Dienstag, 27. Dezember 2016

So ist das Leben

Zwischen einer Utopie und der Wirklichkeit klafft solch ein tiefer Schlund, dass gleich die ganze Erde da verschwindet. Seien wir also nicht utopisch, sondern realistisch und nehmen wir unsere Gegenwart zur Kenntnis: So ist das Leben.



                                                                       So ist das Leben? Foto: Autorin

Die Parole aller Mitläufer


So ist das Leben? Wenn ich überhaupt etwas hasse, dann eben diesen Satz. Er fällt immer dann, wenn mir jemand weismachen will, es gehe nicht anders, weil das Leben – darunter verstecken sich natürlich ganz konkrete Menschen – dies nicht zulasse. Was für eine fatalistische Einstellung! Es bleibt einem also nur das Eine: sich anzupassen.  Unter dieser Parole vereinen sich alle Mitläufer. Wie zum Beispiel in den dreißiger und vierziger Jahren, als der Faschismus erstarkte und die Oberhand gewann. Die meisten waren keine Verbrecher, aber sie haben ungeheuerliche Verbrechen zugelassen.

Diese Parole begleitet  auch heute diejenigen, die jede Schweinerei akzeptieren, in der Hoffnung,  dass sie davon profitieren werden. Wie viele dadurch als die sogenannten Kollateralschäden untergehen, spielt für sie keine Rolle. So ist das Leben - wenn es oben gibt, gibt es auch unten – man kann nichts dagegen tun usw. in dem Duktus der Gleichgültigkeit und des Opportunismus. Wir kennen alle diese Rechtfertigungen und hören sie andauernd. Wir leben danach.

„Die Kunst, mit dem Winde zu segeln, den andere machen“


Die Anpassung bringt viele Vorteile mit sich. Man wird in die Gruppe aufgenommen und muss das Rad nicht neu erfinden, sondern lediglich gehorchen und nach vorgegebenen Regeln handeln. Was man dafür braucht, ist lediglich „die Kunst, mit dem Winde zu segeln, den andere machen“ (Alessandro Manzoni).

Der Preis für diese Haltung ist jedoch ziemlich hoch: Verzicht auf sich selbst. Was bedeutet, wenn man/frau sich nicht traut, selbst zu sein? Hat er/sie überhaupt gelebt oder das Leben nur vorgetäuscht? Der Umgebung kann man etwas vormachen, sich selbst eher nicht. Hinterlässt das Heulen mit  den Wölfen, wenn man kein Wolf ist, dauerhafte Schäden? Ich glaube schon!

In die Knie zwingen


Es gibt Zeiten, die jene opportunistische Einstellung begünstigen oder sogar erzwingen. In einer Diktatur kann das Schwimmen gegen den Strom das Leben kosten. Da müssen wir uns glücklich schätzen, dass wir in einer Demokratie leben. In einer Demokratie mit der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Tja, wir können theoretisch alles sagen, was wir denken, ohne Angst haben zu müssen, dass wir dafür im Gefängnis landen. Dennoch gibt es andere Methoden, uns gefügig zu machen und in die Knie zu zwingen. Es sind marktwirtschaftliche Methoden: Arbeiten ohne davon wirklich leben zu können oder auf das Abstellgleis von Hartz IV bugsiert zu werden.

Die Frage, wie sozial diese Marktwirtschaft tatsächlich ist, erübrig sich, in Anbetracht der aufrüttelten Zahlen: 30 % aller Erwerbstätigen verdienen gerade so viel, dass es nur zum Überleben reicht.  Da vergeht einem selbstverständlich die Lust auf die Selbstfindung.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

'Werbung und Warnung

Das ist meine Werbung in eigener Sache :) mit einer Warnung: Wer Angst vor Irren hat, soll mein eBook nicht lesen: Gabi Scheren, Der Schrei eines Untieres.






Gedruckt findet man mein Buch unter einem anderen Titel und meinem bürgerlichen Namen: Grazyna Gintner, "Wozu soll das gut sein".



Samstag, 10. Dezember 2016

Wir und ihr oder umgekehrt

Die Zugereisten haben es überall schwer. Meist wissen sie nicht, wie der Hase an dem neuen Ort läuft. Die Sache erschwert der unbequeme Umstand, dass der gemeine Hase in der Heimat des Neuankömmlings nicht unbedingt lange Ohren vorweist. Da haben wir schon das Problem und die Quelle der Missverständnisse. Vielleicht habe ich ja auch ein falsches Tier jetzt kurz vor Weihnachten gewählt. Schwamm drüber und weiter so!


                                                             „Fremd“ oder „Wer bist du?“ Foto: Autorin

Zurück in das Mittelalter


Ich will mitnichten behaupten, dass früher alles besser war. Ein Blick ins Geschichtsbuch reicht für eine dauerhafte Ernüchterung. Dennoch hätte ich einiges aus der Vergangenheit mit Haut und Haaren übernommen, wenn sie nicht davor auf dem Scheiterhaufen – also Haut samt Haaren – abgefackelt wurden. Meine Begeisterung für diese durchaus ökologische Wärmezufuhr hält sich in sehr engen Grenzen. Die Hitze bekommt mir nicht. Wirklich wahr, ich schwörs. 

Was will ich also in die Gegenwart übertragen? Ich hätte die Zeit gern eingefroren in der Phase, in weocher sich noch keine nationale Identität entwickelt hat. Zuerst dachte man doch in den gemütlichen Kategorien wie Familie und Verwandtschaft. In dieser Hinsicht war das eine schöne Zeit, besonders im Vergleich mit der sich in Europa ausbreiteten Epidemie des nationalen Wahnsinns. 

Im Mittelalter wird man eines nicht feststellen können: „die Ablehnung des ›Ausländers‹ aus einem Bewusstsein nationaler Identität heraus."*) Anders gesagt, die Kritik war in hohem Maße konkret und nicht pauschal. Außerdem bedeutete dieser Terminus lediglich, dass jemand aus einer anderen Gegend – zum Beispiel aus einer anderen Stadt – hierher kam.

An dieser Stelle muss man unbedingt erwähnen, dass es in Bayern auch weiter wie anno dazumal läuft: Dort sieht man Bürger aus anderen deutschen Bundesländern nach wie vor als Ausländer.

"Fremd" ist eine Frage


Die Sprache ist ein Fluss, der nie stehen bleibt, und eine Schatzkammer mit vielen Kostbarkeiten aus der Vergangenheit zugleich. Das deutsche Adjektiv „fremd“ gehört dazu. „In seinen geschichtlich ältesten Formen“*) enthält es schlicht und ergreifend eine Frage: „Wo kommst du her?“ 

Den genervten Ausländern, neumodisch Migranten genannt, die sich mit dieser Frage viel zu oft konfrontiert sehen und auf sie durchaus allergisch reagieren, erkläre ich eilig, dass die obige alte Erkundigung nichts gemeinsam mit der gegenwärtigen abschottenden-vorwurfsvollen Grenzziehung zwischen Wir und Ihr hat.

Damals, in den vor-nationalen und vor-nationalistischen Zeiten, fragte man auf diese Art genau genommen danach, wer der andere ist. 

Halten wir dies fest: „Fremd“ bedeutete zu Beginn im Grunde genommen soviel wie „Wer bist du?“ *) und diente der Erweiterung des Horizonts, nicht der Ausgrenzung.

So ändern sich die Zeiten!

*) Ernst Schubert, Fremde im mitteralterlichen Deutschland, (in:) https://www.imis.uni-osnabrueck.de/fileadmin/4_Publikationen/PDFs/imis07.pdf

Freitag, 2. Dezember 2016

Zwischen Altruisten und Karrieristen oder das Monopol des Zeugnisses

Normalbürger versus Elite heißt das Thema unserer Tage und der Kolumne von Jakob Augstein. Ihr Titel stößt mir allerdings übel auf: Politiker als Übermensch. Übermensch? Oh Gott, alles, nur nicht das!

Lassen wir jedoch die Begriffe beiseite, die Erwartungen an Politiker sind tatsächlich groß. Geht es aber hier wirklich um die perfekten Biographien, wie Augstein suggeriert? Und wenn ja, wieso?


                                                        Haben wir die Politiker, die wir verdienen? Foto Autorin

Das gnadenlose Spiel


„Es gibt eine Gnadenlosigkeit, wenn es um Politiker geht – schreibt Augstein - die ist demokratiebeschädigend.“ Jene Gnadenlosigkeit sollte besonders die persönlichen Abweichungen von den geltenden Mustern betreffen. Demnach dürfte ein Politiker – nennen wir endlich das Kind beim Namen – keine Schwäche zeigen. Darum geht es doch, nicht wahr? Selbstzweifel, Krisen, Zerrissenheit gefährden nicht nur seine Position, sondern machen ihn auch angreifbar. Daran scheint man zu glauben. Heute wie früher. Daher herrschen klare und harte Regeln des Spiels in der und für die Öffentlichkeit. Politiker spielen uns immer etwas vor. Und wir spielen mit.

Ach so schwerer Job


Dass man Politikern, die über unser Leben entscheiden, auf die Finger klopft, finde ich richtig. Ein Mediziner muss sich mehreren Prüfungen unterziehen, bevor man ihn auf die Menschen loslässt. Wie examiniert man aber einen Politiker/eine Politikerin? Er/sie muss sich durchsetzen. Dafür braucht er oder sie verschiedene Fähigkeiten und ein Umfeld, das ihn trägt und unterstützt. Einzelgänger sind in diesem Geschäft auf verlorenen Posten. Die oben erwähnte Gnadenlosigkeit scheint ein Bestandteil dieses Milieus zu sein. In der politischen Klasse gibt es wenig Platz für Mitleid.  

