließlich um die Rivalität der Parolen, wobei sich kaum einer um die Verbindung zur Realität kümmert? (Ja, ich weiß, ich übertreibe in diesem Punkt unverschämt.)

In der heutigen Zeit, wo wir bereits in die Zukunft schauen können, erschöpfen sich unsere Bedürfnisse nach virtuellen Landschaften und Identitäten in den sozialen Medien. Von der Politik erwarten wir dagegen keine Märchen mehr, sondern Sachlichkeit: überprüfbare Pläne und realisierbare Projekte. Dafür braucht man auch eine Vision der Zukunft.

In den sozialen Medien antrainierte Frechheit (oder Mut, je nachdem) im Ansprechen von allen möglichen Themen stößt hier auf die alten politischen Rituale. Dass es dabei heftig bebt, darf es nicht wundern. Dieser Zusammenstoß wälzt unsere bis dato bekannte Welt um, mit unbekanntem Ausgang.

Betonung auf ganz


Die Politik und die Gesellschaft müssen neue Wege betreten. Vor allem brauchen wir einen neuen Vertrag zwischen den Vertretern und den Vertretenen: zwischen Politik und Gesellschaft. Wir brauchen Diskussionen, die die ganze Gesellschaft führt, mit Betonung auf ganz. Wir brauchen Tacheles sowohl bei der Bestandsaufnahme als auch bei der Auswahl der Lösungen.

Freitag, 13. April 2018

Vorurteile und Gegengift

Vorurteile haben keinen guten Ruf. Die politische Korrektheit fürchtet sie, wie der Teufel das Weihwasser. Dennoch haben wir sie alle. Auch diejenigen, die sich selbst als weltoffen und tolerant verstehen.


                                                                               „Wir wären gut - anstatt so roh ...“

Biologie der Vorurteile


Die Psychologie liefert uns hierbei  die beste Entschuldigung: Wir können uns fein herausreden, dass wir in dieser Hinsicht einem grundsätzlichen biologischen Mechanismus unterliegen - der Angst gegenüber dem Unbekannten, dem Fremden. Nach dem Motto: Ich kann nichts dafür, ich habs in den Genen. 

Sind wir also freigesprochen und dürfen unsere Vorurteile pflegen und hegen? Darauf habe ich eine politisch unkorrekte Antwort: Es hängt davon ab, was wir mit unseren Vorurteilen veranstalten. Übrigens gibt es auch positive, wie zum Beispiel, dass Deutsche fleißig sind. Was man sehr wohl anzweifeln darf, weil… ähm… lassen wir es lieber. 

Weiterhin bedarf es meines Erachtens einen lockereren Umgang mit diesem Thema, damit man Menschen mit Vorurteilen nicht vorverurteilt. Daher plädiere ich für Diskussionen ohne Tabus, was jedoch keineswegs bedeutet, dass wir alle gesellschaftlichen Schranken aufheben sollen.  Eine Gesellschaft muss – bei aller Liebe zu Debatten – die Grenzen klar definieren und die Überschreitungen auch ahnden.  

Ein natürliches Gegengift


Wir kommen auf die Welt ebenso ausgestattet mit der Fähigkeit zur Empathie. Ist es nicht wunderbar, dass uns die Natur ein Antidot, ein Gegengift mit auf den Weg gibt? 

Ein Blick auf die ungeschminkte Realität entreißt uns aber gleich einen verzweifelten Seufzer: Wo bleibt denn jene Empathie? Das hat einerseits etwas mit der Erziehung zu tun, behauptet Grit Hein, Professorin für Translationale Soziale Neurowissenschaften, in einem Gespräch in der "Frankfurter Allgemeine Woche":

"Die Empathiefähigkeit des Kindes wird sowohl durch mangelnde Fürsorge als auch durch Überbehütetsein beeinträchtigt, weil beides ein Ausdruck mangelnder Empathie gegenüber den Bedürfnissen des Kindes ist."

Wer ist für die Verhältnisse verantwortlich?


Wer aber jetzt auf den Eltern herumhacken und sie für schuldig erklären will, der irrt. Eltern leben doch nicht in einem Vakuum. Nach wie vor gilt die These von Bertolt Brecht: 

„Wir wären gut - anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Ausführlicher formuliert es Grit Hein folglich:

"Ein Mangel an Empathie in einer Gesellschaft sagt in erster Linie etwas über die Gesellschaft und erst in zweiter Linie etwas über den Menschen. Menschen sind empathisch, wenn es vom sozialen und gesellschaftlichen Umfeld ermöglicht und gefördert wird.“

Für das soziale und gesellschaftliche Umfeld, also für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Politik an der Macht verantwortlich. Die Verantwortung steigt mit der Position und dem Einflussbereich. Da haben wir unsere Schuldigen. Vorverurteilt!

Mittwoch, 28. Juni 2017

Wir und der Gemeinsinn

„Die Wirklichkeit als eine uns allen gemeinsame zu verstehen, gehört für Arendt noch zum „gesunden Menschenverstand“, dieses Zitat stammt aus dem Artikel „Wir“ von Carolin Emcke, veröffentlicht in der Süddeutsche Zeitung Nr. 137. Tja, die Wirklichkeit und der gesunde Menschenverstand  - das ist so eine Sache!


                                                                                                                         Foto: Autorin

Radikale Subjektivität und politische Narzissten


Viele von uns vermissen den Gemeinsinn, da ist Carolin Emcke keineswegs die einzige, wenn sie schreibt: „Die radikale Subjektivität wird nicht mehr allein im Privaten zelebriert, sondern zersplittert auch die politische Öffentlichkeit in Narzissten, die ihre Selbstbespiegelungen und Projektionen mit der Welt verwechseln.“ Sie bemängelt, dass dies, „was die res publica, die öffentliche Sache, in unseren Demokratien ausmacht“, kaum mehr verhandelt oder eingefordert wird.

Die Kritik an der radikalen Subjektivität hat nichts mit der Wahrnehmung des Menschen als Individuum zu tun. Vielmehr geht es darum, in dem Einzelnen die Menschheit zu würdigen. Darin sind wir – damit meine ich jetzt Entscheider aller Couleur, die an den Machthebeln sitzen – schlecht bis sehr schlecht. Jene radikale Subjektivität, über die Carolin Emcke schreibt, ist ein Resultat der herrschenden ungerechten Rahmenbedingungen – ich verstehe darunter das Gerüst, das die Politik erschafft und die Gesellschaft mitträgt -, und der Sozialisation in der Welt, die die Menschenrechte eines Individuums tagtäglich missachtet und sich mit hehren Parolen begnügt, ohne sie ins Leben umzusetzen.    

Zu diesem Bild gehören narzisstische Politiker, für diesen Zustand verantwortlich. Sie schaffen jene Atmosphäre, die wir einatmen und in der wir leben müssen.  Wir wählen sie demokratisch und sie herrschen über uns mehr oder weniger autokratisch. Es ist ein Teufelskreis, in dem wir uns alle drehen.

Wer gehört dazu?


Die Debatte über den Gemeinsinn beginnt für mich mit der Frage: Wer gehört dazu? Sie ist meines Erachtens die wichtigste. Eine plumpe Antwort „Wir alle doch“ akzeptiere ich nicht. Auch aus diesem Grund, dass sie einfach nicht stimmt. Nein, leider nicht alle dürfen sich als Mitglieder der Gesellschaft verstehen, weil es solche gibt, die außen vor gelassen werden. Von dieser Sorte haben wir hierzulande mehr als genug. Unfreiwillig nehmen sie nicht am gesellschaftlichen Leben teil, also – eine logische Konsequenz dieser Tatsache -, gehören sie nicht dazu. Ich rede hier nicht über Einzelschicksale, sondern über ein Massenphänomen.  Dieser Zustand ist tragisch und gefährlich zugleich. Weil die Ausgeschlossenen wenig zu verlieren haben und sich leicht radikalisieren. 

