Freitag, 30. April 2021

Twitter, Hammer und #allesdichtmachen

Ich habe in den Social Media (Sozialen Medien) hauptsächlich das Positive gesehen und tue es immer noch.  Sie überwinden Grenzen und Ozeane und verbinden uns im Nu öffentlichkeitswirksam. Sie bilden ein Gegengewicht zur Macht, auch zur vierten Macht – den öffentlichen Medien, jenen Medien, die in erheblichem Maße ihren gesellschaftlichen Auftrag - die Kontrolle der Machthaber - vergessen haben und sich vom Kontrolleur zum Teilnehmer entwickelten. Wandelten sich die Sozialen Medien tatsächlich zur fünften Macht? Welche Rolle spielen sie im politischen und gesellschaftlichen  Spielraum?


                                                                           Wer dreht da an der Schraube?


Spiel mit dem Hammer


Die undifferenzierte Kritik des Establishments - der mitherrschenden Eliten -, begnügt sich demnach mit der Anklage wegen Mittäterschaft.  So einfach sieht die Realität aber nicht aus. Einerseits gibt es immer noch viele gute Journalisten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen. Anderseits ist die Medien-Landschaft eine ganz andere als die aus der Zeit der "Unbestechlichen" (All the President's Men). 

Jedenfalls erzeugen Social Media einen enormen Druck auf die „alten“ Medien und zwingen sie, mitzuspielen. Es ist ein Spiel mit teilweise undurchsichtigen und wechselnden Regeln im öffentlichen Raum. Wobei viele sehen in den gewachsenen Möglichkeiten der Beeinflussung die größte Gefahr. Manipulation und Anstiftung bekamen neue Instrumente und erreichten neue Dimensionen. 

Somit wächst ungemein die Verantwortung jeder einzelnen Person, die sich auf das Spiel einlässt. Mitnichten aber haben wir hier mit einem neuen Phänomen in der Geschichte zu tun. Wie bei jeder menschlichen Erfindung hängt die Art der Nutzung vom Nutzer ab. Ein einfacher Hammer kann als Werkzeug sehr behilflich sein, als Waffe – zerstörend bis tödlich. 

Twitter mit und ohne Trump


Zum eindeutigen Gewinn der Veränderungen auf dem politischen Feld zähle ich die Möglichkeit der direkten Kommunikation zwischen den Akteuren. „Ich habs erfunden“, könnte Donald Trump sagen. Auf Twitter verkündete er als einer der intensivsten Nutzer ohne Umwege und in einer beispiellosen Manier seine Entscheidungen und Pläne und registrierte die darauf folgenden Reaktionen: 

„Als ich vor Jahren mit Twitter anfing, war es wie eine gescheiterte Sache, Konzept, Medienplattform. Und es wurde aufregend. Und ich denke, ich hatte damit eine Menge zu tun, um ehrlich zu sein.“1)

Twitter läuft jetzt bekanntlich ohne Trump weiter und wie der Chef Jack Dorsey betont, ist diese Plattform „ganz offensichtlich größer als jedes einzelne Thema und jeder einzelne Account.“2)

Wir dürfen (fast) alle mitspielen, solange wir uns an die Regeln halten, die wir zum Teil jedoch nicht kennen. Dabei ist es eigentlich egal, worum es uns wirklich geht,  dem Twitter geht es selbstverständlich um den Schotter.

„Twitter verdient sein Geld hauptsächlich mit Anzeigenprodukten – wie etwa der Möglichkeit, Tweets in Timelines der Nutzer zu platzieren. Zugleich solle auch mit nicht näher umschriebenen Abo-Ideen experimentiert werden.“3)

Ad absurdum zwischen den Lagern


Die Versuche, eine gesellschaftliche Diskussion extrem zu vereinfachen und angeblich politisch korrekt auf eine intolerante Weise zu führen, könnte man als die Rache der entmachteten Eliten betrachten: Wenn man die Leichtigkeit des Zugangs zum öffentlichen Raum ad absurdum führe, dann kommen vielleicht die alten guten Zeiten zurück.

Dieser Verdacht erhärtet sich  angesichts des  tonangebenden Mainstream-Denklagers, das sich als Kämpfer im Namen der Wissenschaft und der gerechten Sache sieht, aber dabei die Grundvoraussetzungen  missachtet : zweifeln statt glauben, argumentieren statt belehren.

Dass wir ganzgesellschaftliche Debatten dringend brauchen, zeigen spektakulär hysterische Reaktionen auf die eher harmlose Aktion der berühmten Schauspieler mit dem Hashtag #allesdichtmachen. Sie wagten sich, die politisch-korrekten Heiligtümer auszulachen.

Dafür danke ich ihnen!

Wir brauchen Debatten ohne Tabus! Es ist allerhöchste Zeit!   


1) https://www.businessinsider.de/politik/trump-vermisst-das-sehr-langweilige-twitter-nicht/
2) https://www.businessinsider.de/wirtschaft/twitter-erzielt-einen-rekordumsatz-trotz-trump-rauswurf/
3) ebenda

Donnerstag, 11. März 2021

Gendersternchen im Fluss

 Mit den gekünstelt wirkenden Sprechpausen verspottet Ihr die Stotterer. Natürlich ist das ein Scherz! Aber jetzt im Ernst: Die immer noch aktuelle Diskussion über die Gendersternchen ist für mich nur eine weitere Nebelkerzen-Debatte. Das zweifelhafte „Aufhübschen“ der Sprache mit den Sternchen und dem Stottern verschiebt eins der wichtigsten gesellschaftlichen Themen auf den Nebenschauplatz. Das könnte man sogar zur Sabotage erklären. Vorsicht, Ironie!  

                                                                                            Duden*in


Wo ist der Mut hin?


Während Frauen einerseits öffentlich von der deutschen Scharia-Moral an den Pranger gestellt, anderseits massenhaft zu Objekten als Prostituierte degradiert werden, hätte ich mehr Mut allerseits erwartet, um die wichtigsten Probleme anzusprechen. In gleichem Maße von Frauen wie von Männern auf den beiden Seiten der Trennlinie. Weil Frauen auf den beiden Seiten vertreten sind. Ohne ihr Mittun hätte das Patriarchat keine Chance.

In ihrer Natur


Was geht mich aber Eure Mutter an, ich meine, Eure Muttersprache? Deutsch ist doch nicht meine Mutter. Eher die Stiefmutter. Mit allen aus den Märchen bekannten Konsequenzen und vielen begleitenden  Monstern unterwegs. 

Tja, sie – die deutsche Sprache – zeigt ein wesentlich freundlicheres Gesicht als ihre Wächter und Wächterinnen oder Bezwinger und Bezwingerinnen. Jede und jeder darf hineinspringen und versuchen mitzuschwimmen. Die Gastfreundlichkeit liegt in ihrer Natur. Sie will einen, nicht ausgrenzen.

Duden oder Duden*in


Dabei ist der Feminismus wichtiger, denn je. Er führt zu einer echten Demokratie. Es geht nicht darum, das Patriarchat durch das Matriarchat, ein ungerechtes System durch ein anderes ungerechtes System zu ersetzen, sondern um die Gleichwertigkeit, um die Gleichberechtigung. Solange wir einen Unterschied machen, egal aus welchem Grund – Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft usw. – also solange wir in der anderen Person nicht vor allem einen Menschen sehen, helfen uns keine Sternchen. Sie lenken nur von den wahren Problemen ab. 

Allen Unkenrufen zum Trotz wird die Sprache daran allerdings nicht zerbrechen. Sie hat schon Schlimmeres erlebt und überlebt. Mit dem Duden oder der Duden*in – je nachdem. 

Freitag, 15. Januar 2021

Die Wiederentdeckung der Psyche

 Etwas so winzig wie das Coronavirus verändert die ganze Welt. In diesem Drama sind wir sowohl Akteure als auch Zuschauer.  Wir versuchen es zu begreifen und stoßen dabei an unsere Grenzen. 


Geist findet sich nicht im Code


Devora Kestel, die WHO-Direktorin für psychische Gesundheit, erinnerte letztes Jahr, an den wichtigen „Aspekt von COVID-19“ - die Psyche. 

In der Tat wirkt sich das Virus auch auf unseren Geist aus und beweist spektakulär, dass uns die Geschehnisse und Umstände formen und verformen. Unsere Psyche lässt sich nicht mit dem DNA-Code definieren. Sie entsteht im Interagieren mit der Welt. 

Damit bekräftige ich einmal mehr meine Abneigung gegen starre biologische Betrachtungen der Psyche. 

Jagen und mit Vorwürfen überziehen


Jede und jeder kann psychisch zusammenbrechen, wenn genug Druck ausgeübt wird. Eine persönliche Belastungsgrenze hängt von vielen Faktoren ab.

Vor unseren Augen spielt sich soeben ein unwürdiges Spektakel ab, das wie ein Belastbarkeitsexperiment aussieht: Wie lange wird er noch aushalten? Er, der Journalist Julian Assange.

Sein „Verbrechen“ sieht zusammengefasst folglich aus:

"Assange enthüllte Kriegsverbrechen der USA im Irak („Collateral Murder“), Kriegstagebücher aus Afghanistan, Berichte über Foltermethoden in Guantánamo, schließlich noch diplomatische Depeschen und Informationen über geheimdienstliche Überwachungsprogramme.“1)

Die Naiven unter uns glauben, dass alles das zu den Aufgaben des wahren Journalismus gehört. 

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise, die in Assange eine öffentliche Bedrohung erkennt und eine entsprechende Vorgehensweise  empfiehlt:

„Genug also um ihn (Assange), wie es Mitarbeiter der Schatten-CIA „Stratfor“ in einem Mailwechsel mal vorschlugen, „von Land zu Land zu jagen und mit Vorwürfen und Klagen zu überziehen“.2)

Es ist so viel versäumt worden


Wie umgehen mit den schweren und zu schweren Erfahrungen, die unsere Psyche beanspruchen?

Nach dem Krieg wollte sich Mietek Pemper, der Helfer von Oskar Schindler, selbst in die Psychiatrie einweisen. Als persönlicher Schreiber von Amon Göth im KZ Płaszów musste er jahrelang ums Leben fürchten. Sein Freund, ein Psychiater, riet ihm davon ab; Wenn du das tust, wirst du ständig dorthin wiederkehren. Mietek Pemper folgte diesem Rat und kam in der Freiheit doch zurecht. In seinem Buch „Der rettende Weg. Schindlers Liste – die wahre Geschichte“ appellierte er an die zukünftigen Generationen:

„Es ist so viel versäumt worden bei der Erziehung des Menschen zum Menschen! Wir müssen diese Versäumnisse aufarbeiten und mit gutem Beispiel vorangehen. Wir müssen uns vor allem der Verlockung widersetzen, Gewalt und Rücksichtslosigkeit mit ‚gesundem‘ Durchsetzungsvermögen und Gefühlskälte mit Vernunft zu verwechseln.“

Wir haben nicht mal richtig damit begonnen.


1) https://miloszmatuschek.substack.com/p/assangeprozess
2) ebenda 

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Klarname und/oder Pseudonym

 Auf Social Media sind viele Maskierte unterwegs. Damit meine ich keineswegs den Mund-Nasen-Schutz, sondern alle die Deck-, Tarnnamen und Pseudonyme. Dann und wann entbrennt Kritik um das Versteckspiel. Ich beteilige mich nicht daran. Aus persönlichen Gründen.

                                                       Presseausweis für mich als Marta Sanecka

Marta Sanecka

Ich wollte mich doch von Anfang an verstecken und tat dies auch unter dem Pseudonym Marta Sanecka. Die Redaktion in Polen machte mit und stellte mir sogar einen entsprechenden Presseausweis. Alle meine journalistischen Texte erschienen folglich unter diesem Decknamen.

                                              Eine kleine Auswahl von Artikel unter dem Pseudonym Marta Sanecka

Lydia Sanojar

In Deutschland - neues Land, neues Pseudonym - suchte ich mir den Namen Lydia Sanojar aus und erstellte als solche meine Homepage. Später schrieb ich als Lydia Sanojar ein Märchen. Gar nicht schlecht. Das ist kein Selbstlob: die fabelhaften Figuren kamen zu mir und nicht umgekehrt ;)




Wenn es nach mir ginge, wäre ich "schriftlich" bis heute nur als Lydia Sanojar existieren. Das Autorennetzwerk suite101.de, für das ich anfing Texte zu verfassen, erlaubte aber zuerst keine Versteckspiele und verlangte Klarnamen (das änderte sich später). Klar, dass ich gezwungenermaßen mitmachte und mit meiner bürgerlichen echten Version signierte. Von meiner Lydia-Sanojar-Homepage wollte ich mich dennoch nicht trennen. Sie blieb also.