Niemand wird jedoch dazu gezwungen, ein Politiker zu werden. Weshalb also kämpfen so viele um den ach so schweren Job? Sind sie allesamt Altruisten, die die Welt retten wollen? Oder eher die gnadenlosen Karrieristen? Zwischen diesen zwei Extremen gibt es unzählige Varianten, aber nur diejenigen, die an die Macht kommen, erreichen die Möglichkeit von der weitgehenden Gestaltung der Geschicke und der näheren und weiteren Umgebung.   

Haben wir die Politiker, die wir verdienen? 


„Die sozialen Barrieren werden höher“, konstatiert Jakob Augstein und nennt einige Beispiele, die seine These beweisen sollen. Ohne Abitur – wie im Fall von Martin Schulz – geht es heute gar nichts. Wem verdanken wir aber eine derart uniformierte und bürokratisierte Gegenwart? Wie ist das Monopol des Zeugnisses entstanden? Wie kam es dazu, dass Beamte an verschiedenen Machthebeln so viel Macht über unsere Schicksale erhielten? 

Wieso nehmen wir uns als Gesellschaft keine Zeit, um die Talente unserer Kinder zu erkennen? Warum verurteilen wir so viele zum Leben in Armut? Aus welchem Grund akzeptieren wir zwar wirtschaftliche Krisen, von einem Menschen aber verlangen wir, dass er wie ein Automat funktioniert?

Weder Globalisierung noch Digitalisierung sind dafür schuld, dass wir uns – gleichermaßen Politiker wie Gesellschaft - nicht die Mühe machen, die wertvollsten Ressourcen, die wir haben – uns, Menschen – richtig wahrzunehmen und wertzuschätzen. Stattdessen vernachlässigen und verschleudern wir sie so erschreckend oft als wären sie nur Abfall. 

Montag, 21. November 2016

Angela Merkel und die Zukunft

Ich hab’s gewusst! Wie auch einige andere, die keine Sekunde daran gezweifelt haben, dass Angela Merkel wieder als Kanzlerkandidatin antreten wird. Darunter auch Norbert Röttgen, der mit dieser Nachricht zu früh vorgeprescht hat  und damit die perfekte Inszenierung zerstörte.


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Sich zeigen und allen zeigen


Merkel hat den Zeitpunkt der Verkündung ihrer Kandidatur sehr bedacht gewählt: In ihrem beständigen Streben nach Macht vertraut sie der Wirkung der Bilder. Zuerst zeigte sie sich also mit Obama und europäischen Staatschefs in Berlin und sendete damit eine wichtige aus ihrer Sicht Botschaft, dass sie als unerlässliche Mitspielerin auf der Weltbühne agiert. Da sich aber die Wirkung von visuellen Darstellungen als ziemlich flüchtig erweist, schob sie nach der Pressekonferenz, auf der sie ihre erneute Kandidatur publik machte, einen Besuch bei Anne Will nach. Sie hat sich kurzfristig selbst eingeladen  und die ganze Sendung damit durcheinander gebracht. Einige Gäste musste man ausladen.

Apropos Anne Will: Ich hätte wirklich gern erfahren, wieviel Einfluss Merkel auf die Verbannung der Sendung von Anne Will aus dem Sonntag im Jahre 2011 hatte. 

"Kann ich etwas tun für den Zusammenhalt in der so polarisierten Gesellschaft?"


Die obige Frage sehe ich als entscheidend für jede Kanzlerkandidatur. Merkel stellt sie lediglich rhetorisch. Für sie ist die Antwort selbstverständlich und ohne Zweifel. Sie glaubt an sich und kümmert sich um die Kritik wenig. Es sei denn, jene Kritik bedroht ihre Machtposition. 

Ich vermisse bei ihrer reflexartigen  Bejahung die Selbstreflexion. Sie geht mit sich selbst unkritisch um. Was sie gemacht hat, war stets gut. „Schauen Sie, wir haben das und das erreicht…“ – lautet ihre Standarderwiderung.

Sie merkt zwar, dass sich etwas verändert hat– auch die politische Landschaft oder vor allem die -, Merkel spricht sogar von dramatischen Veränderungen, was sie aber als Lösung vorschlägt, ist im Grunde die alte Formel „weiter so“, weil „die Konstanten“ für sie gleich geblieben sind. Unter den Konstanten versteht sie hauptsächlich die soziale Marktwirtschaft – ein Begriff, der zu einer leeren Worthülse verkümmerte. Die Vorgehensweise bleibt, betont Merkel bei Anne Will. Anders ausgedrückt: Merkel bietet auf die neuen Herausforderungen alte Antworten und nennt dies eine Politik von Maß und Mitte. 

Anne Will hakte bei diesem Punkt nach, erkundigte sich nach dem Konkreten und erfuhr nur Schleierhaftes: „Wir arbeiten daran.“ Das ist mir viel zu wenig. Spätestens in diesem Moment wird es klar, dass Merkel keine Vision der Zukunft hat; sie weiß einfach nicht, wie sie die Spaltung der Gesellschaft überwinden soll. Da gebe ich dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz recht: „Das ist das Problem, dass Merkel nur reagiert und sich durchzumogeln versucht.“

Die da oben und die da unten oder die Gesunden und die anderen


Wie weit sich Merkel von der Realität entfernt hat, zeigt ihre Reaktion auf den Vorwurf des enorm gewachsenen Elitenverdrusses. „Jeder kann sich einbringen“, sagte sie, als ob es um individuelle und nicht strukturelle Probleme ginge. 

In die gleiche Kerbe schlug Giovanni di Lorenzo, der sich am Sonntag, den 20.11.16, bei Anne Will als Merkelversteher übte: „Ich wünsche mir einen besseren Blick für das Gute und Gesunde im Lande.“  

Ich dagegen glaube, dass wir vom derartigen Blick schon mehr als genug hatten. Jetzt wird es an der Zeit, den Tatsachen in die Augen zu schauen und Probleme endlich zu lösen, statt sie weiter zu ignorieren. Dass diese schwierigen Aufgaben mit Merkel als Kanzlerin gelingen, glaube ich absolut nicht. 

Montag, 7. November 2016

Im Niqab bei Anne Will

Es nützt nichts, sich von der Wirklichkeit beleidigt zu fühlen. Sie bleibt trotzdem real. Daher wäre es notwendig, eine Antwort auf die Frage zu finden, wieso sich Jugendliche radikalisieren. Dass sie es tun, ist eine Tatsache. Das Thema der Sendung von Anne Will am Sonntag, den 6.11., ist deshalb wichtig für uns alle.

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Ins Schwarze getroffen


Niemand darf erwarten, dass eine Talkshow Lösungen von Problemen präsentiert. Dafür ist diese Plattform nicht gedacht und nicht geeignet. Sie bietet lediglich einen Raum für Diskussionen, die eigentlich die Politik führen müsste, was sie leider zu selten tut. Dafür ist sie zu oft mit Nabelschau beschäftigt.  

Anne Will nimmt sich schwieriger Brocken an. Dabei führt sie auf ihre unaufgeregte Art genauso gut durch wildes Wasser wie auch im undurchsichtigen Labyrinth. Dass sie mit ihrer letzten Sendung ins Schwarze getroffen hat, zeigen unter anderem die heftigen Reaktionen auf Twitter. Noch lange danach konnte sich die Online-Gemeinde nicht beruhigen und twitterte munter weiter.

Das Spiel des Gesichts


Schwarz wurde uns vor Augen auch während der Sendung: Nora Illi, Frauenbeauftragte des "Islamischen Zentralrats Schweiz", trat im Niqab auf, was sowohl einige Gäste als auch viele Zuschauer als Provokation empfanden.  Eines der Argumente gegen derartige Verkleidung, vorgetragen von Ahmad Mansour, einem Islamismus-Experten und Psychologen, hob die Bedeutung der nonverbalen (außersprachlichen) Kommunikation hervor. 

Die Mimik - das Spiel des Gesichts - bringt mit sich selbstverständlich zahlreiche Informationen, die eine sprachliche Aussage ergänzen, oder ihr widersprechen. Wir haben gelernt, derartige Hinweise zu interpretieren und zu nutzen.  Wir haben uns auch daran gewöhnt, dass uns ein Gesprächspartner sein Gesicht zeigt. Das ist aber mitnichten eine gültige Regel: Am Telefon oder im Radio hören wir nur, was jemand zu sagen hat, und stören uns nicht daran.

Worin liegt also das Problem? Ich hätte gesagt: nicht in der Verschleierung selbst, sondern in ihrem radikalen Hintergrund und in unserer Angst.  Wir haben meistens Angst davor, was wir nicht verstehen. Umso mehr, als ab und wann grausame Taten unsere Vorahnungen bestätigen.  Spätesten seit dem 9.11.2001 befürchten wir radikale Ideologien und Richtungen, weil wir gesehen haben, wohin sie führen. 

Beides trifft auf Frau Illi zu: Wir verstehen ihre Entscheidung nicht, sich gänzlich hinter einem schwarzen Stoff zu verstecken, und vermuten dahinter eine radikale und gefährliche Weltanschauung.

Worthülsen und Seelenfänger


Wieso agiert eine junge und anscheinend intelligente Frau dermaßen befremdlich? Wieso ignoriert sie alles, was uns wichtig und heilig ist? Oder sollte man die Frage doch umformulieren? Wieso ist uns nichts wichtig und heilig? Das ist eine Frage nach den Werten, die uns zwar stets glatt über die Lippen gehen, sich aber meist als absolut leere Worthülsen entpuppen. 

Die Radikalisierung von Jugendlichen ist ein Symptom kranker Gesellschaft. Ein Symptom und gleichzeitig eine Antwort auf nicht gelöste Probleme. Seelenfänger, die nach Unerfahrenen und Enttäuschten Ausschau machen, nützen jene Lücken, die wir nicht geschlossen haben. Sie suchen sich die Schwachen aus, diejenigen, um die wir uns nicht gekümmert haben. 

