Freitag, 8. Dezember 2017

Wenn sich die Wissenschaft an den Mäuseschwanz festbeißt

Noch hat kein Elefant einen Nobelpreis bekommen - und ich bezweifle, dass wir in der nächsten und weiteren Zukunft solch ein Ereignis erwarten dürfen -, obwohl sein Hirn riesig ist, folgerichtig also auch Riesiges leisten müsste. Dies schaffte dagegen ein wesentlich kleineres Denkorgan des menschlichen Genies wie das von Alfred Einstein.




Das Eine und das Andere


Was hat aber ein Elefant mit Einstein zu tun?  Nichts. Ich hole weit aus, um einmal mehr zu betonen, dass die Biologie das Eine und die Psyche das Andere ist.  Sie wachsen zwar zu einer psychosomatischen Einheit zusammen, jedoch lässt sich diese Einheit nicht ausschließlich biologisch beschreiben und untersuchen. Genauso wenig, wenn wir aus den Untersuchungen vom Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) die Rückschlüsse über die Eigenschaften vom Wasser (H2O) gezogen hätten.

Es gibt dennoch Forscher, die nach wie vor versuchen zu beweisen, dass der Aufbau des Gehirns darüber entscheidet, ob ein Mensch als ein Krimineller, ein Genie oder ein Irre auf die Welt kommt. Allesamt werden sie scheitern. Eine derartige Korrelation existiert nur in den Wünschen von Wissenschaftlern, die den Menschen mit der Maschine verwechseln. Dieser Überzeugung huldigten auch die Erfinder der schrecklichsten Auswüchse in der Medizin wie Lobotomie.

Mäuse und Menschen


Zurzeit untersuchen Forscher, ob ein psychisches Trauma vererbt wird. Dabei übertragen einige von ihnen die Erkenntnisse, die sie an Mäusen gewonnen haben, auf Menschen.  Da muss ich, sorry, lachen. Hier beißt sich die Wissenschaft an den Mäuseschwanz fest. 

Ein bisschen verstehe ich jedoch jene Sehnsucht, die hinter derartigen Ideen steckt: den Menschen als eine Maschine zu betrachten und einfach reparieren, wenn er nicht funktioniert – also hier ein Gen herausschneiden, dort nur verändern und schon läuft alles wie gewünscht. Es handelt sich um die gleiche Sehnsucht, die zu überzeugen versucht, dass man mit Medikamenten psychische Probleme und Krankheiten lösen kann.

Alkohol und Marihuana tun es auch


An dieser Stelle will ich aus meinem Buch „Wozu soll das gut sein?“ zitieren:

„Ich bezweifle, dass man psychische Probleme mit den chemischen Stoffen beseitigen kann. Es ist zwar gut möglich, dass die Tabletten den Schmerz der Seele betäuben oder lindern. Kurzfristig, vorübergehend. Die gleiche Funktion erfüllen jedoch auch die zugelassenen und nicht zugelassenen Drogen: Alkohol, Marihuana, Koks und weitere Erfindungen des Menschen, die die Flucht aus der Realität ermöglichen oder erleichtern. Einige von ihnen besitzen sogar den Vorteil, dass sie eine ausschließlich pflanzliche Herkunft vorweisen.  
Die Psychopharmaka benebeln hauptsächlich den Verstand, wie die Drogen es auch tun. Ich habe in der Klinik beobachtet, wie die Patienten danach lallen, schief auf den Stühlen hängen oder überhaupt nicht aus dem Bett herauskommen. Sie sehen und riechen Dinge, die es nicht gibt. Ihre Gesichter schwellen an, ihre Bäuche dehnen sich wie aufgepumpt auf. Ihr Gang verändert sich, wie auch ihre ganze Art. Sie werden zu Zombies – weder lebendig noch tot -, die von der Umgebung nicht viel mitbekommen.“

Wir sind kompliziert


Wir sind – Gott sei Dank – keine Maschinen. Zu den einzigartigen Menschen – jeder einzelne von uns – werden wir erst geformt von allen und allem, was auf uns wirkt. Vom Guten, das uns zustößt, und  - leider noch mehr – vom Bösen, das uns verletzt oder zerstört. Dazu kommt es, dass die beiden Kategorien nie eindeutig sind, genauso wenig wie ihre Wirkung. 

Wir als Personen entstehen in einem Prozess vom ersten bis zum letzten Atemzug. Um diese höchstkomplizierte Verflechtung zu durchschauen und herauszufinden, was es schief gelaufen ist, braucht man Zeit. Viel Zeit. Wie auch für eine Psychotherapie. 

Samstag, 2. Dezember 2017

Wenn wir über die Justizreform in Polen reden

Sprecht Ihr, meine lieben Leser, polnisch? Nein? Kein Wunder. Obwohl Polnisch seit 2004 zu den 24 Amtssprachen der Europäischen Union gehört und die zweitgrößte Sprecherzahl von den slawischen Sprachen hat, ist das keine weitverbreitete Sprache. Daher muss man sich auf die Vermittler verlassen, wenn es um die Nachrichten über den nahen Nachbar geht. Vorsicht ist dabei auf jeden Fall geboten! Die Berichterstattung ist überall auf der Welt mehr oder weniger parteiisch. Auch in Deutschland. Über die Justizreform in Polen zum Beispiel lesen wir hierzulande nichts Gutes.


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Das Recht, Relikte zu beseitigen


Nicht nur Deutschland, sondern auch die EU sorgt sich um die Unabhängigkeit von polnischen Gerichten und einen zu großen Einfluss des Justizministers bei der Besetzung von Richterposten. 

Auf den ersten Blick: absolut berechtigt. Auf den zweiten: nicht wirklich, wenn man die Gegebenheiten vor Ort betrachtet. Die polnische Justiz ist immer noch mit den Relikten des vergangenen totalitären Regimes belastet. 

Wie befreit man sich von derartiger Erblast? 

In Deutschland arbeiteten Nazis noch in den 70er Jahren in Gerichten und im Bundesjustizministerium.

„Im Untersuchungszeitraum von 1949/1950 bis 1973 lag die Zahl der ehemaligen NSDAP-Mitglieder deutlich über 50 Prozent und in manchen Abteilungen des Ministeriums zeitweilig sogar über 70 Prozent, wie aus dem Abschlussbericht der Kommission mit dem Titel "Die Akte Rosenburg" weiter hervorgeht.“  

Wieso hat man hier solange die Justiz nicht ausgemistet? Und wie kann man jetzt der polnischen Regierung vorwerfen, dass sie eben dies tut?

Gerichtliches Lotto im neuen Jahr


Die Bevölkerung befürwortet mehrheitlich die Reform. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die Aussicht auf eine echte Veränderung,  was die Trägheit der Gerichte betrifft. 80 % klagen, dass diese Institutionen viel zu langsam arbeiten, die Prozesse ziehen sich unendlich lang.

In Deutschland haben wir inzwischen schon vergessen, was wir der Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verdanken. Sie hat sich für gesetzliche Regelungen eingesetzt, die jene Unendlichkeit der Prozesse beenden, in dem sie den Betroffenen finanzielle Entschädigungen zusichern. Die Polen wollen jetzt ihre Justiz dahingehend reformieren. 

Dafür, dass es gerechter unter den Richtern zugeht, soll eine andere Idee sorgen. Am 16. Oktober begann in Polen der Probelauf eines Projekts, in dem die Verfahren durch die Auslosung den Richtern zugewiesen werden. Der Computer entscheidet absolut unabhängig, wer welchen Prozess führen darf. Ab dem neuen Jahr wird das gerichtliche Lotto schon im ganzen Land „gespielt“. 

„Dieses System garantiert eine gleichmäßige Verteilung der Arbeit auf alle Richter – schreibt Wioletta Olszewska aus dem Büro des Justizministers in einer E-Mail an mich -  Es ist in der Lage, unterschiedliche Verfahren zu „wiegen“, das System kann also den Grad der Kompliziertheit bestimmen und nach einheitlichen Regeln die Arbeit zuweisen. Dies garantiert die Unabhängigkeit der Richter, die für ihren Ungehorsam nicht mehr durch die Zuteilung von zu vielen Verfahren bestraft werden können.“

Keine schlechte Idee, nicht wahr?

Sonntag, 12. November 2017

Teurer Mut und schneller Prozess – ein paar Gedanken über eine schwarz-weiße Welt

Wir leben in Zeiten, in denen mutig zu sein ganz einfach erscheint. Niemand wird hier für seine Äußerungen verhaftet und hingerichtet. Ist also der Mut so billig geworden, dass sich ihn jeder leisten kann? Mitnichten! Er ist schon wieder teuer. Wir wollen nicht mutig sein, wir wollen den anderen vor allem gefallen und viele Likes auf Facebook, Twitter & Co. bekommen.  Außerdem folgen wir unseren virtuellen Gurus. Unabhängige Meinungen leisten sich die wenigsten.


                                                              "Halten Sie Trump für psychisch gesund?"

Alle trampeln auf Trump


Die virtuelle Welt könnte man mit den Western (besonders den alten) vergleichen; genauso wie in den filmischen Inszenierungen stellt man auch heute die Wirklichkeit schwarz-weiß dar. Auf der einen Seite sind die Guten, auf der anderen die Bösen. Die Entscheidungen darüber, wer zu welcher Gruppe gehört, werden mehr oder weniger arbiträr gefällt.  

Die zweite Kategorie repräsentiert zurzeit, zu einem monströsen Bösewicht kreiert, der vor einem Jahr gewählte amerikanische Präsident Donald Trump. Er soll nicht nur böse, sondern noch dazu auch verrückt sein. In einem Interview mit Sigmar Gabriel fragt die BamS (5.11.17): „Halten Sie Trump für psychisch gesund?“

Gabriels Antwort passt nicht zum herrschenden Mainstream:

„Was für eine absurde Frage. Der amerikanische Präsident ist ein kühl kalkulierender Politiker. Er hat gesehen, dass eine Mehrheit der Amerikaner sich abgehängt fühlt und den Sprüchen der Politiker nicht mehr glaubt. Dann hat er sich an die Spitze der Anti-Establishment-Bewegung gesetzt. Diese Menschen unterstützen ihn nach wie vor. Ich würde keine Wette eingehen, dass Trump nicht acht Jahre Präsident bleibt.“

Keine schlechte Analyse, nicht wahr? Mit vielen Farben, weil Schwarz-Weiß selten für die Beschreibung der Welt ausreicht.

