Viktor Orbán hat verloren und die Freude ist groß, nach dem Motto: „Der König ist tot, lang lebe der König“. Natürlich freuen sich nicht alle. Es liegt in der Natur der Sache. Aus einer Wahl gehen meist ein Sieger und ein Verlieren hervor. Manchmal endet es aber eher mit „unentschieden“ wie in Deutschland.
Mit Akzent
Blog von Grazyna Gintner
Montag, 13. April 2026
Demokratie in Ungarn und anderswo
Mittwoch, 8. April 2026
Fahimi versus Klingbeil oder die Suche nach Schärfe
Gewerkschaften sind politische Akteure. Sie waren es immer. Und manchmal verändern sie politisch die ganze Welt, wie die polnische "Solidarność", die den Zusammenbruch des Ostblocks eingeleitet hat.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund zählt (nach eigenen Angeben von 2025) fast 5,5 Millionen Mitglieder (2010 waren es noch: 6.047.503). Das ist viel mehr als Parteien der regierenden Koalition zusammenhaben: CDU - 365.000, CSU - 130.000 und SPD - 357.000. Wenn also Yasmin Fahimi, die DGB-Vorsitzende, den Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil kritisiert, hat ihre Kritik durchaus politische Relevanz.
„Das passt alles nicht zusammen“
Zu Recht widerspricht Fahimi dem Vizekanzler, der Mehrarbeit verlangt. In Deutschland arbeite man genug, stellt sie fest. Ihre Aussage kann ich um eine folgende ergänzen: In Deutschland leisten Arbeiter außerdem viel zu viele unbezahlte Überstunden.
In einem Gespräch mit Lilly verweist Fahimi überdies auf die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen der Zukunft und der aktuellen Situation. In der Zukunft werde man Fachkräfte brauchen. Zurzeit haben wir aber eine andere Lage:
"In einer Zeit, in der viele Beschäftigte in einer Kurzarbeit geschickt werden oder sogar ihren Arbeitsplatz verlieren und nach einem neuen suchen, erzählen einige in der Bundesregierung, der Kanzler höchstpersönlich, „Geht mal mehr arbeiten!“. Wir haben eine Million offene Stellen und drei Millionen Arbeitslose. Also, das passt alles nicht zusammen."
Während Fahimi die Realität beschreibt, versuchen Klingbeil und Merz auf einem einfachsten und schnellsten Weg – ihrer Meinung nach – Geld zu beschaffen. Die Arbeiter scheinen ihnen dabei ziemlich egal zu sein. Anders als Fahimi:
"Wir schleifen den 8-Stunden Tag, Mitbestimmung, soziale Rechte, alles irgendwie obsolet. Davon wird Arbeit ja nicht produktiver, sondern sie wird einfach nur unsicherer und ungesunder."
Wenn aber die Arbeit ungesunder wird, kommen zusätzliche Kosten auf den Staat: kranke Arbeiter kosten einfach mehr und nicht weniger. Wenn man an der falschen Stelle spart, muss man an der anderen draufzahlen. Der Weg zurück in die Versklavung der Arbeiter ist eindeutig falsch.
Kleinteilige Kompromisse
Fahimi kritisiert auch die ganze SPD und rät der Partei, ihr Profil zu schärfen, statt sich in „kleinteiligen Kompromissen zu verlieren“. Zu der Schärfung gehöre eindeutig die soziale Gerechtigkeit. In diesem Punkt stimme ich Fahimi auch zu.
Dennoch glaube ich, dass nicht nur die SPD, sondern auch Gewerkschaften an ihrem Selbstverständnis arbeiten müssen. So erscheinen mir zum Beispiel Tarifversträge etwas antiquiert. Sie führen eben zu „kleinteiligen Kompromissen“ von Gewerkschaften und Arbeitgebern.
Um die Position der Arbeiter zu stärken – und das ist im Interesse aller – soll die ganze Gesellschaft über den Mindestlohn abstimmen, also ihn kontrollieren und festsetzen, aber zugleich auch die wilden Auswüchse bei den Manager-Gehältern beschneiden und sie an den Mindestlohn koppeln – steigt der Mindestlohn, steigt auch proportional der Verdienst von Chefs.
Die Tarifverträge – der heilige Gral der Gewerkschaften – sind nicht mehr zeitgemäß in einer schnelllebigen Welt, wechselnden Arbeitsstellen, Orten und Zeiten.