Ich habe auch kein Rezept, wie man dagegen vorgehen soll. Dennoch glaube ich, dass eine ehrliche Diskussion ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Dienstag, 18. Oktober 2016

Urteile über dich selbst!

Eindeutiger konnte das Votum des Fernsehpublikums von „Terror – Ihr Urteil“ nicht ausfallen. Die überwiegende Mehrheit sprach den Piloten frei. Ich selbst war allerdings froh, dass ich nicht wirklich entscheiden musste.

In einem Extremfall, wie aus diesem verfilmten Stück von Ferdinand von Schirach, bleibt es wenig Zeit zum Nachdenken und zum Debattieren. Die Zuschauer würdigten sowohl den Mut des Piloten zum Handeln und unter diesen Umständen eine eigene Entscheidung treffen zu wollen, als auch seine Bereitschaft, die daraus folgenden Konsequenzen zu tragen. Im täglichen politischen Geschäft hätten wir uns viel mehr davon gewünscht, statt Scheinhandlungen und Weiter-so-Taktik, die nur dem Erhalt eigener Macht dient.



                                                    Martina Gedeck als Staatsanwältin. Screenshot


Seien wir ehrlich!


Die filmische Staatsanwältin, von Martina Gedeck grandios gespielt, erinnert, dass Recht und Moral strengt zu trennen sind: "Niemals darf eine moralische Einstellung über die Verfassung stehen." Bekanntlich lautet der erste Artikel unserer Verfassung – unseres Grundgesetzes - wunderbar humanistisch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nach diesem obersten Prinzip soll also die Staatsgewalt (im Sinne von Organen und Institutionen des Staates) agieren und entscheiden. Seien wir aber ehrlich: Danach richtet sich der Staat nicht in erster Linie. Die Würde wird relativ oft geopfert. Daran scheinen wir uns inzwischen gewöhnt zu haben.

Vom Subjekt zum Objekt


Die Würde ist ein Attribut eines Subjektes, eines Menschen also, der selbst über sich bestimmt. Entscheidet man über seinen Kopf hinweg, degradiert man ihn zu einem Objekt. Dies geschieht auf verschiedenen Wegen: von ganz offensichtlicher Versklavung zu subtileren Methoden, die auf den ersten Blick einen Anschein der Rechtsmäßigkeit bewahren. 

Dazu zählt zum Beispiel die staatliche Tolerierung von massenhafter Armut in einem reichen Land wie Deutschland, mit dem Argument: selbst schuld. Oder Zerstörung der Zukunftschancen von den armen Kindern, weil nur die Eltern für sie verantwortlich sein sollten. Das ist aber lediglich ein nicht zu großer Teil der Wahrheit, weil es hier um strukturelle und nicht individuelle Probleme geht. Wie auch in dem besonders drastischen Beispiel der Hartz-Gesetze. Von einem Kriminellen entworfen, gaukeln sie uns vor, die Notwendigkeit von Druckausübung auf die angeblich faulen Arbeitslosen.  

In Wirklichkeit werden die Hartzer in Geiselhaft genommen. Niemand bemüht sich ernsthaft, sie in Arbeit zu bringen. Man braucht sie zu anderen Zwecken als Sündenböcke, die abschreckend auf die Arbeitnehmer wirken sollen. 

„Die da oben“ und der Rest


Es wäre jedoch zu einfach „die da oben“ allein für die Missstände verantwortlich zu machen. Jede und jeder von uns trägt in seinem kleinen oder größeren Bereich auch die Verantwortung für die Entwicklung – entweder zum Guten oder zum Schlechten. Weil Terror hier unter uns entsteht. 

Legt also bitte Hand aufs Herz und urteilt über Euch selbst: Seid Ihr wirklich unschuldig?

Sonntag, 18. September 2016

Kraftprobe zwischen einer Umfrage und Bautzen

In einer Umfrage sprechen sich über zwei Drittel der Deutschen dafür aus, dass Flüchtlingskinder gleiche Rechte wie die hiesigen bekommen. Während sich Medien und das Publikum darüber entzückt zeigen, sehe ich keinen Grund zur Freude.

                                                               So weit darf es nicht kommen. Screenshot

Das steht nicht zur Debatte!


Wieso habe ich mit diesem durchaus positiven Ergebnis Probleme? Was stört mich daran, dass sich eine Mehrheit für das Selbstverständliche ausspricht? Eben dieser Umstand, dass es sich um ein elementares und selbstverständliches Recht handelt. Müssen wir wirklich erst ermitteln, was jedem Menschen von Beginn an gebührt? 

Was wäre, wenn wir auf einmal darangingen zu fragen, ob wir Unbequeme, Andersdenkende, Schwache und Kranke töten dürfen? Klingt das entsetzlich und bescheuert? Ist es auch. Diese Frage stellt sich für redliche, fühlende und denkende Menschen überhaupt nicht! Weil wir uns längst darauf geeinigt haben, dass wir menschlich bleiben wollen und dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Es steht also nicht zur Debatte, ob es einigen von uns auch gleiche Rechte zustehen oder nicht!

Raus aus dem Rahmen


Für ein Land wie Deutschland – zivilisiert und hochentwickelt – lege ich die Messlatte wesentlich höher als für sonstige mit Demokratie nicht vertraute Staaten. Umso größer ist meine Frust. Stets aufs Neue schlagen mir aus den unerwarteten Seiten dreiste Versuche entgegen, Menschenrechte auszuhöhlen. 

Einerseits helfen aufopferungsvoll und selbstlos unzählige Ehrenamtliche die sogenannte Flüchtlingskrise zu meistern. Ohne diese wunderbaren Menschen wäre der deutsche Staat zusammengebrochen. Anderseits machen andere –nicht nur die Rechten, sondern auch nicht wenige Politiker und die eigentlich zuständigen Behörden – diese Bemühungen zunichte. Es fehlen Konzepte, es fehlen schnelle Entscheidungen, es fehlt oft der gute Wille, die Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, die man ins Land hereingelassen hat.

Und dann gibt es noch Bautzen. Bautzen ist – Gott sei Dank – nicht überall, aber Bautzen ist nicht ein einziger Ort, wo sich Nazis und Rassisten stark fühlen und die Polizei überfordert ist. Oder sogar gibt sie sich geschlagen, wie Maik Baumgärtner in seinem Kommentar zu den Konsequenzen der gewalttätigen Auseinandersetzungen am Mittwoch, 14.09.16, meint:

„Tatsächlich hat sie (die Polizei, Anm. GG) den Rechtsextremen das Feld überlassen, indem sie die Flüchtlinge in ihre Unterkünfte sperrt.“

Gleiche Rechte? Vergiss es!

Dass es sich um eine durchaus schwierige Situation handelt, muss man nicht sonderlich erklären. Nicht mal der wahre Verlauf der Ereignisse lässt sich rekonstruieren. Flüchtlinge gegen Deutsche oder Deutsche gegen Flüchtlinge – je nachdem, wer darüber berichtet, ändert sich der Blickwinkel. Die Polizei verlautet, dass Gewalt von Asylsuchenden ausging. Einige Zeugen sahen das Gegenteil vor Augen.

Unterdessen sind neue Demonstrationen von den Rechtsextremisten angekündigt. Es sieht nach einer Kraftprobe aus. Schon am besagten Mittwoch haben die Nazis gebrüllt: „Das ist unser Nazikiez.“

Jetzt kommt es darauf an, wie sich die Polizei präsentiert und agiert. Denn eine Polizei, die sich unter Rechtsextremen nicht nur wohlfühlt, sondern auch mit ihnen identifiziert, passt nicht in den Rahmen eines demokratischen Staates. 

Freitag, 9. September 2016

Angeblich geht es uns gut. Wirklich?

Nein, früher war nicht alles besser. Und heute ist nicht alles schlecht. Angeblich geht es uns außerdem gut. Besonders denjenigen, die die ordentlichen Scheuklappen tragen und nur das sehen, was sie sehen wollen. Einige Politiker gehören natürlich auch zu dieser Klasse: Sie blenden Probleme aus und sprechen stattdessen über ihre Erfolge. Das ist schlecht für die Probleme: sie werden nicht gelöst, sondern verschleppt, also im Endeffekt verschlimmert. Was uns allen schadet.


                                                                                             Geht es uns gut? Screenshot

Oh, wie ist das schön über 200 Burkas zu diskutieren


Was sollen wir als Gesellschaft tun? Wir können gebetsmühlenartig so lange „Oh, wie ist das schön“ wiederholen, bis alle daran glauben. Auch die Obdachlosen, auch die verarmten Alleinerziehenden, auch die Rentner, die sich von der Tafel die Essensreste abholen müssen. Ein unrealistisches Szenario? Es nennt man Propaganda. Sie funktioniert doch nach wie vor erstaunlich zuverlässig. Wir lassen uns viel einreden und uns einlullen. 

Wir können aber auch über sage und schreibe 200 bis 400 Burkas in Deutschland in allen Gremien und auf allen politischen Ebenen diskutieren und Dampf ablassen. Gibt es noch jemanden, der sich nicht darüber geäußert hat (mich selbst eingeschlossen)? Sollte einer in der Zukunft über diese Tage in Archiven forschen, muss er der Intensität der Auseinandersetzung entnehmen, dass es sich um eine echte Invasion von Burkas gehandelt hat. 

Sind das Peanuts? 


Schauen wir lieber mutig der Wahrheit in die Augen. Den Mut braucht man dazu unbedingt. Weil die Wahrheit – oh! – nicht schön ist. Zu ihr gehören nicht nur die Schokoladenseiten der Gesellschaft. Die nicht geliebten Mitglieder unserer menschlichen Familie zählen auch dazu. Die versteckt man gerne und schweigt sich über sie aus. In diesem Fall handelt sich nicht wie bei Burkas um läppische zweihundert oder vierhundert. Wir reden hier über viele Millionen von abgehängten Menschen.  Wie zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger, deren Zahl sich seit Jahren nur geringfügig verändert. Im April dieses Jahres bezogen 4,4 Millionen Deutsche und 1,5 Millionen Ausländer – zusammen 5,9 Millionen - Hartz-IV-Leistungen. Darunter sind 2,6 Millionen Menschen, die seit mindestens vier Jahren (!)auf Hartz-IV angewiesen sind. 