 Ich


Danach dachte ich mir nochmals ein Pseudonym aus. Ein ziemlich komisch klingendes: Gabi Scheren. Obwohl der Anlass überhaupt nicht komisch war: nach einem Zusammenbruch versuchte ich mich frei zu schreiben. Was bedeutet aber frei zu sein? Authentisch zu sein? Ich wiederholte also meine Geschichte unter meinem eigenen bürgerlichen Namen.


Man könnte sagen: Ich kam zu mir ;)



Sonntag, 16. August 2020

Coronavirus und neue Kleider

Anfang dieses Jahres schmunzelten wir noch über das exotische Virus. Kurz danach erklärten uns die auf einmal angebeteten Virologen, dass wir – Normalos - Masken nicht brauchen.

Tja, seitdem hat sich viel verändert.

                                                                          Mein Foto

Zurück in die Kindheit

Das Coronavirus scheint uns in die Kindeszeit zurückzuwerfen: Auf einmal fühlen wir uns schwach und klein. Wir fürchten wieder das Ungeheuer und sehnen uns nach einer starken Hand, die uns durch die Dunkelheit leitet.  Oder nach einem Märchen, das uns die Welt erklärt. Das taten doch die klugen alten Fabeln, die man manchmal als gruselig verunglimpft. 

Er ist nackt!

Das Coronavirus hat einiges entblößt, was wir uns zuvor nicht anschauen wollten. Ein wenig wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Ja, der Kaiser ist nackt; das Vorhandensein seiner imaginären Kleider redeten wir uns lediglich ein. 

Die Welt um uns herum zeigt sich plötzlich nicht nur Natur-, sondern durchaus Menschenfeindlich. Daher wollen wir aufs Neue definieren, was wesentlich und was unwichtig ist. Wenigstens solange die Angst unseren Alltag beherrscht. 

Viele Wege führen …

Soeben mutieren wir zu Hobby-Philosophen und sinnieren darüber, wohin uns der Weg führt. Vorsichtig stellen wir unsere Heiligtümer infrage, wie zum Beispiel das heilige ewige Wachstum. Wenn wir die ganze Gesellschaft endlich ins Auge fassen, kann und darf dieses Heiligtum nicht bestehen: immer mehr zu produzieren, ohne Rücksicht auf die Natur, ohne Rücksicht auf menschliches Leid und Verderben.

Redlichkeit ist gleich Dummheit?

In der Coronakrise entdeckten wir die außerordentliche Bedeutung der Redlichkeit. Ein redlicher Mensch ist „rechtschaffen, aufrichtig, ehrlich und verlässlich“ (Duden). Das sind Eigenschaften, die in der vom Wachstum beherrschten Realität nicht hoch im Kurs stehen. In der Krise dagegen - umso mehr. Wir müssen uns doch in der Not gegenseitig vertrauen und auf uns verlassen können. 

Zum Glück gibt es genug Gutmenschen – belächelten, bemitleideten und meist ausgenutzten. Wir klatschen für sie gerne; solange wir noch vor Angst zittern und speisen sie mit diesem oberflächlichen Beifall ab. „Redlich“ in den normalen Zeiten dient eher als Synonym für dumm. Anders als in den guten alten Märchen: dort haben sie am Ende gewonnen.

Wir leben aber nicht in einem Märchen. Leider.


Sonntag, 8. März 2020

Lippenbekenntnisse – muss das wirklich sein?

Unter „Lippenbekenntnis“ verstehen wir  laut Duden „jemandes Bekenntnis zu etwas, das sich nur in Worten, nicht aber in Taten äußert.“ Dieses Phänomen ist alles andere als selten. Wir sprechen hier über einen ganzen Ozean im politischen und gesellschaftlichen Leben. Lippenbekenntnisse sind allgegenwärtig. In diesen Sekunden gehen bestimmt die nächsten über die Bühne und mir mächtig auf die Nerven.

