Sonntag, 1. November 2026

Putsch-Versuch von Premier Tusk in Polen

 Chaotische Szenen spielten sich am Freitagabend in Warschau ab. Die Bilder verbreiteten sich rasend schnell auf der ganzen Welt. 

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Sturm auf Verfassungsgericht

Zuerst alarmiert Telewizja Republika, dass die Polizei das Verfassungsgericht stürmt, und berichtet darüber vor Ort. Wieso, weshalb, warum - das weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht, Einschätzungen der Lage reichen von Staatsstreich bis zu von Tomasz Sakiewicz („ein ehemaliger polnischer Oppositioneller, Journalist und Schriftsteller“, laut Wikipedia) geäußerter Vermutung:
„Tusk ist verrückt geworden, er will uns in die Tragödie stürzen.“
Irgendwann im Laufe des Abends klärt sich wenigsten, was der direkte Auslöser von den martialischen Maßnahmen war.  Richterin Korwin-Piotrowska hat mit einer Verfügung Bogdan Święczkowski, Präses (Präsident) des Verfassungsgericht und Bartłomiej Sochański, Vizepräses (Vizepräsident)) suspendiert. Die dürfen das Gericht - ihren Arbeitsplatz - nicht betreten.
„Das Problem besteht aber darin – meldet sich zu Wort auf Plattform „X“ Marcin Matczak, Juraprofessor an der Warschauer Uni -, dass die dienstälteste Richterin nur im Falle der „Handlungsunfähigkeit“ des Präsidenten des Verfassungsgerichts dessen Aufgaben wahrnehmen darf (12.4 des Gesetzes).“
Die suspendierten Richter waren gar nicht "handlungsunfähig". Die Richterin hat (auf Befehl von Premier Tusk – so die allgemeine Lesart) die besagte „Handlungsunfähigkeit“ soeben selbst herbeigeführt.

Noch am gleichen Abend entscheidet sich Präsident Nawrocki, unterwegs nach Senegal, zurückzukehren. Später sickert eine erschütternde Nachricht durch, Tusk wollte seine Landung in Warschau verhindern. Das Militär spielte jedoch nicht mit. 

Von langer Hand

Wie die Plattform „Interia“ und Zeitung „Rzeczpospolita“ berichten, der Angriff auf das Verfassungsgericht war von langer Hand geplant und der Termin bewusst gewählt: am Wochenende, vor dem für Polen sehr wichtigen Feiertag Allerheiligen und während einer Reise von Präsident Karol Nawrocki. Eingeweiht waren angeblich vier Personen in der Regierung und drei bei der Polizei: Marek Boroń, Polizeipräsident, Krzysztof Ogroński, Polizeipräsident von Warschau, und Tomasz Znajdek, sein Stellvertreter. 

Vorbereitungen hat Maciej Berek ausgearbeitet und koordiniert. Das ist ein engster Mitarbeiter von Tusk. Er war Minister in der aktuellen Regierung und wurde neulich zum Verfassungsrichter gewählt. Er sollte dafür sorgen,  dass ins Verfassungsgericht die Rechtsstaatlichkeit wieder einkehrt – so das Narrativ von Tusk.

Wer sich jetzt verwundert die Augen reibt, soll vielleicht in dem schwarz-weißen Bild der Welt von Tusk – er behauptet, dass er zu den Guten, also Weißen gehört – nur die Farben tauschen. Tusk ist ein Diktator in spe und will sein Ziel mit allen Mitteln erreichen. Adrian Vermeule, Juraprofessor aus Harvard, hat das richtig erkannt und benannt. 

Wie geht es weiter? 

Tusk ist absolut nicht an der Lösung der Krise interessiert. Er eskaliert sie bis zum Äußersten. So wurde z.B. bekannt, dass die Polizei mit Maschinengewehren ausgestattet wurde. 

In seiner Ansprache zeigt Tusk gestern offen seine feindliche Einstellung. Er beleidigt den aktuellen und den Ex-Präsidenten, verdreht Fakten und lügt dreist. Daran konnte man sich übrigens schon lange gewöhnen haben. Er spricht - Fakten verdrehend -, u. a. darüber, dass die Richter des Verfassungsgerichts attackiert wurden und er sie von der Polizei beschützen lassen habe. 

Sein Ziel ist die absolute Macht, ohne Opposition. Ja, er will ein Diktator werden. Denn um das Verfassungsgericht und die Rechtstaatlichkeit ging es ihm nie. Und außerdem, er selbst steht am Ursprung des Konflikts, weil er vor Jahren am Ende seiner zweiten Regierung für die vorzeitige und rechtwidrige Wahl von zwei Verfassungsrichtern "vorgesorgt" hat, obwohl erst die nachfolgende Regierung für diese Wahl zuständig wäre. (Darüber habe ich hier, in meinem Blog, oft geschrieben.)

Freitag, 30. Oktober 2026

Das Interview von Ben Berndt mit Björn Höcke vor Gericht

 Es ist ein Mammutsinterview, das über vier Stunden dauert. Nichts Verwerfliches in sich. Und auch nicht aus diesem Grund sollte sich jetzt das Gericht damit auseinandersetzen. Die FAZ fasst den Sachverhalt folgend zusammen:

„Der Podcaster Benjamin Berndt will es wissen. (…) Seine Produktionsfirma habe beim Verwaltungsgericht Köln Klage gegen einen Bescheid der Medienanstalt eingereicht, teilte das Unternehmen mit. Es gehe um die Frage, ob eine Medienaufsichtsbehörde verlangen darf, dass Aussagen von Interviewgästen nachträglich eingeordnet werden.“

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Kausal, aber…

Ich bekunde hier meine Solidarität mit Ben. Meine Argumente diesbezüglich bringe ich am Ende dieses Posts zur Sprache.

Zuerst aber muss ich ein paar Bemerkungen zum Bens Gast loswerden. Ich gestehe, dass Björn Höcke eine Reizfigur für mich ist, und ich weiß nicht, ob ich so ruhig und entgegenkommend zuhören könnte, wie dies Ben tat. Und trotzdem nicke ich zustimmend, als Höcke sagt, dass er „auf Basis von Fakten diskutieren“ wolle. Und ich stimme auch dieser Forderung zu:
„Wir brauchen eine freie, tabulose Aussprache darüber, wer wir sind und wo wir hinwollen als Deutsche.“
Ich bin auch größtenteils dabei, als er gegen die verkrusteten Altparteien zu Felde zieht. Ebenso befürworte ich seine Ablehnung von Zensur. Und wie er sehe ich den Bedarf an grundlegender Reform der EU. Ich nicke auch zu Beginn seine Einschätzung der Ossis: 
"Die sind wacher durch die Diktaturerfahrung, eine andere Mentalität.“
Das kann ich sogar als eine mit Diktaturerfahrung bestätigen. Dann kommt aber ein Satz, wie das Kratzgeräusch von Styropor über Glas:
„Sie sind deutscher, das meine ich ganz positiv."
Hoppla, werden wir wieder Ariernachweise brauchen? Denn das, was Höcke vorbringt, wurzelt leider oft in der Nazivergangenheit: 
„Meine Familie hat einmal die Heimat (Ostpreußen) verloren.“
Er erwähnt zwar die kausalen Zusammenhänge (den Krieg), aber spricht darüber als eine leidende, gekränkte Person. Natürlich wurde er nicht selbst vertrieben (Jahrgang 1972). Was er aber noch zu spüren bekommen haben durfte, war die ablehnende Haltung der einheimischen deutschen Gesellschaft. Das ist vielleicht der Ursprung seiner Faszination für jene, die „deutscher als deutsch“ sind. Seine aus der Zeit gefallene Kränkung ist dabei nicht zu übersehen. Wohin solch ein Gefühl führt, wenn es sich ein Machthaber von ihm leiten lässt, hat man nicht zuletzt bei dem Politiker mit Zweifingerbart gesehen. 
Also, ich glaube nicht, dass in Höckes Welt einen Platz für mich gäbe, weil ich nicht nur zu jenen, die „deutscher als deutsch“ sind, gehöre, sondern überhaupt keine Deutsche und Migrantin bin.