Und die ganze Nation schreit nicht auf und diskutiert nicht darüber, wie es überhaupt dazu kam und wieso wir uns damit abfinden? Sind das vielleicht nur Peanuts? 

Vermögensverteilung und Gewissen


In der mit großer Aufmerksamkeit von Medien aufgenommen Studie „Generation Mitte 2016“ halten 64% der Befragten im Alter von 30 bis 59 Jahren die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland für ungerecht und 66% finden den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwach oder sehr schwach. Die Solidarität ist also ein politisches Mythos, die Wirklichkeit spiegelt ein dschungelähnliches Bild wider. 

Dieser traurige Befund stellt gleichzeitig eine Quelle der Hoffnung dar. Das Gewissen der Gesellschaft scheint gesund zu sein und erkennt die Ungerechtigkeit.

Jetzt müssen endlich Taten folgen! Wenn Deutschland, das reichste Land in Europa, das nicht schafft, wer denn sonst?

Donnerstag, 1. September 2016

Wir schaffen das. Oder doch nicht?

Das war ein Satz, der unter die Haut ging. „Wir schaffen das“, sagte die Bundeskanzlerin Merkel vor einem Jahr und eroberte damit unsere Herzen.

„Noch im Juli hatte Merkel dem palästinensischen Flüchtlingsmädchen Reem gesagt: "Wir können nicht alle aufnehmen." Was ist seitdem in Merkel gefahren? – wunderte sich damals zeit.de - Die Antwort lautet: die Realität. Plus ein großer Schuss Weltgeschichte – die Krisen im Nahen und Mittleren Osten sind auch Folgen der europäischen Kolonialpolitik, die Umbrüche auch ein Echo auf den 11. September. Plus vielleicht ein Schuss Gefühle. Beinah stündlich kommen in der Woche danach Flüchtlinge in München an.“


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Was bedeutet „das“?


Nach einem Jahr ist die Frage berechtigt, was wir eigentlich schaffen sollen und wollen. Das ist eben der Knackpunkt in dem schönen Satz von Merkel. Wenn wir nicht konkretisieren, worum uns geht, bleibt nur eine zynische Wischiwaschi-Aussage übrig: irgendwas schaffen wir doch immer.

Das reicht mir nicht. Denn ich will genau wissen, was mit den Menschen, die hierher kommen, passieren wird. Wie soll sich ihr Leben in Deutschland gestalten? Welche Chancen bekommen sie und welche werden ihnen verwehrt? Ob sie mit der traditionellen Ablehnung der sogenannten Aufnahmegesellschaft stets kämpfen müssen? Ob sie ausgeschlossen und diskriminiert werden?

Was für ein Ziel verfolgt also die Politik den Flüchtlingen gegenüber? Sollen sie wie gleichwertige Bürger behandelt oder als Freiwild – billige und willige Arbeitskräfte - rausgequetscht und ausgebeutet werden? Das passiert eben zurzeit: Viele Flüchtlinge arbeiten unter schlechten Bedingungen schwarz.

Warten auf Godot?


Die, die hierher kommen, hoffen auf ein besseres Leben und wollen sich dafür auch anstrengen. Es passiert aber vorerst nichts. Sie müssen warten. Auf diese Weise vergeudet man kostbare Zeit, zerstört leichtsinnig die Träume und stellt die Neuankömmlinge auf eine unnötige und harte Probe. Sie verstehen nicht, worauf sie warten sollen. Auf Godot? Bekannterweise war das Warten im Stück von Samuel Beckett vergeblich.

Die, die hierher kommen, wissen nicht, dass Deutschland strukturelle Probleme hat und dass die hiesige Politik nicht imstande ist, sie zu lösen. Sie kennen ein schlimmeres Gesicht der Armut als die Menschen von hier und ahnen nicht, dass sie größtenteils zu den Verlierern gehören werden, was ein genauso schweres Schicksal bedeutet, wie das in ihrer Heimat.

Man lässt sich hier eben Zeit, als ob wir in der alten Epoche lebten, in der man sich nur zu Fuß und mit Kutschen fortbewegte, und nicht in der sich rasant entwickelten digitalen Welt. Man bemüht sich hierzulande die Dinge per Hand zu steuern. Man zementiert die feudalen Verhältnisse, achtet penibel, dass sich die Schichten nicht vermischen, und regiert nach Gutsherrenart.

Werden wir endlich solidarisch?


Auf welchem Weg werden wir in die Zukunft schreiten? „Weiter so“ bedeutet einen Stillstand und bringt uns nicht voran, genauso wenig wie kosmetische Veränderungen, die an existierenden Zuständen nicht wirklich rütteln.  Die Gesellschaft driftet inzwischen immer mehr auseinander. 

Wir hätten aber endlich den Kurs wechseln und die sogenannte Flüchtlingskrise zum radikalen Umbau des Staates nutzen können. 

Als Erstes lösen wir die deutschen Guantanamo-Einrichtungen – die Jobcenter – auf: Wer sie geschaffen hat, kann sie auch abschaffen.  Sie werden nicht mehr gebraucht. Jede/jeder Arbeitslose, der arbeiten will, bekommt innerhalb eines Monats ein zumutbares Angebot, sonst muss die Arbeitsagentur bezahlen: Das Arbeitslosengeld steigt monatlich um 100 Euro. Wetten, dass wir dann keine Arbeitslosigkeit haben?

Im gleichen Schritt verbieten wir sowohl ausgiebige Bewerbungsunterlagen als auch die unsinnigen entsprechenden Kurse. Ein Lebenslauf muss reichen. 

Wir erheben zum Prinzip „learning by doing“ – Lernen durch Handeln – und lassen an den Schnittstellen zu Wirtschaft, Dienstleistungen und Unis verschiedene Möglichkeiten der Weiterbildung neben dem Job und ohne Diskriminierung entstehen.

Wir führen eine Obergrenze für Managergehälter ein: 10 mal so viel wie der niedrigste Lohn dürfen sie verdienen, nicht mehr. Wetten, dass wir keine Probleme mehr mit Niedriglöhnen haben?

Wir werden endlich solidarisch, lassen alle in die Bürgerversicherung einzahlen und finanzieren menschenwürdige Renten aus den Steuern. Wir lassen niemanden hängen. 

Oder wir gehen gleich zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) über. Deutschland ist ein reiches Land, das diese Herausforderung schaffen kann. Ja, das können wir wirklich schaffen, statt die Neuankömmlinge gegen die „altansässigen“ Massen von Armen auszuspielen.

Mittwoch, 24. August 2016

Panik machen und durch die Verbreitung von Angst regieren?

Das Leben ist gefährlich, gar keine Frage. Angst hilft uns, in gefährlichen Situationen zu überleben. Zu viel Angst dagegen hindert uns daran, ein Teil der Gesellschaft zu werden, sie mitzugestalten, am Leben teilzunehmen.


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Außerdem weist dieser Umstand auf psychische Probleme, eine psychische Krankheit hin. Wer den Menschen ohne Grund Angst einjagt, handelt daher – gelinde gesagt – unmoralisch. Christian Lindner, der Vorsitzender der FDP, nennt es „unsensibel“:


Teufel rufen?


Nachdem die Beschwichtigungen – „Wir schaffen das“ – nicht mehr zu wirken scheinen und von Freund und Feind kritisiert wurden, entstaubten die Kanzlerin Angela Merkel und ihr Innenminister Thomas de Maizière eine vermottete Sicherheitskiste. Der Teufel, den sie jetzt gemeinsam an die Wand malen, kommt uns sehr bekannt vor. Den ruft man gewöhnlich zur Hilfe, wenn man nichts Anständiges im Sinn hat. Diesmal geht es – nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal – um die nahenden Wahlen und um die Macht, die man/frau unbedingt behalten will.

Erweiterter Selbstmord?


Heute durften wir in den Medien eine gleichlautende dpa-Bekundung lesen (hier von sueddeutsche.de)

„Die (sic!) Bundeskabinett hat das umstrittene Konzept zur Zivilverteidigung verabschiedet und damit Pläne auf den Weg gebracht, die im Fall einer Terrorattacke oder eines Cyberangriffs wirksam würden. Die Regierung reagiert mit der neuen "Konzeption Zivile Verteidigung" auf die veränderte sicherheitspolitische Lage. Unter anderem geht es darum, den zivilen Katastrophenschutz mit Vorbereitungen für einen Verteidigungsfall zu verzahnen. Innenminister de Maizière will das Konzept am Nachmittag vorstellen.“

Zivile Verteidigung? Nur wegen eines lausigen Wahlkampfes sollen wir alle in den Krieg ziehen? Gegen wen? Oder laden uns Frau Merkel und Herr de Maizière zum erweiterten Selbstmord ein?

Zurück in die Vergangenheit?


Ausgeruht, vom Urlaub zurück, in dem sie womöglich die Zeit hatte, alte Erinnerungen aufzufrischen, verpasst uns Merkel ein Kalter-Krieg-Revival. Wer Computer-Ballerspiele liebt, wird sich freuen: endlich Action! Ich suche aber nicht nach einem alternativen Kick, sondern interessiere mich für die realen Probleme. Davon haben wir hier, im reichsten Land Europas, mehr als genug.

Zur Erinnerung: Armut, darunter Kinder- und Altersarmut, Langzeitarbeitslosigkeit, verfehlte Integration, allgegenwärtige Diskriminierung und Rassismus. Für den Anfang reicht es doch, nicht wahr? Ich schlage vor, wir sollen endlich anfangen, die Probleme zu lösen.


