70 % der Ossis sehen sich als Bürger zweiter Klasse.
„Viele der ostdeutschen Anhänger der AfD verstehen sich als Opfer der deutschen Einheit und geben dem kolonialistischen Westen die Schuld an ihrem beklagenswerten Zustand“, schreibt in der FAZ Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie.
Korrekt.
Wundervoll vorangehen
Dass damals ziemlich viel schief gelaufen ist, bestreitet inzwischen niemand mehr.
„Nach dem Untergang der verachteten DDR, die die Mehrheit der Ostdeutschen 1990 so schnell wie möglich loswerden wollte, waren die Erwartungen an die prosperierende Marktwirtschaft und die funktionierende Demokratie des Westen hoch“, stellt Pollack zu Recht fest.
Nicht nur die Ostdeutschen, der ganze Ostblock hat groß geträumt. Es sollte eine Art von „Imagine“ sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich wahr werden. Schließlich erlebten diese Menschen das Wunder vom Ende des Kommunismus. Es sollte daher weiter so wundervoll vorangehen. Stattdessen aber schlug ihnen die harte und weitgehend unbekannte Realität entgegen. Ihre Ahnungslosigkeit wurde ausgenutzt, ihre Unerfahrenheit lockte Betrüger aller Couleur – auch die staatlichen. Ja, der Staatsapparat mischte in diesem unrühmlichen Spektakel mit.
Heute sei derartige opfermäßige Einstellung nicht mehr berechtigt, behauptet Pollack. Und dennoch triumphiert die AfD im Osten und wird auch im Westen immer stärker. Wieso eigentlich?
Der alte Unterton
Was wollen also die AfD-Wähler?
„Noch immer erwarten sie die Wohltaten von einem imaginierten Staat, den sie doch eigentlich verachten. Möglicherweise liegt hier tatsächlich das oft verleugnete Erbe der untergegangenen DDR, deren Führung sie ebenfalls misstrauten und von der sie zugleich Versorgung erwarteten.“
Bevor ich inhaltlich auf diese Behauptung eingehe, muss ich den Unterton ansprechen. Ihr hört ihn doch auch, oder? Da kommt hier wieder – in einer sehr kultivierten Form – die alte Überheblichkeit, mit der man die Ossis belehren wollte, weil sie angeblich nichts verstanden haben.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Ossis haben einen sensiblen Riecher, sagt dazu Henryk M. Broder. Sie spüren auch diesmal, dass die vorgegebene Route, die man als „Weiter-so“ beschreiben könnte, ins Verderben führt.
Der Staat ist nicht imaginiert, sondern übergriffig und ähnelt immer mehr den kommunistischen Diktaturen. Weiterhin baut er seinen Apparat aus (nach dem Motto: Selbstbedienungsladen) und behauptet, die Bürokratie abzubauen. Er heimst Rekordeinnahmen ein und lässt gleichzeitig ganze Schichten verarmen. Weil er, anders als propagandamäßig behauptet, ungerecht von unten nach oben umverteilt usw. usf.
Im Laufe der Zeit wird dieser Staat zunehmend undemokratisch. Also, liebe selbsternannten Demokratie-Beschützer, vielleicht seid ihr selbst die wahre Bedrohung für die Demokratie?



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