Durch die Armut und aussichtslose Lage entmündigte Bürger haben kaum Spielraum für eigenständige Entscheidungen, vielmehr wird es über sie bürokratisch entschieden.  Ob die in den Abfällen kramenden Rentner oder die von den Tafeln Essensreste abholenden Hartz-IV-Empfänger, sie sind dazu verurteilt, um das bloße Überleben zu kämpfen. 

Ein Kommunikationsproblem?


Wenn die Politik große Teile der Gesellschaft offensichtlich aus den Augen verliert, darf man sich nicht über die Verrohung der Sitten wundern. Das schlechte Beispiel kommt von oben: Die Gleichgültigkeit den Bedürftigen gegenüber färbt auf die Gesellschaft ab.

Zum Teil könnte man diese Verhältnisse als ein Kommunikationsproblem deuten. Diejenigen, die den anderen radikale  Einschränkungen verschreiben, leben selbst ohne Entbehrungen und verstehen einfach nicht, was es heißt, um die nackte Existenz ringen zu müssen. 

Freitag, 2. Dezember 2016

Zwischen Altruisten und Karrieristen oder das Monopol des Zeugnisses

Normalbürger versus Elite heißt das Thema unserer Tage und der Kolumne von Jakob Augstein. Ihr Titel stößt mir allerdings übel auf: Politiker als Übermensch. Übermensch? Oh Gott, alles, nur nicht das!

Lassen wir jedoch die Begriffe beiseite, die Erwartungen an Politiker sind tatsächlich groß. Geht es hier aber wirklich um die perfekten Biographien, wie Augstein suggeriert? Und wenn ja, wieso?


                                                        Haben wir die Politiker, die wir verdienen? Foto Autorin

Das gnadenlose Spiel


„Es gibt eine Gnadenlosigkeit, wenn es um Politiker geht – schreibt Augstein - die ist demokratiebeschädigend.“ Jene Gnadenlosigkeit sollte besonders die persönlichen Abweichungen von den geltenden Mustern betreffen. Demnach dürfte ein Politiker – nennen wir endlich das Kind beim Namen – keine Schwäche zeigen. Darum geht es doch, nicht wahr? Selbstzweifel, Krisen, Zerrissenheit gefährden nicht nur seine Position, sondern machen ihn auch angreifbar. Daran scheint man zu glauben. Heute wie früher. Daher herrschen klare und harte Regeln des Spiels in der und für die Öffentlichkeit. Politiker spielen uns immer etwas vor. Und wir spielen mit.

Ach so schwerer Job


Dass man Politikern, die über unser Leben entscheiden, auf die Finger klopft, finde ich richtig. Ein Mediziner muss sich mehreren Prüfungen unterziehen, bevor man ihn auf die Menschen loslässt. Wie examiniert man einen Politiker/eine Politikerin? Er/sie muss sich durchsetzen. Dafür braucht er oder sie verschiedene Fähigkeiten und ein Umfeld, das ihn trägt und unterstützt. Einzelgänger sind in diesem Geschäft auf verlorenen Posten. Die oben erwähnte Gnadenlosigkeit scheint ein Bestandteil dieses Milieus zu sein. In der politischen Klasse gibt es wenig Platz für Mitleid.  

Niemand wird jedoch dazu gezwungen, ein Politiker zu werden. Weshalb also kämpfen so viele um den ach so schweren Job? Sind sie allesamt Altruisten, die die Welt retten wollen? Oder eher die gnadenlosen Karrieristen? Zwischen diesen zwei Extremen gibt es unzählige Varianten, aber nur diejenigen, die an die Macht kommen, erreichen die Möglichkeit von der weitgehenden Gestaltung der Geschicke und der näheren und weiteren Umgebung.   

Haben wir die Politiker, die wir verdienen? 


„Die sozialen Barrieren werden höher“, konstatiert Jakob Augstein und nennt einige Beispiele, die seine These beweisen sollen. Ohne Abitur – wie im Fall von Martin Schulz – geht es heute gar nichts. Wem verdanken wir eine derart uniformierte und bürokratisierte Gegenwart? Wie ist das Monopol des Zeugnisses entstanden? Wie kam es dazu, dass Beamte an verschiedenen Machthebeln so viel Macht über unsere Schicksale erhielten? 

Wieso nehmen wir uns als Gesellschaft keine Zeit, um die Talente unserer Kinder zu erkennen? Warum verurteilen wir so viele zum Leben in Armut? Aus welchem Grund akzeptieren wir zwar wirtschaftliche Krisen, von einem Menschen aber verlangen wir, dass er wie ein Automat funktioniert?

Weder Globalisierung noch Digitalisierung sind dafür schuld, dass wir uns – gleichermaßen Politiker wie Gesellschaft - nicht die Mühe machen, die wertvollsten Ressourcen, die wir haben – uns, Menschen – richtig wahrzunehmen und wertzuschätzen. Stattdessen vernachlässigen und verschleudern wir sie so erschreckend oft als wären sie nur Abfall. 

Freitag, 9. September 2016

Angeblich geht es uns gut. Wirklich?

Nein, früher war nicht alles besser. Und heute ist nicht alles schlecht. Angeblich geht es uns außerdem gut. Besonders denjenigen, die die ordentlichen Scheuklappen tragen und nur das sehen, was sie sehen wollen. Einige Politiker gehören natürlich auch zu dieser Klasse: Sie blenden Probleme aus und sprechen stattdessen über ihre Erfolge. Das ist schlecht für die Probleme: sie werden nicht gelöst, sondern verschleppt, also im Endeffekt verschlimmert. Was uns allen schadet.


                                                                                             Geht es uns gut? Screenshot

Oh, wie ist das schön über 200 Burkas zu diskutieren


Was sollen wir als Gesellschaft tun? Wir können gebetsmühlenartig so lange „Oh, wie ist das schön“ wiederholen, bis alle daran glauben. Auch die Obdachlosen, auch die verarmten Alleinerziehenden, auch die Rentner, die sich von der Tafel die Essensreste abholen müssen. Ein unrealistisches Szenario? Es nennt man Propaganda. Sie funktioniert doch nach wie vor erstaunlich zuverlässig. Wir lassen uns viel einreden und uns einlullen. 

Wir können aber auch über sage und schreibe 200 bis 400 Burkas in Deutschland in allen Gremien und auf allen politischen Ebenen diskutieren und Dampf ablassen. Gibt es noch jemanden, der sich nicht darüber geäußert hat (mich selbst eingeschlossen)? Sollte einer in der Zukunft über diese Tage in Archiven forschen, muss er der Intensität der Auseinandersetzung entnehmen, dass es sich um eine echte Invasion von Burkas gehandelt hat. 

Sind das Peanuts? 


Schauen wir lieber mutig der Wahrheit in die Augen. Den Mut braucht man dazu unbedingt. Weil die Wahrheit – oh! – nicht schön ist. Zu ihr gehören nicht nur die Schokoladenseiten der Gesellschaft. Die nicht geliebten Mitglieder unserer menschlichen Familie zählen auch dazu. Man versteckt sie gerne und schweigt sich über sie aus. In diesem Fall handelt sich nicht wie bei Burkas um läppische zweihundert oder vierhundert. Wir reden hier über viele Millionen von abgehängten Menschen.  Wie zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger, deren Zahl sich seit Jahren nur geringfügig verändert. Im April dieses Jahres bezogen 4,4 Millionen Deutsche und 1,5 Millionen Ausländer – zusammen 5,9 Millionen - Hartz-IV-Leistungen. Darunter sind 2,6 Millionen Menschen, die seit mindestens vier Jahren (!)auf Hartz-IV angewiesen sind. 

Und die ganze Nation schreit nicht auf und diskutiert nicht darüber, wie es überhaupt dazu kam und wieso wir uns damit abfinden? Sind das vielleicht nur Peanuts? 