Donnerstag, 2. April 2026
Morawiecki und Kosiniak-Kamysz - eine normale Diskussion zwischen Fronten
Sie treffen sich nicht zum ersten Mal öffentlichkeitswirksam. Früher in einer anderen Konstellation: da war Mateusz Morawiecki der regierende Premier und Władysław Kosiniak-Kamysz (der aktuelle Vizepremier und Verteidigungsminister) in der Opposition.
Gemeinsamer Nenner
In Jasionka bei Rzeszów sitzen die beiden auf dem Podium wieder zusammen und diskutieren über Polen.
„Selten haben wir die Gelegenheit, normal zu diskutieren – sagt Kosiniak-Kamysz. – Wir haben uns irgendwann verirrt. Daher hoffe ich jetzt auf etwas Normalität.“
Die Normalität bedeute den Dialog, Diskussion und Streit, auch wenn man zu verschiedenen politischen Lagern gehöre. Was die politischen Gegner dennoch einigen solle, sei der gemeinsame Nenner in puncto Staatsräson.
„Denn für mich geht es in der Politik um das umsichtige Handeln zum Wohle der Allgemeinheit und nicht um wildes Gerangel - koste es, was es wolle“ - erklärt Kosiniak-Kamysz und fügt hinzu – Der zeitlose Kerngedanke (wektor ponadczasowy) ist die Errichtung eines starken, sicheren Polens (budowa silnej, bezpiecznej Polski).“
Genauso sieht die wichtigste Priorität Mateusz Morawiecki. Er betont aber die Notwendigkeit der Selbstbestimmung:
„Wir müssen besonders die Stärke der polnischen Armee und der polnischen Rüstungsindustrie gewährleisten. Allianzen (sojusze) sind zwar sehr wichtig, aber in erster Linie müssen wir auf uns selbst zählen, weil es zu viele historische Beispiele dafür gibt, dass wir unsere Souveränität und unsere Freiheit verloren, als wir uns auf andere verlassen haben und keine starke polnische Armee besaßen.“
Out, down, in
Die EU sei keineswegs eine gutmütige Tante (dobra ciocia), stellt Morawiecki fest und spricht sich dagegen, dass die EU-Partner Polen ausnutzen. Er strebe ein Modell an, das man als primus inter pares, also gleicher unter gleichen, beschreiben kann.
Kosiniak-Kamysz vertraut dagegen den europäischen Verbündeten uneingeschränkt und stichelt:
„Sie vielleicht weniger, aber Ihre Kollegen von der PiS sind geradezu besessen vom Thema Deutschland.“
Für seine Riposte bemüht Morawiecki einen Spruch aus den Zeiten der NATO-Entstehung:
„Die NATO wurde gegründet, wie das der erste Generalsekretär Hastings Ismay formulierte, um die Sowjetunion damals – heute würden wir sagen: Russland – ‚out‘ zu halten (außerhalb Europas, außerhalb unseres Sicherheitssystems), die Deutschen ‚down‘, das heißt, damit sie den Kopf nicht zu hoch erheben, und die Vereinigten Staaten ‚in‘, damit sie innerhalb dieses Systems bleiben.
Ich habe leider den Eindruck, dass ein Teil der Verbündeten der aktuellen Regierungskoalition aus Westeuropa versucht, die Vereinigten Staaten hinauszudrängen (Ich erinnere mich an Diskussionen im Europäischen Rat). Das bedeutet, die Vereinigten Staaten sollen „out“ sein und nicht „in“, während man mit Russland wieder zum „business as usual“ zurückkehren will. Und Deutschland soll an Stärke gewinnen. Solange Deutschland wirtschaftlich an Stärke gewinnt und wir davon ebenfalls profitieren, habe ich allerdings nichts dagegen.“
„Wir stimmen dafür!“
Folgerichtig spricht sich Morawiecki gegen den von der Tusk-Koalition begehrten SAFE-Kredit aus und für das Projekt von Präsident Nawrocki.
Die bis dato unüberbrückbaren Differenzen lassen sich – wie man in der Diskussion in Jasionka erfährt - anscheinend umgehen. Denn auf dem Tisch liegt ein drittes SAFE-Projekt. Es ist der 0%-SAFE-Vorschlag der PSL (Polnische Volkspartei oder Polnische Bauernpartei), die Kosiniak-Kamysz anführt.