Wieso aber ruft Höcke derart heftige Reaktionen der Mainstream-Politiker und –Medien hervor?

Höcke hält ihnen lediglich den Spiegel vor, oder viel mehr - er ist der Spiegel, in dem sie sich sehen, und zwar nicht nur das, was sie preisgeben wollen, sondern auch das Verborgene: So seid Ihr eben selbst, liebe Altparteipolitiker und Main-Stream-Journalisten. 

Ihr startet stets Ablenkungs- oder Scheindiskussionen und seid an der Wahrheit nicht interessiert. Deswegen glaube ich Euch nicht, wenn Ihr zwar in Sprache und Schrift die Losungen, Parolen und Mottos von Nazis verbietet, aber danach doch handelt. Ihr ruft laut „Nie wieder", aber gleichzeitig erzählt ihr eigentlich nur Höckes Version der Geschichte und versucht stets das Verbrechen zu relativieren (einige meine Posts zu diesem Thema habe ich unten aufgelistet.


Ich hoffe, dass Ben gewinnt, weil …

… ich das Schmierentheater satt habe und (mit Höcke zu sagen) wirklich tabulose Debatten will. Außerdem lehne ich den „Missionierungsauftrag“ für die Journalisten ab: Sie sollen für die gute Sache kämpfen und stets belehren. Dann sind sie jedoch keine Journalisten mehr, sondern Propagandisten oder Politiker. Vor allem aber geht es mir der verpflichtende und sehr gefährliche Konformismus auf den Keks. Die FAZ bemerkt nämlich zum Schluss:
„dass er (Ben) dem Streit um vermeintliche stattliche Zensur, die er und sein Anwalt Steinhöfel behaupten, ganz leicht entginge, wenn er sich selbst zum Beispiel einem Selbstkontrollorgan wie dem Deutschen Presserat anschlösse.“
 „Lass dich also kontrollieren und führen“, lautet die vorgegebene Parole, „dann hast du keine Probleme“. Selbstkontrolle, die man nicht selbst vornehmen darf, sondern sich vielmehr vom staatlich akzeptierten Vertreter kontrollieren lässt, ist eine Konstruktion, die den Kern des Problems veranschaulicht und das Fehlen von echten Debatten sehr gut erklärt. 

Meine Selbstkontrollorgane heißen Hirn und Gewissen. Und Eure?  


Einige meine Posts thematisch verbunden:





Dienstag, 20. Oktober 2026

Mit Julia Klöckner über Extremismus

 Ich lese das wirklich gute Gespräch mit Julia Klöckner (Jochen Buchsteiner, Oliver Georgim „In einer Demokratie darf man auch dummes Zeug reden“ in der FAZ) und freue mich, dass es eine Frau wie sie gibt. 

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Was wir ertragen müssen

Müssen wir den Extremismus ertragen? Was ist überhaupt extremistisch? Bevor ich meine Antwort auf diese Frage liefere, unterschreibe ich mit beiden Händen die folgende Aussage:
„Wir sollten auch nicht alles gleich als extremistisch oder demokratiegefährdend bezeichnen, was nicht die eigene Meinung wiedergibt. Wir müssen ertragen, wenn jemand anders denkt. Und nicht alles, was zugespitzt wird, ist Populismus.“
Das bedeutet genaugenommen: politische Korrektheit ade, Meinungsfreiheit und Verschiedenheit willkommen! Denn political correctness emotionalisiert, meiner Meinung nach, auf eine perfide Art politische Debatten und zwingt uns nicht nur Hobby-Psychologen, sondern auch Hellseher zu spielen. Weil wir die Themen und Ausdrücke meiden sollten, die die Gesprächspartner verletzen könnten.  In diese Kategorie gehört auch das ganze Aufsehen um Bärbel Bas. 

