Mittwoch, 7. Oktober 2026

Polnisch-deutsche Geschichte und Geschichten in Wrocław (Breslau). Teil 1

 Als ich über einen historischen hölzernen Gully (studzienka) las, den man bei den Gleisarbeiten unweit vom Hauptbahnhof an der Kreuzung von Straßen Peronowa und Stawowa entdeckt hat, dachte ich, dass die Geschichte uns zu Füßen liegt, oder – genau gesagt – unter den Füßen. 

Ich will diesen stummen Zeitzeugen persönlich „kennenlernen“. Vor Ort schaut mich ein Aufseher staunend an: Er wisse von nichts. Wie sollte den dieses Ding aussehen? Rosa? – scherzte er.  Zur Zeit meiner Besichtigung dauern noch die Arbeiten (am 26.09. beendet), daher kann ich nicht selbst nachgucken. Unverrichteter Dinge ziehe ich weiter. Die Stadt hat ja in puncto Geschichte genug zu bieten.



Oben Märchen, unten Anstifter

Touristen wie Einwohner flanieren unter dem Torbogen, der zwei alte Häuser am Rande des Marktplatzes verknüpft, und die meisten wissen nicht, dass sie auf den mittelalterlichen Rebellen trampeln.

Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel)

Marktplatz

Marktplatz

Diese zwei zusammengeschlossenen kamieniczki (Bürgerhäuser) heißen Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel), wobei das größere Haus den weiblichen Namen trägt. Benannt wurden sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Menschen, die sich beim Anblick an das Märchen der Gebrüder Grimm erinnerten. Unter der friedlichen Oberfläche der verbindenden Arkade ruhen widerständige Handwerker.

Im Mittelalter verfügte Wrocław über Autonomie gegenüber dem tschechischen König Wacław IV (Wenzel), dem die Stadt direkt unterstand, und über ausgebaute Selbstverwaltung. Handwerker wollten auch „mitmischen“. 1418 zettelten sie einen Aufstand an.
„Sie eroberten das Rathaus und ermordeten alle anwesenden Ratsherren, Schöffen und Ältesten, zusammen mit dem amtierenden Bürgermeister Mikołaj Freyberg. Die einen töteten sie auf der Stelle, die anderen führten sie hinaus und enthaupteten sie am Pranger (den flüchtenden Jan Megerlin überwältigten sie und stürzten ihn vom Turm). Die Aufständischen brachen im einverleibten Rathaus die Truhen mit Geld und Dokumenten auf (ein Teil davon wurde zerstört), nahmen Waffen ein und befreiten auch die Gefangenen.“
Rathaus

Rathaus

Pranger

Vorerst waren sie erfolgreich. Aber nach zwei Jahren verhängte der Nachfolger von Wenzel, Sigismund von Luxemburg, harte Strafen: Dreißig Anstifter wurden zum Tode verurteilt, genauso viele zur Verbannung. Die Hingerichteten bestatte man nicht auf dem Friedhof, sondern unter dem Weg, der dafür eingerichtet, vom Torbogen zwischen „Jaś“ und „Małgosia“ zum Eingang der St.-Elisabeth-Kirche führte.

St.-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche

St-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche

Tor zum Leben

Die St-Elisabeth-Kirche wurde und wird immer noch meist Garnisonskirche genannt. Ihre Geschichte beginnt im Mittelalter (Anfang des XIV. Jahrhunderts gebaut), ist abwechslungsreich (eine Zeitlang war das ein evangelisches Gotteshaus) und mit Katastrophen gespickt. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont erlitt die Kirche zwei verehrende Brände in den kommunistischen (realsozialistischen) Zeiten (1975, 1976). Der vom 9.06.1976 war am schlimmsten. Über Ursachen mutmaßt man bis heute. Eine Brandstiftung konnte man nicht nachweisen. Gerüchte schossen ins Kraut. In einer Version beschuldigte man deutsche Touristen, die auf diese Weise einen Diebstahl vertuschen haben sollten. 

Hinter „Jaś“ und „Małgosia“ und vor der Kirche lag bis zum XVIII. Jahrhundert ein Friedhof. Den Torbogen ergänzte damals noch eine Pforte. Geblieben ist an der Spitze der Arkade in der Kartusche die lateinische Inschrift „Mors Janua Vitae“: „Der Tod ist das Tor zum Leben“. Natürlich nur, wenn man daran glaubt.