Vermögensverteilung und Gewissen


In der mit großer Aufmerksamkeit von Medien aufgenommen Studie „Generation Mitte 2016“ halten 64% der Befragten im Alter von 30 bis 59 Jahren die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland für ungerecht und 66% empfinden den gesellschaftlichen Zusammenhalt als schwach oder sehr schwach. Die Solidarität ist also ein politisches Mythos, die Wirklichkeit spiegelt ein dschungelähnliches Bild wider. 

Dieser traurige Befund stellt gleichzeitig eine Quelle der Hoffnung dar. Das Gewissen der Gesellschaft scheint gesund zu sein und erkennt die Ungerechtigkeit.

Jetzt müssen endlich Taten folgen! Wenn Deutschland, das reichste Land in Europa, das nicht schafft, wer denn sonst?

Sonntag, 29. Mai 2016

Wer keine Visionen hat, muss zum Arzt

Die Zeiten, in denen Helmut Schmidt das Gegenteil behauptete, sind längst vorbei. Wir brauchen Visionen mehr denn je. Das hat Christian Kern, der neue Kanzler bei unseren Nachbarn, erkannt: „Im Jahr 2016 bedeutet keine Visionen zu haben, dass man tatsächlich einen Arzt braucht."


                                                                                    Foto: Autorin

Ansprechen und mitreißen


Eine politische Vision ist immer vorwärtsgerichtet.  Darin geht es nicht ums Kochen des eigenen Süppchens, sondern um das Erschaffen eines Entwurfs für die ganze Gesellschaft. Jener Entwurf soll alle ansprechen und alle mitreißen. Um eine Vision zu kreieren braucht man genauso viel Mut wie Gefühl. Oder anders gesagt: Kopf und Herz. Eine Vision beantwortet die wichtigsten Fragen, die sich Menschen stellen, und zeigt die Wege in die Zukunft. Eine Vision gibt nicht nur die Richtung vor, sie bringt vor allem auch die Hoffnung.  

Somit ist eine Vision viel mehr als ein Programm einer Partei oder ein Koalitionsvertrag der Regierung. Derartiges Konzept kann ich in den politischen Darbietungen zurzeit nicht erkennen.

Tafeln gegen Überfluss?


Wie wird die Gesellschaft in der Zukunft aussehen? Noch mehr Tafeln und Obdachlosen einerseits und vor Überfluss verblödete wenige Individuen anderseits?

Was für ein Arbeitsmarkt erwartet uns, wenn die Digitalisierung die Arbeitnehmer von ihren Arbeitsplätzen verdrängen wird? Noch mehr Hartz IV, noch mehr Sanktionen? Und demzufolge noch mehr Armut und Obdachlosigkeit?

Wie definiert man in der Zukunft den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Was für eine Welt!


Sollen wir in einer Welt leben, in der nur die Reichen Recht haben und die Armen sich vor dem kriminell agierenden Staat fürchten müssen? 

„Kriminell“ in Verbindung mit dem Staat zu bringen, ist das nicht übertrieben und populistisch? Leider nicht. Das ist die heutige Realität. Der Staat nutzt seine Machtposition gegenüber den Hilflosen und agiert mit der Härte eines Mafia-Paten. Die Armen können sich eine Auseinandersetzung  mit der Macht nicht leisten und verzichten meist auf ihre Rechte. Der Staat, der ein Vorbild und ein Schutzpatron der Nicht-Privilegierten sein müsste, zockt sie schamlos ab. 

Diese Härte vermisse ich an dem anderen Ende der Hierarchie. Die Privilegierten behandelt man wie ein rohes Ei. Das neueste Beispiel bietet der Autokonzern VW: Nach dem Diesel-Skandal und hohen Verlusten kassieren Manager hohe Boni. Die Altlasten sind nicht weniger brisant: Der Ex-Chef Bernd Pischetsrieder soll nach seiner Ablösung 50 Millionen erhalten haben.

Der Staat kann nichts dafür? Doch! Er muss endlich gerechte Rahmenbedingungen schaffen und zum Beispiel die Managergehälter an die niedrigsten Löhne koppeln. 

Wir leben längst in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es wundert mich nicht, dass die Populisten solch einen enormen Zulauf bekommen. Wenn die politische Klasse an der Macht mit der Wirklichkeit fremdelt und die Gier die wirtschaftlichen Eliten verblendet, suchen Menschen verzweifelt einen Ausweg aus der Misere und riskieren einen Ritt auf der Rasierklinge. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Wieso lieben wir Populisten?

„Populismus“ ist das neue Modewort und ein schwerwiegender Vorwurf. Weil ein Populist ein dreister  gewissenloser machtbesessener Opportunist sei, der „durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (im Hinblick auf Wahlen)“ gewinnen wolle. Zu diesem Zweck gibt er sich als volksnah aus  und präsentiert einfache Antworten auf schwierige Fragen. Per definitionem also ein Schwein. Oder doch nicht?


                                                  In Österreich haben die Populisten fast die Hälfte 
                                                               der Stimmen an sich gezogen.         Screenshot                                     

Selbstgerecht und abgehoben


Unsere Erwartungen an Politiker, die die Macht innehaben, sind sehr hoch. Sie sollen ein Vorbild darstellen, die Probleme erkennen und lösen, dabei gerecht und selbstlos vorgehen und sich an das Wohl der Gesellschaft orientieren. 

Wir bekommen stattdessen jene, die wir gewählt, oder nur zugelassen haben, wenn wir am Wahltag zu Hause bleiben. Relativ schnell werden wir von ihnen enttäuscht. Sie scheinen sich in einem rasanten Tempo von der Realität zu entfernen und somit von der Wirklichkeit, in der wir leben.  Aus den Dienern der Allgemeinheit formen sich in einer kurzen Zeit selbstgerechte Potentaten, die von oben herab auf ihr Volk schauen. 

Wir, das Wahlvieh


Und sie reden sich andauern heraus. Die Sachverhalte seien kompliziert und wir – das Wahlvieh – einfach zu doof, um ebendas zu begreifen. Deshalb müssen sie uns zu unserem Glück zwingen. 

Wir kommen uns auch tatsächlich dumm vor, im Angesicht der überbordenden Arroganz der Macht.  

Dass das Leben nicht einfach ist, merkt man bereits im Kindergarten. Wer dies erst in dem Moment begreift, in dem er an die Macht kommt, ist fehl am Platz. Kann man meine Aussage womöglich populistisch nennen? Durchaus. Vereinfache ich die schwierigen Zusammenhänge? Das hoffe ich. Weil ich zu den wichtigsten Aufgaben der Politik, besonders von den regierenden Parteien, außer der Erläuterung der Ziele und Maßnahmen, eine verständliche Erklärung zähle.  Und zwar in einem Spagat mit dem entschiedenen Handeln. 

Von den Populisten lernen


Die Groko bremst sich aber gegenseitig aus. Darum warten wir auf das entschiedene Handeln - zunehmend irritiert - vergeblich und beobachten Politiker, die mit Vorliebe Nabelschau betreiben. Man gewinnt einen fatalen Eindruck, dass die Regierenden ihre Energie zum größten Teil dem Machterhalt widmen.  Das kommt bei den Bürgern nicht gut an. 

Kein Wunder, dass Populisten bei den Enttäuschten punkten. Endlich scheint sich jemand für die Sorgen und Ängste der Menschen zu interessieren. Dass es sich hier nur ums Schauspiel handelt – geschenkt. Was man aber unbedingt von den Populisten lernen soll, ist die Bereitschaft die Sorgen und die Ängste aufzugreifen und die gesellschaftlichen Diskussionen anzustoßen. 

Genauso notwendig erscheint mir – wie ich schon erwähnt habe - die fortwährende Bemühung, das Komplizierte verständlich darzustellen. Die Politik muss Menschen mitnehmen, anstatt sie abzuschrecken und auszugrenzen. 

Über das Komplizierte kompliziert zu reden kann fast jeder Depp. In einfachen verständlichen Formulierungen das Schwierige und Verwickelte darzulegen ist dagegen eine große Kunst. 

