Wenn man die Arbeit-Definition aus dem Gabler Wirtschaftslexikon wortwörtlich nimmt, geriet man gleich ins Grübeln.
Wo ist, bitte schön, das Ziel?
In dieser Definition kommt nämlich das Ziel an der ersten Stelle:
„Zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit. Ursprünglich war Arbeit der Prozess der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur zur unmittelbaren Existenzsicherung; wurde mit zunehmender sozialer Differenzierung und Arbeitsteilung und der Herausbildung einer Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft mittelbar.“
Zielgerichtet? Was war z.B. das Ziel des Großprojekts Stuttgart 21? Die Zelebrierung des ewigen Bauens? Oder kann mir jemand endlich sagen, was ist eigentlich das Ziel von Institutionen wie Arbeitsagentur und Jobcenter?
Bei Gabler steht aber nicht, was die meisten von uns zuerst als Ziel nennen würden: die Knete für Arbeitgeber und Manager schaufeln und sich tüchtig wie eine Zitrone auspressen lassen,
Wie sozial ist unsozial?
Das Wort „sozial“ (zweiter Begriff der Definition) bedeutet vor allem laut DWDS „den Zusammenhang, das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft betreffend.“
Leben wir in einem sozialen Staat? Daran darf man heftig zweifeln. Der Staat häuft zwar riesige Steuereinnahmen an, sagt aber dann - „Jeder ist seines Glückes (Schicksals) Schmied“- und erklärt sich für die sozialen Belange weitgehend nicht zuständig. Müsste es aber nicht heißen: Wer Selbstverantwortung verlangt, muss mit eigenem Beispiel vorangehen? Davon ist keine Spur zu sehen. Der unverantwortliche Umgang mit Steuergeldern erscheint - höchstwahrscheinlich nicht nur mir - ein Prinzip und nicht eine Ausnahme.
Die Entscheider jeder Sorte werfen unbestraft das Geld zum Fenster hinaus. Hingegen wird bei den armen Schluckern jeder Cent peinlich genau gezählt.
Profiteure und Pechvögel
Die weiteren Begriffe aus der Definition - „planmäßig“ und „bewusst“ - setzen ein Handeln voraus, das nicht nur der eigenen Klientel dient, sondern die ganze Gesellschaft in ihrer Verschiedenheit und Komplexität zur Grundlage jeder Aktivität des Staates erklärt. Diesbezüglich besteht Deutschland nicht die Prüfung. Es wird kräftig die Spaltung und nicht der Zusammenhang betrieben.
Deutschland ist zwar kein Gottesstaat, trotzdem aber folgt einem religiös anmutenden Prinzip: die da unten in der Hierarchie müssen unten bleiben. Dafür sorgt ein ausgeklügeltes System, das die Bildung beinahe ausschließlich vom Geldbeutel der Eltern abhängig macht und es mit dem Schwadronieren über bildungsferne Familien unterstützt. In diesem System erklärt man die Höhe der Löhne zur Geheimsache und befördert dadurch Missbrauch sowohl nach unten wie nach oben. Die Arbeit wird also nicht nach Leistung, sondern willkürlich entlohnt. Die auf dem Papier Verantwortlichen und wirklichen Profiteure weisen jegliche Verantwortung von sich ab und schieben sie auf die Untergebenen (Evelyn Palla spricht von der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ bei der Bahn. Das ist aber ein allgemeines Phänomen) usw... usf…
Dieses System - übrigens absolut ineffizient, unwirtschaftlich - klammert sich krampfhaft an der Spaltung der Gesellschaft mit allen Mitteln. Auch unter dem Motto: Wenn uns Gesetze (das Grundgesetz inbegriffen) im Wege stehen, dann achten wir einfach nicht auf sie, natürlich immer mit einer guten Ausrede. Gelegentlich und leise gibt man manchmal zu: es sei undurchlässig.
Versucht man an diesem feudalen System zu rütteln, ertönt sofort aus der einen oder anderen Ecke ein lautes Geschrei. Am lautesten jammern dabei diejenigen, die sich um ihre Privilegien, ihre bequeme Position und Leben auf Kosten der anderen, der Ausgenutzten sorgen. So ist das Laben, argumentieren sie: Entweder gehört dir ein Platz auf der Sonnenseite oder bist du ein Pechvogel und außerdem selber schuld.
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