Freitag, 2. Oktober 2026

Kerkeling vs. Maaßen: Pro und Contra zum AfD-Verbot

 Die AfD solle verboten werden. Bei der Anhörung im Thüringer Landtag ist Hape Kerkeling ganz ernst. Außerdem auch pathetisch, als er im hochdramatischen Stil mahnt: 

"Wer Rechtspopulisten wählt, wählt nicht Protest, der ruiniert wissentlich oder unwissentlich seine eigene Zukunft und die seiner Kinder. Wer Extremisten wählt, übt keinen legitimen Protest, sondern feiert die Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke."

In dieser Äußerung stimmt so viel wie nichts.

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Keineswegs geprüft

Kerkelings Rede steht und fällt mit der Grundannahme, dass die Einschätzung des Verfassungsschutzes, die AfD sei gesichert rechtsextremistisch, eine „geprüfte Rechtslage“ wiedergibt. 

Nein, das tut sie nicht. Hape Kerkeling irrt. Es handelt sich hier eben NICHT um eine geprüfte oder verbindliche Rechtslage, weil der Verfassungsschutz kein Gericht, sondern eine Behörde ist. Folglich kann diese Behörde lediglich Bewertungen oder Prognosen erstellen, aber keine rechtskräftigen Urteile.

Außerdem ist die Fokussierung der Geschichtsbelehrung auf die AfD grundsätzlich falsch. Nazinostalgiker gibt es in allen Parteien und Schichten der Gesellschaft. Ich lebe hier lang genug, um dies mit Sicherheit festzustellen. 

Nicht die Aufgabe

Hans-Georg Maßen, der „nüchterne Jurist“, erinnert zu Recht, was maßgebend für das mögliche Parteiverbotsverfahren ist: „Fakten, Fakten, Fakten.“ 

„Man braucht Fakten, keine Behauptungen, keine Emotionen und keine politischen Forderungen.“

Da stimme ich ihm hier zu. Die Diskussion über die AfD verläuft nicht sachlich, sondern hochemotional, sogar hysterisch, und strotzt nur so von Halbwahrheiten und manipulativen Thesen. 

Maaßen sieht übrigens die Gefahr auf beiden extremen Seiten:

„Für Extremismus, Nationalsozialismus und Sozialismus darf es in Deutschland keinen Platz geben.“

Wenn man schon über ein Verbot reden wolle, sollte man zuerst über die Linke sprechen.

Ich teile mit ihm auch die folgende Ansicht:

„Ich bin der Überzeugung, dass es nicht die Aufgabe eines Inlandsnachrichtendienstes ist, eine Partei zu überwachen.“

In diesem Duell hat mich Maaßen überzeugt. Was Hape Kerkeling betrifft, richte ich an ihn eine Bitte: Schuster, bleib bei deinem Leisten!


Dienstag, 29. September 2026

Gefährlich, gefährlicher, Premier Donald Tusk

Inspiriert vom „Spiegel“, der einen nach dem anderen AfD-Politiker zum gefährlichsten erklärt, springe ich über die Grenze und schaue mich dort nach einem entsprechenden Kandidaten um. Obwohl ich im Grunde gar nicht suchen muss. Ich weiß doch längst, wer das ist.

Ich habe mal Donald Tusk, den polnischen Premier, mit James Moriarty verglichen. Also, mit einer fiktiven Figur. Leider ist Tusk real und wütet weiter in Polen. Ständig legt er dabei falsche Fährten, verdeckt sich ungeniert mit einem Schafpelz und gibt sich betont locker im Stil der früheren kommunistischen Apparatschiks - „wicie, rozumicie“ (auf Deutsch ungefähr: kennste, verstehste). In Deutschland wird er von den ÖRR-Medien geliebt (Weil er deutsche Wurzeln hat und sein Opa in der Wehrmacht kämpfte?). In sehe in ihm dagegen einen gefährlichen, machtbesessenen Politiker und rücksichtslosen Manipulator.  