Ich verlange mitnichten, dass man Emotionen bei den Diskussionen ausschaltet. Dennoch wünsche ich mir, dass wir darauf verzichten, damit zu erpressen, oder sachliche Argumente zu ersetzen. 

Aufkleber „extremistisch“

Eigentlich benutze ich kaum den überflüssigen Aufkleber „extremistisch“. Sollte ich dies tun, würde ich eher in die Richtung jener schauen, die bis jetzt die Regierungsverantwortung getragen haben, also zu den sog. Mainstream- oder Altparteien. Sie hatten im Grunde den Angriff auf unser wunderbares Grundgesetz vollzogen. Gibt es denn einen schlimmeren Extremismus, als solchen, der das demokratische Rückgrat des Staates bedroht oder - noch schlimmer - zerstört?

Den Grundpfeiler des GG finden wir im Artikel 20:
„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“
Die Altparteien haben beide Axiome – demokratisch und sozial – weitgehend ausgehöhlt. Das erste – in dem sie breite Massen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen haben (u.a. durch Verarmung und Fremdbestimmung im Fall von Hartz-IV-Empfängern). Das zweite – weil sie den sozialen Staat ad absurdum führten. Das soziale System mit einem enormen Budget erinnert heute an einen Trichter: Es fließt zwar sehr viel hinein, aber es kommt ganz wenig bei den Empfängern an. Dieses System „verfrisst“ die Mittel für eigenen Bedarf und fürs Expandieren. Keineswegs verdient das System das Attribut sozial. Im Gegenteil, es ist übergriffig und rücksichtslos. 

Dieses Monster, drumherum um die fundamentale soziale Komponente erschaffen, können wir uns tatsächlich nicht leisten. Deshalb müssen wir, meiner Meinung nach, u. a. Arbeitsamt und Jobcenter auflösen.

Auf den sozialen Staat dürfen wir aber niemals verzichten. Und jene, die dazu aufrufen, sind - wenn man unbedingt einen Adjektiv nötig hat - extremistisch. 

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Merz-Schmerz, AfD und Demokratie im Schatten der Zukunft

 Die Hauptausgabe der Tagesschau erreicht nach wie vor ein großes Publikum. Gestern waren das 4,406 Millionen Menschen, die u. a. den Kanzler Merz auf Arbeitgebertag sahen und hörten:

"Gesund und fit, abschlagsfrei früher in Rente zu gehen, das ist weder gerecht, noch können die Rentenversicherung und unsere Volkswirtschaft es sich leisten."

Ach je, will Merz, dass wir alle erst, wenn wir erkranken, in Rente gehen? Kann sich dies unser Gesundheitssystem denn leisten?

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Zukunft und der Überblick

Wohin steuert Deutschland? Behält jemand den Überblick? Die Zukunft hat nämlich längst begonnen und beschleunigt soeben. Ich bin keine Hellseherin, kann aber mit großer Zuversicht „vorhersagen“, dass es weniger und nicht mehr Arbeitsplätze geben wird, weil uns Roboter und die KI bereits heute zum Teil ersetzen.

In der Zukunft erbringen die Leistung und erzeugen den Mehrwert nur im geringen Maße die Menschen. Wir müssen daher die Gesellschaft neu denken und nicht auf alte Konzepte beharren. Die Alten immer länger arbeiten lassen, während die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen weiter steigt, ist sowas von gestern! Ich nenne es hirnrissig. 

