Sonntag, 28. Oktober 2018

Anne Applebaum, Polen und ich

Menschen ändern sich. Zum Schlechten wie zum Guten. Daher tue ich mir sehr schwer mit einer klaren Einteilung in Freund und Feind. Das Leben ist wunderbar kompliziert und manchmal sorgt sogar der Satan für die Gerechtigkeit, wie im magischen Buch „Der Meister und Margarita“.




Kohle oder Feindschaft


Vor diesem Hintergrund darf es niemanden wundern, dass ich z. B. auf Twitter grundsätzlich niemanden blockiere. Es sei denn, ich entdecke, dass ich selbst blockiert wurde, wie von einem bekannten Antifaschisten, der mich davor per Direktnachricht ums Geld gebeten hat. Nachdem ich mit der Kohle nicht sofort herausrückte, war ich nicht mehr seine „Freundin“.

Eine Ausnahme gibt es dennoch. Bis heute habe ich Anne Applebaum nicht zurückblockiert. Wieso? Weil ich ihre Aktion damals nach meiner einzigen höfflichen Frage auf Twitter keinen Deut verstanden habe. 

Drunter und drüber


Ich bin keine Expertin, wenn es um Anne Applebaum geht, ich kenne sie privat nicht, aber mit Polen kenne ich mich aus.  Sie auch. Neulich veröffentlichte sie ihre ganz persönliche Sicht der Dinge, die in vielerlei Hinsicht ziemlich aufschlussreich ist.

Den ersten Widerspruch erhebe ich gegen den Anfang des Textes. Applebaum beschreibt eine Party für hundert Gäste im Jahr 1999 in einem polnischen Dorf: 

„Mehr oder weniger hätte man unsere Gäste wohl in die generelle Kategorie der polnischen Rechten einordnen können – antikommunistisch, konservativ. Zu diesem bestimmten Zeitpunkt jedoch hätten sich die meisten von ihnen aber auch als Liberale bezeichnen lassen – Marktliberale, klassische Liberale, Thatcheristen vielleicht. Aber selbst die wirtschaftspolitisch eher Flexibleren von ihnen glaubten definitiv an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie an die Nato-Mitgliedschaft Polens und seinen Weg in die Europäische Union; man sah sich anders gesagt bereits als integralen Bestandteil eines modernen Europa. Genau das verstanden die Polen in den 1990ern unter «rechts».“

In den 90-gern war die Akzeptanz für die Europäische Union in Polen (Beitritt erst 2004) sehr hoch und betrug bis zu 80 %. Keineswegs also charakterisierte die Zustimmung für die EU die Konservativen, vielmehr äußerte sie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. 

Im besagten Jahr 1999 am 12. März wurde Polen in die NATO aufgenommen, was genauso von der großen Mehrheit der polnischen Bürger begrüßt wurde.

Was allerdings den Markt betrifft, hatten die wenigsten eine Ahnung davon. Es ging drunter und drüber. Ähnlich wie in den deutschen Ostländern. In der polnischen Wende gab es dennoch viele Besonderheiten.

„Solidarność” bedeutet Solidarität


Die Elite, die Polen regierte und zu der Anne Applebaum und ihr Ehemann, Radosław Sikorski, früherer Verteidigungs- und Außenminister, gehörten, diese Elite hat versagt. Ihre Arroganz und ihre Verachtung für die sogenannten kleinen Leute waren exorbitant. Der Sieg der PiS-Partei darf man deswegen nicht als eine geheimnisvolle Erscheinung, sondern als eine Reaktion auf die Verfehlungen der polnischen neoliberalen sehen.

Jene Verachtung für Menschen, die wenig besitzen und schwer arbeiten, hat eine lange Tradition. Im kommunistischen Polen äußerte sie sich unter anderen in getrennten Protesten von Arbeitern und Intellektuellen. Erst als sie ihre Kräfte verbanden, entstand „Solidarność”, die erste unabhängige Gewerkschaft, die zum Untergang des Kommunismus wesentlich beitrug.

Macht und Wut


Die Naivität und Offenheit der Freiheitskämpfer wurde von der neuen Elite gnadenlos ausgenutzt. Der Markt heiligte alles. Die neuen Herrscher hatten dabei keine Berührungsängste, sie machten Geschäfte Hand in Hand mit alten Kommunisten, die sich am schnellsten zu Kapitalisten wandelten. Aus zwei Gründen: erstens – sie hatten die nötigen Mittel, zweitens – sie verfügten über die richtigen und wichtigen Kontakte. Außerdem besaßen sie das erforderliche Know-how. 