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Geheim, geheimer, phantasmagorisch

Er habe vom CIA-Chef einen Rapport erhalten, verkündet Tusk jüngst. Darin enthalten seien Informationen über Bedrohungen für Polen und die EU. Warum teilte man ausgerechnet ihm derartige Meldungen mit? Weil er der Retter der EU sei? Oder hat er sich dies ausgedacht? Denn niemand außer ihm diesen ach so geheimen Rapport gesehen hat. 

„Ich persönlich habe da meine Zweifel und glaube nicht daran, dass die CIA dem polnischen Premier einen Rapport übermittelt hat“, sagt bei Polsat News Krzysztof Bosak, Vizemarschall des polnischen Parlaments (Sejm).

Marcin Przydacz, Minister im Präsidialamt, nennt es bei Namen: Unwahrheit. Ganz einfach und nicht diplomatisch heißt es: Tusk lügt. Wieso tut er das? 

„Der Premier sollte zwar warnen – sagt Przydacz im Interview mit „Wirtualna Polska“ -, aber nicht Panik schüren und das Thema hochspielen, denn dies verursacht die Abstumpfung der Gesellschaft. Seit einem Jahr wiederholt Tusk, dass jeden Moment etwas passiert. Viele Polen winken bereits ab. Und wenn dann wirklich etwas passiert, wird ihm niemand mehr zuhören. Ja, Russland wird hybride Operationen durchführen und diese wahrscheinlich eskalieren lassen, aber es gibt keinen Grund für die Panik, die der Premier zu entfachen versucht.“

Wo ist die Grenze?

Inzwischen scheint aber Tusk selbst zu „eskalieren“. Wie die Plattform wPolsce.24 berichtet, arbeiten Polen und die Ukraine an  einem Abkommen über die gemeinsame Grenzkontrolle:

“Sollte das Abkommen in Kraft treten, werden ukrainische Zollfahnder und Grenzschützer ihre Aufgaben direkt auf der polnischen Seite der Grenze wahrnehmen.“

So verwischt man die Grenze und plötzlich kann Polen – ein NATO-Staat - dadurch in den Krieg hineingezogen werden. 



Mittwoch, 16. September 2026

Wissen die AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt (und woanders) nicht, was sie tun?

 70 % der Ossis sehen sich als Bürger zweiter Klasse.

„Viele der ostdeutschen Anhänger der AfD verstehen sich als Opfer der deutschen Einheit und geben dem kolonialistischen Westen die Schuld an ihrem beklagenswerten Zustand“, schreibt in der FAZ Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie.

Korrekt.

"Der perfekte Schwiegersohn" (Detlef Pollack)

Wundervoll vorangehen

Dass damals ziemlich viel schief gelaufen ist, bestreitet inzwischen niemand mehr.

„Nach dem Untergang der verachteten DDR, die die Mehrheit der Ostdeutschen 1990 so schnell wie möglich loswerden wollte, waren die Erwartungen an die prosperierende Marktwirtschaft und die funktionierende Demokratie des Westen hoch“, stellt Pollack zu Recht fest.

Nicht nur die Ostdeutschen, der ganze Ostblock hat groß geträumt. Es sollte eine Art von „Imagine“ sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich wahr werden. Schließlich erlebten diese Menschen das Wunder vom Ende des Kommunismus. Es sollte daher weiter so wundervoll vorangehen. Stattdessen aber schlug ihnen die harte und weitgehend unbekannte Realität entgegen. Ihre Ahnungslosigkeit wurde ausgenutzt, ihre Unerfahrenheit lockte Betrüger aller Couleur – auch die staatlichen. Ja, der Staatsapparat mischte in diesem unrühmlichen Spektakel mit.  

Heute sei derartige opfermäßige Einstellung nicht mehr berechtigt, behauptet Pollack. Und dennoch triumphiert die AfD im Osten und wird auch im Westen immer stärker. Wieso eigentlich?

Der alte Unterton 

Was wollen also die AfD-Wähler?

