Posts mit dem Label Schuld werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schuld werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. Mai 2026

„Nürnberg“ und die Art des Erinnerns

 „Nürnberg“ will die Geschichte des Nürnberger Prozesses faktentreu nacherzählen, verliert aber unterwegs den Geist der Zeit. Das ist meine subjektive Empfindung. Womöglich erwartete ich zu viel. 

Screenshots

Kartei im Hintergrund

Dennoch erscheinen zumindest zwei Figuren lebenskräftig und überzeugend: Hermann Göring von Russell Crowe gespielt und  Howie Triest von Leo Woodall dargestellt – zwei äußerst unterschiedliche Individuen. Der eine – ein angeklagter Promi-Nazi, der andere – ein deutscher Jude, der vor Nazis nach Amerika flüchtete, als US-Soldat zurückkehrte und als Übersetzer für die amerikanischen Psychiater fungierte. Im Fokus des Streifens steht Göring. Russell Crowe verkörpert ihn beeindruckend, diesen Charmeur, Narzissten und Verbrecher, der jegliche Verantwortung von sich weist.

In deutsche Kinos kommt „Nürnberg“ kurz nachdem Amerikaner im März die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei ins Internet gestellt haben. Aus dem Spiegel-Podcast erfuhr ich zu meiner großen Überraschung, dass sich jene Kartei im deutschen Bundesarchiv seit der Wiedervereinigung befindet und theoretisch zugänglich war. Zuerst aber – wir sind schließlich in Deutschland – müsste man einen Antrag stellen, warten usw. Im Podcast fragen sich Journalistinnen, wieso Amerikaner gerade jetzt diese Dokumente veröffentlichen. Vielleicht hatten sie einfach lange genug gewartet, dass Deutsche dies selbst tun? 

Es gab 10 Millionen Mitglieder von der NSDAP. Man wird jedoch nicht alle identifizieren können. Die Kartei ist nicht vollständig. So sind zum Beispiel die Daten mit den Buchstaben K und L gänzlich ausgelöscht. Trotzdem werden viele Suchenden ihr blaues Wunder erleben. Denn Opa oder Oma erzählten zwar vom Krieg, aber nicht darüber, dass sie in der Partei waren. Außerdem glauben nicht wenige Nachkommen, dass ihre Vorfahren im Widerstand kämpften. Sie irren sich, nur wenige taten dies.

Wie erinnern?

In einer der letzten Szenen, fragt der filmische Göring, ob man sich an sie – die Nazis – als Menschen erinnern werde. Man hätte ihm versichern können: Es werde beinahe ausschließlich der Fall sein. Zumal auf der familiären Ebene.  
„Die Familiengeschichte wird aus dem historischen Kontext herausgerissen, als ob die bloße Zugehörigkeit zur Familie von Schuld befreien könnte. (…) Dafür benutzt man sowohl die Relativierung des Verbrechens, als auch die Täter-Opfer-Umkehr.“
Jahrzehntelang verbreitete man nach diesem Prinzip munter im Nazi-Duktus die These über die Mittäterschaft von Polen, die neben den Juden am meisten im Krieg gelitten haben.

Diese Praxis lässt sich zum Teil mit dem Schuldkult erklären. Darauf hat Elon Musk berechtigterweise hingewiesen.  
„Dass sich Musk hier auf der richtigen Spur befindet, scheint das unerklärlich bizarre Verhältnis der Deutschen zur eigenen Geschichte zu beweisen: ihre Versuche, sich von fremder Schuld abzuwaschen, die Geschichte zu umschreiben, mildernde Umstände zu finden.“
Natürlich tragen Nachkommen der Nazis keine Schuld für die Taten ihrer Vorfahren. 
„Überspitzt könnte man also sagen, dass diejenigen die den Nachkommen die Schuld einreden, ein Vermächtnis der Nazis erfüllen. Diese Verbrecher waren stets daran interessiert, ihre Schuld zu leugnen, zu verwischen und zu relativieren. Diejenigen, die dank ihrer späten Geburt absolut nichts mit den Gräueltaten zu tun haben, in die Sippenhaft zu nehmen, gehört eben zum Nazi-Duktus.“
Die Nachkommen verfügen in diesem Sinne über keine Erinnerungen. Sie sind aber – meiner Meinung nach – verpflichtet, wenn sie sich mit der Nazizeit befassen, nach historischer Wahrheit zu suchen und sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Der Film „Nürnberg“ bietet jedenfalls einen guten Ausgangspunkt für eine ehrliche Debatte. 