Samstag, 27. Februar 2016

Angela Merkel trifft Anne Will oder der Ernst der Lage

Es brodelt im Lande. Shakespeare hätte gesagt: „Etwas ist faul im Staate Deutschland.“ Die Gesellschaft steht Kopf. Da sie meist eine Regierung hat, die sie verdient, darf man schlussfolgern, dass die Regierung auch kopfsteht.  Ein Beweis hinfällig? Die Kanzlerin geht zu Anne Will. Zum zweiten Mal in einem halben Jahr.




Ein anderer Ton


Am Sonntag, den 28.02.2016, treffen sich eine Journalistin, die man vom Sonntag für eine lange Zeit verbannt hat und die dennoch zurückkehrte, und die Kanzlerin, der eine ähnliche Verbannung von der politischen Bühne jetzt droht.  Der Ton hat sich inzwischen verändert. Damals fragte Anne Will eher vorsichtig, dem Kurs von der Kanzlerin zustimmend:  „Können wir es wirklich schaffen, Frau Merkel?“ Diesmal klingt es um einiges schärfer: „Deutschland gespalten, in Europa isoliert - Wann steuern Sie um, Frau Merkel?“

Bayerischer Putsch und Schäubles Wut


Unterdessen bereitet Bayern anscheinend einen Putsch vor.  Laut „Passauer Neuen Presse“ rüstet sich die Bayerische Polizei für eine mögliche Grenzschließung. Obwohl Angela Merkel nach wie vor die Einführung von Obergrenzen für Deutschland für inhuman und rechtswidrig hält.

Überdies rebelliert Sigmar Gabriel und verlangt  ein neues Solidaritätsprojekt für unsere eigene Bevölkerung. Seine Forderungen begründet er mit der explosiven Stimmung, die immer mehr Bürger erreicht: „Für die macht ihr alles, für uns nichts. Das ist ein supergefährlicher Satz.“

Damit zieht er auf sich die Wut von Mister Schwarze-Null, Wolfgang Schäuble: "Wenn wir Flüchtlingen - Menschen, die in bitterer Not sind - nur noch helfen dürfen, wenn wir anderen, die nicht in so bitterer Not sind, das gleiche geben oder mehr, dann ist das erbarmungswürdig."

Klang und Bedeutung


Der Satz von Schäuble klingt gut und vor allem politisch sehr korrekt. Wie erbarmungswürdig ist aber der Zustand breiten Schichten von der hiesigen Bevölkerung, die sich hauptsächlich von Abfällen in den Tafeln ernähren? „Die deutschen Tafeln unterstützen regelmäßig bis zu 1,5 Millionen bedürftige Personen, davon 23% Kinder und Jugendliche, 53% Erwachsene im erwerbsfähigen Alter, ca. 24% Rentner.“ 

Was ist also mit den Abgehängten? Mit den Obdachlosen? Mit den Kindern, die in Armut und ohne Chancen aufwachsen? 

Eine Antwort erwarte ich von Herrn Schäuble nicht. Wie alle Politiker, die sich lieber mit den Zahlen als mit der Realität außerhalb von Salons und gut gefüllten Geldbörsen beschäftigen, hat er einfach keine Ahnung, was der Kampf ums Überleben bedeutet.

Daher ist der obige Satz von Schäuble einfach unanständig.  Er appelliert an das Verständnis jener Menschen, die man tagtäglich – ganz gelinde gesagt – verarscht. Es kann doch nicht sein, dass der Staat vor den Reichen kuscht und die Armen ausnutzt und betrügt, weil sie sich nicht wehren können. Denn in diesem Fall agiert der Staat wie ein Verbrecher. 

Was Merkel nicht sagen wird


Ich war von Merkel – das gestehe ich gerne – begeistert, als sie im Oktober uns zurief: „Wir schaffen das.“ Inzwischen hat sich meine Begeisterung aber gelegt. Ich dachte, dass sie mit dieser Parole eine neue Ära einläutet, in der wir ALLE Probleme in diesem Land anpacken. Das ist leider nicht der Fall.

Ich warte immer noch auf „Wir schaffen das“ im Sinne des Zusammenhalts der Gesellschaft. Ich warte auf „Wir schaffen das“, was die Schließung der Schere zwischen Reich und Arm betrifft. Ich warte auf „Wir schaffen das“ im sozialen Bereich. Warte ich vergeblich?

Sonntag, 14. Februar 2016

Wohin geht die Reise? Fragen an die Politiker und an die Gesellschaft

Ein Politiker mit Visionen solle sich umgehend beim Arzt melden, riet scharfsinnig und meines Erachtens gründlich falsch der selige Helmut Schmidt. Ich kann sein Misstrauen zwar nachvollziehen: Wer den Krieg und die Mörder mit großen Plänen, die ihn angezettelt haben, erlebte, der wollte von derartigen Absichten Finger lassen. Eine Vision unterscheidet sich jedoch fundamental vom Größenwahn.


                                                                                                                       Foto: Autorin

Nicht für alle?


Eine Reise muss nicht unbedingt von vornherein ein Ziel haben. Die Politik dagegen schon. Sonst handelt sie nach Lust und Laune, willkürlich. Daher verlange ich von den Politikern Visionen – eine Art Fahrplanes für die Gesellschaft. Für die ganze Gesellschaft und nicht lediglich für eigene Wähler. Derartige Vorstellungen fehlen zurzeit: Es gibt keine Konzepte für die breiten Schichten der Bürger. Stillschweigend akzeptieren diesen Zustand die meisten von uns.  Man kann doch nicht ALLE zufriedenstellen, rufen die Ergebnisorientierten. Meine Antwort lautet: Versuchen müssen wir es trotzdem. 

Politiker und Ärzte


Wieso wird man Politiker? Der Macht wegen? Natürlich, ohne Macht hat man keine Handlungsmöglichkeiten. Dieser Beweggrund reicht jedoch nicht aus. Politiker sind in meinen Augen wie die Ärzte. Sie tragen die größte Verantwortung für das Leben von Menschen. Ihre Entscheidungen – wenn sie schon entscheiden dürfen – wirken sich auf die Schicksale von uns allen aus. Daher müsste man in diesem Fall nicht über einen Beruf, sondern über die Berufung sprechen. Ein Politiker braucht außer einer Vision, den Mut sie durchzusetzen. Als wichtigste Aufgabe von Regierenden sehe ich die Lösung von Problemen. In diesem Punkt gebe ich Christian Lindner von der FDP recht. 

Verschleppte Probleme


Verschleppte Probleme sind wie die verschleppten Krankheiten. Sie werden immer schlimmer, kosmetische Ausbesserungen nutzen dabei herzlich wenig. Zu dieser Sorte von Aufgaben zähle ich unter anderem: die Kluft zwischen Reich und Arm, Regeln fürs Einwandern (das fehlende Einwanderungsgesetz), Zugang zur Bildung, Integration, Hartz IV (oder insgesamt Hartz-Gesetze). 

Grundsätzliche Frage 


Ich knüpfe an den letzten Punkt meiner Liste an: Hartz IV. Es handelt sich hier – meiner Meinung nach - um ein besonders krasses Beispiel von Teilung der Gesellschaft in zwei Klassen: diejenigen, die über sich selbst entscheiden, und die anderen, über die entschieden wird – die Hartz-IV-Empfänger. 

Egal wie man es dreht und wendet, kommt man um eine grundsätzliche Frage nicht herum: Wie kann man den Status eines Hartz-IV-Empfängers mit den Menschenrechten vereinbaren? Meine Antwort lautet: gar nicht. Die Erziehung von erwachsenen Menschen zum Gehorsam finde ich darin besonders widerlich. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass sich dies auf die ganze Gesellschaft negativ abfärbt. Wir alle lernen dadurch, dass die Würde des Menschen antastbar ist, sobald er nicht als „produktiv“ eingestuft wird. Eine fatale Lehre, die zu verschiedenen Fehlentwicklungen und Auswüchsen führt. 