„Noch immer erwarten sie die Wohltaten von einem imaginierten Staat, den sie doch eigentlich verachten. Möglicherweise liegt hier tatsächlich das oft verleugnete Erbe der untergegangenen DDR, deren Führung sie ebenfalls misstrauten und von der sie zugleich Versorgung erwarteten.“

Bevor ich inhaltlich auf diese Behauptung eingehe, muss ich den Unterton ansprechen. Ihr hört ihn doch auch, oder? Da kommt hier wieder – in einer sehr kultivierten Form – die alte Überheblichkeit, mit der man die Ossis belehren wollte, weil sie angeblich nichts verstanden haben.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Ossis haben einen sensiblen Riecher, sagt dazu Henryk M. Broder. Sie spüren auch diesmal, dass die vorgegebene Route, die man als „Weiter-so“ beschreiben könnte, ins Verderben führt. 

Der Staat ist nicht imaginiert, sondern übergriffig und ähnelt immer mehr den kommunistischen Diktaturen. Weiterhin baut er seinen Apparat aus (nach dem Motto: Selbstbedienungsladen) und behauptet, die Bürokratie abzubauen. Er heimst Rekordeinnahmen ein und lässt gleichzeitig ganze Schichten verarmen. Weil er, anders als propagandamäßig behauptet, ungerecht von unten nach oben umverteilt usw. usf.

Im Laufe der Zeit wird dieser Staat zunehmend undemokratisch. Also, liebe selbsternannten Demokratie-Beschützer, vielleicht seid ihr selbst die wahre Bedrohung für die Demokratie?


Mittwoch, 9. September 2026

Zwischen Krawall und Sachlichkeit: polnische Reaktionen auf den Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt

 Für den Krawall ist in Polen Premier Tusk zuständig. Wie gewöhnlich greift er seine Gegner auch diesmal unter der Gürtellinie an. Daher nehme ich nur am Rande Notiz von seinen neuesten Ergüssen. Viel interessanter erscheinen mir zwei unterschiedliche Stimmen von Experten. 

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Trend zum Anstieg

Dr. Łukasz Jasiński, Analyst für deutsche Politik, beobachtet misstrauisch die AfD, für die man nicht mehr nur aus Protest stimmt, sondern sie als bevorzugte (erste Wahl) versteht, und erinnert in der Zeitung „Rzeczpospolita“ an eine Beleidigung.
„Ein AfD-Politiker hat anlässlich des Jahrestags des Warschauer Aufstands die Polen als „Afroamerikaner Europas“ bezeichnet. Die Alternative für Deutschland ist eine Partei, die jegliche Reparations- und Entschädigungsforderungen entschieden ablehnt. Im Wahlprogramm der AfD für den Bundestag wurde Polen nur ein einziges Mal erwähnt – eben im Zusammenhang mit der Ablehnung finanzieller Forderungen.“
Zwar sei Sachsen-Anhalt ein kleines Bundesland, aber das Ergebnis der Wahl beweise einen Trend:
„Die AfD erreicht neue Wählergruppen, die bisher aus verschiedenen Gründen passiv waren. Auf Bundesebene ist ein stetiger Aufwärtstrend zu beobachten: In den Umfragen führt die AfD seit Monaten mit etwa 27 bis 28 Prozent. Der viel kommentierte Erfolg in Sachsen-Anhalt wird einen zusätzlichen Impuls geben, und es ist zumindest kurzfristig mit einem weiteren Anstieg der Umfragewerte der AfD zu rechnen.“
Polen spiele für die AfD keine Rolle, stellt Jasiński fest:
„Russland ist für die AfD der einzige wichtige Partner im Osten, während Polen und andere Länder der Region nicht als substanzielle Partner angesehen werden.“