Morawiecki begrüßt dieses Projekt und verspricht:
„dass wir für diesen Gesetzesentwurf stimmen werden, selbst wenn ein Teil Ihrer Koalition dagegen stimmen sollte, weil er die von allen Bürgern angesammelten Reserven der Polnischen Nationalbank nutzt – das ist Ihr Geld (Morawiecki zeigt auf das Publikum). Es ist sinnvoll, es zu nutzen, ohne die Staatsverschuldung zu erhöhen“
Montag, 30. März 2026
Merz, Frauen und das Promipaar
Aus dem absolut berechtigten Satz von Gisèle Pelicot "Die Scham muss die Seite wechseln", lässt sich keineswegs ein Generalverdacht gegen Männer konstruieren. Das Unrecht andersherum - also die Diskriminierung von Männern - bleibt ein genauso schlimmes Unrecht wie gegenüber von Frauen. Ich möchte nur so viel vorwegschicken.
Iran 2.0
Kanzler Merz will über Gewalt gegen Frauen nicht nur diskutieren, sondern auch die rauen Tatsachen verändern. Gut so! Er verbindet die Debatte mit Migration und Islam:
„Ich wundere mich immer wieder darüber, wie zum Beispiel die Grünen mit einer unglaublichen Pose für Gleichberechtigung und für Frauenrechte einstehen, und dann werden sie plötzlich ganz still, wenn es mal darum geht, mal über das Familienbild im Islam zu sprechen und mal darüber offen zu sprechen, was da denn auch für ein Frauenbild in diesen Gesellschaften teilweise herrscht“
Die Kritik nach solch einem Statement überrascht nicht wirklich. Merz spricht als Politiker über ein Thema, das andere tunlichst vermeiden und wenn sie es trotzdem tun, dann kommt sowas wie die 24 Punkte zur Unterstützung für den Islam oder genaugenommen ein Antrag der Grünen „Vielfältiges muslimisches Leben in Deutschland fördern.“ Und wieso, wenn ich fragen darf, wollen die Grünen keine Katholiken und Evangelischen unterstützen? Beide Kirchen brauchen doch dringend irgendeinen Beistand; sie haben eine große Zahl von Mitgliedern verloren.
Eine andere, viel wichtigere Frage lautet: Wann haben wir die Trennung zwischen Staat und Religion aufgehoben? Religion ist Privatsache und sie soll auch weiter privat bleiben, sonst haben wir hier bald Iran 2.0.
„Es müsse in Ordnung sein …
Zurück zu Frauen. Dem Kanzler pflichtet die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei. Sie hat eine Menge Ahnung, was Religionen betrifft, weil sie katholische Theologie und außerdem Politikwissenschaft sowie Pädagogik studiert hat (und schloss das Studium mit dem Grad der Magistra Artium ab):
„Es müsse in Ordnung sein, alle Facetten von Gewalt gegen Frauen anzusprechen, "ohne dass man als rassistisch abgestempelt wird".
Sie zählt dann auf, worüber wir sprechen müssen: Zwangsehen, Gruppenvergewaltigungen und Übergriffe in sozialen Einrichtungen. Ich stimme ihr voll und ganz zu!
Der Islam führt uns vor Augen, wie wir als Gesellschaft mal Frauen behandelt haben, also unser eigenes Bild aus der nicht zu weit entfernten Vergangenheit. Da wollen wir aber bestimmt nicht wieder hin.
Genauso wenig kann eine Gesellschaft an der Rückkehr zur Selbstjustiz interessiert sein. Bevor wir also die Partei für Collien Fernandes und gegen Christian Ulmen oder umgekehrt ergreifen, sollen wir lieber den Tee trinken und das Urteil des Gerichts abwarten.
Montag, 16. März 2026
Wieso will Tusk unbedingt den SAFE-Kredit und warum lehnt Nawrocki ihn ab?
Premier Tusk tobt auf der Plattform X und warnt vor Polexit, Außenminister Sikorski und Innenminister Kierwiński (beide gehören der PO, der Partei von Tusk, an) beschuldigen den Präsidenten Nawrocki des Verrats. Die Regierungskoalition fährt schweres Geschütz auf, nachdem der Präsident ein Veto gegen SAFE-Kredit verkündet hat.
Was fließt, kann auch schnell verfließen
„Das Vorgehen des Präsidenten als Oberbefehlshaber der Streitkräfte kann man tatsächlich als Landesverrat betrachten. Er sollte die polnische Armee schützen und unterstützen. Stattdessen schadet er der Armee und der Sicherheit von Polen, weil er nur im parteipolitischen Interesse von Jarosław Kaczyński agiert.“
„Das muss also bedeuten, Deutschland ist gegen die EU. Das ist absurd.“
„Wir haben ein gigantisches Verteidigungsbudget, auf dem Niveau von Israel, der Türkei oder der Ukraine. Daher frage ich die Regierungskoalition: Wo ist dieses Geld?“
„Ich bin überzeugt, dass das Geld (SAFE-Kredit), wenn es nach Polen fließt, vergeudet wird.“
Was hat Putins Spion mit SAFE zu tun?