Bei den aktuellen politischen Diskussionen gewinnt man den Eindruck, dass Politiker an der Macht vor allem um die eigenen gut bezahlten Posten kämpfen, den Bürgern dagegen einen harten Sparkurs verschreiben. Wollen sie wirklich auf die Aufforderungen der Zukunft antworten, oder versuchen sie eher krampfhaft an veraltetem System festzuhalten und es zu zementieren? Nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. In diesen Bereich gehört auch die erbitterte Bekämpfung der aktuell einzigen Opposition – der AfD. Sie sei eine Bedrohung für die Demokratie, hören wir von morgens bis abends. Eine Demokratie ohne Opposition ist jedoch gar keine. Wir brauchen die Opposition, wir brauchen auch mehr Demokratie und Bürgerentscheide in den wichtigsten Fragen für die Korrektur der Ziele.

Zeit läuft ab

Ich skizziere jetzt in groben Umrissen meinen ganz subjektiven Plan: Die unbewegliche, bremsende Staatsmaschinerie – also Bürokratie – muss zum Minimum reduziert werden und zum Teil ganz aufgelöst. Die Arbeitswelt wird sich weitgehend verändern und von besten von uns geführt, in transparenten Verfahren ermittelt. Die Gewerkschaften werden sich auch neu orientieren müssen: nicht Tarifverträge, sondern die Verteilung der Wirtschaftsleistung (von Robotern und KI erwirtschaftet) wird in der Zukunft an der ersten Stelle stehen und jeden Bürger betreffen. Das Wachstum wird auch neu definiert, wie das schon Erich Fromm verlangt hat:
„Das Ziel unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums müsste aufgegeben bzw. durch selektives Wachstum ersetzt werden, ohne das Risiko eines wirtschaftlichen Desasters einzugehen.“
Was passiert mit dem Rest, wenn nur die Besten die Verantwortung tragen? Man kann die Kündigungsschutz lockern, oder sogar ganz abschaffen – unter einer Voraussetzung: einer gerechten Verteilung des insgesamt Erarbeiteten – also, wir kommen nicht ohne das Bedingungslose Grundeinkommen zu recht. Und Bürger selbst (Volksentscheid) müssen über die Höhe entscheiden. 

Die Zeit läuft der Merz-Regierung ab, stellt Klaus Holetschek, CSU, fest. Er erinnert auch an die Aufgaben der Politiker: „Wir sollen die Dinge übernehmen, für die wir gewählt wurden.“

Unbedingt!

Dienstag, 13. Oktober 2026

Polnisch-deutsche Geschichte und Geschichten in Wrocław (Breslau). Teil 3

 Im religiösen Sinne war Polen eine Ausnahmeerscheinung im Ostblock. Der Anteil der Gläubigen von damals schätzt man auf 95 %. Sogar neue Kirchen wurden gebaut, auch wenn es die Auflagen stark erschwerten. 


Zwischen Prag und Preußen

Die Geschichte der St.-Matthias-Kirche (Kościół św. Macieja) neben den Ursulinen (aus dem 2. Teil dieses Posts), beginnt am Anfang des XIII Jahrhunderts. Kurz darauf, im Jahr 1253, lud Herzogin Anna, die Witwe Heinrichs des Frommen (Henryk Pobożny), die Kreuzherren mit dem Roten Stern aus Prag ein und gründete für sie ein Kloster, zudem übergab sie den Ordensbrüdern die Kirche samt Krankenhaus.
„Erst die Besetzung Schlesiens durch Preußen führte zum Untergang des Ordens, dessen letzte Visitation aus Prag im Jahr 1748 stattfand (dabei wurde festgestellt, dass sich im Krankenhaus 6 Männer, 19 Frauen und 32 Studenten aufhielten). Im Jahr 1807 baute man ein Teil des Krankenhauses zu einer Schule um, und bereits 1810 wurde die offizielle Mitteilung über die Auflösung des Ordens in Schlesien zugestellt.“
Die heutige Gestalt verdankt die St.Matthias-Kirche den Umbauarbeiten in den 60ern Jahren des letzten Jahrhunderts – also, während des Kommunismus in Polen. Zeitgleich zog hier die Studentengemeinde „Maciejówka” ein (von Maciej - Matthias - im Volksmund erstellte Name). Die geistliche oder religiöse Begleitung von Studenten gab es in der Stadt aber bereits nach dem II. Weltkrieg.