Im Schatten der russischen Connection

Eine konträre Sichtweise präsentiert im Interview für die Plattform Interia Dr Krzysztof Rak. Chefanalytiker im Westinstitut (Instytut Zachodni). Er räumt eines der größten Vorurteile aus:
„Wenn die AfD von der Notwendigkeit einer Verständigung mit Russland spricht, löst sie allgemeine Empörung aus. Dagegen wird die langjährige reale Zusammenarbeit führender Politiker der Regierungskoalition mit Moskau ignoriert. In den Mainstream-Parteien wie in der CDU, der SPD oder der Linken gibt es deutlich mehr Personen, die tatsächlich mit Russland zusammenarbeiten, als in der AfD.“
Dr. Rak erkennt keine Sensation in den Wahlergebnissen. Die heftigen Reaktionen darauf haben einen Grund.
„Sie werden vor allem von den Medien und den verängstigten Parteien des Establishments geschürt. Die AfD ist eine Formation außerhalb des bisherigen Systems. Auch wenn sie vielleicht keine klassische Protestpartei ist, gehört sie sicherlich nicht zu einem Lager, mit dem die Hauptakteure kooperieren möchten.“
In der Zukunft werde sich dies jedoch ändern:
„Die etablierten Parteien werden gezwungen, eine Koalition einzugehen, um an der Macht zu bleiben. Politik ist ein harter Kampf um die Macht, und diese ist mit Geld, Prestige und Ämtern verbunden; daher ist es nur natürlich, dass man keine neuen Mitspieler zulassen will. Betrachtet man die letzten Ergebnisse nüchtern, kommt man zum Fazit, dass wir es hier mit einem klassischen Fall von „viel Lärm um nichts“ zu tun haben.“
Macht und Geld, ja, das ist der Grund für erbitterte Kämpfe. 

Montag, 7. September 2026

Sieg der AfD oder Schwarz und Blau in Sachsen-Anhalt

 Sachsen-Anhalt hat gewählt, was sogar Donald Trump zur Kenntnis nahm. Und jetzt? Es beginnt das alte Spiel wieder – alle gegen die AfD -, weil es so erfolgreich war. (Vorsicht, Ironie!)

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Mission Impossible

Es sei ein historischer Sieg, freut sich Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat. Alice Weidel, die Co-Vorsitzende der Partei, durfte mit ihrer Prophezeiung recht behalten haben. Blickt man aber auf die sogenannten Altparteien, gewinnt man den Eindruck, es passiere im Grunde nichts Wichtiges und sie dürfen weiter so machen, wie gehabt. Denn sie haben ja eine Mission: sie kämpfen doch für die Demokratie.

Ach was! Seit wann bedeutet denn Demokratie so viel wie Missachtung der Wahlergebnisse und somit der Wählerstimmen? Welcher Demokrat „weiß es besser“, was das Volk will, als das Volk selbst? Handelt es sich dann noch um die Repräsentation oder bereits um die Usurpation? Was ist das für eine Demokratie, in der man die Wähler zuerst belehrt, was sie zu wählen haben? Eine betreute? 

Haben die selbsternannten Wächter über die Demokratie überhaupt verstanden, was in Sachsen-Anhalt gestern passierte?

Schwarz vor Augen?

Auf die Machtposition, an die sich „Altparteien“ gewöhnt haben, wollen sie nicht freiwillig verzichten. Angeblich aus Sorge um das Land. Weil die AfD keine Lösungen habe. Sie dagegen schon. Leider behalten sie jene seit Jahrzehnten für sich, wie ein bestgeschütztes Geheimnis, ohne Erprobung in der Realität. Man kann daher berechtigt sagen, ihre Politik eben hat zum gestrigen Sieg der AfD geführt.

Solange die AfD keine Chance hat, sich in einer Regierung zu beweisen oder zu scheitern, bleibt die Behauptung von ihrer Unzulänglichkeit nur eine Behauptung, also eine Erzählung, Narrativ, Märchen. 

Der abgewählte Ministerpräsident Sven Schulze hat das sehr gut verstanden. Es handle sich keineswegs um einen schwarzen Tag für Sachsen-Anhalt:
„Das ist Demokratie. Die Menschen haben abgestimmt: sehr hohe Wahlbeteiligung, so wie wir noch nie gesehen haben.“
Auch der Fernsehmoderator Jörg Schönenborn betonte gebetsmühlenartig, dass keine Partei einen derartigen Sieg in letztem Jahrzehnt eingefahren hat.

Die anderen müssen erst in der Realität ankommen. 

Samstag, 5. September 2026

Loriot würde uns heute helfen, aus der Brandmauer-Sackgasse herauszukommen

Daran glaube ich: Seine Art von Humor hätte uns in der heutigen politischen und gesellschaftlichen Lage geholfen, in dem anderen, auch dem Andersdenkenden, den Menschen zu sehen. Wobei ich davon überzeugt bin, dass Loriot (Vicco von Bülow) vor Tabus nicht kneifen und sie schonungslos, aber gleichzeitig mit viel Wärme, karikieren würde. Unter einer Voraussetzung, dass er überhaupt dies tun dürfte. Daran zweifle ich wiederum stark. Man kann eben nicht ausschließen,  dass es ihm so erginge, wie den Autoren von #allesdichtmachen.