Shitstorm ersetzt das Lynchen


Die mediale Welt versagt augenblicklich meist, wenn es um eine sachliche Diskussion geht. Dafür gibt es weder Raum noch Zeit. Man muss sich ohne Zweifel und zügig entweder für oder gegen eine Sache, einen Menschen aussprechen. Das hat weniger mit klarer Kante zu tun, viel mehr mit der Wahl eines der sich bekämpfenden Lagern und  dem altbekannten Gehorsam. 

Wo die Sachlichkeit fehlt, schwappt die Hysterie über. Es wird schnell bewertet. Urteile werden ohne Prozesse ausgesprochen. Das Lynchen – der Shitstorm - ist dann die Vollstreckung. 

Keineswegs will ich Twitter & Co. verteufeln. Im Gegenteil, ich finde, dass die Social Media eine unheimlich wichtige Rolle spielen, darunter tragen sie sehr viel zur Kontrolle der jeglichen Obrigkeit bei. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie sich weiter entwickeln und weniger kindisch und trotzig, stattdessen erwachsen werden.

Donnerstag, 2. November 2017

Alte Hexen, Playboy-Häschen und andere Politik

Ein Tweet von femInsist‏ geht eben viral. Er spricht ein wahres Tabuthema an: das Älterwerden von Frauen.


                     Eigenes Foto


Die wahren Unsichtbaren 


Die Zeit kennt keine Ausnahmen: älter werden wir alle. Zu Beginn also eine naive Frage: Wo liegt das besondere Problem mit Frauen? 

Wenn es keine anderen Beweise für die Ungleichstellung der Geschlechter gäbe, wäre dies der überzeugendste. Was kann härter und ungerechter sein, als das gänzliche Verschwinden von der Oberfläche?

In puncto Alter


Die Welt ist nur grammatikalisch weilblich. Nach wie vor entscheiden Männer, wo es lang geht. Und wenn Frauen Karriere machen, dann ordnen sie sich den männlichen Regeln unter. Eins der besten Beispiele dafür liefert unsere Bundeskanzlerin Angela  Merkel. Allerdings hilf ihr das wenig in puncto Alter. Einfach das falsche Geschlecht, Frau Kanzlerin! Daher verlauten jetzt Vorwürfe, sie wäre zu alt. Bei den Männern – wie z.B. Herrn Schäuble – kommen solche Zweifel nicht auf.

Ich bin wahrlich keine von Merkels Fans – lest bitte meine sehr kritischen Posts über sie -, aber was hat bitte schön ihr Alter mit politischen Auseinandersetzungen zu tun?

Das Lechzen nach Playboy-Häschen


Sobald ein Aufruf nach Verjüngung der Politik, der Medien und ähnlichem ertönt, erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild eines lüsternen Mannes, der nach (Playboy-) Häschen lechzt. Sex – oder sexuelle Einstellung - regiert nach wie vor die Welt.  Und nach wie vor fürchtet die männliche Welt alte weise Frauen.  Wieso? Wir können viele Mutmaßungen anstellen. Die einfachsten springen ins Auge: Zum einen kostet den Mann viel weniger Mühe junge Früchtchen zu manipulieren, zum anderen hofft er eigenes Altern dadurch hinauszuschieben.

Wie es ist


In diesem Kontext möchte ich daran erinnern, dass Altersdiskriminierung laut geltendem Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unzulässig ist. Dort  wird das Alter neben anderen möglichen Benachteiligungen aufgelistet: „aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, wegen des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität.“

Ich möchte auch nicht unerwähnt lassen, dass das Hantieren mit dem Alter in der Öffentlichkeit auch nach dem Datenschutzgesetz sehr bedenklich erscheint. Das Alter gehört nämlich zu den personenbezogenen Daten wie Anschrift oder Telefonnummer und darf deshalb nicht öffentlich herausposaunt werden.

So viel die Theorie. Wie es ist, sehen wir mit bloßem Auge. Obwohl man zugeben soll, dass es humaner als früher gehandhabt wird. Wir verbrennen alte weise Hexen nicht mehr. Heute löschen wir sie lediglich aus der Öffentlichkeit aus.

Hm, es kommt eigentlich aufs Gleiche hinaus.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Wer will die Wahrheit hören?

Ich bin neugierig. Sehr. Ich will hinter die Kulissen schauen. Und Motive der Handlungen herausfinden. Ich will wissen, wie Menschen wirklich ticken. Ich will die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wollen wir das nicht alle?


                                                              Geld regiert die Welt – auch eine Wahrheit. Eigenes Foto


Spiel mit vielversprechenden Etiketten


Die Wahrheit kann ganz schön wehtun. Welche betrogene Frau – oder ein betrogener Mann  -, will wirklich hören, dass man sie/ihn betrügt? Wir halten uns bis zuletzt lieber am Strohhalm der Lüge fest. Ja, wir lassen die Lüge mehr oder weniger bewusst zu, um nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Wie viele Beziehungen basieren auf gegenseitigen Lügen? Natürlich ist das keine gute oder sichere Grundlage. Es hält trotzdem oft ein Leben lang durch. Wir begnügen uns meist mit vielversprechenden Etiketten, obwohl sie mit dem Inhalt nicht übereinstimmen. 

Mit der Zeit habe ich gelernt, das Spiel mit den Etiketten gut durchzuschauen. Das glaubte ich. Und doch war ich unangenehm überrascht, als mich ein ziemlich bekannter Antifaschist auf Twitter geblockt hat, nachdem ich seine absolut ideologiefreie Bitte nach Geld (per persönliche Nachricht geschickt und für die Öffentlichkeit nicht sichtbar) nicht erfüllt habe. Ziemlich niedrige Motive, die überhaupt nicht zu seinen hehren Zielen passen, nicht wahr? Daher habe ich zurückgeblockt.

Die Kasse muss stimmen


Genauso wie einzelne Beziehungen fußen auch ganze Gesellschaften auf Lügen. Sie täuschen ehrbare Werte vor, tatsächlich aber zerstören sie jene. Suchen wir nicht weit weg und nehmen wir als Beispiel die hiesige Gemeinschaft. 

Solange die Kasse stimmt – was zurzeit der Fall ist -, wollen sich die hiesigen Entscheider nicht wirklich mit den tagtäglichen Verstößen gegen das höchste Gesetz dieses Landes beschäftigen. Es ist nicht schwierig zu beweisen, dass schon der Artikel 1 lediglich ein frommer Wunsch bleibt: 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Eine Gesellschaft, die einen Teil ihrer Bürger versklavt, darf sich doch nicht ernsthaft auf diesen Artikel berufen. Man hätte stattdessen sagen müssen: Entweder malochst du für fast nichts, oder wir zwingen dich dazu. Das „Fördern und Fordern“ ist eine der größten Lügen der sogenannten Agenda 2010. Zweifehlhafte Firmen verdienen sich an den Arbeitslosen dumm und dämlich, indem sie die Betroffenen angeblich für den ersten Arbeitsmarkt  fit machen. Zur Wahrheit müsste eine ehrliche Aussage gehören: Wir wollen an dir verdienen; du selbst interessierst uns nicht.

Die folgende Plattitüden bleiben nach wie vor wahr: Hast du Geld, bist du wer, hast du es nicht, bist du auch heute nur ein Sklave. Das Geld regiert die Welt. Und Sex. 

Aber das ist ein anderes Thema.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Manager und Moral oder die Wirkung der Appelle

Habt Ihr das gelesen? Schon der Titel fällt aus der Reihe. Aus der gewohnten „Bild“-Reihe. Die BamS vom 15. Oktober lädt zu einer Debatte ein und betitelt ihren Aufmacher folglich: „Wie unsere Wirtschaftselite ihren Anstand verlor“ und weiter auf der vierten Seite: „Top-Manager sollen richtig gut verdienen, aber bitte anständig!“ Wenn das keine Neiddebatte ist! (Vorsicht, Sarkasmus!)


                                                                    VW- & Co.-Manager ohne Anstand? Mein Foto

Dahingehend degeneriert


Das Thema ist keineswegs neu, der Standpunkt der „Bild“ dagegen schon. Am Pranger stehen jetzt nicht die faulen Hartz-IV-Empfänger, sondern die gierigen Manager. Was hat die „Bild“ zum Umdenken bewegt? Die Antwort ist einfach: das Ergebnis der Bundestagswahl. Weil sich die „Bild“ ihre Meinung abhängig von der politischen Lage bildet. Anders gesagt: ein Problem wird zum Problem erst dann, wenn es die herrschende (mehrheitsfähige) Politik benennt, oder –wie es in diesem Fall ist – wenn die Herrscher derart geschwächt sind, dass sie die Deutungshoheit verlieren. Zu Merkel, die mit der Bild-Gnade seit 12 Jahren regiert, zitiert jetzt die Zeitung (BamS vom 22.10.) ihre Kritiker „Seit einigen Jahren hat sich die CDU dahingehen degeneriert,  der Bundeskanzlerin bedingungslos zu applaudieren.“ Neben dieser Blasphemie wird noch ein graues Kästchen mit Zahlen gesetzt: „Deutsche wollen neues Parteipersonal“. Boah!

Moralvorstellungen in der deutschen Wirtschaft


Nach einer ehrlichen Debatte sehne ich mich seit langem. Es ist mir auch ziemlich egal, wer sie anstößt. Das Fazit der BamS lautet „Nur wenige Top-Manager stellen ihren Anstand über den Kontostand“. Es sieht hier danach aus, dass ein ganzer Berufsstand angeklagt wird. Aber die BamS hat auch positive Beispiele parat, wie der Aldi-Nord-Eigentümer Theo Albrecht: „ Wer gegen die Richtlinien beim Discounter verstößt, egal auf welcher Hierarchieebene, muss umgehend seinen Schreibtisch räumen. Solche Moralvorstellungen sind in der deutschen Wirtschaft eher die Ausnahme.“

Natürlich können wir bei diesem Thema über die Werte und Moral sprechen, was jedoch absolut nichts ändern wird. Nicht, weil der Mensch schlecht ist, sondern, weil er klug ist, und die ihm zur Verfügung gegebenen Freiräume ausnutzt. Oder noch deutlicher: Was nicht verboten ist, ist erlaubt.

Ordnung muss sein ;)


Tief in mir sitzt eine starke Abneigung gegen Moralapostel  jeglicher Couleur. Ich misstraue Appellen, die die Grundsätze der Religion übernehmen, und lediglich auf dem Glauben beruhen. Im gesellschaftlichen Miteinander befürworte ich dagegen klare Regeln.