Montag, 27. Februar 2017

Unsere Werte? Welche denn?

Wir sind eine westliche Wertegemeinschaft, wiederholen oft Politiker, wenn sie über Fundamente der Demokratie oder über eine zukünftige Richtung sinnieren. Die Werte selbst könnte man dabei als eine Mischung aus jüdisch-christlichen Wurzeln und amerikanisch angehauchten Menschenrechten sehen. Außerdem sind wir Kinder der französischen Revolution mit ihrer Losung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.



Maßstab? Nein, Kostenfaktor


Was verstehen wir aber unter unseren Werten konkret? Sehr knapp könnten wir sie wie folgt darstellen: 

Der Mensch ist unser Maßstab. Wir schützen die Schwachen und sorgen für Gerechtigkeit 
in einer Gesellschaft, in der sich jedes Mitglied frei entfalten kann.

Mit der Wirklichkeit hat diese Darstellung jedoch nicht viel am Hut. Der Mensch verkommt in der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft zu einem Kostenfaktor. Alles dreht sich ums Geld. Recht hat, wer Geld hat. Die meisten haben jedoch weder das eine noch das andere. Es sind einige wenige, die die ganze Kohle einbunkern. Daher sollten wir die Gerechtigkeit ganz vergessen:  Obwohl wir – die Armen – auf sie angewiesen sind.  Die Reichen beharren doch auf Ungerechtigkeit*) und setzen sich durch. 


Die Frage der Schuld


Verdienst du nichts, bist ein Unnütz – diese platte Grundeinstellung ist eine herrschende in der Politik und darüber hinaus. Der Umgang mit den Empfängern von Hartz-IV entlarvt jene primitive Haltung gänzlich. Wie sonst kann man die tagtäglichen Verletzungen von Menschenrechten der Langzeitarbeitslosen erklären? Ok, damit es die Gedanken dahinter deutlicher werden, formuliere ich die obige Einstellung um: Menschen, die nicht arbeiten, haben keine Rechte.  Es klingt… drastisch, entspricht aber der geltenden Praxis.

Diesen Satz wird man jedoch bestimmt nicht unterschreiben wollen. Er gehört auf keinen Fall zur Politischen Korrektheit.  Daher behilft man sich mit der Schuldzuweisung. Es solle nämlich welche geben, die ihre missliche Lage SELBST VERSCHULDET haben und andere, bei denen man keine Schuld nachweisen kann. 

Wer will dies aber mit Sicherheit unterscheiden? Ist eine als Kind missbrauchte Person, die unter Folgen ihr ganzes Leben leidet und sich in Alkohol oder Drogen flüchtet, wirklich selbst schuld?

Wie wäre es denn mit der Schuld eines Krebskranken? Solch eine Frage dürfen wir nicht stellen? Wieso? Er kostet die Gesellschaft doch auch viel Geld und vielleicht ist auch „selbst schuld“, bemühte sich zu wenig um eigene Gesundheit. 

Am letzten Beispiel sehen wir wie unsäglich das Argument der Schuld erscheint, wenn die Schuld-Frage das soziale Leben dominieren soll. Und was ist in diesem Fall mit unseren Werten? Welchen denn?