St.-Matthias-Kirche (Kościół św. Macieja)



Zufluchtsort des unabhängigen Denkens

Auf der Homepage von „Maciejówka“ erinnert man an den Priester für Studenten, Stanisław Mirek. der nach dem Krieg aus Lemberg (Lwów) hierher kam, wie viele aus den wissenschaftlichen Kreisen in Breslau (Wrocław). 
„Er gründete die Stiftung „Caritas Academica“. Diese Organisation sammelte Spenden für Kleidung, Mahlzeiten, Unterkünfte und Urlaub für bedürftige Studenten. (…) Einer der Briefe, in denen er die Kirchenleitung um die Genehmigung für eine Spendensammlung bat, führte 1950 zu seiner Festnahme. Mirek wurde beschuldigt, Informationen über die politisch-religiöse Lage im Land gefälscht zu haben; als Beweis diente eben sein Brief an den Pfarrer der St.-Elisabeth-Gemeinde. (…) Während der Verhöre wurde Pater Stanisław gefoltert. Er wurde zur Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren verurteilt.“
Die Kirche spielte im kommunistischen Polen auch die Rolle der politischen Opposition, die eigentlich verboten war. Dennoch trauten sich die Kommunisten nicht, die Kirche ganz zu verbieten.
„Nachdem sie ihre Position in der Nachkriegszeit auf der politischen Bühne gefestigt hatten, begannen die Kommunisten im Herbst 1947 einen bis 1956 andauernden Kampf gegen den Einfluss der Kirche. Man versuchte, die Kirche an den Rand des öffentlichen Lebens zu drängen und nach 1950 in ihre Strukturen einzudringen, um sie von innen heraus zu zerschlagen. Dieses Ziel wollten sie mit verdeckten und offenen Formen des rechtlich-administrativen Terrors erreichen. (…) All diese Maßnahmen der Machthaber veranlassten den Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński,  am 14. April 1950 das Abkommen zu unterzeichnen, in dem sich die Kirche bereit erklärte, die Kollektivierung „nicht zu behindern“, und der Verurteilung des „Banditentums“ zuzustimmen. „Banditentum“ (bandytyzm) bedeutet hier bewaffnete Aktionen von Untergrundkämpfern  für die Unabhängigkeit.“
Hochschulgemeinden blieben dennoch ein wichtiger Zufluchtsort des unabhängigen Denkens und  inoffiziellen intellektuellen Lebens und erfreuten sich eines großen Zulaufs. 

Heute fungiert „Maciejówka“ als Zentrale Stätte Hochschulgemeinden (Centralny Ośrodek Duszpasterstwa Akademickiego).

„Maciejówka“




Vratislav - Wrocław – Breslau

Der polnische Name „Wrocław“ ist in Deutschland wenig geläufig. Wenn ich dann im Gespräch Breslau erwähne, höre ich oft als Reaktion „Ach, unsere deutsche Stadt!“ Nicht ganz. Die Geschichte belehrt uns eines Besseren: Am längsten gehörte die Stadt den Tschechen - über 400 Jahre, Polen herrschten hier zwischen 350 bis 400 Jahre lang, am kürzesten – die Deutschen, ungefähr 200 Jahre.

Tschechen leiten den von ihnen gebrauchten Stadtnamen Vratislav von einem Fürsten, den sie für den Gründer halten:
„Die Stadt wurde um das Jahr 900 vom tschechischen Fürst Vratislav auf einer Insel des Flusses Oder gegründet, schon im zehnten Jahrhundert ging sie aber in die Herrschaft der polnischen Fürsten aus der Piast Familie über, bis sie vom Herzog Heinrich V. dem tschechischen König Johann von Luxembourg vermacht wurde. Seit dem Jahr 1335 war die Stadt mit dem umliegenden Herzogtum ein Teil des tschechischen Königreiches, davon zeugt der tschechische zweischwanzige Löwe, den man nicht nur im Stadtwappen von Wroclaw findet.“