Es ist mir egal, wie man das macht: Ob man nur eine gleiche Steigerung von Gehältern der Manager und Angestellten vorschreibt, oder ob man sich auf eine bestimmte Multiplikation einigt, dass die Manager z. B. nur 10-mal so viel wie ein niedrigstbelohnter Mitarbeiter verdienen dürften.

Wer dermaßen peinlich gründlich die Hartz-IV-Empfänger unter die Lupe nimmt, muss auch am anderen Ende der Hierarchie endlich für Ordnung sorgen.

Das ist eine Aufgabe der Politik, die bei diesem Thema bis jetzt auf der ganzen Linie versagt hat.

Montag, 2. Oktober 2017

Der größte Fehler der SPD

Nobody is perfect. Fehler machen alle. Es geht also nicht darum, dass wir vollkommen sein sollten. Vielmehr handelt es sich um das Eingestehen und die Lehren, die wir aus den Fehlern ziehen.


                                                                                                                Foto: Autorin

Kein Interesse an Ursachen


Der größte Fehler der SPD waren meiner Meinung nach die Hartz-Gesetze. Wie wir wissen, wurden sie von einem Gremium, das damaliges VW- Personalvorstandsmitglied Peter Hartz leitete, gebrütet. Umgesetzt hat sie Gerhard Schröder. Das hehre Ziel lautete, die Arbeitslosenzahl zu halbieren.

Bereits der zündende Funke war aber mit einem gravierenden Missverständnis belastet. Die Hartz-„Weisen“ dokterten an den Symptomen, statt Ursachen zu erforschen:

„Statt die ökonomischen Entwicklungsdeterminanten zu problematisieren und ein in sich schlüssiges Konzept der Krisenbewältigung mittels ihrer Beeinflussung durch eine aktive Wirtschafts-, Struktur- und Beschäftigungspolitik zu entwickeln, trat sie (die Hartz-Kommission, Anm. GG) dem Problem hauptsächlich im staatlich-administrativen und Vermittlungsbereich entgegen, wodurch der Eindruck unterstrichen wurde, dass es die Betroffenen letztlich selbst verschulden, weil sie faul seien, zu wenig Eigeninitiative entfalteten und nur deshalb nicht sofort nach ihrer Kündigung eine neue Stelle fänden“ – diagnostiziert trefflich Christoph Butterwegge.

Der Verrat unter dem Motto „Fördern und Fordern“


Die folgenreiche Verschiebung der Schuld von den ernsten strukturellen Problemen auf die Arbeitslosen stellt den größten Verrat der SPD an ihren Wählern dar. Die SPD begab sich in diesem Moment auf die Seite des Stärkeren – der Wirtschaft –und ist dort auch geblieben. Damit mutierte sie zu einer schlechten Kopie der CDU. Kein Wunder, dass sich Wähler für das Original entscheiden.

Die Schwachen konnten sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf die SPD verlassen. Ausgerechnet die Genossen setzten die grausamsten „Reformen“ durch. Der Faulheit verdächtigt werden seitdem die Hilflosen in meist idiotische Maßnahmen gesteckt, drangsaliert und sanktioniert. Aus „Fördern und Fordern“, Zuckerbrot und Peitsche, ist nur die Peitsche geblieben: Entweder spurst du oder verreckst du ohne Geld.

Die Hartz-Gesetze, besonders Hartz-IV, zeigen auf eine spektakuläre Weise, dass die Würde des Menschen sehr wohl antastbar ist, sobald ein Mensch keine Verwertung in der Wirtschaft hat. Jene Gesetze initiierten einen Abwärtstrend, für noch weniger Geld arbeiten zu wollen und auf noch mehr Rechte zu verzichten, um den Erniedrigungen zu entkommen.

Derartige Politik hat die Gesellschaft tief gespalten und die Zahl der verarmten Malocher stark vergrößert. Im reichsten Deutschland wächst die Armut, darunter die Kinderarmut.

Opposition und Hartz-Trauma


Dass sich Angela Merkel bei Gerhard Schröder für diese Gräueltaten bedankt, darf niemanden überraschen. Dank dem Genossen der Bosse konnte sie bis heute ihre verheerende Weiter-so-Politik fortsetzen. Denn die ganzen Schichten der Gesellschaft wurden tatsächlich entmachtet und dem Kampf um bloßes Überleben ausgesetzt.

Wie wird die SPD mit dem Hartz-Trauma jetzt in der Opposition umgehen? Wird sie ihren Fehler eingestehen? Ich bin gespannt, ob und wie sich die Partei mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Denn sie hat das ihr geschenkte Vertrauen in die Gerechtigkeit zerrüttet.

Das ungerechte Hartz-System beißt sich inzwischen in den Schwanz: in einer Atmosphäre der Angst und Erniedrigung kann nichts Gutes entstehen.  Statt Talente herauszufischen und zu unterstützen, lässt man sie vergammeln.  Weil das einzige was zählt, scheint im Hartz-System der Gehorsam zu sein.

Sonntag, 3. September 2017

Wie Angela Merkel und Sahra Wagenknecht oder politische Farbenlehre

Ihr kennt den Kommunismus nicht. Auf jeden Fall viele von euch. Ich schon. Ich habe in einem kommunistischen Land gelebt. Eigentlich soll man aber nicht über den Kommunismus, sondern über den real existierenden Sozialismus sprechen.  Wie denn auch sei, diese Erfahrung teile ich mit Menschen wie Angela Merkel oder Sahra Wagenknecht.


                                                                 Wie Angela Merkel und Sahra Wagenknecht

Wenn Rot zu Schwarz wird. Oder umgekehrt?


Keine Angst, jetzt kommen keine traurigen oder schrecklichen Geschichten von damals. Ich muss jedoch einige grundsätzliche Bemerkungen loswerden. Ja, jetzt, unbedingt jetzt vor den Wahlen. 

Zuerst habe ich hier in Deutschland alles, was nur ansatzweise an Rot – als politische Richtung - erinnern konnte, strikt abgelehnt. Im Sinne: nie wieder Scheiß-Kommunismus, nie wieder Diktatur der gefährlichen Deppen über das Volk.

Mit der Zeit aber stellte ich fest, dass es überhaupt nicht um die Farbe geht. Politisch gesehen. Sobald ich meine Augen weit öffnete, merkte ich mit Verwunderung, wie vieles mich an die Heimat im ganz negativen Sinne erinnert.

Ich staunte nicht schlecht, dass die kommunistischen Schweinereien hier in einer schwarzen Farbe erscheinen. Die Schwarzen haben also dazu beigetragen, dass ich mit der Farbenlehre in Sachen Politik aufgehört habe. 

Es ist mir seitdem scheißegal, mit welcher Farbe sich ein politischer Vorschlag schmückt. Ich schaue mir seinen Inhalt an und – noch viel wichtiger – die Praxis, die daraus resultiert. Das ist das Einzige, was zählt.

Erstattet mir bitte noch eine Bemerkung: Rassisten, Fremdenfeinde und Antisemiten sind in allen – ich wiederhole: IN  ALLEN! – Parteien zu finden. Manchmal an sehr überraschenden Stellen.

Nieder mit dem Opportunismus! 


Jetzt also noch einmal zum Mitschreiben: Ich habe wirklich keine Lust schon wieder auf den gleichen Scheiß nur im Schwarz! 

Beweise, dass es sich die schwarze Herrschaft in die gleiche Richtung wie damals bewegt? Die gibt es im Überfluss! Ich zähle einige auf: eine brandgefährliche Missachtung der Pressefreiheit (die Ereignisse um die G20), die Versuche Andersdenkende zu kriminalisieren (Verbot der Internetseite von linksunten.indymedia), die ausufernde Überwachung – Big Brother is watching you (u. a. Rechtswidriges Sammeln von Daten durch BKA, Durchführung von umstrittenen Tests für Gesichtserkennung), die Vernachlässigung von Bildung (die Geldbörse entscheidet über die Chancen), die Beschneidung von Arbeitsnehmerrechten in allen möglichen Varianten (die idiotischen Kopfnoten der Arbeitgeber - anders genannt „Arbeitszeugnisse“ - gehören auch dazu), die Missachtung von Millionen, die in Armut leben …

Und der hier gedeihende Opportunismus! Er war auch eine unabdingbare Säule des Kommunismus (real existierenden Sozialismus) und zahlte sich besonders aus: Karriere machten nur diejenigen, die linientreu - also passiv und mittelmäßig, aber treu - waren. 

Die gleiche Ohnmacht


Wie kann ich eine Staatswirtschaft mit einer privaten vergleichen? Das fällt mir ausgesprochen leicht: Es gab nämlich keine Staatswirtschaft, sondern eine durch Korruption privatisierte.  Außerdem kann man auch die Situation der Arbeitnehmer vergleichen. Darunter verstehe ich die gleiche Ohnmacht der Untergebenen in beiden nur auf den ersten Blick unterschiedlichen Systemen. 

Die Gesellschaft war genauso zweigeteilt in eine sehr dünne Schicht der Privilegierten und die Mehrheit, die nichts zu melden hatte und um bloßes Überleben kämpfte. 

Ob ich nicht zu sehr übertreibe? Keineswegs, ich will endlich eine echte Demokratie, wo der Mensch als der Maßstab der Politik – allen Handlungen und Diskussionen – im Zentrum steht, und nicht als ein Ballast auf dem Weg zum grenzenlosen Reichtum stört.  

Donnerstag, 24. August 2017

Wladimir Kaminer spricht mit Dietmar Bartsch und die Bild am Sonntag spielt die Anstandsdame

In der Bild am Sonntag vom 20. August erschien ein interessantes Interview: der Schriftsteller Wladimir Kaminer trifft den Linke-Spitzenkandidaten Dietmar Bartsch. Interessant ist das Gespräch aus vielen Gründen.


                                                                                                                      Screenshot

Die vorgekaute Meinung


Das Interview stockt. Die beiden Gesprächspartner sind aber nicht daran schuld. Es ist die BamS, die ihre Kommentare dazwischen schiebt; sie kaut sozusagen die Meinung für die Leser vor.   

Nachdem sich Bartsch von den neuen Ereignissen in Venezuela distanziert, weil sie nichts mit dem demokratischen Sozialismus, den er will, zu tun haben, erinnert die BamS an die Solidaritätsbekundung mit Venezuela, auf dem Parteitag im Juni von der Linken verabschiedet. Es soll heißen: Vorsicht, das was Bartsch erzählt, stimmt nicht.