Samstag, 20. August 2016

Burka und Nessie oder worüber wir nicht reden

Nach den schrecklichen Ereignissen, die die üblichen zu dieser Zeit locker-flockigen Darstellungen verdrängt haben, bekommen wir endlich unser Sommer-Nessie höchst persönlich von der Kanzlerin serviert. Nessie heißt in diesem Sommer „Burka“ und wie es sich für ein Ungeheuer gehört,  jagt uns sie – die Burka – jede Menge Angst ein. Sie ist so gefährlich, dass sie in die Tagesschau schafft und dass sich die CDU-Innenminister ernsthaft mit ihr beschäftigen.




Die Burka ist schuldig


Genauso wie das im Fall der Bestie von Loch Ness ist, kaum jemand hat das Ungeheuer hierzulande gesehen. Das macht nichts. Trotzdem ist sie – die Burka – dafür verantwortlich, dass es mit der Integration nicht klappt. 

"Aus meiner Sicht hat eine vollverschleierte Frau in Deutschland kaum eine Chance, sich zu integrieren", sagt unser aller Bundeskanzlerin Angela Merkel

Endlich können wir also alle aufatmen. Der Feind wurde ausgemacht. Wir müssen nicht mehr rätseln, wieso, weshalb, warum sich hier lebende Ausländer nicht integrieren, oder integrieren lassen. Ende Gelände: Die Burka ist schuldig.

Wir und Ihr


Wenn wir irgendwann mit der Jagd auf das hiesige Nessie – die Burka - aufhören, können wir uns hoffentlich den wirklichen Problemen widmen, die wir miteinander haben. Die sogenannte Aufnahmegesellschaft wehrt sich mehr oder weniger spektakulär mit Händen und Füßen gegen die Fremden. Die Hälfte der Bürger meint, dass in Deutschland zu viele Muslime leben. Genauso viele wollen aus den Innenstädten Sinti und Roma verbannen. 34 Prozent der Deutschen sieht eine gefährliche Überfremdung im Land und ein Viertel will Ausländer zurück in ihre Heimat schicken. Boah, was für Dimensionen sind das!

Auf der anderen Seite schotten sich Ausländer ab. Egal, ob man es Parallelgesellschaften, Gettos oder patriarchalische Communities nennt, das Phänomen ist keine Einbildung, sondern eine triste Realität. Wir driften auseinander und achten auf die Grenzen zwischen uns, zwischen wir und ihr. Die institutionelle Diskriminierung unterstützt und bekräftigt die abschottenden Tendenzen. Die Nicht-Gewollten, die Abgelehnten, die Ausgeschlossenen ziehen sich zurück und befolgen eigenen Regeln.

Die Diskussion über die Burka ersetzt eine ernste Debatte über Integration, über Verantwortung des Staates für die Erschaffung von Rahmenbedingungen. Sie lenkt gekonnt ab von den Verfehlungen der Politik in der Vergangenheit und ihrer Hilflosigkeit in der Gegenwart. Sie lenkt auch von dem grundsätzlichen Problem in diesem Land ab. 

Statt einer Nebelkerze


Der Burka-Murks oder überhaupt das Thema Ausländer wird dazu missbraucht, die berechtigten Vorwürfe an die Politik und die Wut über die Missstände auf diese Weise zu kanalisieren. Da ist schon wieder der Wahlkampf und man zündet wieder eine Nebelkerze. Der dichte Rauch soll den Blick auf das Wesentliche versperren. Das Wesentliche ist die Gerechtigkeit.

Sigmar Gabriel hat recht, indem er als das Hauptproblem die soziale Frage deklariert: 

„Die soziale Frage ist nicht Deutscher oder Ausländer, Christ oder Muslim, sondern reich und arm, soziales Gewissen oder gewissenlos.“

Freitag, 12. August 2016

Mobbing hat in der Schule nichts zu suchen

In einem Gespräch mit ein paar jungen Lehrern fragte ich, was sollte man als erstes an der Schule verändern. Die Antwort kam prompt und knapp: Lehrer.


                                                                                                 Dieter Schütz  / pixelio.de

No-go-Areas in den Schulen


Wenn Eltern ihre Kinder der Schule für mehrere Stunden anvertrauen, dann dürfen sie wenigstens erwarten, dass dort nichts Unrechtes passiert. Die Schule übernimmt die Verantwortung für die Schutzbefohlenen. Und zwar nicht nur während des Unterrichts. In der Praxis aber gibt es in den Schulen No-go-Areas. 

„Der junge Mann, der in München neun Menschen erschoss – lesen wir auf Süddeutsche.de -, wurde laut Berichten von Mitschülern schikaniert. Sie urinierten auf seine Kleider, misshandelten ihn, nahmen ihm Sachen weg.“

Da frage ich mich: Wo waren währenddessen die Lehrer?



Wessen Schuld?


In diesem und in den ähnlichen schrecklichen Fällen scheinen die Lehrer die Seite der Täter zu ergreifen. Die Mobbing-Opfer wären selbst schuld, müsste man demnach glauben. Ein gefährliches Prinzip. Wenn man es auf andere Bereiche überträgt, wird auf einmal zum Beispiel nicht der Vergewaltiger, sondern die Vergewaltigte zum Problem (victim blaming).

Tatsächlich brauchte die Gesellschaft sehr lange (einige Länder tun sich auch heute damit schwer), bis die Vergewaltigung als Verbrechen eingestuft wurde. Seit 1997 gilt sie auch in der Ehe als eine Straftat.

Mobbing ist ein Verbrechen!


Ein gut gemeinter Tipp, den Mobbern aus dem Weg zu gehen, erinnert an die alten Ratschläge für die Frauen, sich nicht provozierend anzuziehen und zu verhalten, um die Gefahren abzuwenden.



Mobbing ist eine Straftat! Auch wenn man diesen Begriff vergeblich im Strafgesetzbuch sucht.  Seine „Bestandteile“ stehen jedoch unter Strafe: Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung.  Dafür kann man die Täter zur Verantwortung ziehen. Auch wenn die Strafmündigkeit erst mit dem 14. Lebensjahr beginnt, kann ein Familiengericht für die jüngeren Täter verschiedene Maßnahmen anordnen.

Bevor es aber so weit kommt, ist die Schule, sind die Lehrer gefragt. Unternehmen sie nichts gegen Mobbing, machen sie sich unterlassener Hilfeleistung schuldig.

Dienstag, 9. August 2016

Sigmar Gabriel, der Kanzlerkandidat?

In Deutschland ist die Platte hängen geblieben und Merkel seit 11 Jahren die Kanzlerin. Wird sie den Kohl machen wollen und nochmals als Kanzlerkandidatin antreten? Hoffentlich nicht: das Land lechzt nach Veränderung und Merkel selbst agiert lieber auf der internationalen Bühne als zu Hause. Indes wächst der Unmut.


                                                                                        Screenshot


Wenn Menschen unzufrieden sind, und das sind sie in hohem Maße, dann geht es nicht um eine Phantasie, die man ihnen ausreden kann, sondern um die Realität, die man mindestens zur Kenntnis nehmen muss. Damit haben die sogenannten Volksparteien ihre Schwierigkeiten. Auf die Kritik antworten sie mit der Auflistung ihrer Erfolge: was sie alles bewirkt haben. Deshalb reden sie an den Unzufriedenen vorbei.  Davon profitieren vor allem die Rechtspopulisten – die angeblichen Volkversteher. 

Hört Gabriel das Gras wachsen?


Sigmar Gabriel scheint es gerade zu lernen und nimmt sogar das Wort „Armut“ in den Mund. Genau gesagt: „Armutsrente“. „Es kann nichts sein – empört sich der Vizekanzler - dass jemand 40 Jahre gearbeitet hat und dann die Rente niedriger ist, als bei jemanden, der nie gearbeitet hat.“ Hierdurch lenkt er die Wut auf diejenigen, die ihre Situation meist selbst nicht ändern können und keine Lobby haben. Aus diesem Grund ist ein Nachhilfeunterricht dringend empfohlen: z. B. sollte der Kanzlerkandidat eine von tausenden Tafeln oder eine von Millionen Hartz-IV-Familien besuchen. 

Mehr versprechend ist sein anderer Gedankenstrang, in dem er die Aufgaben für die Zukunft aufzählt: „Wenn wir Leih- und Zeitarbeit reduzieren, Werkverträge einstellen, was viel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wenn wir dafür sorgen, dass Frauen bei gleicher Arbeit wie Männer die gleiche Löhne bekommen“, außerdem in Bildung investieren und die Arbeitslosigkeit bekämpfen, dann überwinden wir auch die Armut. Gewiss.

Ich knüpfe an den letzten Punkt an: die Arbeitslosigkeit. Kein gesunder Mensch lehnt eine zumutbare Arbeit ab (mit Betonung auf zumutbar)!  Wenn er das tut, ist er krank. Und wenn er krank ist, braucht er Hilfe, keine Strafe. So geht gesellschaftliche Solidarität. 

Das Unmögliche verlangen


In den heißen Augusttagen 1980 eilten in den internetlosen Zeiten ein paar intellektuelle Köpfe in die streikende Werft nach Danzig, um dem Elektriker Lech Wałęsa beizustehen und ihm von seiner Idee dringend abzuraten, weil sein Vorschlag absolut unrealistisch sei. Wałęsa verlangte eine unabhängige vom Regime Gewerkschaft und gewann. Er wusste angeblich nicht, dass sein Wunsch aussichtslos war, verlangte das Unmögliche und erreichte sein Ziel. Die erste im ganzen kommunistischen Block unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ wurde gegründet und trug wesentlich zum Zerfall des Kommunismus bei.