Vorausgehend:


Freitag, 9. Oktober 2026

Polnisch-deutsche Geschichte und Geschichten in Wrocław (Breslau). Teil 2

 Vielleicht klappt es diesmal, sagte ich mir erneut nach der Lektüre einer Lokalzeitung, unterwegs zum historischen Naturpflaster aus Granit. Der Aufmacher von „Gazeta Wrocławska“ berichtete am 21.09. über einen „heftigen Streit mit dem Denkmalpfleger (konserwator)“. Die Pomorska-Straße wurde erst vor zwei Jahren gründlich erneuert und jetzt verwandelt sich schon wieder in eine große Baustelle. Denn das besagte Steinpflaster sinkt am Gleisbett ein. Für Daniel Gibski, den „Beschitzer“ der historischen Substanz der Stadt, sind nicht die alten Steine das Problem, sondern die Art, wie man die Arbeiten durchgeführt hat.



Halle mit mächtigen Bögen

Ob alt oder neu, an Pflastersteinen mangelt es in der Pomorska-Straße nicht:



Welche sind aber historisch? Ich frage nach. Der Arbeiter zögert, er habe noch nichts davon gehört. Und fügt entschuldigend hinzu, er arbeite nur an den Gleisen. Dann zeigt er auf die Steine am Rande des Weges: Die hier sehen alt aus.


Wirklich? Dessen bin ich mir nicht sicher, also gebe ich auf und schreite weiter auf den mehr oder weniger alten Steinen zur historischen Markthalle – Hala Targowa. Sie wurde auf der Stelle des früheren Arsenals Piaskowy von 1906 bis 1908 gebaut:



„Für den architektonischen Entwurf waren Richard Plüddemann und Friedrich Friese verantwortlich. Die Konstruktion projektierte Heinrich Küster. Es war seine Idee eben, mächtige Stahlbetonbögen einzusetzen, was das Gebäude zu einem der interessantesten Beispiele der damaligen Gebrauchsarchitektur machte.“

Die heute steril wirkende Halle versprühte früher einen beinahe mittelalterlichen Charme. Vor ihren Toren standen alte Frauen (Hexen?) mit Blutegeln in den Flaschen oder Gläsern. Drinnen sparte man eindeutig mit der Beleuchtung, was eine günstige Umgebung für die dunkelsten Geschäfte erschuf. Die Ware, die man dort angeboten hat, war spotbillig, wahrscheinlich überhaupt die billigste in der Stadt. Das war einmal.

Schule als Ausnahme 

Direkt gegenüber befindet sich das Haus der philologischen Fakultät mit einer sehr langen Geschichte. Nach dem Tatarenüberfall auf Polen begann man um das Jahr 1256 ein Kloster für die Franziskaner zu bauen, das die Besitzer oft wechselte, bevor es 1815 säkularisiert und der Sitzt des Ober-Landes-Gerichts wurde. 1965 brachte man dann in dem Gebäude die Fakultät unter.



Religiös geht es aber in dieser Straße weiter, u. a. im Kloster der Ursulinen und ihrem Allgemeinbildenden Lyzeum (Liceum Ogólnokształcące). Diese Schule gehörte seit 1946 zu den wenigen privaten Bildungsanstalten im kommunistischen Polen. Ab 2014 dürfen hier auch Jungs lernen. 




Die Fortsetzung kommt.


Vorausgehend    Teil 1

Nachfolgend      Teil 3

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Polnisch-deutsche Geschichte und Geschichten in Wrocław (Breslau). Teil 1

 Als ich über einen historischen hölzernen Gully (studzienka) las, den man bei den Gleisarbeiten unweit vom Hauptbahnhof an der Kreuzung von Straßen Peronowa und Stawowa entdeckt hat, dachte ich, dass die Geschichte uns zu Füßen liegt, oder – genau gesagt – unter den Füßen. 