Auf gleiche Art kommentiert die BamS die Aussage von Bartsch, dass es niemanden gibt, der durch eigene Leistung Milliardär geworden ist. Das sei nicht richtig – dürfen wir gleich nach der Bartsch‘ Antwort lesen. Dann kommt die Aufzählung: „Berühmte deutsche Beispiele sind die Aldi-Brüder, Karl und Theo Albrecht, sowie Hasso Plattner.“

Was ausgelassen wird


Die Fragen und Meinungen von Kaminer bleiben dabei unkommentiert. Er scheint auf gleicher Linie wie die BamS zu liegen.  Kleine Stolper – wie zum Beispiel solch ein Satz von Kaminer wie „Auf jeden Fall ist der Kapitalismus nicht das Gelbe vom Ei“ – druckt man einfach nicht. 

Die Auslassungen bei Antworten von Bartsch wiegen schwerer. Ich zitiere einige davon:

„Ich kenne niemanden in der Linke der zum Staatssozialismus zurück will. Das wäre irre. Der ist gescheitert. Der ist zu recht gescheitert. Aus ökonomischen Gründen, demokratiefeindlichen Gründen ...“

Bartsch‘ Definition der Leistungsgesellschaft: „dass jeder nach seiner Leistung erhält, dass jeder das einbringt, was er kann, dass den Schwächeren geholfen wird. Das ist der zentrale Gedanke.“

„Ich bin dagegen, dass heute Menschen zu Vermögen, zu Einkommen kommen, Milliardäre sind, vielfache Milliardäre sind, ohne Leistung. Das ist nicht gesund. Da muss eine Gesellschaft steuern, deswegen gibt es das Element Steuern.“

„Man will niemand enteignen, das ist gar nicht unser Ziel, wir müssen Grenzen ziehen. Natürlich bin ich dafür, dass man horrendes Eigentum bei Erbschaften besteuert.“

„Erbschaftssteuer ist in den USA, Großbritannien und Frankreich um vielfaches höher. Warum ist sie in Deutschland so niedrig?“ 

Eine gute Frage, nicht wahr? 

Dem Einwand, dass die gedruckte Version des Gesprächs, das auch verfilmt wurde, doch nicht alles im Wortlaut wiedergeben kann, stimme ich nur bedingt zu.

Wenn man die zentralen Aussagen eines  Interviewten einfach weglässt, dann verfälscht man doch seine Stellungnahme. 

Insgesamt will ich darauf hinweisen, dass es immer schwieriger ist, zwischen Berichten und Kommentaren zu unterscheiden. Beide Formen verschmelzen zur Unkenntlichkeit. So machen die Medien Politik.

„Das hat mit Merkel nichts zu tun“


Mein Lieblingszitat, das wie die anderen obigen in der BamS nicht gedruckt wurde, betrifft Merkel:

„Wenn ich mir angucke, wie vor 12 Jahren das Europa aussah, als ihr Kanzlerschaft begann, und heute, dann stelle ich fest: wir haben den Brexit, wir haben eine unbewältigte Finanzkrise, wir haben eine horrende Jugendarbeitslosigkeit in den Südländern, die eine verlorene Generation hervorbringt, wir haben erstarkte rechtsextremistische und rechtspopulistische Parteien, Europa ist in einer Gefahrenzone. Wenn dann aber einer sagt, das hat mit Angela Merkel nichts zu tun, der hat wirklich nichts verstanden.“

Montag, 14. August 2017

Wie der Fall Twesten uns die Politik lehrt

In den Tagen nach dem spektakulären Übertritt einer bis dato unbekannten niedersächsischen Landtagsabgeordneten hörte man nichts Gutes über Politiker und Politik.


                                 Ministerpräsident Stephan Weil, dessen Regierung Elke Twesten gekippt hat. Foto: Autorin

Darf sie das?


Den verdrossenen Ton der negativen Stimmen hat sehr gut Hans-Christian Ströbele wiedergegeben:

Kurzum: Twesten sollte ausschließlich an sich selbst gedacht haben. Darf sie das? Sich als Politikerin nur für die eigene Karriere zu interessieren? Eine Gegenfrage: Wie naiv ist es zu glauben, dass Politiker lauter Idealisten wären?

Wie ein Eisberg


Was ist also Politik? Eine einfache Antwort lautet: alles. Weil sie über alle Bereiche des Lebens bestimmt. Sie ist mächtig. Gleichzeitig zeigt sie sich irritierend ohnmächtig und hält nicht, was sie verspricht.

Die Erwartungen der Wähler prallen auf den politischen Betrieb, der nach eigenen Regeln funktioniert. Eben diese Mechanismen faszinieren mich, weil sie sich zum großen Teil im Verborgenen verstecken und einem Eisberg ähneln.

Politik bedeutet Klüngel und Seilschaft. Und das Paktieren hinter verschlossenen Türen. In der positiven Version sprechen wir über das Teamspiel. Einzelgänger haben dort nichts verloren. Denn ihr wichtigstes Merkmal ist die stätige Suche nach Mehrheiten.

Politik ist ein Kampf mit harten Bandagen. Und gefährlich. Manchmal lebensgefährlich. Ihren Weg pflastern Affären. Ich erwähne an dieser Stelle zwei Fälle, die nur auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen: Vera Brühne und Uwe Barschel.

So dramatisch ist der Fall Twesten doch nicht. Trotzdem hätte ich gern erfahren, ob Merkel auch von „unmoralischen Angeboten“ der niedersächsischen CDU gewusst hat.

Den Kuchen gerecht verteilen


Die Kernfrage der Politik, die zu wenig Beachtung findet und die immer wieder neu diskutiert werden muss, ist die Verteilung des Kuchens. Zurzeit erfolgt die Verteilung sehr ungerecht und führt zur wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Der dringend notwendige Diskurs wird wiederholt als Neiddebatte verunglimpft. Politiker, die sich konservativ nennen, wie Merkel, wollen nicht am Status quo rütteln. Ihre Antwort auf die Zukunft lautet: Weiter so! Diese Antwort ist grundlegend falsch.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Ist der Populismus pfui?

Der Begriff „Populismus“ wird pejorativ verstanden und benutzt. Kein Problem? Doch! Angeblich ist ein Drittel der Deutschen populistisch.



Worüber reden wir?


Die obige Erkenntnis stammt aus der Bertelsmann-Studie „Die Stunde der Populisten?“ Ich zitiere daraus auch die Beschreibung dieses Begriffes: 

„Populismus hat drei wesentliche Dimensionen: „Anti-Establishment“, „Anti-Pluralismus“ und „Pro-Volkssouveränität“. 

Ein Populist spricht sich also für die Volkssouveränität aus. Er begreift sich als Souverän. Zu Unrecht? Theoretisch nicht! Ein Souverän „in demokratischen Republiken und in parlamentarisch-demokratischen Monarchien ist regelmäßig das Staatsvolk.“ Ein Populist verlangt demnach lediglich dies, was ihm zusteht. Er nimmt somit nicht nur seine Pflichten, sondern auch seine Rechte wahr. Gut so. In diesem Sinne ist ein Populist durch und durch ein Demokrat. Oh Gott, darf man das überhaupt sagen?

Unantastbare Machtelite?


Wenn wir über Establishment sprechen, meinen wir die Machtelite. Welche Haltung ihr gegenüber wäre angebracht? Anbetung? Gehorsam? Unterwürfigkeit? Gewiss wünschen sich nicht wenige Politiker derartige Einstellung. Besonders scheinen davon diejenigen betroffen zu sein, die schon lange die Macht ausüben. Nicht selten verlieren sie den Bezug zur Realität. Sie heben ab.

Deswegen müsste man von Kindesbeinen den kritischen Blick der „Untertanen“ trainieren. Denn: „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“ Dieser Grundsatz von Hannah Arendt setzt sich aber im Alltag schwer durch, egal ob in der Familie, in der Schule oder in der Arbeit. Wir verkümmern innerlich. Angepasst und feige. 

Vor diesem Hintergrund erscheint mir die populistische Anti-Establishment-Haltung durchaus positiv. Dennoch erwarte ich statt Pöbeleien ernsthafte Diskussionen. Allerdings verabscheue ich leere politische Floskeln genauso wie Beschimpfungen. 

Die Dosis macht das Gift


Ein bisschen Populismus schadet nicht, im Gegenteil: es dient sogar der Genesung der Gesellschaft. Die Autoren der Studie betonen den Unterschied zwischen einem radikalen und einem moderaten Populismus, den sie durchaus positiv beurteilen:

"Radikaler Populismus stellt die etablierten Institutionen der liberalen Demokratie in Frage und kann zu einer Gefährdung der Demokratie werden. Moderater Populismus ist ein ständiger Begleiter der Demokratie, kann ihre Responsivität erhöhen und ihr Funktionieren verbessern."

Statt Etiketten


Wie wäre es, wenn  wir uns den wichtigen ungelösten Problemen gewidmet hätten, statt uns gegenseitig verschiedene Etiketten zu verpassen? Welche Probleme wären das? Kinderarmut, Frauenarmut, Altersarmut, Integration, Wohnungsnot,  zerfallende Schulen, bröckelnde Brücken … Soll ich weiter aufzählen?

Montag, 17. Juli 2017

Das Sommerinterview mit Merkel: Wenn sich Journalisten nicht trauen zu fragen

Die Kanzlerin Merkel sitzt lächelnd. Die zwei Journalisten lächeln auch. Dann spielt man ein Filmchen ein, in dem man abwechselnd Radprofis und Merkel sieht. Wozu dieses Durcheinander? Sie sei nämlich wie die Sportler, sollten wir glauben. Wir hören auch folgendes: "Die Kanzlerin strampelt sich ab für Griechenland, für Europa, für Deutschland." Ein Beweis dafür? "Keine Woche ohne Gipfel." Wie hält sie das bloß durch, wird‘s allen Ernstes gefragt: "Ist der Doping im Spiel?“ Die Zweifel darf Merkel sofort ausräumen:  „Da bin ich sehr restriktiv.“


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Ist das schon Personenkult oder nur lakaienhafter Servilismus?


