Im religiösen Sinne war Polen eine Ausnahmeerscheinung im Ostblock. Der Anteil der Gläubigen von damals schätzt man auf 95 %. Sogar neue Kirchen wurden gebaut, auch wenn es die Auflagen stark erschwerten.
Zwischen Prag und Preußen
Die Geschichte der St.-Matthias-Kirche (Kościół św. Macieja) neben den Ursulinen (aus dem 2. Teil), beginnt am Anfang des XIII Jahrhunderts. Kurz darauf, im Jahr 1253, lud Herzogin Anna, die Witwe Heinrichs des Frommen (Henryk Pobożny), die Kreuzherren mit dem Roten Stern aus Prag ein und gründete für sie ein Kloster, zudem übergab sie den Ordensbrüdern die Kirche samt Krankenhaus.
„Erst die Besetzung Schlesiens durch Preußen führte zum Untergang des Ordens, dessen letzte Visitation aus Prag im Jahr 1748 stattfand (dabei wurde festgestellt, dass sich im Krankenhaus 6 Männer, 19 Frauen und 32 Studenten aufhielten). Im Jahr 1807 baute man ein Teil des Krankenhauses zu einer Schule um, und bereits 1810 wurde die offizielle Mitteilung über die Auflösung des Ordens in Schlesien zugestellt.“
Die heutige Gestalt verdankt die St.Matthias-Kirche den Umbauarbeiten in den 60ern Jahren des letzten Jahrhunderts – also, während des Kommunismus in Polen. Zeitgleich zog hier die Studentengemeinde „Maciejówka” ein (von Maciej - Matthias - im Volksmund erstellte Name). Die geistliche oder religiöse Begleitung von Studenten gab es in der Stadt aber bereits nach dem II. Weltkrieg.
St.-Matthias-Kirche (Kościół św. Macieja)
Zufluchtsort des unabhängigen Denkens
Auf der Homepage von „Maciejówka“ erinnert man an den Priester für Studenten, Stanisław Mirek. der nach dem Krieg aus Lemberg (Lwów) hierher kam, wie viele aus den wissenschaftlichen Kreisen in Breslau (Wrocław).
„Er gründete die Stiftung „Caritas Academica“. Diese Organisation sammelte Spenden für Kleidung, Mahlzeiten, Unterkünfte und Urlaub für bedürftige Studenten. (…) Einer der Briefe, in denen er die Kirchenleitung um die Genehmigung für eine Spendensammlung bat, führte 1950 zu seiner Festnahme. Er wurde beschuldigt, Informationen über die politisch-religiöse Lage im Land gefälscht zu haben; als Beweis diente eben sein Brief an den Pfarrer der St.-Elisabeth-Gemeinde. (…) Während der Verhöre wurde Pater Stanisław gefoltert. Er wurde zur Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren verurteilt.“
Die Kirche spielte im kommunistischen Polen auch die Rolle der politischen Opposition, die eigentlich verboten war. Dennoch trauten sich die Kommunisten nicht, die Kirche ganz zu verbieten.
„Nachdem sie ihre Position in der Nachkriegszeit auf der politischen Bühne gefestigt hatten, begannen die Kommunisten im Herbst 1947 einen bis 1956 andauernden Kampf gegen den Einfluss der Kirche. Man versuchte, die Kirche an den Rand des öffentlichen Lebens zu drängen und nach 1950 in ihre Strukturen einzudringen, um sie von innen heraus zu zerschlagen. Dieses Ziel wollten sie mit verdeckten und offenen Formen des rechtlich-administrativen Terrors erreichen. (…) All diese Maßnahmen der Machthaber veranlassten den Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, am 14. April 1950 das Abkommen zu unterzeichnen, in dem sich die Kirche bereit erklärte, die Kollektivierung „nicht zu behindern“, und der Verurteilung des „Banditentums“ zuzustimmen. „Banditentum“ (bandytyzm) bedeutet hier bewaffnete Aktionen von Untergrundkämpfern für die Unabhängigkeit.“
Hochschulgemeinden blieben dennoch ein wichtiger Zufluchtsort des unabhängigen Denkens und inoffiziellen intellektuellen Lebens und erfreuten sich eines großen Zulaufs.
Heute fungiert „Maciejówka“ als Zentrale Stätte Hochschulgemeinden (Centralny Ośrodek Duszpasterstwa Akademickiego).
„Maciejówka“
Vratislav - Wrocław – Breslau
Der polnische Name „Wrocław“ ist in Deutschland wenn geläufig. Wenn ich dann im Gespräch Breslau erwähne, höre ich oft als Reaktion „Ach, unsere deutsche Stadt!“ Nicht ganz. Die Geschichte belehrt uns eines Besseren: Am längsten gehörte die Stadt den Tschechen, über 400 Jahre herrschten die Polen, am kürzesten – die Deutschen, ungefähr 200 Jahre.
Tschechen leiten den von ihnen gebrauchten Stadtnamen Vratislav von einem Fürsten, den sie für den Gründer halten:
„Die Stadt wurde um das Jahr 900 vom tschechischen Fürst Vratislav auf einer Insel des Flusses Oder gegründet, schon im zehnten Jahrhundert ging sie aber in die Herrschaft der polnischen Fürsten aus der Piast Familie über, bis sie vom Herzog Heinrich V. dem tschechischen König Johann von Luxembourg vermacht wurde. Seit dem Jahr 1335 war die Stadt mit dem umliegenden Herzogtum ein Teil des tschechischen Königreiches, davon zeugt der tschechische zweischwanzige Löwe, den man nicht nur im Stadtwappen von Wroclaw findet.“
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