Gewerkschaften sind politische Akteure. Sie waren es immer. Und manchmal verändern sie politisch die ganze Welt, wie die polnische "Solidarność", die den Zusammenbruch des Ostblocks eingeleitet hat.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund zählt (nach eigenen Angeben von 2025) fast 5,5 Millionen Mitglieder (2010 waren es noch: 6.047.503). Das ist viel mehr als Parteien der regierenden Koalition zusammenhaben: CDU - 365.000, CSU - 130.000 und SPD - 357.000. Wenn also Yasmin Fahimi, die DGB-Vorsitzende, den Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil kritisiert, hat ihre Kritik durchaus politische Relevanz.
„Das passt alles nicht zusammen“
Zu Recht widerspricht Fahimi dem Vizekanzler, der Mehrarbeit verlangt. In Deutschland arbeite man genug, stellt sie fest. Ihre Aussage kann ich um eine folgende ergänzen: In Deutschland leisten Arbeiter außerdem viel zu viele unbezahlte Überstunden.
In einem Gespräch mit Lilly verweist Fahimi überdies auf die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen der Zukunft und der aktuellen Situation. In der Zukunft werde man Fachkräfte brauchen. Zurzeit haben wir aber eine andere Lage:
"In einer Zeit, in der viele Beschäftigte in einer Kurzarbeit geschickt werden oder sogar ihren Arbeitsplatz verlieren und nach einem neuen suchen, erzählen einige in der Bundesregierung, der Kanzler höchstpersönlich, „Geht mal mehr arbeiten!“. Wir haben eine Million offene Stellen und drei Millionen Arbeitslose. Also, das passt alles nicht zusammen."
Während Fahimi die Realität beschreibt, versuchen Klingbeil und Merz auf einem einfachsten und schnellsten Weg – ihrer Meinung nach – Geld zu beschaffen. Die Arbeiter scheinen ihnen dabei ziemlich egal zu sein. Anders als Fahimi:
"Wir schleifen den 8-Stunden Tag, Mitbestimmung, soziale Rechte, alles irgendwie obsolet. Davon wird Arbeit ja nicht produktiver, sondern sie wird einfach nur unsicherer und ungesunder."
Wenn aber die Arbeit ungesunder wird, kommen zusätzliche Kosten auf den Staat: kranke Arbeiter kosten einfach mehr und nicht weniger. Wenn man an der falschen Stelle spart, muss man an der anderen draufzahlen. Der Weg zurück in die Versklavung der Arbeiter ist eindeutig falsch.
Kleinteilige Kompromisse
Fahimi kritisiert auch die ganze SPD und rät der Partei, ihr Profil zu schärfen, statt sich in „kleinteiligen Kompromissen zu verlieren“. Zu der Schärfung gehöre eindeutig die soziale Gerechtigkeit. In diesem Punkt stimme ich Fahimi auch zu.
Dennoch glaube ich, dass nicht nur die SPD, sondern auch Gewerkschaften an ihrem Selbstverständnis arbeiten müssen. So erscheinen mir zum Beispiel Tarifversträge etwas antiquiert. Sie führen eben zu „kleinteiligen Kompromissen“ von Gewerkschaften und Arbeitgebern.
Um die Position der Arbeiter zu stärken – und das ist im Interesse aller – soll die ganze Gesellschaft über den Mindestlohn abstimmen, also ihn kontrollieren und festsetzen, aber zugleich auch die wilden Auswüchse bei den Manager-Gehältern beschneiden und sie an den Mindestlohn koppeln – steigt der Mindestlohn, steigt auch proportional der Verdienst von Chefs.
Die Tarifverträge – der heilige Gral der Gewerkschaften – sind nicht mehr zeitgemäß in einer schnelllebigen Welt, wechselnden Arbeitsstellen, Orten und Zeiten.


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