Tina Hassel und Rainald Becker stören Merkel nicht bei dem Herunterleiern ihrer Floskeln. Zwar fragt Rainald Becker, ob Europa womöglich in einer schweren Krise steckt, er hakt aber nicht nach und begnügt sich mit der Antwort, dass alles super läuft. Nur die widerspenstigen Griechen sollten endlich gehorchen. Schuldenerlass? Auch wenn der IWF warnt, dass es unrealistisch ist, von Griechenland die Zahlung der Schulden in Höhe von 326 Milliarden Euro oder 180 Prozent des BIP (bis 2060 sogar 280 Prozent des BIP) zu verlangen, sagt Merkel „Nein“: „Erlass der Schulden kann es in einer Währungsunion nicht geben. Das geht nicht.“ 

In diesem Moment hätte ich erwartet, dass die Journalisten die angebliche grundsätzliche Spar-Einstellung von Merkel infrage stellen. Zum einen verdient Deutschland sehr gut mit Hilfen für Griechenland. Zum anderen ist Merkel selbst absolut unglaubwürdig, denn sie das Geld zum Fenster hinauswirft.  Damit meine ich zum Beispiel die Kosten für die G20. 

Das Interview mieft nach dem hierzulande theoretisch verpönten Personenkult.  

Ein Einwanderungsgesetz? Darüber reden wir nicht


Nach ihrer Meinung über ein Einwanderungsgesetz gefragt, weicht Merkel aus und erzählt lieber über Fachkräfte, die jetzt leichter nach Deutschland kommen können. „Individuell wird immer schwierig bleiben“, verspricht sie beiläufig. Ja, gewiss.  Weil es bleibt, wie gehabt: feudale Beliebigkeit statt gesetzliche Klarheit.

Egal, ob die deutsche Kanzlerin das Wort „Einwanderung“ meidet oder nicht, Deutschland ist jedoch ein Einwanderungsland. Was spricht also dagegen, dass man unmissverständliche Regeln aufstellt? Im Trüben fischen gerne diejenigen, die die Notlage oder einfach die Unerfahrenheit der Ankömmlinge ausnutzen. 

„Schauen Sie“ oder die Selbstwahrnehmung von Merkel


Die wenigen zarten Versuche von Journalisten, kritische Fragen zu stellen, wehrt Merkel mit ihrer üblichen Taktik ab: Schauen Sie, es ist ganz anders. Danach folg das Eigenlob: „Ich hab immer ganz gute Ergebnisse für Deutschland erreicht.“ Die beiden Interviewer schlucken auch diese Aussage widerstandslos. 

Ein derartiges Gespräch nennt Merkel „Diskussion“. Ich nicht.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Wir und der Gemeinsinn

„Die Wirklichkeit als eine uns allen gemeinsame zu verstehen, gehört für Arendt noch zum „gesunden Menschenverstand“, dieses Zitat stammt aus dem Artikel „Wir“ von Carolin Emcke, veröffentlicht in der Süddeutsche Zeitung Nr. 137. Tja, die Wirklichkeit und der gesunde Menschenverstand  - das ist so eine Sache!


                                                                                                                         Foto: Autorin

Radikale Subjektivität und politische Narzissten


Viele von uns vermissen den Gemeinsinn, da ist Carolin Emcke keineswegs die einzige, wenn sie schreibt: „Die radikale Subjektivität wird nicht mehr allein im Privaten zelebriert, sondern zersplittert auch die politische Öffentlichkeit in Narzissten, die ihre Selbstbespiegelungen und Projektionen mit der Welt verwechseln.“ Sie bemängelt, dass dies, „was die res publica, die öffentliche Sache, in unseren Demokratien ausmacht“, kaum mehr verhandelt oder eingefordert wird.

Die Kritik an der radikalen Subjektivität hat nichts mit der Wahrnehmung des Menschen als Individuum zu tun. Vielmehr geht es darum, in dem Einzelnen die Menschheit zu würdigen. Darin sind wir – damit meine ich jetzt Entscheider aller Couleur, die an den Machthebeln sitzen – schlecht bis sehr schlecht. Jene radikale Subjektivität, über die Carolin Emcke schreibt, ist ein Resultat der herrschenden ungerechten Rahmenbedingungen – ich verstehe darunter das Gerüst, das die Politik erschafft und die Gesellschaft mitträgt -, und der Sozialisation in der Welt, die die Menschenrechte eines Individuums tagtäglich missachtet und sich mit hehren Parolen begnügt, ohne sie ins Leben umzusetzen.    

Zu diesem Bild gehören narzisstische Politiker, für diesen Zustand verantwortlich. Sie schaffen jene Atmosphäre, die wir einatmen und in der wir leben müssen.  Wir wählen sie demokratisch und sie herrschen über uns mehr oder weniger autokratisch. Es ist ein Teufelskreis, in dem wir uns alle drehen.

Wer gehört dazu?


Die Debatte über den Gemeinsinn beginnt für mich mit der Frage: Wer gehört dazu? Sie ist meines Erachtens die wichtigste. Eine plumpe Antwort „Wir alle doch“ akzeptiere ich nicht. Auch aus diesem Grund, dass sie einfach nicht stimmt. Nein, leider nicht alle dürfen sich als Mitglieder der Gesellschaft verstehen, weil es solche gibt, die außen vor gelassen werden. Von dieser Sorte haben wir hierzulande mehr als genug. Unfreiwillig nehmen sie nicht am gesellschaftlichen Leben teil, also – eine logische Konsequenz dieser Tatsache -, gehören sie nicht dazu. Ich rede hier nicht über Einzelschicksale, sondern über ein Massenphänomen.  Dieser Zustand ist tragisch und gefährlich zugleich. Weil die Ausgeschlossenen wenig zu verlieren haben und sich leicht radikalisieren. 

Durch die Armut und aussichtslose Lage entmündigte Bürger haben kaum Spielraum für eigenständige Entscheidungen, vielmehr wird es über sie bürokratisch entschieden.  Ob die in den Abfällen kramenden Rentner oder die von den Tafeln Essensreste abholenden Hartz-IV-Empfänger, sie sind dazu verurteilt, um das bloße Überleben zu kämpfen. 

Ein Kommunikationsproblem?


Wenn die Politik große Teile der Gesellschaft offensichtlich aus den Augen verliert, darf man sich nicht über die Verrohung der Sitten wundern. Das schlechte Beispiel kommt von oben: Die Gleichgültigkeit den Bedürftigen gegenüber färbt auf die Gesellschaft ab.

Zum Teil könnte man diese Verhältnisse als ein Kommunikationsproblem deuten. Diejenigen, die den anderen radikale  Einschränkungen verschreiben, leben selbst ohne Entbehrungen und verstehen einfach nicht, was es heißt, um die nackte Existenz ringen zu müssen. 

Donnerstag, 15. Juni 2017

Zwischen Merkel und Trump - Messen mit zweierlei Maß

Tun wir dies nicht alle? Messen wir nicht gewöhnlich mit zweierlei Maß? Einem Freund lassen wir viel, manchmal viel zu viel, durchgehen, einem Feind springen wir dagegen wegen jeder Kleinigkeit ins Gesicht. Wir sind eben von Natur aus parteiisch. Das ist durchaus menschlich. Journalisten sollten aber darüberstehen und Neutralität bewahren. Vielleicht ist das eine übermenschliche Aufgabe.




Das Biest und die Heilige


Donald Trump als Präsident der USA ist für Angela Merkel ein Glücksfall.  Er bietet unzählige Angriffsflächen, ist impulsiv und egozentrisch. Und wie er aussieht! Insgesamt also ein ideales Ziel für Attacken aus allen Richtungen. Genüsslich verspotten ihn Medien jeder Art. 

Während er in der Darstellung zum Monster mutiert, konstruiert man beständig die Erscheinung von Merkel als Heilige. Was das Äußere betrifft, hat sie längst ihr Dekolleté zugedeckt, ihre Schweißflecken beseitigt und ihre Frisur einem Fachmann überlassen. Gefühlsmäßig kann sie mit einem Fisch um die Kaltblütigkeit konkurrieren. Da wären aber noch ihre Finger. Sie sind seit Jahren zur Raute zusammengeklebt. Dennoch traut sich niemand mehr, einer Heiligen solch eine Kleinigkeit anzulasten, egal ob es hier um eine Marotte oder eine Zwangshandlung geht.
 

Negative Bilanz


Es ist wirklich ein Phänomen, dass unsere Bürger Merkel nicht in Verbindung mit der Regierung, die sie anführt, bringen. Mit dieser Erkenntnis trifft der Satiriker Volker Pispers ins Schwarze. Seine Analyse ist auch sonst sehr treffend: Merkel ist wild entschlossen, an der Macht zu bleiben. Ihre frühere Versprechung, den Menschen zu dienen, hat sie unterwegs abgeschüttelt; sie will regieren und bestimmen, wobei Inhalte wirklich zweitrangig sind.

Ihre Bilanz ist ein Desaster, sowohl die in Innerem als die im Ausland. Die EU ist gespalten wie noch nie zuvor: den Brexit muss man als die Konsequenz von Merkels Einfluss auf die europäischen Abläufe sehen. Ihre Sparpolitik ist verheerend: In Griechenland zum Beispiel sind 50% der Jugend arbeitslos. In Deutschland wächst unterdessen die Kluft zwischen Arm und Reich. Es hätte noch schlimmer ausgesehen, wenn der viel zu niedrige Mindestlohn, den Merkel stets ablehnte, nicht doch eingeführt würde.

Sieg des Starken


Dennoch will die Mehrheit an Merkel als Kanzlerin festhalten und hat Angst vor einer Veränderung. Nicht zu Unrecht. Es waren schließlich die Widersacher – die SPD -, die für die grausamsten Reformen verantwortlich sind. Außerdem hadern die Roten immer noch mit der Agenda 2010 und können sich nicht entscheiden, ob sie dafür oder dagegen sind.

Merkel zeigt sich in diesem Punkt ganz sicher. Für sie ist die Agenda 2010 ein Erfolg. Dank diesen Reformen hat man die Kosten der Krise auf die Ärmsten abgewälzt. Alles natürlich im Sinne der Freiheit – das Motto von Merkel -, weil jene Freiheit kostet doch und nicht jeder sie verdient hat. Schon gar nicht ein Hartz-IV-Empfänger oder dessen Kinder. Sie müssen sich stetigem Zwang unterwerfen. Die Welt – nicht nur die von Merkel – gehört eben den Starken. Vor allem den finanziell Starken. 


Montag, 5. Juni 2017

Unsichere Mutter und perfekte Integration

Ok, wir sind selber schuld. Wir kamen hierher freiwillig. Niemand hat uns dazu gezwungen. Wirklich? Nein, das stimmt so nicht. Gezwungen auf irgendeine  Art wurden wir schon. Wir flüchteten vor etwas, auch wenn viele von uns im strikten Sinne des Wortes keine Flüchtlinge sind. Die Gründe, warum wir unsere Heimat verlassen haben, sind so vielfältig wie wir selbst.  Jetzt sind wir da. Das ist ein Problem.