Sonntag, 1. November 2015

Ordnung auf dem Markt oder Regeln ohne Regeln

Wollen wir uns wirklich an die Regeln halten? Wir verlangen grundsätzlich, dass die anderen dies tun und empören uns, wenn dies nicht der Fall ist. Wie im Straßenverkehr: Soll eine/einer bloß versuchen, sich so zu verhalten, wie wir selbst!

                                                                                                                       Lupo  / pixelio.de

Markt im Mittelpunkt


Was wäre das für ein Leben ohne Regeln, wenn wir uns ausschließlich um unsere Wünsche gekümmert hätten, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf die anderen. Der Mensch wird zum Menschen  nur unter den Menschen. Wir sind soziale Wesen.

Eine Gemeinschaft kann nicht ohne Regeln existieren. Wir brauchen eine Ordnung. Am besten eine, die an die Menschenrechte angelehnt ist. Wie die unsere? Da habe ich meine großen Zweifel. Die Gesetze, die für alle gelten sollen, können wir zwar verlangen und sogar auf dem Papier bekommen. Dennoch klaffen die Theorie und die Praxis zu oft auseinander. Unsere Demokratie, durch den Markt definiert, hält im Grunde nicht besonders viel von gleichen Rechten. Nicht der Mensch mit seinen Rechten steht im Mittelpunkt, sondern… der Markt selbst.

Druckmittel Hartz IV


Der Markt benötigt ein Druckmittel, damit die Menschen ihre Arbeitskraft unter ihrem Wert verkaufen und sich wie eine Zitrone auspressen lassen. Weil wir in einem zivilisierten Land leben, erfahren wir ein ziemlich zivilisiertes Druckmittel: Seit über 10 Jahren heißt es Hartz IV. Der gnädige Staat lässt den Empfängern Beträge zukommen, die vorm Sterben zwar schützen, zum Leben aber nicht reichen. 

Hartz IV ist ein ideologisches Produkt des Marktes (von den Steuerzahlern allerdings finanziert), das eine soziale Leistung lediglich vortäuscht. Kein Wunder, dass die Wirtschaft es lobt. Die Angst vor dem hoffnungslosen Vegetieren diszipliniert die Arbeitskräfte besser, als jede bisherige Androhung. Wer in Hartz IV abrutscht, kommt nicht mehr heraus. Die Maßnahmen, die die Empfänger angeblich daraus holen sollen, wirken überhaupt nicht. Hätte ein Arbeiter derartig erfolglose Arbeit geleistet, würde er eine Probezeit nicht überstehen. Die erfolglosen staatlichen Institutionen dagegen bestehen nach wie vor: Ihre Aufgabe müsse demnach nicht heißen, die Hartz-IV-Empfänger in Arbeit zu bringen, sondern sie dem Markt vom Hals zu halten. Man soll Hartz IV als eine Art Strafkompanie verstehen, wobei die Strafe lebenslänglich dauern soll.


Wer regiert hier eigentlich? Wirtschaft pfeift, Ministerium muss tanzen


Dass die Wirtschaft uns zeigen soll, wo es lang geht, sei fundamental, sonst könne man nichts verteilen – behaupten die Befürworter des schwachen zurückgezogenen Staates. Der Markt wird schon richten. Tut er aber nicht, antworten die Gegner dieses Konzepts und die Fürsprecher eines starken alles entscheidenden Staates. 

Wo befinden wir uns auf der Skala zwischen diesen zwei Extremen? Ich behaupte, dass wir verdammt nah der Wirtschafts-Autokratie sind.  Beweise gefällig? Ich nenne hier zwei ungleiche, aber symptomatische Beispiele: 

1. Die geheimen Lobbyisten, die einen uneingeschränkten und unkontrollierten Zugang zum Parlament haben. Der Bundestag weigert sich nach wie vor, die vollständigen Listen zu veröffentlichen. Weil er sich nicht seinen Wählern, die die Transparenz verlangen, sondern der Wirtschaft verpflichtet fühlt? 

2. Und noch ein kleines aber durchaus spektakuläres Beispiel der Macht der Wirtschaft: In der Schriftenreihe „Themen und Materialien“ der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erschien der Band „Ökonomie und Gesellschaft“. 

Ob diese Lektüre spannend oder nicht ist, erfahren wir nicht, weil das Bundesministerium des Innern den Vertrieb dieser Publikation vorläufig verboten hat. Und zwar auf Initiative der Arbeitgeberverbandes (BDA)! Den Arbeitgebern haben es weder die kritische Perspektive auf wirtschaftspolitischen Lobbyismus noch alternative wirtschaftliche Ansätze gefallen. Dies hat für das Verbot gereicht, das Ministerium reagierte sofort.

Montag, 5. Oktober 2015

Kinder, Kinder

Kleine Kinder sind unermüdliche Forscher und Entdecker. Sie lernen die Welt mit allen ihren Sinnen leidenschaftlich kennen. Dann kommen sie in die Schule…



Hilflose Schule


Über den Schuleingang hätten große Buchstaben des Schriftzugs „ANPASSUNG“ hängen müssen, weil man von den Kindern eben dies auf der ersten Stelle verlangt. Die kleinen Quälgeister sollen sich in die herrschenden Strukturen, in das System einfügen. Ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Entwicklung scheinen nicht von Bedeutung zu sein.

Vom ersten Schultag an trainieren Kinder ihr Sitzfleisch. Obwohl diese Praxis alles andere als gesund ist und die Wissenschaftler seit Jahrzehnten für die Kleinen einen kurzen – unter 30 Minuten - Unterricht verlangen

Ordnung muss sein? Die Schule ist aber kein Ort der Ordnung, sondern der absoluten Anarchie. Sie sperrt ihre Schüler zwangläufig für den größten Teil des Tages ein und weigert sich gleichzeitig, die Erziehungsverantwortung zu übernehmen. „Das ist nicht unsere Aufgabe“, hört man dazu. Wessen denn sonst? So zeigt sich die Schule völlig hilflos gegen die unerfreulichen Strömungen, Tendenzen und Mobbing, die unter den Schutzbefohlenen auftreten.  

Koks für Kids


Die Pharmaindustrie geht der Schule zur Hand und betäubt massenhaft die von Natur aus lebhaften Wesen. Tonnenweise verschreiben Ärzte – ihr Gewissen steht ihnen währenddessen, wie man sieht, nicht im Wege - ihren kleinen Patienten die Droge Ritalin. In einem Land, wo das Marihuana verteufelt wird, verabreicht man ohne zu zögern den Kindern einen viel härteren Stoff, vergleichbar mit Kokain, Morphium oder Amphetamin. Und niemand bestraft die dafür verantwortlichen Verbrecher. Was wollen diejenigen erreichen, die in den Kindern das Menschliche auf diese Weise töten? 

Primitive Konkurrenz 


Was für eine Zukunft bereiten wir den Kinder vor? Und was für eine Zukunft erschaffen einmal jene Kinder, die von der Gesellschaft zu den gefühllosen Robotern gemacht werden?

Angesichts der vielen Flüchtlingskinder, die hier bleiben und leben werden, wäre es wichtig, sich die Klarheit über die Verantwortung für ihre Entwicklung zu verschaffen. Wenn man die Eltern als die einzigen Zuständigen sehen will, müsste man vor allem die Schulpflicht abschaffen. Solange dies nicht der Fall ist, trägt der Staat für sie auch die Verantwortung.

Die Erziehung der Kinder ist keineswegs eine ausschließlich private Angelegenheit der Eltern. Vielmehr ist es eine gesellschaftliche Aufgabe. Wie verträgt sich aber diese These mit dem Prinzip der Konkurrenz in ihrer primitiven Auffassung als Bekämpfung des Schwächeren?