Ich will diesen stummen Zeitzeugen persönlich „kennenlernen“. Vor Ort schaut mich ein Aufseher staunend an: Er wisse von nichts. Wie sollte den dieses Ding aussehen? Rosa? – scherzte er.  Zur Zeit meiner Besichtigung dauern noch die Arbeiten (am 26.09. beendet), daher kann ich nicht selbst nachgucken. Unverrichteter Dinge ziehe ich weiter. Die Stadt hat ja in puncto Geschichte genug zu bieten.



Oben Märchen, unten Anstifter

Touristen wie Einwohner flanieren unter dem Torbogen, der zwei alte Häuser am Rande des Marktplatzes verknüpft, und die meisten wissen nicht, dass sie auf den mittelalterlichen Rebellen trampeln.

Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel)

Marktplatz

Marktplatz

Diese zwei zusammengeschlossenen kamieniczki (Bürgerhäuser) heißen Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel), wobei das größere Haus den weiblichen Namen trägt. Benannt wurden sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Menschen, die sich beim Anblick an das Märchen der Gebrüder Grimm erinnerten. Unter der friedlichen Oberfläche der verbindenden Arkade ruhen widerständige Handwerker.

Im Mittelalter verfügte Wrocław über Autonomie gegenüber dem tschechischen König Wacław IV (Wenzel), dem die Stadt direkt unterstand, und über ausgebaute Selbstverwaltung. Handwerker wollten auch „mitmischen“. 1418 zettelten sie einen Aufstand an.
„Sie eroberten das Rathaus und ermordeten alle anwesenden Ratsherren, Schöffen und Ältesten, zusammen mit dem amtierenden Bürgermeister Mikołaj Freyberg. Die einen töteten sie auf der Stelle, die anderen führten sie hinaus und enthaupteten sie am Pranger (den flüchtenden Jan Megerlin überwältigten sie und stürzten ihn vom Turm). Die Aufständischen brachen im einverleibten Rathaus die Truhen mit Geld und Dokumenten auf (ein Teil davon wurde zerstört), nahmen Waffen ein und befreiten auch die Gefangenen.“
Rathaus

Rathaus

Pranger

Vorerst waren sie erfolgreich. Aber nach zwei Jahren verhängte der Nachfolger von Wenzel, Sigismund von Luxemburg, harte Strafen: Dreißig Anstifter wurden zum Tode verurteilt, genauso viele zur Verbannung. Die Hingerichteten bestatte man nicht auf dem Friedhof, sondern unter dem Weg, der dafür eingerichtet, vom Torbogen zwischen „Jaś“ und „Małgosia“ zum Eingang der St.-Elisabeth-Kirche führte.

St.-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche

St-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche

Tor zum Leben

Die St-Elisabeth-Kirche wurde und wird immer noch meist Garnisonskirche genannt. Ihre Geschichte beginnt im Mittelalter (Anfang des XIV. Jahrhunderts gebaut), ist abwechslungsreich (eine Zeitlang war das ein evangelisches Gotteshaus) und mit Katastrophen gespickt. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont erlitt die Kirche zwei verehrende Brände in den kommunistischen (realsozialistischen) Zeiten (1975, 1976). Der vom 9.06.1976 war am schlimmsten. Über Ursachen mutmaßt man bis heute. Eine Brandstiftung konnte man nicht nachweisen. Gerüchte schossen ins Kraut. In einer Version beschuldigte man deutsche Touristen, die auf diese Weise einen Diebstahl vertuschen haben sollten. 

Hinter „Jaś“ und „Małgosia“ und vor der Kirche lag bis zum XVIII. Jahrhundert ein Friedhof. Den Torbogen ergänzte damals noch eine Pforte. Geblieben ist an der Spitze der Arkade in der Kartusche die lateinische Inschrift „Mors Janua Vitae“: „Der Tod ist das Tor zum Leben“. Natürlich nur, wenn man daran glaubt.



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