                                                                   Wo wir auf die Welt kommen... Foto: Autorin


Wo wir auf die Welt kommen


Irgendwie passen wir nicht richtig zusammen. Auch der dritten Generation will man die fremde Herkunft immer noch vorhalten. Sinnlos? Auf jeden Fall! Mit dem sogenannten Migrationshintergrund sind die Einheimischen in eine Sackgasse reingeritten. Jetzt sitzen sie dort und wollen nicht raus. Das ist auch ein Problem. 

Reden wir also kurz über die Bedeutung der Herkunft. Da wir verständlicherweise nicht selbst darüber bestimmen, wo wir auf die Welt kommen, lässt sich diese Tatsache wirklich nicht als unser Verdienst bewerten. Darüber entscheidet Zufall, Schicksal oder der liebe Gott und schließlich unsere Eltern, wir dürfen sie keineswegs vergessen. An diesem Punkt beginnen schon Zweifel. Für die alten Römer war nur eins sicher: die Mutter (Mater semper certa est). Kuckuckskinder gab es schon damals und gibt es immer noch. Sind wir uns vielleicht aus diesem Grund näher als die Puristen unter uns wahr haben wollen?

Die Gegenwart rüttelt unterdessen an dem letzten Felsen. Auf die Mutter gibt es heute keine Garantie mehr. Nehmen wir als Beispiel die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft. Die gebärende Mutter ist in diesem Fall keine wirkliche..

Unter diesen Umständen gewinnt anscheinend die gleiche Sozialisation an Wichtigkeit. Hm, ist sie in einem Land jedoch wirklich gleich? In den verschiedenen Schichten? Was, wenn wir die gleichen Werte und Ziele, Lektüren, Videos, Musik über Grenzen hinweg verfolgen und verinnerlichen?

Lohnt es sich denn, die Herkunft immer noch dermaßen hervorzuheben? 

„WAS können wir integrieren?“ 


Nach den deutschen Maßstäben war Einstein in Amerika nicht wirklich integriert. Er sprach kein gutes Englisch. Der Nobelpreis und die amerikanische Staatsbürgerschaft hin oder her, den hiesigen Puristen hätte dies nicht gereicht.

Die perfekte Sprache wird in Deutschland stets an der ersten Stelle als Bedingung einer gelungenen Integration genannt. Hierzulande leben eben ausschließlich hervorragende Germanisten, die auf Perfektion bestehen. Keine geringere Forderung als diese stellt man nämlich den Zuwanderern: das Deutsch muss perfekt sein. In diesem Kontext fragt Edmund Stoiber: „Was können wir integrieren?“ Damit meint er uns, Migranten. Vielleicht ist das auch ein gutes Zeichen, wenn er „was“- also ein sachliches Pronomen - verwendet. Sachen schätzt man hier sehr.

Abschlüsse erscheinen gleich nach der Sprache als die zweite Forderung der Integration. Sie sollen natürlich deutsch sein, was bei den Einwanderern doch ein wenig überrascht. Schwamm drüber, man kann sie – ich meine die Abschlüsse auf Deutsch  – nachholen. Oder doch nicht? 


Bevor wir an der Perfektion zwangsläufig scheitern, sollten wir vielleicht ganz unperfekt unsere Fähigkeiten und Talente gemeinsam nutzen, um das Land voran zu bringen.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Heilige Merkel und andere Gedankenspiele über die Demokratie

Ich lese und staune. „Spiegel“ will Merkel als unantastbar sehen: „Selbst wenn die CDU-Chefin wie am Montag einen Fehler einräumen muss, weil sie im NRW-Wahlkampf eine falsche Zahl gegen die abgewählte rot-grüne Landesregierung verwendet hatte, nimmt davon kaum einer Notiz.“ Ist das noch Journalismus oder schon Heiligsprechung? Merkel als Politikerin für Journalisten unantastbar? Hallo?

                                                                     Ein Retter der Demokratie? Screenshot

Gefahren und Fragen


Zur selben Zeit schlägt man Alarm über die angeblichen Gefahren für die Pressefreiheit in Polen, obwohl die Deutschen dort kräftig mitmischen. Die Tageszeitung „Fakt“, vom Verlag – ach, was für eine Überraschung! - Axel Springer Polska herausgegeben, ist bei unseren Nachbarn die Marktführerin. Das passt nicht ganz zum Feindbild, das man hier kreieren will: die böse polnische Regierung, vor der das ganze Land zittern muss. Zittern?! Ähm…  Kann es sein, dass es sich hier um Ablenkungsmanöver handelt? Nur eine Frage.

Retter der Demokratie oder „was wäre, wenn“?


Vor diesem Hintergrund klingt der Titel eines Artikels von „Rzeczpospolita“, einer konservativ-liberalen und durchaus kritischen gegenüber der neuen Regierung Tageszeitung, ziemlich provokant: „Kaczyński rettet die Demokratie.“  Der Autor, Marek Migalski, ist ein Politologe. Er wurde aus der Liste der heute regierenden PiS-(Recht und Gerechtigkeit)-Partei in das Europäische Parlament gewählt. Nach seiner öffentlichen Kritik 2010 von Jarosław Kaczyński wurde er aus der PiS-Delegation ausgeschlossen.

Marek Migalski lässt sich in seinem Text auf ein Denkexperiment ein: Was wäre mit der von allen so geliebten Demokratie passiert, wenn die Vorgängerregierung – die Bürgerplattform (PO) von Donald Tusk – gewonnen hätte:
 
„Im Verfassungsgericht säßen wahrscheinlich… illegal gewählten Richter, nur diesmal nicht jene, die PiS-Partei vorgeschlagen hat, sondern diejenigen, die von der vorherigen parlamentarischen Mehrheit ausgesucht wurden. (…)

Wenn die Bürgerplattform gewonnen hätte, führten weiterhin die Kumpaninnen von der früheren Ministerpräsidentin Ewa Kopacz das Innenministerium (MSWiA). (…)

Es lohnt sich vielleicht zu überlegen, ob wir ohne Machtwechsel nicht mit der Fortsetzung der wilden und skandalösen Reprivatisierung in der Hauptstadt zu tun hätten, während weitere hunderte von Menschen in der Majestät des Rechts zerstört würden.  (…)

Wenn die PiS-Partei nicht gewonnen hätte, gingen Milliarden Zlotys (polnische Währung) wieder für die Einfälle von den PR-Leuten der Bürgerplattform, statt in die Taschen der Bürger. (…)

Was Medien betrifft,  sie waren immer ein Lautsprecher der Propaganda von den Regierenden und niemand kann uns garantieren, dass dies nicht passiert wäre, wenn die vorherigen Machthaber in 2015 gewonnen hätten. (…)

Ist daher vielleicht – paradox – der Wahlsieg von der PiS-Partei und ihre Regierung die Rettung für die polnische Demokratie? Nicht weil Kaczyński und seine Prätorianer Fanatiker der Demokratie wären, sondern weil sie die Fortsetzung der Macht von einer Mannschaft verhindert haben, die sich während ihrer dritten Amtszeit unausweichlich degeneriert hätte. So wie sich auch das politische System degeneriert hätte.“

Rein zufällig


Unbedingt will ich noch hinzufügen, dass die Ähnlichkeiten mit den hiesigen Gegebenheiten rein zufällig sind.

Freitag, 12. Mai 2017

Limousinen, Gericht und Gerechtigkeit. Aus Sicht der polnischen Ministerpräsidentin Beata Szydło

Inzwischen ist Beata Szydło auch hierzulande keine unbekannte Person mehr. Dennoch erscheint sie uns nach wie vor sphinxhaft. In einem Interview für die polnische Zeitung „Rzeczpospolita“ spricht sie jetzt über aktuelle Themen und über ihre Regierung.


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Mit den Limousinen ist es vorbei,


verkündet die polnische Ministerpräsidentin in dem Gespräch mit Michał Szułdrzyński i Jacek Nizinkiewicz Eine Limousine bedeutet auf Polnisch einen großen Luxuswagen.  Einige von diesen Autos, die den Ministern zur Verfügung stehen, wurden in Unfällen zertrümmert.  Derartige Ereignisse überschatten Erfolge der Regierung. 

"Ich habe klar meine Erwartungen den Ministern mitgeteilt. Wir sind ein Team. Wenn ein Mitglied nicht mithalten kann, muss man ihn auswechseln. Wir müssen nicht nur geschlossen und loyal sein, sondern auch diszipliniert, weil wir erst dann in der Lage sind, unsere Versprechungen einzuhalten“, erklärt Beata Szydło.  

Als die Journalisten nachhaken, ob ein Umbau der Regierung ansteht, weicht sie aus: „Ich gebe meinen Ministern Zeit. Wenn sie keine Schlussfolgerungen ziehen, werde ich Entscheidungen treffen müssen. Momentan beobachte ich alles aufmerksam.“

Mädchen und Marionetten


Sowohl die hiesigen Medien wie auch die polnische Opposition wollen in Beata Szydło lediglich eine Marionette vom allmächtigen Parteivorsitzenden der PiS-Partei (Recht und Gerechtigkeit) sehen. Abwechselnd wurde sie Kaczyńskis Mädchen genannt, ähnlich wie früher Merkel als Kohls Mädchen.

Gefragt nach der Art ihres Verhältnisses zu Jarosław Kaczyński - ob es eine stetige Verbindung gibt -, antwortet Beata Szydło: "Aber selbstverständlich. Die Regierung ist eine Emanation der Partei. Die Regierung geht aus der Partei hervor. Es wäre unnatürlich, wenn ein Vorsitzender der Partei, die die Regierung gestellt hat, nicht stets den Kontakt zum Chef der Regierung gehalten hätte. Genauso wie zu anderen staatlichen Gremien. In derselben Weise funktioniert dies doch auch in den westlichen Demokratien¸ eine Regierung ist eine Emanation der parlamentarischen Mehrheit und es ist schwer vorstellbar, dass sie ihr Programm außerhalb dieser Mehrheit realisieren könnte."

Rechtsstaatlichkeit und Eliten 


Beata Szydło lehnt ein Referendum über einen möglichen Austritt aus der EU ab. Polen ohne die EU sei schwach. 