Montag, 14. September 2015

Der Wert des Menschen

Politiker berufen sich gerne in ihren Reden auf die europäischen Werte, wobei sie jene Werte selten konkret formulieren. Im Allgemeinen kann man dennoch annehmen, es geht um eine Mischung aus dem christlichen Erbe und dem Nachlass der Französischen Revolution mit den Menschenrechten obendrauf. Der Mensch soll unbedingt groß geschrieben werden.

In den Zeiten der Globalisierung rechtfertigen gleichzeitig unfähige Politiker jede Sauerei mit den Zwängen dieses Prozesses und schneiden sich auf diese Weise ins eigene Fleisch: Wenn die Globalisierung alles regelt, wozu braucht man noch solche ohnmächtigen Politiker?



Massen und Kollateralschäden 


Das Denken in Kategorien von Massen beherrscht allerdings alle politischen Bühnen, unabhängig von den bestehenden Systemen. Die Machthaber aller Couleur verlieren den Menschen, das Individuum aus dem Blick. Um an die Macht zu gelangen, brauchen sie eben die Mengen, daher nehmen sie die einzelnen Kollateralschäden in Kauf. 

Das sind totalitäre Denkmuster, die auch die Demokratien übernehmen. Diejenigen, die für die Wahlen nicht von Bedeutung sind, kommen unter die Räder. Politiker kalkulieren wie Händler, was sich für sie lohnt und was nicht. Es ist keine Erfindung von Merkel, die Fahne nach dem Wind zu hängen.

Vorgetäuschte Demokratie


Ein Einzelschicksal zählt anscheinend gar nichts: daran sollen wir glauben und selbst die ganze Verantwortung und die Schuld übernehmen. Arbeitslos? Nicht gut genug für den Arbeitsmarkt. Ungerecht von den Ämtern behandelt? Tja, Pech gehabt. Dieses System, das die Demokratie gekonnt vortäuscht, schreibt die angeblich Unangepassten ab: „Man kann sich doch nicht um jeden Einzelnen kümmern.“ Solch eine Prämisse ist jedoch fundamental falsch. Wieso? Weil der Einzelne – der Mensch also – im Mittelpunkt stehen muss. Was nützen schöne Theorien und noch schönere Gesetze, wenn es dem Menschen nicht gut geht? Der Mensch – nicht die Masse - muss der Prüfstein jedes Systems sein.

Markt und Tabakdose


Wie es zurzeit läuft, weiß jede und jeder. Grundsätzlich bestimmen die Märkte den Wert des Menschen, Politiker plappern nur nach, was die Wirtschaft ihnen diktiert. Daran haben wir uns allmählich gewöhnt, sodass die durchaus intelligenten Vertreter unserer Gattung der „Bild“-artigen Argumentation widerstandslos folgen und nicht hinterfragen, seit wann die Nase für die Tabakdose herhalten muss und nicht umgekehrt. 

Was ist also ein Mensch wert? So viel, wie er dem Markt nutzt? Und wenn nicht, ist er dann wertlos? Ist ein Arbeitsloser als Mensch genauso viel wert wie ein Arbeitender? Eine dumme Frage? Von wegen. Hören sie genau zu, wenn man die nächste Diskussion – die kommt auf jeden Fall - über die Hartz-IV-Empfänger lostritt. Meine Meinung dazu? Eigentlich sollen sie recht gut entschädigt werden, dass sie als Geiseln der marktorientierten Gesellschaft büßen müssen, damit diese Als-ob-Demokratie funktioniert.  


Freitag, 14. August 2015

Alibi-Frauen, Alibi-Migranten, Alibi-Gesellschaft

Es ist gut ein Alibi zu haben, das weiß jeder Krimi-Leser oder -Zuschauer Bescheid. Und die Angeklagten sowieso. Aber auch Politiker schätzen sehr die Möglichkeit, sich auf diese Art zu rechtfertigen und  sich in einem guten Licht zu präsentieren, wo sie tatsächlich versagt haben.

                                                                                             Manfred Schimmel  / pixelio.de


Keine Frauenpolitik


Braucht man überhaupt Alibi-Frauen, wo eine Frau die Regierung führt? „Wenn ich als Frau das höchste Amt im Land bekleide, können die anderen Frauen dies doch auch tun“, scheint die Botschaft von der Kanzlerin Merkel zu lauten, einer Frau, die mit der Frauenpolitik nichts am Hut hat. 

Es gab schon immer in der Geschichte Frauen, die zu Ruhm gelangten und die Macht eroberten. Jeanne d’Arc, Elisabeth I, Katharina die Große (übrigens, das Vorbild von Merkel), Indira Gandhi oder Golda Meir behaupteten sich in der Männerwelt, indem sie nach den männlichen Regeln handelten. So wie Merkel, die die Diskriminierung von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt, obwohl sie gebetsmühlenartig die Menschenrechte anprangert. Am liebsten auf der Reise weit weg vom Zuhause nach dem Motto: Den Balken im eigenen Auge nicht sehen, aber den Splitter im fremden.

Daher versteckt sich Merkel auch gern hinter den Alibi-Frauen.  Sie sollen beweisen, dass im Land zwischen Rhein und Oder alles mit rechten Dingen zugeht und jede Frau alles schaffen kann, wenn sie nur will. 

Mit bloßem Auge sieht man zwar, dass dies nicht stimmt. Die Kanzlerin schaut aber einfach weg – das ist nicht ihr Problem, dass die Frau in Deutschland um ein Viertel weniger als der Mann verdient, selten eine Karriere macht und immer noch – wie vor Jahrhunderten – vom Mann abhängig ist. 

Die Veränderungen, die die GroKo notgedrungen einführt, wirken wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Frauen bleiben benachteiligt. Kein Wunder, dass die Armut in Deutschland weiblich ist.

Keine Mitsprache


Inzwischen besteht die Bevölkerung in Deutschland zu einem Viertel aus Migranten. Ist das viel? Ja doch. Ganz wenige von ihnen finden sich jedoch im öffentlichen Sektor, der als Motor für die Integration dient. Als ob sie nicht zu diesem Land gehört hätten. Das Antlitz dieses Staates erscheint rein deutsch. Migranten werden weiterhin  - trotz einigen Anstrengungen und Reformen – diskriminiert. Sie haben schlechte Chancen in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Wieso? An Talenten mangelt es nicht. Ihr einziger Makel scheint die Herkunft zu sein – sie sind nicht Deutsch genug, auch wenn sie in Deutschland geboren sind und zur Schule gingen.

Diese unerfreulichen rassistischen Tatsachen sollen die Alibi-Migranten wettmachen. Hier die lächelnde Journalistin Dunja Hayali, dort eine ebenso fröhliche Bundesbeauftragte für Migration Aydan Özoğuz – und schon ist alles paletti? Nein, weil es nach wie vor die Herkunft wichtiger ist, als die Leistung, Fähigkeiten und Talente. Weil immer noch der Rassismus – der primitive von den Stammtischen, sowie der subtile gutbürgerliche und der politische, in allen Parteien vorhanden – über die Schicksale der hier lebenden Menschen entscheidet.

Kein Miteinander


Eine Gesellschaft ist nie homogen. Sie besteht aus unterschiedlichen Teilen, aus unterschiedlichen Menschen, die sich dennoch als eine Einheit verstehen dürfen. Mit dieser Einheit, mit dem Zusammenleben haben wir aber ein Problem. Millionen von Menschen werden abgehängt und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. 

Was machen in dieser Situation unsere Politiker, unsere Volksparteien? Kämpfen sie eifrig, um dieses Problem zu lösen? Nein, sie orientieren sich mehrheitlich an die Mitte und blenden die ganzen Problem-Schichten aus. Weiter aber sprechen sie über eine Gesellschaft, was jedoch nicht stimmt. Sie haben eine Alibi-Gesellschaft kreiert, eine Rumpf-Gesellschaft und das Ganze aus den Augen verloren. 