Ich verlange mitnichten, dass sich Politiker nicht mehr zu wichtigen Themen und Ereignissen äußern– darunter zu solch schrecklichen wie der Terroranschlag in Hanau. Ich fordere jedoch, dass den Worten die Taten folgen. Es ist doch nicht zu viel verlangt, oder?

Wenn der Staat selbst diskriminiert, 
sind die hier abgebildeten Forderungen nur bloße Lippenbekenntnisse. 

Viertel- und Halbwahrheiten


Offensichtlich sind das aber ziemlich unrealistische Wünsche der Naiven, die immer noch an Märchen glauben. Auf die Lippenbekenntnisse zu verzichten bedeutet doch nichts anderes als sich zur Wahrheit zu bekennen. Also: Hand aufs Herz und raus mit der Sprache, sagt, was Ihr wirklich denkt! Hose runter, und keine dummen Spielchen mehr.

Hätten wir aber die ganze Wahrheit tagein, tagaus überhaupt ertragen können? Brauchen wir eine derartige brutale Offenheit? Ist es nicht angenehmer und sicherer mit Viertel- und Halbwahrheiten zu hantieren? Oder direkt gefragt: Kann man ohne Lügen leben und noch wichtiger – überleben? Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Daran hat sich nichts geändert. Daher behaupte ich, dass wir keine Wahrheit wollen.  Sie ist nicht unsere Freundin. Wieso? Weil  das Unbekannte uns Angst einjagt?  Nein, wir ahnen die Wahrheit, wir spüren sie. Aber wir fürchten sie. Sie hätte uns gezwungen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.

Unser Lippenbekenntnis zur Wahrheit ist also eine der größten Selbstlügen. Wir alle sind Lügner.

Verantwortung – eine umgekehrte Pyramide 


Dennoch gibt es für mich einen gewaltigen Unterschied zwischen den kleinen Not- und Alltagslügen, die ich als ein Feigenblatt oder einen Schutzmantel mit ruhigem Gewissen rechtfertigen kann, und den Lügen in den wesentlichen, entscheidenden Dingen des Lebens. Besonders, wenn sich derartige Lügen auf die anderen Menschen auswirken. Wenn diese Lügen das Leben der anderen ruinieren und zerstören. Natürlich hängt jene vernichtende Wirkung von der Position ab. Je höher jemand in der Hierarchie klettert, desto größer seine Möglichkeiten. Und die Verantwortung. 

Die Machthaber tragen in dieser Hinsicht also die größte Verantwortung. Meine Pyramide steht demnach auf dem Kopf. Die Spitze = ganz wenig Verantwortung fürs gesellschaftliche Wirken -, befindet sich unten.

So billig kommt Ihr mir nicht davon!


Liebe Mächtige (=jene an der Macht), ich glaube Euch nicht, wenn Ihr Euch zu Menschenrechten bekennt, aber alltägliche Diskriminierung und Rassismus nicht nur zulässt, sondern auch befeuert und verschiedene Gruppen gegeneinander ausspielt. Ich glaube Euch nicht, wenn Ihr über Gleichberechtigung faselt, aber Menschen hierzulande sortiert in erste, zweite, dritte Klasse und auch so behandelt. 

Ihr gebt diesem Staat das Gesicht, das zu oft zu einer falschen Maske verkümmert. Ihr gebt viel zu vielen Menschen das Gefühl, dass die Gerechtigkeit nur jenseits, aber nicht diesseits möglich ist. Ihr missbraucht Eure Macht gegenüber derer, die sich kaum wehren können. Die Verachtung der Schwachen kommt von oben! Der Staat knickt andauernd vor Reichen und Mächtigen ein, aber trickst und nutzt die Ohnmächtigen aus. Wie ein gewissenloser Ganove. Ihr, die Mächtigen, spaltet die Gesellschaft auf die Nützlichen und Nutzlosen (so behandelt man z. B. die Hartz-IV-Empfänger und ihre Kinder), auf die Privilegierten und Nichtprivilegierten in der Zwei-Klassen-Medizin, auf die, die immer Recht haben, und die, die finanziell nicht in der Lage sind, sein Recht vor Gericht zu erstreiten. 