In der EU wird Polen unterdessen misstrauisch betrachtet. Der Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans sorgt sich um die Rechtsstaatlichkeit in Polen. In einem Interview für Die Zeit sagt er: „In Polen wird die Demokratie aber derzeit dazu benutzt, den Rechtsstaat auszuhöhlen. Die Richter sollen ausführen, was die politische Mehrheit will. Wenn in unseren europäischen Gesellschaften der Gedanke gewinnt, dass derjenige, der die Mehrheit hat, alles bestimmt, dann gibt es keine EU mehr.“

Auf diese Vorwürfe reagiert Beata Szydło mit Unverständnis: "Ich weiß nicht, wieso er sowas behauptet. Der polnischen Rechtsstaatlichkeit geht es sehr gut. Wir sind für eine meritorische und ehrliche Diskussion offen. Der Missbrauch der EU-Kommission zum politischen Kampf führt zur institutionellen Krise der Europäischen Union.“ 

Alle eingeführten Änderungen entsprechen der polnischen Konstitution. Die von der OSZE kritisierte Reform des Gerichtswesens sei nötig. "Wie jede Änderung, die die PiS-Partei einführt, schmerzt sie diese Gremien, die ihre Privilegien verlieren. Für uns ist das Wohlwollen der Allgemeinheit wichtig und nicht lediglich jenes der Eliten. Wir wollen, dass die Gerichte wirklich ihre Rolle erfüllen und dass die Menschen auf zügige, ehrliche und gerechte Entscheidungen in ihren Angelegenheiten hoffen können. Die Gerechtigkeit muss in die Gerichte zurückkehren.“

Dienstag, 2. Mai 2017

Schluckauf oder Leitkultur

Wie ein lästiger Schluckauf kehrt in unregelmäßigen Abständen die Debatte über die Leitkultur wieder. Für mich ist sie ein Zeichen der Angst und der Schwäche. Schaut mal her – will der eine oder andere leitende Kulturelle damit sagen – ich bin besser als Ihr, versucht Euch also nicht mit mir anzulegen, sondern folgt mir widerstandslos. Solch eine leitkulturelle Person fürchtet, dass es Menschen geben könnte, die die leitkulturellen Traditionen und Gewohnheiten zu verändern beabsichtigen. Eine darauffolgende logische Reaktion ist die Abschottung.


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Kann eine Kultur leiten?


Eine grundsätzliche Frage, die man zuerst beantworten müsste, lautet: Kann eine Kultur überhaupt leiten? Oder verlangen, dass man ihr befolgt? Mit welchen Mitteln? Per Dekret? 

Für Thomas de Maizière  gibt es keine Zweifel. Ja, die DEUTSCHE Kultur kann leiten. Wenn man aber Kultur mit dem Adjektiv „deutsch“ versieht, erscheint sie dann noch harmlos, oder zeigt sie schon ihre hässliche nationalistische Fratze?  Lassen wir jedoch den Nationalismus beiseite. Die Ausführungen des Bundesinnenministers sind auch sonst widersprüchlich genug.

Wie offen ist eine geschlossene Gesellschaft?


De Maizière  widerspricht sich selbst, wenn er zum Beispiel behauptet: „Wir sind eine offene Gesellschaft.“ Eine offene Gesellschaft im Gegensatz zu einer alten besserwisserischen Tante setzt per definitionem keine Verhaltensregeln fest. Eine offene Gesellschaft ist neugierig auf das Neue, das Unbekannte. Eine offene Gesellschaft ist wissbegierig und bereit, stets zu lernen. Dagegen zeichnet eine geschlossene Gesellschaft nicht nur im hohen Grad Misstrauen bis Feindlichkeit dem Unbekannten gegenüber, solch eine Gesellschaft lässt meist keine gleichberechtigte Behandlung und Mitarbeit zu. 

Deutschland ist trotz anders lautenden Bekundungen – darunter auch der von Thomas de Maizière – lediglich bedingt offen und auch dann oft an der falschen Stelle. 

Leistung über alles?


De Maizière behauptet, dass der Leistungsgedanke nach wie vor die Geschicke in Deutschland antreibt. Da muss ich sehr laut widersprechen. Wäre dies der Fall, hätten wir kaum Probleme hierzulande. Es gäbe überall gerechte Löhne, die zum Leben reichen, Wohnungen, die bezahlt bleiben, Kinder, die entsprechend ihren Bedürfnissen und Talenten gefördert wären. Da der Leistungsgedanke auch den ebenso wichtigen Solidaritätsgedanken beinhalten muss, gäbe es keine Korruption, keinen Machtmissbrauch und keine Machtarroganz. Wir hätten nicht täglich zusehen müssen, wie Menschen in den Abfällen kramen, weil niemand schätzen will, was sie geleistet haben. Ferner gäbe es kein menschenverachtendes Hartz IV, weil sich dabei nicht um die fehlende Leistung handelt, sondern um eine künstlich erhaltene Kolonne der Verlierer, damit der Rest spurt.

Ein Leistungsgedanke ist vom Gerechtigkeitsprinzip nicht zu trennen. Und dieses vermisse ich schmerzlich, geehrter Herr De Maizière. Daher bitte ich Sie, faseln Sie nicht über Leistung, sonst wird mir schlecht.

Doch Burka


„Wir sind nicht Burka“, verkündet unser aller Minister. Tatsächlich? Wer sich hinter hehren Parolen versteckt, Probleme verschweigt und Menschen dreist ignoriert, der ist sowas von Burka, bis zum Geht-nicht-mehr. 

Montag, 17. April 2017

Depression: Pille und Gefühle

Nimm bitte an, du erwirbst oder erstellst selbst eine Mixtur und gibst sie einer ausgewählten Person zum Trinken. Dies reicht es einzig und allein, damit jene Person dich liebt. Moment mal, darüber haben wir als Kinder in den Märchen gelesen. Man kann jedoch nicht als Erwachsener an solch einen Quatsch glauben.  Quark, Mumpitz, Schwachsinn. Wirklich? Es gibt Menschen, die nach diesem Prinzip ernsthaft forschen und andere, die derartige Mixturen herstellen und daran sehr gut verdienen.

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Der neue alte Ansatz?


Die so ausgerichtete Forschung und die Pharmaindustrie wollen uns überzeugen, dass es eine Pille gäbe, oder geben könnte, die in der Lage sei, unsere ver-rückten Innenwelten zu reparieren.  

Dass die Wissenschaftler und die Pillen-Hersteller dies versuchen, verstehe ich sehr gut. Weltweit leiden 350 Millionen Menschen an einer Depression, Tendenz steigend.  Die WHO rechnet, dass die Depression bis 2020 zweithäufigste Krankheit überhaupt wird, direkt nach Herz-Kreislauf- Erkrankungen. Die Behandlung kostet schon jetzt allein in Deutschland mehrere Milliarden pro Jahr.  Das ist ein riesiger Markt. An der Depression kann man verdienen und zwar schnell. Obwohl  Antidepressiva, die man beinahe automatisch verschreibt, nicht wirklich helfen. Die Patienten werden zu Versuchskaninchen. So  zum Beispiel  erklärt Pfizer, einer der größten Pharmakonzernen,  „dass über die Mechanismen und Prozesse, durch welche die Wirkung der Antidepressiva zustande kommt, keine abschließende Klarheit besteht."

Der neue Ansatz - der eigentlich gar nicht neu ist - über den unter anderem die Dokumentation „Depression - Neue Hoffnung?“ berichtet, wendet sich von der Forschung der Botenstoffe im Gehirn ab und konzentriert sich auf das komplexe Immunsystem. Eins der vorläufigen Fazits lautet: „ Achtsamkeitsbasierte Therapien können gesund machen.“ Ja! Eine Therapie, nicht eine Pille!

Hure der Pharmazie


Dies ist auch meine Meinung, die ich bereits in meinem Buch „Wozu soll das gut sein?“  festgehalten habe. Ich bezweifle, dass man psychische Probleme mit chemischen Stoffen beseitigen kann. In meinem Buch formulierte ich meine Bedenken folglich:

„Wer kann allen Ernstes behaupten, dass unsere Gedanken ausschließlich als Produkt der chemischen Reaktionen entstehen? Na dann los: Die Pillen verabreichen und schon wird die Welt gerecht und glücklich!“

Meines Erachtens ist das ein Wunschdenken oder – wie ich dieses Phänomen nenne – Märchendenken.  Meine Argumentation beruht auf der Logik:

„Es ist zwar gut möglich, dass die Tabletten den Schmerz der Seele betäuben oder lindern. Kurzfristig, vorübergehend. Die gleiche Funktion erfüllen jedoch auch die zugelassenen und nicht zugelassenen Drogen: Alkohol, Marihuana, Koks und weitere Erfindungen des Menschen, die die Flucht aus der Realität ermöglichen oder erleichtern. Einige von ihnen besitzen sogar den Vorteil, dass sie eine ausschließlich pflanzliche Herkunft vorweisen.“
An einer anderen Stelle frage ich nach anscheinend vergessener Disziplin: Psychologie.

„Wofür schlug Sigmund Freud den Weg der Psychoanalyse ein, wenn wir heute, mit gleicher Inbrunst und Besessenheit wie Schamanen den Geistern, der Macht des Stoffes vertrauen? Junkies im Dienst der Psychologie, die ihre Aufgaben verraten und sich billig an die Pharmaindustrie verkauft hat? Psychologie als Hure der Pharmazie. Freud dreht sich bestimmt im Grab.“

Montag, 20. März 2017

Konservativ in der Gegenwart

Wen beschreibt das Adjektiv konservativ heutzutage? Es ist gar nicht so einfach, eine klare und eindeutige Definition zu formulieren. Augenblicklich verändern sich soziale Kanonen, Gesellschaften befinden sich in Aufruhr. Konservative Einstellungen orientieren sich an der Vergangenheit. Was versprechen sie aber für die Zukunft?

Eine Antwort auf diese Frage können wir uns selbst wie ein Puzzle aus den alltäglichen Beobachtungen basteln. Daraus lassen sich die Eckpunkte einer konservativen Weltanschauung herauslesen.

                                             Sahra Wagenknecht: konservativer als Merkel? Foto: Autorin

Drei K – das war einmal?


Ich bin davon überzeugt, dass die Position und das Selbstverständnis der Frau an die erste Stelle der Debatte über eine konservative  Weltanschauung rücken müssen. Früher war die Rolle der Frau eindeutig und klar formuliert: Kinder, Küche, Kirche. In der Gegenwart sind die drei K in einem derart entwickelten Land wie Deutschland längst überwunden, hätte man glauben müssen. Diese Annahme entspricht leider nicht ganz der Wahrheit. Es ist kompliziert.