Samstag, 9. Mai 2015

Das System Deutschland oder die Suche nach Gerechtigkeit

Egal, ob man es eine gesellschaftliche Hierarchie oder die Kasten nennt, es handelt sich hier um das Rückgrat eines Systems, das einerseits der Ausbeutung, anderseits dem Erhalt der existierenden Verhältnisse dient. Die Reichen und die Armen oder Unberührbaren leben zwar in einem Land, aber gesellschaftlich trennen sie Lichtjahre.


                                                                     Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de


Kosmetische Korrekturen


An diesem System wollen die sogenannten Volksparteien keine grundsätzlichen Änderungen vornehmen.  Es soll daher bei den kosmetischen Korrekturen bleiben: mal hier, mal dort etwas verschönern, aber keineswegs den Problemen auf den Grund zu gehen. Die so verstandene Kontinuität ist reaktionär und mutet feudal an. Die Regierungen, die sie befolgen, zeigen sich unfähig, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Das haben sie auch nicht wirklich vor. Sie vertreten die Interessen der Reichen und lassen sich von ihnen auf verschiedene Art und Weise korrumpieren.

Soziale Gerechtigkeit? 


Darf man im 21. Jahrhundert in einem der reichsten Länder nach sozialer Gerechtigkeit verlangen? Das ist mitnichten eine rhetorische Frage mit einer zwangläufig bejahenden Antwort.  Die soziale Gerechtigkeit setzt genauso die gleichen Chancen voraus, wie die gleichen Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung. Wenn man sie so definiert – und das tut zum Beispiel das Grundgesetz -, dann muss man ihre Existenz in Deutschland abstreiten.

Misshandlung der Schutzbefohlenen


Die Armut von Millionen der Kinder, die ihre Lage nicht selbst verändern können, ist der erschreckende Beweis für das Fehlen der sozialen Gerechtigkeit. Im reichen Deutschland wächst eine verlorene Generation von armen Kindern in armen Familien auf. Seit Jahren erscheinen Studien, die diese Situation genau beschreiben. Das Problem ist durchaus bekannt. Es fehlt nur der Wille, es zu lösen.

Es wäre die Aufgabe und die Verantwortung des Staates, die Rahmenbedingungen, die die Entwicklung von Kindern ermöglichen und ihnen gleiche Chancen in der Gesellschaft zusichern, zu erschaffen. Die Politiker sind aber damit beschäftigt, ihre Eltern anzuprangern und ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen, statt an einer gerechten Gesellschaft zu arbeiten.

Die Benachteiligung der armen Kinder seitens des Staates erfüllt meines Erachtens den Tatbestand der Misshandlung von Schutzbefohlenen, nach § 225 StGB.

Bürger als Sünder


Die sträfliche Vernachlässigung der armen Kinder seitens des Staates  geht mit der Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Eltern einher. Trotz der boomenden Wirtschaft sinkt die Armut in Deutschland nicht. Im Gegenteil – sie wächst.

Ohne Bereitschaft zu grundlegenden Reformen wird sich an diesem Zustand auch weiter nichts ändern. Statt Klientelpolitik brauchen wir eine Politik, die die gesamte Gesellschaft ins Auge fasst und nicht nur ihre erfolgreichen Teile.

Anfangen müsste man mit dem Verzicht auf ein mittelalterliches Bild des Menschen als Sünders, wie Politiker die besonders benachteiligten Hartz-IV-Empfänger sehen, behandeln und öffentlich anprangern.  Es ist nicht die Aufgabe der Politik, die Erwachsenen zu missionieren, sondern ihre Interessen endlich zu vertreten.

Sonntag, 3. Mai 2015

Sind wir eine Gesellschaft oder ein loser Haufen?

Sind wir eine Gesellschaft oder nur eine Ansammlung verschiedener und sich bekämpfender Gruppierungen? Natürlich sind wir eine Gesellschaft, werden viele empört die Frage beantworten. Was verstehen wir aber unter dem allgemeinen Begriff ohne beschreibende Adjektive (wie feine, gehobene usw.)? Gehören alle in unserem Staat lebenden Bürger dazu oder nicht? Anders formuliert: Gibt es solche, die nicht beachtet, ignoriert  und grundsätzlich ausgeschlossen werden?




Endlich legalisieren!


Es sind viele sogenannte Illegale, die in Deutschland seit vielen Jahren leben und arbeiten. Wie viele genau, weiß niemand. Die Schätzungen variieren zwischen mehreren Hunderttausend und über eine Million. Inzwischen gibt es für sie einige Anlaufstellen, wo sie sich kostenlos beraten und helfen lassen können. 

Der Staat scheint oft ein Auge zuzudrücken, nach wie vor dürfen sich aber die Illegalen nicht erwischen lassen. Das Desinteresse des Staates an der Verfolgung erklärt das wirtschaftliche Nutzen dieser Sklaven, die ohne Rechte schwerste Arbeit für Hungerlöhne verrichten und so zum Allgemeinwohl beitragen (auch wenn sie keine Steuer zahlen).  

Sie tauchen in keiner offiziellen Statistik auf und formal existieren sie nicht. Dennoch sind sie ein Teil der Gesellschaft, die sie ausnutzt. Wieso werden sie in keiner politischen Diskussion thematisiert? Warum spricht kein Politiker über ihre Legalisierung? Wie kann ein sogenannter Rechtsstaat dermaßen großen rechtsfreien Raum dulden?

Gehören Bittsteller dazu?


Die Frage ist berechtigt. Die Bittsteller – die Obdachlosen, Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger und die anderen Vernachlässigten - müssen sich mit dem begnügen, was übrig bleibt. Von der Politik werden sie nicht als ein Teil der Gesellschaft, sondern als eine hinderliche Last verstanden. Die sogenannten Repräsentanten des Volkes reduzieren somit den Begriff „Gesellschaft“auf die Bürger, mit denen sich verdienen lässt. In ihren Augen gehören die Bedürftigen nicht dazu. 

Wenn die Politiker also aufrufen, den Gürtel enger zu schnallen, meinen sie niemals sich selbst oder ihre Klientel. Sie blicken wie selbstverständlich zum Ende der Nahrungskette. Das Sparen beginnt immer bei den Ärmsten.  Es klingt nicht logisch, dennoch ist dies eine gängige und bequemste Methode. Von dieser Seite befürchtet man kaum einen Widerstand.

Diese Sozialpolitik verdient ihren Namen nicht – die Reste vom Tisch der Herrscher zu verteilen hat mit einer ernst gemeinten und wohlwollenden Politik überhaupt nichts zu tun. Derartige Politik wird erst dann möglich, wenn die Bittsteller endlich keine Bittsteller mehr und als ein Teil der Gesellschaft (der sie doch sind) gesehen und gehört werden.

Gesellschaft ist kein Haufen


Eine Gesellschaft ist kein loser Haufen. Wer also die hochgepriesenen humanitären Werte bewahren will, darf nicht die Raubtier-Regeln befolgen, wonach der Starke den Schwachen einfach frisst.  Die Humanität bedeutet das Gegenteil von der Erniedrigung und Ausgrenzung. Ohne Verantwortungsbewusstsein ist sie überhaupt nicht möglich. Daher wünsche ich den Machthabern, dass sie ihre Pflichten wahrnehmen und die wahren Probleme der  g a n z e n  Gesellschaft beginnen zu lösen. 

Dafür braucht man allerdings viel Mut und wenigstens eine Vision.

Sonntag, 12. April 2015

Unsere alltägliche Diskriminierung

Die Diskriminierung von Fremden (Ausländern, Migranten) ist in Deutschland allgegenwärtig. Sie gehört genauso zum politischen Alltag wie zum gesellschaftlichen Leben. Sie betrifft die Medien und die Stammtische. Sie wurzelt in der rassistischen Überzeugung, dass die anderen weniger wert sind, weil sie nicht der gleichen Rasse oder Gruppe angehören. Diese angebliche Minderwertigkeit dient als Rechtfertigung für die diskriminierenden Handlungen.