Ich wünsche mir von den zukünftigen Kanzlerkandidaten, dass sie das Unmögliche anstreben, aber dabei auch genug Vorstellungskraft und Energie mitbringen, es durchzusetzen.

Mister Kanzlerkandidat Gabriel, schaffen Sie die von einem Kriminellen entworfenen Hartz-Gesetze ab!



Sonntag, 31. Juli 2016

Würde sieht schön auf dem Papier aus

Wir lassen Millionen von Abgehängten zu. Wir nehmen die millionenfache Armut, darunter von Millionen Kindern,  hin. Wo leben wir denn?


                                                                                        Wo leben wir denn? Foto Autorin

Schützt der Staat unsere Würde?


Müssen wir uns wirklich mit diesen Missständen abfinden? So ist das Leben und man kann nichts dagegen tun?

Bei der letzten Konferenz von der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die viel Aufmerksamkeit geweckt, aber wenig Neues gebracht hat, wurden wir von der höchsten Stelle an den schönsten Artikel des Grundgesetzes erinnert:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Weiter im Artikel 1 GG heißt es:

„Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Tut der Staat dies? Schützt der Staat unsere Würde? Was ist denn mit der Würde von den Armen in diesem Land? Wie würdevoll ist es, Menschen dazu zu zwingen, für die Essensreste anzustehen, weil es sonst der Hunger droht? Wo bleibt denn die Würde von den Langzeitarbeitslosen, die für die verfehlte Politik herhalten sollen? Wie steht es um die Würde von den Kindern ohne Chancen?

Ist dieses hausgemachte Elend alternativlos?

Ruhe oder doch lieber nicht?


„In der Ruhe liegt die Kraft“ ist das Motto unserer Kanzlerin. Aussitzen und Ausschweigen mögen als politische Strategie sehr erfolgreich sein, als Regierungsprogramm taugen sie aber gar nichts. Die Probleme muss man angehen und lösen, weil sie nicht kleiner werden, wenn man sie verschleppt.

Nachdem wir uns also ausgiebig ausgeruht haben, runter vom Sofa! Doppelt gibt, wer gleich gibt. Verändern wir also endlich, was falsch oder gar nicht läuft. Und zwar schnell.

In meinem Blog habe ich bereits verschiedene Vorschläge unterbreitet. Hier zitiere ich einen davon:

„Niemand müsste in der Arbeitslosigkeit verzweifeln. Alle diese Stellen verbergen sich unter dem Namen: Ehrenamt. Das Ehrenamt hat eine Wandlung durchgemacht und verlor seinen ursprünglichen Sinn.  In der Gegenwart ersetzt es und verdrängt in vielen Fällen die regulären Arbeitsstellen.  

In seiner jetzigen Gestaltung steht das Ehrenamt in Konkurrenz zum Arbeitsmarkt und verstärkt dadurch enorm die existierenden Ungleichheiten. Hier finden wir die Quelle von Dumpinglöhnen mit dem absoluten Tiefpunkt von 0 €. In diesem Zusammenhang darf es auch nicht wundern, dass es zu 80 % Frauen sind, die ehrenamtlich schuften.“

Ein unrealistischer Vorschlag? Das erfahren wir nie, wenn wir ihn nicht ausprobieren. Schon morgen. Oder noch besser – heute.

Montag, 11. Juli 2016

Wäre Fanny so oder so böse geworden? Irrsinn, liebe Macher von „Janus“

Serien sind nicht mein Ding. In diesem Fall interessierte mich aber sehr das Thema, daher ließ ich mich darauf ein und schaute mir „Janus“, eine österreichische Serie, an. Nach der ersten Folge war ich angenehm überrascht und retweetete sogar eine Empfehlung. Inzwischen habe ich diesen Retweet gelöscht. Trotz guter Regie und beeindruckenden Schauspielern kann ich doch für solch einen Quatsch nicht werben!


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Woher kommt das Böse?


Besonders hat mich verstört eine Aussage des filmischen forensischen Psychologen Leo Benedikt, der sich todsicher über Fanny, ein kleines Mädchen, ausgelassen hat:  

„Fanny fühlt keine Liebe, keinen Hass, aber wie gesagt, das ist nicht Ihre Schuld (an die Eltern gerichtet, Anm. GG). (…) Psychopathie ist angeboren.  (…) Fanny wäre so oder so böse geworden.“

Entschuldigung liebe Macher der Serie, diese angeblich wissenschaftliche Feststellung ist ein absoluter Irrsinn. Wer in einer Horror-Manier glaubt, dass das Böse vom Himmel schwuppdiwupp über uns wie ein Adler herfällt, oder dass wir vom Bösen wie nach einem Biss des Vampires infiziert werden, der verlässt die Realität und begibt sich in die gruselige Fantasie- und Märchengebiete, wo die Vernunft und die Wissenschaft nichts zu suchen haben.

In einem Kind ein Monster zu sehen und zu behaupten, dass es so auf die Welt kam, entschuldigt zudem jede Schweinerei, jede Misshandlung und jeden Missbrauch. Da wird hier die Ursache mit der Wirkung willkürlich vertauscht. Ein Kind soll schuldig und grundlos böse sein? Das ist eine Ausrede der Täter. 

Eine todsichere Prophezeiung


Zu behaupten, dass wir uns unabhängig von Umständen und Einflüssen entwickeln, ist eine einfältige Mär und eine völlige Missachtung sowohl der Psychologie als auch der Soziologie. Gleichen Wert hat die These, dass man trockenen Fußes auf dem Wasser laufen kann. Bekannterweise gelang das Experiment nur einem mit dem Namen Jesus.  Wir werden zu Menschen nur unter den Menschen mit allen Konsequenzen und Nebenwirkungen.

Daher wage ich eine todsichere Prophezeiung: Eine Pille, die alle psychischen Probleme heilt, wird es nie geben: 

„Ich bezweifle, dass man psychische Probleme mit den chemischen Stoffen beseitigen kann. Es ist zwar gut möglich, dass die Tabletten den Schmerz der Seele betäuben oder lindern. Kurzfristig, vorübergehend. Die gleiche Funktion erfüllen jedoch auch die zugelassenen und nicht zugelassenen Drogen: Alkohol, Marihuana, Koks und weitere Erfindungen des Menschen, die die Flucht aus der Realität ermöglichen oder erleichtern. Einige von ihnen besitzen sogar den Vorteil, dass sie eine ausschließlich pflanzliche Herkunft vorweisen. Die Psychopharmaka benebeln hauptsächlich den Verstand, wie die Drogen es auch tun.“ 
(Zitat aus meinem Buch "Wozu soll das gut sein?" )

Ich wage noch eine These: Die Suche nach dem Gen des Bösen ist zwecklos. Die psychischen Probleme und Krankheiten  entstehen im Verlauf des Lebens, begünstigt durch verschiedene Faktoren und Zustände.  Denn Bertolt Brecht hat recht, dass der Mensch gut ist, aber die Verhältnisse erlauben es nicht.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Einfache Gedanken über schwierige Fragen zwischen Kommunismus und Kapitalismus

Was für die Kommunisten der „heilige“ Plan war (es galt der Plan, nicht die Wirklichkeit), ist für die Kapitalisten das „heilige“ Wachstum.  Sowohl die einen, als auch die anderen weisen eine religiöse Haltung gegenüber ihren Götzen vor. Auf gleiche Art beten die Kommunisten ihren Plan an, wie die Kapitalisten das Wachstum. Wachstum wovon? Von der Wirtschaft natürlich. Kann sie aber unendlich wachsen? Und vor allem – wozu?

                                                             Ein unendliches Wachstum? Foto: Autorin

Irgendwann kracht es


Die Frage nach dem Sinn bringt beide Lager in Erklärungsnot. Die Kommunisten antworteten auf die Zweifel nicht; sie steckten einfach ihre Feinde ins Gefängnis. Und manchmal brachten sie sie auch um. Die Kapitalisten entledigen sich ihren Gegnern auf ersten Blick unauffällig. Ihre Methoden sind raffinierter. Sie segregieren, selektieren und schließen aus. Beide Systeme richten den Fokus nicht auf das Wesentliche. Beide bestimmen diktatorisch die Regeln, nach der sich die Wirklichkeit zu drehen hat. Man könnte sagen, dass sie die Realität in die Zwangsjacke stecken. Daher kracht es früher oder später: entweder gibt es eine Revolution oder eine Krise. 

Der absolute Markt als Ziel?


Immer schneller, immer besser, immer produktiver soll der Mensch sein. Das Rennen selbst ist zum Ziel geworden.  Die Prämien gibt es – wie in jedem Wettlauf – nur für die ersten. Der Rest geht leer aus. Was sich jedoch im Sport vielleicht noch gerecht abspielt (wenn man das Doping ausblendet),  läuft relativ willkürlich auf dem Markt und in der Gesellschaft ab. Die Chancengleichheit ist eine Wahlparole ohne Inhalt, die Gerechtigkeit – nur ein Traum. Wozu also das Ganze? Wo rennen wir denn hin? Was ist unser Ziel? Der absolute Markt, der alles richten wird?

Wer soll jedoch diese Mengen von Waren kaufen, wenn die Armut stets steigt? Die gierige und menschenfeindliche kapitalistische Strategie beißt sich hier in den eigenen Schwanz und taumelt in die nächste Krise.

Ich spreche mich für einen wirklichen Wettbewerb aus. Den staatlichen Besitz durch einen privaten zu ersetzen, bedeutet für mich ein Monopol gegen ein anders auszutauschen. Genauso doof.  Wir brauchen unterschiedliche Formen, wobei ich die drei grundsätzlichen Säulen hervorhebe: genossenschaftliche, private und staatliche. Die Daseinsvorsorge muss staatlich bleiben, sonst macht sich der Staat erpressbar.