„Es wird jährlich der Stand der Rechtsstaatlichkeit kontrolliert und als Bericht präsentiert. Wie das funktioniert wissen wir bereits. Im Jahr 2023 erschien ein solcher Bericht, in dem man behauptete, Polen habe gegen die Rechtsstaatlichkeit verstoßen (und deswegen wurden die Mittel aus dem Wiederaufbaufonds blockiert) , weil Journalisten in Polen angeblich Schwierigkeiten bei der Ausübung ihrer Arbeit haben. Um welche Schwierigkeiten ging es? (Jaki zitiert aus dem Bericht:) Der unabhängige Journalist Pablo Gonzalez wurde im Jahr 2020 von den polnischen Behörden festgenommen. Wir müssen aber unbedingt erinnern, dass es sich hier um einen Spion von Putin handelt.“
Freitag, 13. März 2026
EU-Rüstungskredit SAFE: Großzügige EU und undankbares Polen?
Eine einfache Frage vorneweg. Habt Ihr jemals gesehen, dass ein Kreditgeber – also eine Bank – jemandem einen Kredit unbedingt aufzwingen wollte? Nein? Ich auch nicht. Im Falle des EU-Rüstungskredits scheint das aber der Fall zu sein. Da kommt der Verdacht, dass es hier nicht wirklich um die Großzügigkeit geht, sondern um etwas anderes.
Das Auto zeigen
„Das ist genau das Auto mit Premier Donald Tusk auf dem Rücksitz. Sie sehen diesen Moment live: Darauf haben wir gewartet, bis es endlich passiert und der Premier abfährt. Wir zeigten dies im Fernsehsender TVP Info als die Ersten ”, sagte der deutlich aufgeregte Journalist.“
„Ich verstehe aber, dass das Auto zu zeigen wichtiger war, als das, was ich hier vortrage“, scherzte er.
Konditionen für die Souveränität
„Auch wenn das Geld aus Brüssel nach Polen fließt, erfolgt die technische Abwicklung woanders. Die Provisionen aus jeder Transaktion gehen an das französische System TELSAT und die deutsche Plattform Eurex.Hinter diesen Institutionen stehen globale Konzerne wie BlackRock oder Fidelity. In der Praxis bedeutet dies, dass die polnischen Sicherheitsausgaben zu einer ständigen Einnahmequelle für die größten Investmentfonds der Welt werden, die die Börseninfrastruktur in Frankfurt und Paris kontrollieren.“
Sonntag, 8. März 2026
Przemysław Czarnek ist PiS-Spitzenkandidat – deutsche Medien schießen sich auf ihn ein
Die PiS-Partei hat gestern Przemysław Czarnek zum Spitzenkandidat gekürt. Er solle der nächste Premier werden. Auch die deutschen Medien berichten darüber. Oder eher schießen sich bereits auf ihn ein.
Schwarzes Bild
Dynamisch und kreativ
„Er hat einfach Eigenschaften, die für die gegenwärtige Situation unerlässlich sind: dieser enorme Dynamismus, rhetorisches Talent, Belastbarkeit, auch Belastbarkeit gegen Angriffe, Kreativität.“(„On po prostu ma takie zalety, które dla obecnej sytuacji są nie do zastąpienia: ten ogromny dynamizm, talent krasnomówczy, odporność, także odporność na ataki, pomysłowość."
„Schwierige Zeiten erfordern einen starken Menschen. Ich glaube, das ist der Grund für die Entscheidung von Jarosław Kaczyński.“
("Na trudne czasy musi być silny człowiek. Wydaje mi się, że stąd ta decyzja Jarosława Kaczyńskiego.")
„Die durchschnittlichen normalen Polen das sind Mama und Papa, Oma und Opa. Und sie alle, diese einfachen Polen, halten dieses Land – Polen – aufrecht, trotz allem, was Tusk und sein Team tun, trotz dieses Erstickens von Polen. Die einfachen Polen halten dieses Land Tag für Tag aufrecht. Und wir müssen diesen normalen Polen helfen, denn Polen gehört nicht den Politikern. Polen gehört allen Polen.”



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