Der Staat treibt somit die Verzweifelten in die Arme der Nazipartei, zu der sich die AfD entwickelt hat.  Die verwirrten Wähler merken zum Teil nicht, dass sie versuchen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. 

Freitag, 27. Dezember 2019

Es war eine gute Rede, dennoch erhebe ich einen Einwand, Herr Steinmeier!

Diejenigen, die mal in einem kommunistischen Land (eigentlich im Realsozialismus) gelebt haben, kennen bestimmt den Begriff „russisches Dementi“. Sorry, russische Freunde, ich korrigiere dies sofort – natürlich müsste es heißen: „sowjetisches Dementi“. Solch ein Dementi seitens der Obrigkeit entchiffrierten die Untertanen stets als eine verkehrte Bestätigung. Es galt das Prinzip:  was die Machthaber vehement abstreiten, muss genau deswegen wahr sein.  Ich dachte daran, als ich den Satz von unserem Präsidenten Frank-Walter Steinmeier hörte: "Von zu wenig Meinungsfreiheit kann in meinen Augen nicht die Rede sein.“


Screenshot

So viel Streit


Der Präsident betrachtete in seiner Weihnachtsansprache den politischen Raum und kam zum Fazit „so viel Streit war lange nicht“, was eben ein Beweis für eine absolute Meinungsfreiheit sein sollte. Schön und gut. Gilt aber die Meinungsfreiheit auch, wenn wir den politischen Raum verlassen? Meine Antwort lautet: Nein. Ich vermisse sie schmerzhaft in einem riesigen und schwerwiegenden Bereich – in der Wirtschaft oder noch allgemeiner: in der Arbeitswelt. 

Ich behaupte, dass die hiesige Arbeitswelt nicht demokratisch, sondern diktatorisch konstruiert und geführt wird. In unseren Unternehmen - egal, ob privat, staatlich oder genossenschaftlich  - herrschen andere Regeln, was mit sich weit reichende Konsequenzen bringt. Wenn ich nach ähnlichen Strukturen suche, dann finde ich sie z. B. bei der Mafia, wo auch der Gehorsam zu den wichtigsten Tugenden gehört. 

Aus dem Katalog der Diktatoren


Das ganze wirtschaftliche System ist auf die Angepassten ausgerichtet. Dafür, dass nur solche Mitarbeiter hineinkommen, sorgt schon das Kopfnoten-Verfahren, genannt: Arbeitszeugnisse. Auf eine paranoide Weise und zum Teil mit chiffrierter Sprache bewertet der „alte“ Arbeitgeber den ihn verlassenden oder rausgeworfenen Arbeitnehmer, damit der „neue“, um Gottes Willen!, keinen Revolutionär einstellt. Kopfnoten sind eine Maßnahme aus dem Katalog der Diktatoren. Ihr Zweck erfüllt sich im Abstempeln und Aussortieren. Gehorsam wird belohnt, Ungehorsam bestraft. Derartige Regelungen dienen dem Erhalt von existierenden Machtstrukturen und verhindern notwendige Veränderungen. 

Zu den disziplinierenden Maßnahmen für angepasste Arbeiter gehört genauso die lange 6-monatige Probezeit. Geprobt wird dann eigentlich nur eins: ob sich der Kandidat/die Kandidatin als braver Arbeitssoldat eignet. Es scheint, dass ein Arbeiter sein Hirn an der Eingangstür abgeben müsste.

Neben den Kopfnoten und der langen Probezeit gehört das Schnüffeln in den Social Media, das die Unangepassten aufspüren  sollte, auch zum Repertoire der Arbeitgeber.  Die Diktatoren unterscheiden nämlich nicht zwischen der Arbeits- und Freizeit und vereinnahmen den ganzen Menschen.

"Fürchtet Euch nicht!"


Ich gebe Ihnen, Herr Steinmeier, aber Recht, wenn Sie sagen: „Was die Demokratie braucht, sind selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger“. Unbedingt! Ich sehe aber keinen Grund, auf dieses Selbstbewusstsein ausgerechnet auf der Arbeit zu verzichten. 

Ihren Appell am Schluss Ihrer Rede kann ich sogar laut mitschreien: "Fürchtet Euch nicht!"