Der Einzelne ist Sinn


Individualisierung heißt das Zauberwort. Nicht die Massen, so wie Wladimir Majakowski, der tragische Held der Oktoberrevolution, die Maxime der Sowjets formulierte: "Der Einzelne ist Unsinn, der Einzelne ist Null". Jene Maxime, die der Kapitalismus mit gleicher Konsequenz vertritt, und der ich vehement widerspreche.

Der Einzelne ist Sinn! Das Verhältnis zwischen Staat und Bürger darf nur auf diesem Prinzip fußen. Für staatliche Institutionen muss daher gelten: Je schwieriger ein Fall, desto individueller die Beratung und Lösung. Genauso und nicht anders.  

Weil das Individuum das Maß der Dinge ist. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Wir sind keine Kartoffeln, die man hin und herschiebt. Zwar unterscheiden wir uns in unseren Lebensläufen und Gefühlen, wir verfügen über mannigfaltige Erfahrungen und Fähigkeiten. Aber jeder von uns ist das Subjekt der Menschenrechte.


Mittwoch, 22. Juni 2016

Richtig, richtiger, Steinmeier!

Darauf habe ich gewartet. Auf die Worte, die endlich mein Gefühl und meine Überzeugung ausdrücken. Ich habe so satt von den Indianerspielen mit Kriegsbemalung und lauten “Säbelrasseln und Kriegsgeheul“. Was ist denn der Zweck dieses Spektakels? Dem Gegner Angst einzujagen? Darum geht es doch, nicht wahr? Die nächste Frage lautet also: Wie handelt man aus Angst?


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Putin kommt mir nicht in den Sinn


Denken wir bitte das Szenario einfach weiter. Angenommen, Stoltenberg hat Russen erschreckt und Putin zittert sogar vor ihm. Worauf hofft die NATO in diesem Fall? Dass sich Putin im Mauseloch verkriecht? Oder dass er auf die Knie fällt und um Gnade fleht? Ist das wirklich die Vorstellung von diesen Herrschaften, dann muss ich ihnen die (Wieder)Lektüre der Texte über den zweiten Weltkrieg und die Leistungen von Russen dringend empfehlen. Nehmen wir Stalingrad und Leningrad als Beispiele, was Russen durchstehen können, wenn es hart auf hart kommt. 

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf will ich wissen, wer wirklich daran interessiert ist, die Lage anzuheizen.  Komisch, Putin kommt mir nicht in den Sinn. 


Mit den Traumata kenne ich mich sehr gut aus


Die NATO lässt sich von den Ostländern, die den Atem vom großen Bruder immer noch im Nacken deutlich zu spüren glauben, instrumentalisieren. Allen voran stellt sich Polen in den Vordergrund. Wenn es ganze traumatisierte Völker gibt, dann gehören die Polen absolut dazu. Sie sind sozusagen der Inbegriff der Traumatisierung! Das Schicksal dieses Landes ist der „falschen“ geopolitischen Position geschuldet: mitten zwischen Großmächten und stets im Wege. Über mehr als Jahrhundert von der Landkarte gelöscht, erlebte das Land in der relativ neuen Geschichte die deutsche und die sowjetische Okkupation hintereinander. Die daraus entstandenen Traumata wurden von den Eltern an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben. 

Ich kenne mich mit den Traumata seht gut aus. Lest doch bitte mein Buch „Der Schrei eines Untieres“ (als E-Book unter dem Pseudonym Gabi Scheren herausgegeben) und ihr werdet sich davon selbst überzeugen.  Daher weiß ich, wie behutsam man mit den Traumatisierten umgehen soll und wie viel Zeit (manchmal ein ganzes Leben) das Loslassen der Vergangenheit kostet. 

Sagt mir deswegen bitte nicht, dass die Traumatisierten in der Lage sind, die wahren Bedrohungen zu erkennen. Das tun sie nicht. Sie stecken mit den beiden Beinen in der Vergangenheit. Ich wiederhole für die langsamen Denker: Die Traumatisierten leben zum Teil in der Vergangenheit und lassen sich von ihren Ängsten treiben. Aus diesem Grund entspricht ihre Wahrnehmung von Gefahren nicht der Wirklichkeit. 

Falsch, falscher, der Bild-Kommentar


Gab es da nicht ein Versprechen? Eben! Hat sich die NATO mit ihrer Versicherung "Niemand beabsichtige die Ausdehnung nach Osten" nicht wenigsten mitschuldig gemacht? Genauso wie die EU mit ihrer tölpelhaften Politik gegenüber Russland? 

Daher finde ich den Kommentar von Julian Reichelt einseitig und falsch. Steinmeier hat recht. Wir brauchen Gespräche, immer und immer wieder, und keine “Säbelrasseln und Kriegsgeheul“.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Unser aller Korpsgeist

An einem Gemeinschaftsgefühl hat man gewöhnlich wenig auszusetzen, außer wenn der Zusammenhalt zu einem beinahe religiösen Gebot erklärt wird. Der Korpsgeist entwickelt sich in diesem Fall meist zum Kadavergehorsam.


                                                                                                                    Foto: Autorin

Klappe halten


Dazuzugehören ist uns, Menschen, sehr wichtig. Wir werden zu Menschen nur unter den Menschen. Darum strengen wir uns an, ein Teil von etwas – Familie, Team, Gesellschaft - zu werden. Jede Generation definiert aufs Neue ihre Vorbilder oder Ziele und erlebt eigene Abhängigkeiten und Unterwerfungen, die sich genauso schwer auszutreiben lassen wie Drogensucht. 

Was bedeutet für ein Individuum, zu einer Gruppe zu gehören? Dass man sich den Stärkeren unterwirft? Denen also, die sich durchgesetzt hatten, weil sie besser führen oder manipulieren können? Wie geht man mit den unterschiedlichen Begehrlichkeiten und Forderungen untereinander um? Wer gibt nach und wer nur an? 

Natürlich existieren verschiedene Formen und Konstruktionen des Zusammenhalts mit positiven und negativen Auswirkungen und mit ihrem Preis. Eine Gruppe entsteht nie als eine einfache Summe der einzelnen Personen. Sie entwickelt stets ihre eigene Dynamik. Egal jedoch, ob sie streng oder locker-flockig organisiert ist, verlangt sie uns einiges ab. Manchmal muss man als ihr Teil relativ schnell lernen, die Klappe zu halten, wenn man nicht den Mainstream vertritt.  Der Preis der Zugehörigkeit für die Mitglieder ist mitunter sehr hoch und kann auch den Verzicht auf die Freiheit im Tun und Denken bedeuten. 

Individualisten in der Klick-Gesellschaft


Diesem gemeinschaftlichen Druck sich zu widersetzen, fällt dem Einzelnen selbstverständlich nicht leicht. Das Bestehen auf eigene Meinung kann im Endeffekt den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeuten. Eine harte Strafe für ein soziales Wesen, egal ob die Maßnahme ohne oder mit allen Formalitäten erfolgt.  Ein Individualist erscheint eben vielen als eine Bedrohung. 

Und überhaupt: Wozu braucht eine Gesellschaft Individualisten? Auf jene Frage antworten die Diktatoren eindeutig klar: Die Individualisten gehören nicht dazu. Sie werden als Feinde und Verräter abgestempelt. Damals wie heute

Leider scheinen sie in der angeblich demokratischen Welt genauso unerwünscht  zu sein. Die Masse-statt-Klasse-Gesellschaft - oder Klick-Gesellschaft - hält wenig von den Sonderlingen, die gegen den Strom schwimmen, und sortiert sie aus. Der Korpsgeist macht sich stets bemerkbar, einerlei ob online oder offline. Der Gruppenzwang funktioniert nach wie vor und bildet die Grundlage der sozialen Interaktionen. Die Devise „Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns“ beherrscht das politische und gesellschaftliche Leben. 

Wir beobachten zurzeit eine beunruhigende Entwicklung zur Spaltung von den Gesellschaften, die eben nur diese zwei Möglichkeiten zu kennen scheinen. 

Deswegen spreche ich mich gegen den Korpsgeist und für die Individualisten aus. Ich verlange den Artenschutz für Nonkonformisten.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Wenn es so gut ist, wieso ist es so schlecht?

Durch das Land rollt eine Welle der Empörung über die rassistische Äußerung vom AfD-Vize Alexander Gauland. Der AfD-Mann soll gesagt haben, dass der farbige Spieler Jérôme Boateng (in Deutschland geboren!)als Fußballer zwar gut sei, aber niemand wolle solch einen Nachbar. Die Solidarität mit Boateng ist überwältigend. Alle wollen ihn auf einmal als Nachbar begrüßen. Entzückend!


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Bunte Smarties mit braunem Inhalt


Ist der Rassismus in Deutschland also ein seltenes exotisches Phänomen? Wer dies bejaht, muss meine Titelfrage beantworten: Wenn es so gut ist, wieso ist es so schlecht? Ich freue mich natürlich über die allgemeine Sympathie für Boateng. Das Problem ist damit aber nicht gelöst. Die grausame Fresse des Rassismus erschreckt mich nicht nur vor der rechten Seite. Obwohl von dort immer wieder aufs Neue die schlimmsten Vorschläge aus der Vergangenheit ausgegraben werden.

Wesentlich interessanter ist in diesem Kontext jene Frage, die Jakob Augstein auf Twitter gestellt hat: „Wie viele Deutsche sind wie Smarties: außen bunt aber innen ganz braun?“ Damit trifft er ins Schwarze. Jetzt haben wir den Farbensalat! Es geht hier nicht mehr um die politische Korrektheit des Gesagten oder Gezeigten. Es geht nicht mehr um das Schwenken von richtigen bunten Fähnchen bei der Demo.  Vielmehr geht es ans Eingemachte.