Ei und die Aggression 

Es gibt viele Arten von Satire und jede davon muss selbstverständlich erlaubt sein. Loriot scheint vor allem, sich selbst aufs Korn zu nehmen. Und erst daraus ergibt sich das Lachen über uns. Weil wir uns als Menschen in den Grundzügen sehr ähneln. Ob in der Nudel-Szene oder im Wartezimmer: wir erkennen in den dargestellten Figuren uns selbst. Wer sich denn mal nicht in einer erhabenen oder romantischen Situation fürchterlich lächerlich gemacht hat? Oder vom Eifer der Verbesserung getrieben hinter sich ein Trümmerfeld hinterlassen? Loriot zeigt nicht mit dem Finger auf den Gegner. Er grenzt niemanden aus. Wir alle lachen mit ihm über uns.


So offenbart Loriot in einem Interview, dass ihn besonders „der Dialog und die Missverständnisse innerhalb des Dialoges, besonders zwischen den Geschlechtern, den Ehepaaren“ interessieren. Sein Fazit trifft ins Schwarze und gilt auch (oder speziell) in der Politik: Wir reagieren auf einen Vorwurf oder Kritik reflexartig aggressiv. Als Beispiel nennt Loriot „Das Frühstücksei“. Eine aufklärende Entschuldigung hätte in dieser Situation (zu hartes Ei) gereicht:
"Du, es kann sein, weil es an der Tür geklingelt hat, dass es ein bisschen zu lange gekocht hat. Das könnte heute hart sein, entschuldige bitte. Die Sache wäre erledigt gewesen.“

Die Ehefrau denkt aber nicht daran, sich zu entschuldigen, und „schlägt zurück“: „Du willst doch immer viereinhalb Minuten haben.“

Ich weiß, ich weiß, das Beispiel fällt aus der Zeit. Es geht aber um das Prinzip. Ich hätte vermutlich auch aggressiv geantwortet: Koch dir dein Ei doch selber!

Verstand ohne Mauer 

Hinter dieser Haltung verbirgt sich laut Loriot die Angst (German Angst?):
„(Menschen) reden teilweise absichtlich einander vorbei. weil sie sich nicht gegenseitig auf den Leim führen lassen wollen und darum abbiegen (…), der will mich ja doch nur aufs Kreuz legen, also: den Weg abkürzen und sofort zurückschlagen. Das sind Missverständnisse, die nicht nur im Kleinen so funktionieren, sondern im Großen auch.“

Er hat doch recht! Und in der Politik geht es nicht anders zu. Dort kämpft man jedoch mit viel härteren Bandagen. Jetzt kommt noch die Brandmauer hinzu. Auch als eine Form von Aggression? 
„Es ist leider so - bei der Betrachtung unserer Parteienlandschaft -, dass man sich niemals einer Partei mit Haut und Haaren verschreiben kann, weil immer wieder irgendetwas passiert, wo man sagt: Nee, da haben die anderen recht. Dann ist man parteipolitisch völlig uninteressant. Dann zählt man eigentlich zu den Wechselwählern - eine Horrorvorstellung für jeden Bonner Politiker (Heute hätte man natürlich "Berliner Politiker" gesagt). Aber eigentlich müsste jeder Mensch von klarem Verstand zugeben, dass mal die einen und mal die anderen recht haben.“

Das ist eine Lösung, die bereits mehrmals ausprobiert wurde: Statt die Mauer zwischen Parteien zu bauen, sollte man sich mit klarem Verstand den Sachfragen zu widmen. Dafür wäre ein nicht-aggressiver, wertschätzender Dialog als Basis notwendig, also „die Entwaffnung“ von politischen Debatten. 




Fotos: Die Ausstellung "ACH WAS.. 103 Jahre Loriot", Wilhelm-Busch-Museum in Hannover,  bis 14.03.2027.