                                                            Fot.  Gabi Eder  / pixelio.de

Wie man trennt


Die Trennlinien verlaufen mal deutlich, mal subtil. Sie dienen einem Zweck: die Einheimischen von dem Rest fernzuhalten. Als Kriterien für die Erkennung einer fremden Herkunft (außerhalb eines Amtes, das dies ohne Probleme feststellt) nutzt man das Aussehen, die Aussprache oder die Gewohnheiten. Die äußerlichen Merkmale springen zuerst ins Auge.. Dagegen fällt ein fremder Akzent erst bei einer Unterhaltung auf. Wenn aber der Fremde trotz seiner Fremdheit perfekt Deutsch spricht (weil er hier zur Schule ging), bleiben noch andere Ausschlusskriterien, wie beispielsweise die Tradition, die er Zuhause nicht pflegt, oder über sie sogar nicht Bescheid weiß.

Die Erkennung ist nur der erste Schritt. Nachdem der „Feind“ identifiziert wurde, zeigt man ihm die Grenze, die er nicht überschreiten darf. In der Schule heißt das zum Beispiel keine Empfehlung fürs Gymnasium trotz guter Leistung, auf dem Arbeitsmarkt – keine Stelle trotz guter Qualifikation usw. Der Fremde wird in diesen Fällen nicht als Individuum, sondern nur als Vertreter einer Gruppe behandelt.

Rassisten - wie Soldaten der Tonarmee


Das Ausschließen beruht auf einer fixen Idee der Zugehörigkeit einer Nation oder Gruppe als einer Ansammlung von gleichgesinnten und gleichlebenden Personen mit der gleichen Abstammung. So viel Gleichheit innerhalb einer Gruppe können lediglich die Soldaten der chinesischen Tonarmee verkörpern.  Dass die Idee krank ist, müsste man also theoretisch auf den ersten Blick erkennen.  

Die Anhänger dieser rassistischen Weltanschauung denken in den Kategorien der einheitlichen  Massen.  Sie unterteilen die Welt in die gleichbleibenden Gruppen mit gleichen Eigenschaften. Es ist eine Aufgabe, die lediglich auf dem Friedhof gelingen kann. Daher sind die Rassisten meist sehr frustriert und aggressiv.

Das Motto der Rassisten


Woher kommt die Angst vor der Verschiedenheit? „Das Individuum bedeutet nichts, das Individuum ist Null“, heißt es frei nach einem tragischen Dichter der  Oktoberrevolution, Wladimir Majakowski . Es könnte das Motto der Rassisten sein. Ein Rassist als einzelne Person erscheint als eine absurde Figur. Seine Bedeutung, seine Kraft und der Sinn seiner Existenz ergeben sich erst aus der Zugehörigkeit zur Gruppe. Es handelt sich dabei nicht um eine von den verschiedenen sozialen Rollen, die jede und jeder von uns spielt. Hier geht es um das Ganze: Entweder bist du wie ich, oder du hast keine Rechte. Im Extremfall - auch kein Recht auf Leben. 

Staat und Rassismus


Ein Staat, der den Rassismus lediglich halbherzig oder überhaupt nicht bekämpft, ein Staat, der sich nur um die Interessen seiner eigenen einheimischen Bevölkerung kümmert, unterscheidet sich im Grunde genommen kaum von IS- oder Al-Qaida-Terroristen. 

Die staatlich geduldete Diskriminierung führt zur Erosion der Demokratie und der Gesellschaft. Sie lehrt uns, die Menschenrechte – die jedem Individuum zustehen! - zu missachten: eine sehr gefährliche Lehre, die nie zum Guten geführt hat.

Ein Staat muss handeln. Was helfen die schönsten Parolen oder die klügsten Gesetze, wenn sie stets ignoriert werden und nicht mal die Verfasser sie befolgen?  

Freitag, 27. März 2015

Der Mensch als Maschine?

Die Diskussion über die Ursachen des Absturzes vom Germanwings-Airbus A320 warf zuerst die technischen Fragen auf. Jetzt liegt der Fokus auf dem menschlichen Versagen. Womöglich handelt es sich um einen sogenannten „erweiterten Suizid.“ Der Kopilot sollte psychische Probleme haben. Was sich im Cockpit abgespielt hat und aus welchen Gründen es passierte, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Eine Debatte über den Umgang mit psychischen Krankheiten ist aber längst überfällig.


                                                              Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de


Psychisch kommt von Psyche


Die Psyche des Menschen lässt sich nicht wie eine Maschine reparieren. Auch wenn uns die Pharmaindustrie überzeugen will, dass dies der Fall sei: Es bedarf nur einer passenden Tablette und das Problem wird gelöst.  

Die psychischen Probleme – wie der Name schon sagt – unterscheiden sich von den somatischen, körperlichen, indem sie die Phänomene betreffen, die man früher als Seelenleben beschrieb und heute in Denken und Gefühlsleben unterteilt. 

Die Psychologie sucht immer noch nach ihrem Platz und schwankt zwischen einer strengen Wissenschaft und irrationalen Esoterik. Ein Psychologe verwendet nicht nur wissenschaftliche Theorien, sondern auch Alltagstheorien – unsere Küchenpsychologie -,  die sowohl individuelle Konstrukte wie auch Gemeingut einer ganzen Gesellschaft enthalten.

Eine Schraube locker oder schon der schwarze Hund?


Wer hat keine Macke? Bei wem sitzt nicht wenigsten eine Schraube locker? Theoretisch sind wir also alle mit psychischen Problemen vertraut. Daher hätte man ein Verständnis für psychische Krankheiten voraussetzen dürfen. Weit gefehlt! Die Betroffenen verheimlichen es nach wie vor, weil derartiges Leiden in der Gesellschaft verpönt ist. Zwar zeigen wir uns nach den besonderen tragischen Ereignissen – wie zum Beispiel der Selbstmord von Robert Enke - erschüttert und geloben eine ernsthafte Debatte zum Beispiel über die Depressionen – über den schwarzen Hund, wie es Matthew Johnstone, ein depressiver Autor mal nannte-, schnell aber kehren wir zum Alltag und zur gewohnten Ablehnung der psychischen Schwäche zurück.

Unser gemeinsames Produkt


Woher kommt diese hartnäckige Negation? Vielleicht aus einer grundsätzlichen Einstellung, die auf die Anerkennung des Funktionierens in dem vorgefundenen System ausgerichtet ist. Beginnend in der Schule findet es eine andauernde Segregation statt, die keine gerechte ist, umso mehr aber ellenbogenstark. Unsere Kinder lernen schon früh, dass es zulässig ist, die andersartigen zu diskriminieren und die genauso Klugen zu benachteiligen, wenn man zu den Starken (vor allem finanziell) gehört. Sie lernen, dass die Schwachen in diesem Land ausgenutzt und betrogen werden.  Sie lernen, dass die Rechte theoretisch für alle gelten, praktisch aber nicht. Weil nicht die Begabung und die Fähigkeiten entscheiden, sondern die Geldbörse und die Position der Eltern.   

Als Erwachsene ergattern sie dann die besten Stellen, weil sie zu den Bevorzugten gehören. Die sogenannte soziale Marktwirtschaft hat das Adjektiv „sozial“ nicht verdient. Sie schließt die Schwächsten einfach aus und hat keine Vorschläge für das Problem. So erscheint als normal, sich mit Millionen von Arbeitslosen abzufinden und ihnen keine Perspektive zu bieten.

In solch einer Wirklichkeit darf es nicht wundern, dass immer mehr Menschen den Druck oder die Ablehnung nicht aushalten und psychisch erkranken.

Die psychischen Krankheiten fallen nicht vom Himmel und sind auch nicht in den Genen zu finden. Sie entstehen als Ergebnis von vielen Prozessen und unter Einfluss und Mitwirken von Umwelt und Mitmenschen. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die Gesellschaft sie selbst „produziert.“ Ja, sie sind unser gemeinsames Produkt.