Es endete schließlich wie immer: die Redlichen sahen sich als Verlierer. Aus der Enttäuschung entwickelte sich die durchaus berechtigte Wut. Diese Wut als „Neid der Zukurzgekommenen“ zu bezeichnen erscheint mir hochgradig zynisch.

Liebe Frau Applebaum, Ihre Sicht der Dinge kommt mir sehr einseitig vor. Statt die neue polnische Regierung - die wenigstens macht, was sie verspricht - zu denunzieren, wäre es an der Zeit, sich an die Brust zu schlagen. Das hätte Ihr und uns allen geholfen. Sind Sie dazu in der Lage?

Die wichtigste Frage bleibt: Mit welche Berechtigung  will jemand die Macht ausüben? Ich meine nach wie vor, dass sich die einzige Legitimation der Macht im Dienen den Menschen erschöpft – nicht der eigenen Klientel natürlich, sondern der ganzen Gesellschaft. Sie nicht?

Dienstag, 16. Oktober 2018

Tacheles gegen Potemkinsche Dörfer

Ich mag das Wort Tacheles. Es klingt nach Klarheit und Sachlichkeit: nicht um den heißen Brei herum, sondern direkt zur Sache kommen. Dahinter versteckt sich auch die Sehnsucht nach der Wahrheit. Ich weiß, wie pathetisch diese Behauptung klingt. Haben wir aber nicht lange genug in den Potemkinschen Dörfern gelebt?


                                                             Wir müssen neue Wege betreten. Eigenes Foto

Feigenblätter für die Nacktheit


Potemkinsche Dörfer verstecken  hinter den schönen Fassaden die raue Wirklichkeit. Die Wahrheit ist per definitionem immer nackt. Wer will sich jedoch freiwillig ungeschützt zur Schau stellen? Es geht mir natürlich nicht um das Entblößen für die Fotos in der Bild-Zeitung.

Wir verstecken uns gerne hinter verschiedenen Feigenblättern, seitdem wir aus dem Paradies, wo die Unschuld nackt schlenderte, verbannt wurden. Die Märchen, die wir über unsere Freundschaften, Ehen, Jobs usw. erzählen, bleiben in Wahrheit nur Märchen.

Dafür das große Wort Lüge zu bemühen, ist überflüssig wie ein Kropf. Es handelt sich vielmehr um die weitgehend verbreiteten und akzeptierten Chiffren oder Narrative, die man sozusagen geschenkt von seinem Umfeld bekommt. Ob wir es wollen oder nicht, färbt unsere Umgebung auf uns ab. Viel wichtiger ist aber, dass wir das Phänomen der Verschönerung erkennen.

Virtuell und real


Politiker sind meist Verschönerer von Beruf. Was sie berühren muss größer, besser, schneller, effizienter usw. sein. Natürlich nicht in Wirklichkeit. Als ob sie sich in einer Welt eines nie endenden Wettbewerbs des Schönredens befänden. Als ob? Oder geht es in der Politik fast ausschließlich um die Rivalität der Parolen, wobei sich kaum einer um die Verbindung zur Realität kümmert? (Ja, ich weiß, ich übertreibe in diesem Punkt unverschämt.)

In der heutigen Zeit, wo wir bereits in die Zukunft schauen können, erschöpfen sich unsere Bedürfnisse nach virtuellen Landschaften und Identitäten in den sozialen Medien. Von der Politik erwartet wir dagegen keine Märchen mehr, sondern Sachlichkeit: überprüfbare Pläne und realisierbare Projekte. Dafür braucht man auch eine Vision der Zukunft.

In den sozialen Medien antrainierte Frechheit (oder Mut, je nachdem) im Ansprechen von allen möglichen Themen stößt hier auf die alten politischen Rituale. Dass es dabei heftig bebt, darf es nicht wundern. Dieser Zusammenstoß wälzt unsere bis dato bekannte Welt um, mit unbekanntem Ausgang.

Betonung auf ganz


Die Politik und die Gesellschaft müssen neue Wege betreten. Vor allem brauchen wir einen neuen Vertrag zwischen den Vertretern und den Vertretenen: zwischen Politik und Gesellschaft. Wir brauchen ganzgesellschaftliche Diskussionen, mit Betonung auf ganz. Wir brauchen Tacheles sowohl bei der Bestandsaufnahme als auch bei der Auswahl der Lösungen.