Einerseits stellt das Grundgesetz die Gleichberechtigung von Mann und Frau fest, anderseits bietet die Wirklichkeit ein anderes Bild, in dem Frauen nach wie vor benachteiligt sind und ihre Rechte missachtet werden.  Immer noch trägt meist die Frau allein die Verantwortung für Kinder und Familie und zwar nicht nur zu Hause. Auch in der Schule. Die ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes weiblich. "Der überwiegende Teil der Lehrkräfte in der Primarstufe 1 sind Frauen – schreibt Silke Hoock auf Zeit Online. - Oft sind die einzigen Männer, die Grundschüler während der Schule zu sehen bekommen, der Hausmeister oder der Schulleiter."

Diese Situation könnte man als konservativ betrachten. Dies tue ich nicht. Alte Positionen, die zu neuen Bedingungen und Herausforderungen nicht passen, nenne ich einfach rückständig. Als ob es darum ginge, dass sich Kinder von Anfang an daran gewöhnen sollten, die Erziehung sei Frauensache, egal ob zu Hause oder in der Schule. Und dass die Frau nicht so viel wert ist, weil sie wenig verdient. Denn falls sie arbeitet, dann überwiegen dort, wo wenig Lohn bezahlt wird. 

Wie könnte man das ändern? In die Bildung endlich ordentlich investieren und die sogenannten Frauenberufe aufwerten. Wie? Na, auf die kapitalistische Art: über höhere Löhne. Wo mehr Geld fließt, erscheinen auch Männer, die das schulische Matriarchat aufbrechen werden. 

Ehe – konservative Form einer Verbindung zweier Menschen


Für diese durchaus konservative Art der Verbindung sprechen sich überraschend viele Nicht-Konservative aus. Es ist schon tragikomisch, dass sich hiesige konservative Parteien gegen die „Ehe für alle“ positionieren.  Damit führen sie ihren angeblichen Konservatismus ad absurdum. Weil sie gleichgeschlechtliche Paare zu Wilden Ehen zwingen.  Apropos Wilde Ehe: Merkel praktizierte sie 14 Jahre lang, bevor sie Joachim Sauer heiratete. Sahra Wagenknecht dagegen entschied sich gleich ihren Oskar zu ehelichen. Wer ist hier also wirklich konservativ?

Tugenden, die ihr Adjektiv verloren haben


Fleiß, Leistung, Verantwortungsbereitschaft gehören zweifellos zu den konservativen Tugenden.  Sie stehen heute nicht hoch im Kurs. Dazu wird Leistung mit Wirkung verwechselt. Demnach sollten nur diejenigen etwas leisten, die eine Position - je höher, desto besser – innehaben. 

Die Rufe nach Aufwertung dieser Tugenden kommen hauptsächlich von der linken Seite der politischen Landschaft, gepaart mit der Forderung nach Gerechtigkeit. Ist die uns inzwischen abhandengekommene Gerechtigkeit also konservativ? Wenn man an die christlichen Wurzeln denkt, muss man die Frage bejahen.  

Montag, 27. Februar 2017

Unsere Werte? Welche denn?

Wir sind eine westliche Wertegemeinschaft, wiederholen oft Politiker, wenn sie über Fundamente der Demokratie oder über eine zukünftige Richtung sinnieren. Die Werte selbst könnte man dabei als eine Mischung aus jüdisch-christlichen Wurzeln und amerikanisch angehauchten Menschenrechten sehen. Außerdem sind wir Kinder der französischen Revolution mit ihrer Losung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.



Maßstab? Nein, Kostenfaktor


Was verstehen wir aber unter unseren Werten konkret? Sehr knapp könnten wir sie wie folgt darstellen: 

Der Mensch ist unser Maßstab. Wir schützen die Schwachen und sorgen für Gerechtigkeit 
in einer Gesellschaft, in der sich jedes Mitglied frei entfalten kann.

Mit der Wirklichkeit hat diese Darstellung jedoch nicht viel am Hut. Der Mensch verkommt in der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft zu einem Kostenfaktor. Alles dreht sich ums Geld. Recht hat, wer Geld hat. Die meisten haben jedoch weder das eine noch das andere. Es sind einige wenige, die die ganze Kohle einbunkern. Daher sollten wir die Gerechtigkeit ganz vergessen:  Obwohl wir – die Armen – auf sie angewiesen sind.  Die Reichen beharren doch auf Ungerechtigkeit*) und setzen sich durch. 


Die Frage der Schuld


Verdienst du nichts, bist ein Unnütz – diese platte Grundeinstellung ist eine herrschende in der Politik und darüber hinaus. Der Umgang mit den Empfängern von Hartz-IV entlarvt jene primitive Haltung gänzlich. Wie sonst kann man die tagtäglichen Verletzungen von Menschenrechten der Langzeitarbeitslosen erklären? Ok, damit es die Gedanken dahinter deutlicher werden, formuliere ich die obige Einstellung um: Menschen, die nicht arbeiten, haben keine Rechte.  Es klingt… drastisch, entspricht aber der geltenden Praxis.

Diesen Satz wird man jedoch bestimmt nicht unterschreiben wollen. Er gehört auf keinen Fall zur Politischen Korrektheit.  Daher behilft man sich mit der Schuldzuweisung. Es solle nämlich welche geben, die ihre missliche Lage SELBST VERSCHULDET haben und andere, bei denen man keine Schuld nachweisen kann. 

Wer will dies aber mit Sicherheit unterscheiden? Ist eine als Kind missbrauchte Person, die unter Folgen ihr ganzes Leben leidet und sich in Alkohol oder Drogen flüchtet, wirklich selbst schuld?

Wie wäre es denn mit der Schuld eines Krebskranken? Solch eine Frage dürfen wir nicht stellen? Wieso? Er kostet die Gesellschaft doch auch viel Geld und vielleicht ist auch „selbst schuld“, bemühte sich zu wenig um eigene Gesundheit. 

Am letzten Beispiel sehen wir wie unsäglich das Argument der Schuld erscheint, wenn die Schuld-Frage das soziale Leben dominieren soll. Und was ist in diesem Fall mit unseren Werten? Welchen denn?


*) "Die Armen sind auf Gerechtigkeit angewiesen, die Reichen auf Ungerechtigkeit."  Bertolt Brecht

Freitag, 10. Februar 2017

Die fernen nahen Nachbarn oder Fehler ohne Folgen

Blickt noch jemand durch, was in Polen los ist? Ab und wann kommen von dort mehr oder weniger erschütternde Nachrichten. Und neulich besuchte das Nachbarland Angela Merkel. Sie schaut sich gerade nach Verbündeten um. In Polen hat sie unter anderen mit Jarosław Kaczyński gesprochen, dem Strippenzieher und Vorsitzenden der regierenden Partei, die sich Recht und Gerechtigkeit nennt (PiS). Spätestens in diesem Moment gerieten Anhänger der deutlichen Frontlinien hierzulande ins Stocken. Sind die Regierenden von drüben die Guten oder die Schlechten? Etwas Licht ins Dickicht bringt eine sachliche Analyse der Machthaber in Polen von Jerzy Nizinkiewicz, einem Journalisten der polnischen Zeitung „Rzeczpospolita“.


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Streicheleinheiten für PiS


Zuerst zeigt Nizinkiewicz viel Verständnis:

„Die Regierung von Beata Szydło hat nicht leicht. Vom ersten Tag an wurde sie nicht nur von den politischen Gegnern, sondern auch vom bedeutenden Teil der Medien rücksichtslos kritisiert. Sehr schnell sprach man über Ähnlichkeiten mit Bolschewismus, Autoritarismus und Diktatur. Das sind unaufrichtige und verletzende Behauptungen.“ 

Dann hebt er die Verdienste der PiS-Regierung hervor:

„Egal, ob man für oder gegen die PiS ist, muss man zugeben, dass die Partei von Jarosław Kaczyński konsequent handelt und die Mehrzahl seiner Versprechungen einhält. Selbstverständlich nicht alle, aber niemand darf dies nach eineinhalb Jahren verlangen.“

Nach den Streicheleinheiten stellt er jedoch eine Frage, die ich in gleicher Form in meinem Blog auf Deutschland bezogen verwendete, „Wenn es so gut ist, wieso ist es so schlecht?“ 

Die eigenen Leute versorgen!


Überraschend zügig übernimmt die PiS gleiche Rollen, die ihre Gegner aus der Bürgerplattform (PO) davor spielten, und wiederholt die gleichen Fehler der vorhergehenden Regierung der Koalition PO und PSL (Polnische Volkspartei). Auf Unverständnis muss dabei stoßen, dass die PiS heutige Proteste kritisiert, trotz früherer eigener aggressiver Art der Demonstrationen. Dieser Vorwurf gehört noch zum leichten Kaliber. 

Schwerer wiegt die Beschuldigung der Vetternwirtschaft, die die PiS doch entschieden bekämpfen wollte. Jetzt besetzt sie mit eigenen Leuten staatliche Gesellschaften. Zuletzt publizierte die Wirtschaftszeitung „Puls Biznesu“ eine Liste mit 1000 Namen von Menschen, die derartige lukrative Posten bekommen haben. Das Ausmaß von dieser Aneignung des Staates ist größer als bei den dafür scharf kritisierten Vorgängern. 

„Propagandistisches Gestammel“


Die PiS wollte den Menschen mehr zuhören und die Kommunikation mit den Medien verbessern. Daran scheitert sie bis jetzt, wie auch die vorgängige Regierung. 

„Propagandistisches Gestammel“ – so nannte das Treffen von  Kommunalpolitikern Jacek Sasin, Mitglied der regierenden PiS und masowischer Wojewode (vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten hiesigen Bundeslandes). Nur weil sich die Versammelten gegen die PiS-Erweiterungspläne von Warschau ausgesprochen haben. 

Jerzy Nizinkiewicz, der seinen Artikel mit dem Titel „Arroganz und Hochmut vernichten die Partei an der Macht“ versieht, formuliert sein Fazit folgend: 

„Ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, dass Kaczyński versagt hat, oder dass sich die PiS auf dem Weg vom Verlust der Macht befindet. Die Partei an der Macht begeht Fehler, nicht nur in der Kommunikation, auch taktische Fehler, was aber nicht bedeutet, dass die Tage der Regierung von Beata Szydło gezählt sind. Im Gegenteil. Die Konservativen arbeiten immer besser zusammen, Ende 2017 wird ein wirtschaftlicher Aufschwung erwartet. Die Opposition stolpert indessen über die eigenen Füße. Auch wenn Kaczyński Fehler macht, gibt es niemanden, mit wem er verlieren könnte. Wie es scheint, wird es sich in dieser Hinsicht noch lange nichts ändern.“