*) "Die Armen sind auf Gerechtigkeit angewiesen, die Reichen auf Ungerechtigkeit."  Bertolt Brecht

Mittwoch, 11. Februar 2015

Täter, Opfer, das Gericht und wer schließlich bezahlt

Wer vor Gericht zieht, der will eine gesetzliche Ordnung wiederherstellen. Durch ein Verbrechen gerät die Welt in eine Schieflage. Das Gericht wacht über das Einhalten der Gesetze, die das Leben in einem Rechtsstaat regeln. Zu seinen Aufgaben zählt demnach, den Täter zu überführen und seine Schuld in eine angemessene Strafe umzumünzen.

Das Gericht ist nahezu zwangsläufig auf die Täter ausgerichtet. Erst aus der Feststellung der Schuld eines oder mehrerer Täter ergibt sich der Status des Opfers. Ohne Täter kein Opfer – könnte die gerichtliche Devise lauten. Ein Opfer erreicht hier nur in den engen Grenzen der Tat eine Bedeutung.


                                                                          Fot. I. Rasche  / pixelio.de


Wer hat Recht?


Das Gesetz enthält gewöhnlich allgemeine Formulierungen, daraus resultiert jeweils ein Spielraum für Interpretationen, manchmal sogar ein relativ großer. In diesem Raum versuchen viele Akteure das Gesetz an sich zu reißen: Richter, Anwälte und Staatsanwälte, Täter und Opfer. 

Die unabhängigen Gerichte bewegen sich in den Rahmen, die ihnen die Politik zuschneidet. Ihre Unabhängigkeit ist nicht ausschließlich aus diesem Grund oft eine Fiktion. Auch die Gesellschaft übt auf verschiedene Weise einen indirekten Einfluss. 

Das Recht entsteht in einem Zusammenspiel von verschiedenen Kräften. 

Die Starken und die Schwachen - die Gerechtigkeit gibt es nicht umsonst 


In vielerlei Hinsicht schützen die Gesetze das Recht der Starken. Unter Stärke verstehe ich die ökonomische Überlegenheit, die sich vor dem Gericht viel besser durchsetzen kann. Ein Prozess kostet Geld, ein Anwalt auch. Beide muss man sich erst mal leisten können. 

Außerdem blickt die Justitia besonders streng auf die kleinen Leute. Die Reichen und Mächtigen können dagegen auf viel Verständnis hoffen. Auf der einen Seite bestraft man hart für Bagatelldelikte, auf der anderen zeigt man unbegreifliche Milde bei den betuchten Großverbrechern, die die Gesellschaft um Millionen betrügen. Der Emmely-Prozess zeigt deutlich diese Tendenz.

Wer wird eigentlich bestraft?


Das Verfahren vor dem Gericht konzentriert sich auf den Täter. Das Opfer ist sich selbst überlassen. Besonders wenn es um Gewalt- und Sexualverbrechen geht, bedeutet dies für die Betroffenen das erneute Erleben der traumatischen Ereignisse. Das Ende des Prozesses und die Bestrafung der Täter ändert in dieser Hinsicht nicht viel. Die traumatisierten Opfer leiden an den Folgen des Verbrechens manchmal lebenslang. 

Sie sind also diejenigen, die die schlimmste Strafe zu erhalten scheinen. Ihren Schmerz, ihr zerstörtes Leben, ihr Scheitern, bei den Versuchen, das private Glück wiederherzustellen oder beruflich einen Fuß zu fassen, wird keine Vergeltung entschädigen.

Den Weg vom Opfer zum Verlierer in einer Gesellschaft, die nicht genau hinschaut und nicht nach den Gründen fragt, beschreiten viele Traumatisierte.  Sie werden doppelt bestraft: durch das Verbrechen, das für sie nie endet, und durch die Gesellschaft, die die Folgen nicht zur Kenntnis nimmt und die Opfer verurteilt. Sie sind diejenigen, die für das Verbrechen wirklich bezahlen.

Schutz der Opfer


Daher ist es nötig und richtig Rechte von Opfern zu stärken. Mit diesem Ziel vor Augen hat der Bundesjustizminister Heiko Maas ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Belastung der Opfer reduzieren und den Schutzstandard erhöhen wird. 

Es ist ein Schritt zur mehr Gerechtigkeit.