Es ist ein Mammutsinterview, das über vier Stunden dauert. Nichts Verwerfliches in sich. Und auch nicht aus diesem Grund sollte sich jetzt das Gericht damit auseinandersetzen. Die FAZ fasst den Sachverhalt folgend zusammen:
„Der Podcaster Benjamin Berndt will es wissen. (…) Seine Produktionsfirma habe beim Verwaltungsgericht Köln Klage gegen einen Bescheid der Medienanstalt eingereicht, teilte das Unternehmen mit. Es gehe um die Frage, ob eine Medienaufsichtsbehörde verlangen darf, dass Aussagen von Interviewgästen nachträglich eingeordnet werden.“
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Kausal, aber…
Ich bekunde hier meine Solidarität mit Ben. Meine Argumente diesbezüglich bringe ich am Ende dieses Posts zur Sprache.
Zuerst aber muss ich ein paar
Bemerkungen zum Bens Gast loswerden. Ich gestehe, dass Björn Höcke eine Reizfigur für mich ist, und ich weiß nicht, ob ich so ruhig und entgegenkommend zuhören könnte, wie dies Ben tat. Und trotzdem nicke ich zustimmend, als Höcke sagt, dass er „auf Basis von Fakten diskutieren“ wolle. Und ich stimme auch dieser Forderung zu:
„Wir brauchen eine freie, tabulose Aussprache darüber, wer wir sind und wo wir hinwollen als Deutsche.“
Ich bin auch größtenteils dabei, als er gegen die verkrusteten Altparteien zu Felde zieht. Ebenso befürworte ich seine Ablehnung von Zensur. Und wie er sehe ich den Bedarf an grundlegender Reform der EU. Ich nicke auch zu Beginn seine Einschätzung der Ossis:
"Die sind wacher durch die Diktaturerfahrung, eine andere Mentalität.“
Das kann ich sogar als eine mit Diktaturerfahrung bestätigen. Dann kommt aber ein Satz, wie das Kratzgeräusch von Styropor über Glas:
„Sie sind deutscher, das meine ich ganz positiv."
Hoppla, werden wir wieder Ariernachweise brauchen? Denn das, was Höcke vorbringt, wurzelt leider oft in der Nazivergangenheit:
„Meine Familie hat einmal die Heimat (Ostpreußen) verloren.“
Er erwähnt zwar die kausalen Zusammenhänge (den Krieg), aber spricht darüber als eine leidende, gekränkte Person. Natürlich wurde er nicht selbst vertrieben (Jahrgang 1972). Was er aber noch zu spüren bekommen haben durfte, war die ablehnende Haltung der einheimischen deutschen Gesellschaft. Das ist vielleicht der Ursprung seiner Faszination für jene, die „deutscher als deutsch“ sind. Seine aus der Zeit gefallene Kränkung ist dabei nicht zu übersehen. Wohin solch ein Gefühl führt, wenn es sich ein Machthaber von ihm leiten lässt, hat man nicht zuletzt bei dem Politiker mit Zweifingerbart gesehen.
Also, ich glaube nicht, dass in Höckes Welt einen Platz für mich gäbe, weil ich nicht nur zu jenen, die „deutscher als deutsch“ sind, gehöre, sondern überhaupt keine Deutsche und Migrantin bin.
Wieso aber ruft Höcke derart heftige Reaktionen der Mainstream-Politiker und –Medien hervor?
Höcke hält ihnen lediglich den Spiegel vor, oder viel mehr - er ist der Spiegel, in dem sie sich sehen, und zwar nicht nur das, was sie preisgeben wollen, sondern auch das Verborgene: So seid Ihr eben selbst, liebe Altparteipolitiker und Main-Stream-Journalisten.
Ihr startet stets Ablenkungs- oder Scheindiskussionen und seid an der Wahrheit nicht interessiert. Deswegen glaube ich Euch nicht, wenn Ihr zwar in Sprache und Schrift die Losungen, Parolen und Mottos von Nazis verbietet, aber danach doch handelt. Ihr ruft laut „Nie wieder", aber gleichzeitig erzählt ihr eigentlich nur Höckes Version der Geschichte und versucht stets das Verbrechen zu relativieren (einige meine Posts zu diesem Thema habe ich unten aufgelistet.
Ich hoffe, dass Ben gewinnt, weil …
… ich das Schmierentheater satt habe und (mit Höcke zu sagen) wirklich tabulose Debatten will. Außerdem lehne ich den „Missionierungsauftrag“ für die Journalisten ab: Sie sollen für die gute Sache kämpfen und stets belehren. Dann sind sie jedoch keine Journalisten mehr, sondern Propagandisten oder Politiker. Vor allem aber geht es mir der verpflichtende und sehr gefährliche Konformismus auf den Keks. Die FAZ bemerkt nämlich zum Schluss:
„dass er (Ben) dem Streit um vermeintliche stattliche Zensur, die er und sein Anwalt Steinhöfel behaupten, ganz leicht entginge, wenn er sich selbst zum Beispiel einem Selbstkontrollorgan wie dem Deutschen Presserat anschlösse.“
„Lass dich also kontrollieren und führen“, lautet die vorgegebene Parole, „dann hast du keine Probleme“. Selbstkontrolle, die man nicht selbst vornehmen darf, sondern sich vielmehr vom staatlich akzeptierten Vertreter kontrollieren lässt, ist eine Konstruktion, die den Kern des Problems veranschaulicht und das Fehlen von echten Debatten sehr gut erklärt.
Meine Selbstkontrollorgane heißen Hirn und Gewissen. Und Eure?
Einige meine Posts thematisch verbunden: