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Donnerstag, 14. Mai 2026

„Nürnberg“ und die Art des Erinnerns

 „Nürnberg“ will die Geschichte des Nürnberger Prozesses faktentreu nacherzählen, verliert aber unterwegs den Geist der Zeit. Das ist meine subjektive Empfindung. Womöglich erwartete ich zu viel. 

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Kartei im Hintergrund

Dennoch erscheinen zumindest zwei Figuren lebenskräftig und überzeugend: Hermann Göring von Russell Crowe gespielt und  Howie Triest von Leo Woodall dargestellt – zwei äußerst unterschiedliche Individuen. Der eine – ein angeklagter Promi-Nazi, der andere – ein deutscher Jude, der vor Nazis nach Amerika flüchtete, als US-Soldat zurückkehrte und als Übersetzer für die amerikanischen Psychiater fungierte. Im Fokus des Streifens steht Göring. Russell Crowe verkörpert ihn beeindruckend, diesen Charmeur, Narzissten und Verbrecher, der jegliche Verantwortung von sich weist.

In deutsche Kinos kommt „Nürnberg“ kurz nachdem Amerikaner im März die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei ins Internet gestellt haben. Aus dem Spiegel-Podcast erfuhr ich zu meiner großen Überraschung, dass sich jene Kartei im deutschen Bundesarchiv seit der Wiedervereinigung befindet und theoretisch zugänglich war. Zuerst aber – wir sind schließlich in Deutschland – müsste man einen Antrag stellen, warten usw. Im Podcast fragen sich Journalistinnen, wieso Amerikaner gerade jetzt diese Dokumente veröffentlichen. Vielleicht hatten sie einfach lange genug gewartet, dass Deutsche dies selbst tun? 

Es gab 10 Millionen Mitglieder von der NSDAP. Man wird jedoch nicht alle identifizieren können. Die Kartei ist nicht vollständig. So sind zum Beispiel die Daten mit den Buchstaben K und L vollständig ausgelöscht. Trotzdem werden viele Suchenden ihr blaues Wunder erleben. Denn Opa oder Oma erzählten zwar vom Krieg, aber nicht darüber, dass sie in der Partei waren. Außerdem glauben nicht wenige Nachkommen, dass ihre Vorfahren im Widerstand kämpften. Sie irren sich, nur wenige taten dies.

Wie erinnern?

In einer der letzten Szenen, fragt der filmische Göring, ob man sich an sie – die Nazis – als Menschen erinnern werde. Man hätte ihm versichern können: Es werde beinahe ausschließlich der Fall sein. Zumal auf der familiären Ebene.  
„Die Familiengeschichte wird aus dem historischen Kontext herausgerissen, als ob die bloße Zugehörigkeit zur Familie von Schuld befreien könnte. (…) Dafür benutzt man sowohl die Relativierung des Verbrechens, als auch die Täter-Opfer-Umkehr.“
Jahrzehntelang verbreitete man nach diesem Prinzip munter im Nazi-Duktus die These über die Mittäterschaft von Polen, die neben den Juden am meisten im Krieg gelitten haben.

Diese Praxis lässt sich zum Teil mit dem Schuldkult erklären. Darauf hat Elon Musk berechtigterweise hingewiesen.  
„Dass sich Musk hier auf der richtigen Spur befindet, scheint das unerklärlich bizarre Verhältnis der Deutschen zur eigenen Geschichte zu beweisen: ihre Versuche, sich von fremder Schuld abzuwaschen, die Geschichte zu umschreiben, mildernde Umstände zu finden.“
Natürlich tragen Nachkommen der Nazis keine Schuld für die Taten ihrer Vorfahren. 
„Überspitzt könnte man also sagen, dass diejenigen die den Nachkommen die Schuld einreden, ein Vermächtnis der Nazis erfüllen. Diese Verbrecher waren stets daran interessiert, ihre Schuld zu leugnen, zu verwischen und zu relativieren. Diejenigen, die dank ihrer späten Geburt absolut nichts mit den Gräueltaten zu tun haben, in die Sippenhaft zu nehmen, gehört eben zum Nazi-Duktus.“
Die Nachkommen verfügen in diesem Sinne über keine Erinnerungen. Sie sind aber – meiner Meinung nach – verpflichtet, wenn sie sich mit der Nazizeit befassen, nach historischer Wahrheit zu suchen und sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Der Film „Nürnberg“ bietet jedenfalls einen guten Ausgangspunkt für eine ehrliche Debatte. 

Dienstag, 28. Januar 2025

Musk, Schuldkult und Flagellanten

 Elon Musk, laut Donald Trump ein Genie, irrt und zwar gewaltig, wenn er die AfD als Lösung für Deutschland anpreist. Nein, diese Partei ist keine Lösung, sondern eins der größten hausgemachten Probleme hierzulande. In einem Punkt gebe ich ihm dennoch recht: Der sogenannte Schuldkult ist eine Falle. 

Wir brauchen keine Flagellanten, die sich selbst geißeln. Screenshot

Vermächtnis der Sippe

Kinder oder Verwandte tragen keine Schuld für Taten und Verbrechen, die ihre Familienmitglieder, Eltern, Groß- oder Urgroßeltern begangen haben. Nazis sahen das anders. Sie benutzten die Sippenhaft als Repressionsmaßname.

„Besonders drastisch wurde die „Sippenhaft“ nach dem 20. Juli 1944 angewendet. So setzte im Anschluss an ein Treffen Himmlers, Keitels und Hitlers im „Führerhauptquartier“ bei Rastenburg am 30. Juli 1944 eine Massenverhaftung von Angehörigen der Widerstandskämpfer ein. Dazu gehörten die Familien der „Verschwörer“ des 20. Juli wie auch die Familien derjenigen, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft das Gründungsmanifest des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ vom 13. Juli 1943 unterzeichnet hatten.“

Überspitzt könnte man also sagen, dass diejenigen die den Nachkommen die Schuld einreden, ein Vermächtnis der Nazis erfüllen. Diese Verbrecher waren stets daran interessiert, ihre Schuld zu leugnen, zu verwischen und zu relativieren. Diejenigen, die dank ihrer späten Geburt absolut nichts mit den Gräueltaten zu tun haben, in die Sippenhaft zu nehmen, gehört eben zum Nazi-Duktus. Nazi-Sippenhaft-Schuld-Duktus. Dies verstößt natürlich gegen Regeln eines Rechtsstaates. Das ist doch, hoffe ich, jedem klar.

Trotzdem könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen in diese Falle brav und geordnet getappt sind. 

Sei kein Flagellant!

Wir brauchen aber keine Flagellanten, die sich selbst geißeln, um für nicht begangene Sünden zu büßen. 

Dass sich Musk hier auf der richtigen Spur befindet, scheint das unerklärlich bizarre Verhältnis der Deutschen zur eigenen Geschichte zu beweisen: ihre Versuche, sich von fremder Schuld abzuwaschen, die Geschichte zu umschreiben, mildernde Umstände zu finden. Das sind Handlungen eines Angeklagten und nicht einen, der wirklich daran interessiert ist, das historische Rätsel zu lösen. Anstatt also das Verborgene aufzudecken und Fakten sprechen zu lassen, sucht man Ausflüchte und Wege, die viel zu schwere Schuld zu verteilen. Und damit auch die Opfer zu belasten. Auf diesen Umstand habe ich hier, in meinem Blog bereits mehrmals hingewiesen. 

Nachdem Musk die Deutschen von der Schuld befreit hat, können sie vielleicht das ganze Ausmaß der Nazi-Verbrechen offen legen und unvoreingenommen, mit kühlem historischen Blick betrachten. Besonders gegenüber den Polen, die die Nazis versklavt, ihr Land und Eliten zerstört und ihre Bürger, darunter viele Juden, ermordet haben.

Nochmals also, die Nachkommen sind nicht an der Vergangenheit schuld. Sie tragen dennoch, zusammen mit uns allen, die Verantwortung, dass sich dieses Nazi-Inferno nicht wiederholt.

Samstag, 17. August 2024

Der „Spiegel“ und der Faschismus, oder Wie blöd muss der Leser (Leserin) sein?

 Am Anfang war das Spiel, dann kam durch einen Zufall der Faschismus zustande: so könnte man den Artikel im neuen „Spiegel“ auf eine (ich gestehe) ausgesprochen fiese Art zusammenfassen.

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Mordende Bande


Lothar Gorris und Tobias Rapp,  Autoren von „Wie Faschismus beginnt. Die heimlichen Hitler“, beschreiben zuerst das Spiel „Secret Hitler“ und ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen: 

"Eine falsche Entscheidung, die sich richtig anfühlt, und schon ist Hitler Reichskanzler. Alles Zufall, so wie es auch 1933 keine Zwangsläufigkeit gab."

Das kann ich nicht so stehen lassen. Vom Zufall darf man überhaupt nicht reden. Weder Zufall noch  das Schicksal spielten den Bösewicht. Nazis, diese mordende Bande, kamen an die Macht nicht durch den Missbrauch des Vertrauens, sondern durch die physische Liquidierung ihrer Gegner. Das waren rücksichtslose Verbrecher, die sich auch gegenseitig mordeten und die sich die Gesellschaft nach und nach unterjocht haben. 

Mischmasch aus einem Topf


Die Konservativen, die angeblichen Populisten und die Faschisten in einen Topf zu werfen, um eine spektakuläre Warnung auszusprechen, mag ein wirksames Stilmittel sein, historisch ist es falsch und für die Gegenwart bedeutet einfach die Verfälschung der Tatsachen.

Das schwarzweiße Bild der Welt sagt nichts über die Farben, somit kann es nur ein Teil der Wahrheit oder der Lüge sein. Der Anspruch dieses vereinfachenden Bildes zeigt sich aber viel größer, sogar größenwahnsinnig.  

Die Behauptung: Nur wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen, funktioniert vielleicht im Spiel und im Wahlkampf. Im Alltag wird dagegen dieser Versuch, die Erde zu verflachen, stets  scheitern. Denn Menschen sind nicht blöd und wollen nicht für dumm verkauft werden.

Die Bibel der Ungläubigen


Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt über die Hörigkeit der intellektuellen Eliten gegenüber der wechselnden ungläubigen „Propheten“. Nachdem die Bibel ausgedient hat, übernimmt ein Aufsatz, Essay oder eine Abhandlung den freigewordenen Platz und strebt die Unfehlbarkeit an.

Wo ist denn die Bereitschaft zur Debatte geblieben?  Eine Hilfestellung: Mit Gleichgesinnten muss man überhaupt nicht debattieren.

Die Verteufelung von Social Media und besonders von Elon Musk erscheint mir ausgesprochen primitiv.  Die Meinungsfreiheit bewahrt man doch nicht, indem man sie zensiert.

Ich lebe hier in Deutschland, was bedeutet, ich kenne auch Faschismus, für den sich die Nazi-Nachkommen und willigen Schüler der alten "Meister" weiter einsetzen. Er erschreckt mich jedes Mal, weil er in allen Parteien und allen Schichten der Gesellschaft vorkommt. 

Gleichzeitig sehe ich unzählige anständige und mutige Menschen, die im Alltag, und nicht nur auf den Antirechts-Demos, so leben und handeln, dass der Faschismus  keine Chance hat.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Deutscher Blinder Fleck: die Zerstörung von Polen im II. Weltkrieg

 Dass in der deutschen Wahrnehmung bis heute das Ausmaß des Verbrechens gegen Polen kaum ersichtlich ist, gehört zu den größten Siegen der Nazi-Propaganda.  Dieser Wahnsinn hat Methode. Jene von den Nazis. Sie begannen bereits den Zweiten Weltkrieg mit dem propagandistischen Vorwand, es wären die polnischen Soldaten, die den Sender Gleiwitz attackierten, und nicht die in den polnischen Uniformen verkleidete SS. 

„Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben“: ob der Propaganda-Minister der Nazis diesen Satz wirklich gesagt hat, ist nicht sicher. Dass die Propaganda nach diesem Prinzip funktioniert, dagegen schon.

"Der Spiegel"


Historische Wahrheit


"Polen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört wie kaum ein anderes Land", schreibt neulich ungewöhnlich offen „Der Spiegel“ (Nr. 3/22). 

Und dennoch hört man immer wieder laute Stimmen, auch unter den durchaus politisch korrekten Meinungsmachern, die behaupten, den Polen ginge es nicht so schlecht. Oder noch schlimmer: man beschuldigt sie der Mittäterschaft.

Das macht mich jedes Mal fassungslos. Denn derartige Altnazi-Propaganda verhöhnt die Opfer besonders dreist. Auf diese Weise spuckt man ihnen ins Gesicht..

Dabei geht es mir nicht darum, stets auf die Tränendrüse zu drücken. Sondern um die historische Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger. Sonst lassen wir die Nazi-Propaganda weiterleben. Sonst leugnen wir das unfassbare Leid, die unmenschliche Herrschaft, das widerliche Verbrechen. 

„Da wurde alles gestohlen“


Die Nazis wischten Polen von der Landkarte weg. Der westliche Teil wurde vom „Dritten Reich“ annektiert. „Im Zentralpolen mit Warschau richtete Hitler das Generalgouvernement ein, von dem die Nazis selbst sagten, sie hätten es ausgeplündert wie kein anderes Land in Europa“*)

Dass alles geklaut wurde, reichte den widerlichen Verbrechern nicht. „Die Deutschen wollten das Land nicht nur ausrauben, sondern seine Bewohner versklaven, umbringen und ihre Kultur zerstören“*), sagt die deutsche Historikerin Ramona Bräu.

So viel Ehrlichkeit über Polen ist in Deutschland nach wie vor selten. 

*) „Da wurde alles gestohlen“, Der Spiegel, Nr. 3/22

Montag, 14. Juni 2021

Freiheit ist die beste Freundin der Demokratie

Was ist eigentlich Freiheit? Ein Gefühl, ein Zustand, ein Recht oder eine Selbstverständlichkeit? 

Wahrscheinlich beinhaltet sie all das und noch mehr. Nur einfach ist sie nicht.

                                                                          Frei wie ein Vogel. Eigenes Foto.

Neu verhandeln


Ihre Bedeutung begreifen wir meist erst dann, wenn sie uns fehlt. Wie jetzt in der Pandemie:

„Es ist Zeit, sich auf die große Freiheit vorzubereiten: den bangen Blick von den Inzidenzen lösen, den ewigen Wechsel von Schließungen und Lockerungen beenden, die Expertokratie auslaufen lassen und Christian Drosten sowie Karl Lauterbach wieder zu Nebendarstellern machen. Es ist Zeit für große Politik, die Politik der Freiheit.“1)

In diesem Sinne bietet die Pandemie eine große Chance, nicht zum alten Zustand zurückzukehren, sondern neu über die Freiheit zu verhandeln. 

Bildlich ernst


Denn wir waren in den Vor-Corona-Zeiten mitnichten frei; eher im alten Trott und in den sozialen Konventionen gefangen. Grob skizziert sah das alte Bild ungefähr so aus: In dem größten Bordell Europas, auf der größten Drehscheibe für die organisierte Geldwäsche schwadronierten einige herrschenden Politiker über "ein Land, in dem wir gut und gern leben".  

Das ist kein Bild, sondern eine Karikatur? Da muss ich widersprechen. Laut Duden bedeutet Karikatur „Zeichnung o. Ä., die durch satirische Hervorhebung bestimmter charakteristischer Züge eine Person, eine Sache oder ein Geschehen der Lächerlichkeit preisgibt.“ Ich sehe hier aber nichts zum Lachen, besonders wenn ich noch ein paar Ergänzungen hinzufüge, wie moderne Sklaven (Wenig-Verdiener und Hartz-IV-Empfänger) oder sich selbst überlassene Alleinerziehende.

Alter Trott


Wenn wir die alte Welt einfach hinter uns lassen könnten! Man wird doch träumen dürfen, ehe die harte Wirklichkeit uns aufrüttelt. Vor allem der Gestank.  Der Gestank des Nazismus mieft bis heute überall dort, wo die Grundrechte und die Freiheit ungerechtfertigt beschnitten werden. Wobei man gewöhnlich in die Richtung einer Partei schaut. Wer jedoch reflexartig die AfD des Faschismus bezichtigt und dadurch sein Gewissen reinzuwaschen glaubt, der irrt gewaltig. 

Der alte Trott war und ist im erschreckend hohen Maß vom Nazi-Geist durchdrungen. 

Bevor mir jemand die Übertreibung und Dämonisierung der berühmten „Einzelfälle“ vorwirft, möchte ich zu bedenken geben, dass bis in die siebziger Jahre in den Behörden und Ministerien viele Nazis munter weiterarbeiteten und die Nachwuchsführungskräfte schulten. Da darf man sich wirklich nicht wundert, dass die Nachfolgegenerationen die Seuche tüchtig immer noch verbreiten.

Gegen diese Seuche hilft kein Impfstoff. Sie hat aber keine Chance dort, wo die Freiheit blüht.

1) „Keine Angst vor der Freiheit“, Dirk Kurbjuweit, „Der Spiegel“ Nr. 23.


Samstag, 2. Dezember 2017

Wenn wir über die Justizreform in Polen reden

Sprecht Ihr, meine lieben Leser, polnisch? Nein? Kein Wunder. Obwohl Polnisch seit 2004 zu den 24 Amtssprachen der Europäischen Union gehört und die zweitgrößte Sprecherzahl von den slawischen Sprachen hat, ist das keine weitverbreitete Sprache. Daher muss man sich auf die Vermittler verlassen, wenn es um die Nachrichten über den nahen Nachbar geht. Vorsicht ist dabei auf jeden Fall geboten! Die Berichterstattung ist überall auf der Welt mehr oder weniger parteiisch. Auch in Deutschland. Über die Justizreform in Polen zum Beispiel lesen wir hierzulande nichts Gutes.


                                                                                                                     Screenshot 

Das Recht, Relikte zu beseitigen


Nicht nur Deutschland, sondern auch die EU sorgt sich um die Unabhängigkeit von polnischen Gerichten und einen zu großen Einfluss des Justizministers bei der Besetzung von Richterposten. 

Auf den ersten Blick: absolut berechtigt. Auf den zweiten: nicht wirklich, wenn man die Gegebenheiten vor Ort betrachtet. Die polnische Justiz ist immer noch mit den Relikten des vergangenen totalitären Regimes belastet. 

Wie befreit man sich von derartiger Erblast? 

In Deutschland arbeiteten Nazis noch in den 70er Jahren in Gerichten und im Bundesjustizministerium.

„Im Untersuchungszeitraum von 1949/1950 bis 1973 lag die Zahl der ehemaligen NSDAP-Mitglieder deutlich über 50 Prozent und in manchen Abteilungen des Ministeriums zeitweilig sogar über 70 Prozent, wie aus dem Abschlussbericht der Kommission mit dem Titel "Die Akte Rosenburg" weiter hervorgeht.“  

Wieso hat man hier solange die Justiz nicht ausgemistet? Und wie kann man jetzt der polnischen Regierung vorwerfen, dass sie eben dies tut?

Gerichtliches Lotto im neuen Jahr


Die Bevölkerung befürwortet mehrheitlich die Reform. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die Aussicht auf eine echte Veränderung,  was die Trägheit der Gerichte betrifft. 80 % klagen, dass diese Institutionen viel zu langsam arbeiten, die Prozesse ziehen sich unendlich lang.

In Deutschland haben wir inzwischen schon vergessen, was wir der Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verdanken. Sie hat sich für gesetzliche Regelungen eingesetzt, die jene Unendlichkeit der Prozesse beenden, in dem sie den Betroffenen finanzielle Entschädigungen zusichern. Die Polen wollen jetzt ihre Justiz dahingehend reformieren. 

Dafür, dass es gerechter unter den Richtern zugeht, soll eine andere Idee sorgen. Am 16. Oktober begann in Polen der Probelauf eines Projekts, in dem die Verfahren durch die Auslosung den Richtern zugewiesen werden. Der Computer entscheidet absolut unabhängig, wer welchen Prozess führen darf. Ab dem neuen Jahr wird das gerichtliche Lotto schon im ganzen Land „gespielt“. 

„Dieses System garantiert eine gleichmäßige Verteilung der Arbeit auf alle Richter – schreibt Wioletta Olszewska aus dem Büro des Justizministers in einer E-Mail an mich -  Es ist in der Lage, unterschiedliche Verfahren zu „wiegen“, das System kann also den Grad der Kompliziertheit bestimmen und nach einheitlichen Regeln die Arbeit zuweisen. Dies garantiert die Unabhängigkeit der Richter, die für ihren Ungehorsam nicht mehr durch die Zuteilung von zu vielen Verfahren bestraft werden können.“

Keine schlechte Idee, nicht wahr?

Sonntag, 18. September 2016

Kraftprobe zwischen einer Umfrage und Bautzen

In einer Umfrage sprechen sich über zwei Drittel der Deutschen dafür aus, dass Flüchtlingskinder gleiche Rechte wie die hiesigen bekommen. Während sich Medien und das Publikum darüber entzückt zeigen, sehe ich keinen Grund zur Freude.

                                                               So weit darf es nicht kommen. Screenshot

Das steht nicht zur Debatte!


Wieso habe ich mit diesem durchaus positiven Ergebnis Probleme? Was stört mich daran, dass sich eine Mehrheit für das Selbstverständliche ausspricht? Eben dieser Umstand, dass es sich um ein elementares und selbstverständliches Recht handelt. Müssen wir wirklich erst ermitteln, was jedem Menschen von Beginn an gebührt? 

Was wäre, wenn wir auf einmal darangingen zu fragen, ob wir Unbequeme, Andersdenkende, Schwache und Kranke töten dürfen? Klingt das entsetzlich und bescheuert? Ist es auch. Diese Frage stellt sich für redliche, fühlende und denkende Menschen überhaupt nicht! Weil wir uns längst darauf geeinigt haben, dass wir menschlich bleiben wollen und dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Es steht also nicht zur Debatte, ob es einigen von uns auch gleiche Rechte zustehen oder nicht!

Raus aus dem Rahmen


Für ein Land wie Deutschland – zivilisiert und hochentwickelt – lege ich die Messlatte wesentlich höher als für sonstige mit Demokratie nicht vertraute Staaten. Umso größer ist meine Frust. Stets aufs Neue schlagen mir aus den unerwarteten Seiten dreiste Versuche entgegen, Menschenrechte auszuhöhlen. 

Einerseits helfen aufopferungsvoll und selbstlos unzählige Ehrenamtliche die sogenannte Flüchtlingskrise zu meistern. Ohne diese wunderbaren Menschen wäre der deutsche Staat zusammengebrochen. Anderseits machen andere –nicht nur die Rechten, sondern auch nicht wenige Politiker und die eigentlich zuständigen Behörden – diese Bemühungen zunichte. Es fehlen Konzepte, es fehlen schnelle Entscheidungen, es fehlt oft der gute Wille, die Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, die man ins Land hereingelassen hat.

Und dann gibt es noch Bautzen. Bautzen ist – Gott sei Dank – nicht überall, aber Bautzen ist nicht ein einziger Ort, wo sich Nazis und Rassisten stark fühlen und die Polizei überfordert ist. Oder sogar gibt sie sich geschlagen, wie Maik Baumgärtner in seinem Kommentar zu den Konsequenzen der gewalttätigen Auseinandersetzungen am Mittwoch, 14.09.16, meint:

„Tatsächlich hat sie (die Polizei, Anm. GG) den Rechtsextremen das Feld überlassen, indem sie die Flüchtlinge in ihre Unterkünfte sperrt.“

Gleiche Rechte? Vergiss es!

Dass es sich um eine durchaus schwierige Situation handelt, muss man nicht sonderlich erklären. Nicht mal der wahre Verlauf der Ereignisse lässt sich rekonstruieren. Flüchtlinge gegen Deutsche oder Deutsche gegen Flüchtlinge – je nachdem, wer darüber berichtet, ändert sich der Blickwinkel. Die Polizei verlautet, dass Gewalt von Asylsuchenden ausging. Einige Zeugen sahen das Gegenteil vor Augen.

Unterdessen sind neue Demonstrationen von den Rechtsextremisten angekündigt. Es sieht nach einer Kraftprobe aus. Schon am besagten Mittwoch haben die Nazis gebrüllt: „Das ist unser Nazikiez.“

Jetzt kommt es darauf an, wie sich die Polizei präsentiert und agiert. Denn eine Polizei, die sich unter Rechtsextremen nicht nur wohlfühlt, sondern auch mit ihnen identifiziert, passt nicht in den Rahmen eines demokratischen Staates. 

Donnerstag, 3. September 2015

Eine überfällige Diskussion

Der nicht endende Strom der Flüchtlinge zwingt uns zur Diskussion über ein Thema, das uns stets begleitet, dennoch zu wenig öffentliche Beachtung fand und immer noch findet: über den Rassismus. Das Problem ist umso größer, weil wir alle dazu neigen, die anderen in irgendeine Schublade zu stecken und mit einer Überschrift zu versehen, was uns hilft, die komplizierte Welt zu ordnen. Hand aufs Herz: Wer tut das nicht? Niemand ist frei von Vorurteilen.


                                                                                       Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Gefährliche Waffe


Was als hilfreiches Ordnungssystem durchaus seine zweifellose Berechtigung hat, mutiert jedoch zu einer gefährlichen Waffe, zu einem Vernichtungswerkzeug, wenn wir es nicht mehr für die Orientierung gebrauchen, sondern für die Stimmungsmache, das Schüren des Hasses, das Hetzen. Vom Orientieren geht man zum Bewerten über, wo es nichts zu bewerten gibt. Wie wollt Ihr überhaupt den Wert abschätzen, wenn es sich um das Menschenleben handelt? Darf man in diesem Zusammenhang über ein unwertes Leben sprechen? Die Nazis haben diese Frage bejaht. Sie sprachen den ganzen Nationen das Recht auf Leben ab. Die bloße Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe entschied über Leben und Tod.

Vor allem Feiglinge


Unser aller Problem  sehe ich darin, dass wir besser sein wollen. Eigentlich ein hehres Ziel. Der Haken an der Sache ist aber, dass es uns nicht reicht, aus Freude am Machen dies zu tun. Wir wollen besser als die anderen sein. Schön wäre es, wenn wir diejenigen trotzdem als Menschen achten würden. Außerdem: Wer in einem gut ist, muss nicht unbedingt in allem glänzen. Manchen von uns ist solch eine Fairness jedoch zuwider. Sie brauchen einen Abstand zum Rest. Dafür müssen die anderen – logischerweise – schlechter sein. Es reicht demnach irgendeine Gruppe mit dem Merkmal „minderwertig“ zu versehen, schon fühlt man sich besser. Die Auswahl geschieht nicht unüberlegt. Man wird sich nicht mit den Stärkeren anlegen. Die Schwachen sollen für diese Aufgabe herhalten. Denn Rassisten sind vor allem Feiglinge. 

Anständige ohne Anstand


Ich behaupte, dass nicht die überzeugten Rassisten das Hauptproblem sind. Die tragen- wenn man so sagen darf - wenigsten ihren Hass offen. Vielmehr muss man sich vor den vielen angeblich Guten vorsehen – ich meine hier nicht die Aber-Rassisten - „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“. Es geht mir um die wortkorrekten Werteschützer, die Wasser predigen und Wein trinken – also diejenigen, die immer das Richtige sagen, aber das Falsche tun. Sie lassen uns verzweifeln, weil man von ihnen den Anstand erwartet, stattdessen aber den hinterhältigen Rassismus bekommt.

Wie kann man sich vor diesen Anständigen ohne Anstand schützen? Sie sind überall: in der Schule geben sie ihren ausländischen Schülern schlechtere Noten, in der Arbeit lassen sie keine Bewerbungen von den Migranten zu, als Vermieter lügen sie, dass die Wohnung schon leider vergeben ist. Sie warnen gern vor den gefährlichen Pflastern aus einem einzigen Grund: Dort wohnen „Zigeuner“, Türken, Ausländer. Als Politiker täuschen sie Besorgnis vor und prangern ganze Gruppen von Menschen an (wie beispielsweise die sog. Wirtschaftsflüchtlinge), die sich nicht wehren können. Sie alle würden schwer beleidigt, wenn man sie mit Nazis verglichen hätte. Dennoch ist dieser Vergleich berechtigt. Sie handeln in diesem Geist und ihre anders lautenden fadenscheinigen Bekundungen machen dies nicht besser.