Richtig oder falsch, schwarz oder weiß


Rassismus will Menschen spalten. Sein Ziel ist die Diskriminierung und Erniedrigung der angeblich Nicht-Gleichwertigen. Der Status eines Menschen wird automatisch mit seiner „Rasse“, Herkunft oder Orientierung verbunden.  Die „richtige“ Eigenschaften belohnt man mit den Vorteilen, die „falschen“ bestraft man auf unterschiedliche Art und Weise. Rassisten sehen die Welt schwarz-weiß.

Rassismus bildet folglich eine bewusste oder unbewusste Grundlage  des Handelns von Menschen und Institutionen. Ja, Rassismus hat System. Oder anders gesagt: Es handelt sich hier nicht um einen individuellen Ausrutscher, sondern um ein Gruppenphänomen. Rassismus funktioniert erst in einer Gemeinschaft, er wird durch eine Gemeinschaft getragen. Ein einzelner Blödmann, der die rassistischen Parolen herausbrüllt, könnte höchstens ein Fall für den Psychiater sein. Dass er das nicht wird, liegt an der schweigenden oder auch lauten Unterstützung von vielen Gleichgesinnten. Zum Rassismus wird man meist anerzogen. Daher fällt es so schwer ihn auszutreiben, zu bekämpfen.

Menschenrechte light


Über einen institutionellen Rassismus spricht man dann, wenn die existierenden Strukturen und Gesetze eine Diskriminierung ermöglichen. Wir finden ihn überall in Deutschland: in der Schule, in den Behörden und in der Arbeit. Manchmal ist er schwer zu beweisen, wie zum Beispiel schlechtere Noten oder abgelehnte wegen Herkunft Anträge. Oder wie bei der grundsätzlichen Einstellung der handelnden Person, die von den Institutionen geduldet oder sogar empfohlen wird, dass das Fremde nicht so viel wie das Deutsche, also weniger Wert ist. Sozusagen: institutionell verordnete Richtlinie für die Menschenrechte light, die lediglich zur Hälfte oder zum einen Viertel gelten sollten, je nach Lust und Laune des entscheidenden Individuums.

Was sich dagegen offensichtlich auf die rassistische Ideologie stützt ist die Abwehrpraktik gegen das Fremde, die wir überall vorfinden, wo es um mehr geht: mehr Geld, Einfluss, Macht, Anerkennung. Schon die geltende und verpflichtende Art von den Bewerbungen um einen Arbeitsplatz ermöglicht das Aussortieren von den Andersartigen. Kein Wunder, dass sich Migranten so schwer durchsetzen können und dass sie in dem öffentlichen Dienst oder den öffentlich-rechtlichen Medien kaum vertretbar sind. Machen wir uns nichts vor: Das ist so gewollt. 


Sonntag, 29. Mai 2016

Wer keine Visionen hat, muss zum Arzt

Die Zeiten, in denen Helmut Schmidt das Gegenteil behauptete, sind längst vorbei. Wir brauchen Visionen mehr denn je. Das hat Christian Kern, der neue Kanzler bei unseren Nachbarn, erkannt: „Im Jahr 2016 bedeutet keine Visionen zu haben, dass man tatsächlich einen Arzt braucht."


                                                                                    Foto: Autorin

Ansprechen und mitreißen


Eine politische Vision ist immer vorwärtsgerichtet.  Darin geht es nicht ums Kochen des eigenen Süppchens, sondern um das Erschaffen eines Entwurfs für die ganze Gesellschaft. Jener Entwurf soll alle ansprechen und alle mitreißen. Um eine Vision zu kreieren braucht man genauso viel Mut wie Gefühl. Oder anders gesagt: Kopf und Herz. Eine Vision beantwortet die wichtigsten Fragen, die sich Menschen stellen, und zeigt die Wege in die Zukunft. Eine Vision gibt nicht nur die Richtung vor, sie bringt vor allem auch die Hoffnung.  

Somit ist eine Vision viel mehr als ein Programm einer Partei oder ein Koalitionsvertrag der Regierung. Derartiges Konzept kann ich in den politischen Darbietungen zurzeit nicht erkennen.

Tafeln gegen Überfluss?


Wie wird die Gesellschaft in der Zukunft aussehen? Noch mehr Tafeln und Obdachlosen einerseits und vor Überfluss verblödete wenige Individuen anderseits?

Was für ein Arbeitsmarkt erwartet uns, wenn die Digitalisierung die Arbeitnehmer von ihren Arbeitsplätzen verdrängen wird? Noch mehr Hartz IV, noch mehr Sanktionen? Und demzufolge noch mehr Armut und Obdachlosigkeit?

Wie definiert man in der Zukunft den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Was für eine Welt!


Sollen wir in einer Welt leben, in der nur die Reichen Recht haben und die Armen sich vor dem kriminell agierenden Staat fürchten müssen? 

„Kriminell“ in Verbindung mit dem Staat zu bringen, ist das nicht übertrieben und populistisch? Leider nicht. Das ist die heutige Realität. Der Staat nutzt seine Machtposition gegenüber den Hilflosen und agiert mit der Härte eines Mafia-Paten. Die Armen können sich eine Auseinandersetzung  mit der Macht nicht leisten und verzichten meist auf ihre Rechte. Der Staat, der ein Vorbild und ein Schutzpatron der Nicht-Privilegierten sein müsste, zockt sie schamlos ab. 

Diese Härte vermisse ich an dem anderen Ende der Hierarchie. Die Privilegierten behandelt man wie ein rohes Ei. Das neueste Beispiel bietet der Autokonzern VW: Nach dem Diesel-Skandal und hohen Verlusten kassieren Manager hohe Boni. Die Altlasten sind nicht weniger brisant: Der Ex-Chef Bernd Pischetsrieder soll nach seiner Ablösung 50 Millionen erhalten haben.

Der Staat kann nichts dafür? Doch! Er muss endlich gerechte Rahmenbedingungen schaffen und zum Beispiel die Managergehälter an die niedrigsten Löhne koppeln. 

Wir leben längst in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es wundert mich nicht, dass die Populisten solch einen enormen Zulauf bekommen. Wenn die politische Klasse an der Macht mit der Wirklichkeit fremdelt und die Gier die wirtschaftlichen Eliten verblendet, suchen Menschen verzweifelt einen Ausweg aus der Misere und riskieren einen Ritt auf der Rasierklinge. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Wieso lieben wir Populisten?

„Populismus“ ist das neue Modewort und ein schwerwiegender Vorwurf. Weil ein Populist ein dreister  gewissenloser machtbesessener Opportunist sei, der „durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (im Hinblick auf Wahlen)“ gewinnen wolle. Zu diesem Zweck gibt er sich als volksnah aus  und präsentiert einfache Antworten auf schwierige Fragen. Per definitionem also ein Schwein. Oder doch nicht?


                                                  In Österreich haben die Populisten fast die Hälfte 
                                                               der Stimmen an sich gezogen.         Screenshot                                     

Selbstgerecht und abgehoben


Unsere Erwartungen an Politiker, die die Macht innehaben, sind sehr hoch. Sie sollen ein Vorbild darstellen, die Probleme erkennen und lösen, dabei gerecht und selbstlos vorgehen und sich an das Wohl der Gesellschaft orientieren. 

Wir bekommen stattdessen jene, die wir gewählt, oder nur zugelassen haben, wenn wir am Wahltag zu Hause bleiben. Relativ schnell werden wir von ihnen enttäuscht. Sie scheinen sich in einem rasanten Tempo von der Realität zu entfernen und somit von der Wirklichkeit, in der wir leben.  Aus den Dienern der Allgemeinheit formen sich in einer kurzen Zeit selbstgerechte Potentaten, die von oben herab auf ihr Volk schauen. 

Wir, das Wahlvieh


Und sie reden sich andauern heraus. Die Sachverhalte seien kompliziert und wir – das Wahlvieh – einfach zu doof, um ebendas zu begreifen. Deshalb müssen sie uns zu unserem Glück zwingen. 

Wir kommen uns auch tatsächlich dumm vor, im Angesicht der überbordenden Arroganz der Macht.  

Dass das Leben nicht einfach ist, merkt man bereits im Kindergarten. Wer dies erst in dem Moment begreift, in dem er an die Macht kommt, ist fehl am Platz. Kann man meine Aussage womöglich populistisch nennen? Durchaus. Vereinfache ich die schwierigen Zusammenhänge? Das hoffe ich. Weil ich zu den wichtigsten Aufgaben der Politik, besonders von den regierenden Parteien, außer der Erläuterung der Ziele und Maßnahmen, eine verständliche Erklärung zähle.  Und zwar in einem Spagat mit dem entschiedenen Handeln. 

Von den Populisten lernen


Die Groko bremst sich aber gegenseitig aus. Darum warten wir auf das entschiedene Handeln - zunehmend irritiert - vergeblich und beobachten Politiker, die mit Vorliebe Nabelschau betreiben. Man gewinnt einen fatalen Eindruck, dass die Regierenden ihre Energie zum größten Teil dem Machterhalt widmen.  Das kommt bei den Bürgern nicht gut an. 

Kein Wunder, dass Populisten bei den Enttäuschten punkten. Endlich scheint sich jemand für die Sorgen und Ängste der Menschen zu interessieren. Dass es sich hier nur ums Schauspiel handelt – geschenkt. Was man aber unbedingt von den Populisten lernen soll, ist die Bereitschaft die Sorgen und die Ängste aufzugreifen und die gesellschaftlichen Diskussionen anzustoßen. 

Genauso notwendig erscheint mir – wie ich schon erwähnt habe - die fortwährende Bemühung, das Komplizierte verständlich darzustellen. Die Politik muss Menschen mitnehmen, anstatt sie abzuschrecken und auszugrenzen. 

Über das Komplizierte kompliziert zu reden kann fast jeder Depp. In einfachen verständlichen Formulierungen das Schwierige und Verwickelte darzulegen ist dagegen eine große Kunst.