Sonntag, 22. August 2021

Berichterstattung über Polen – ein Ärgernis

Kann man anders über Polen berichten? Bestimmt, aber nicht in Deutschland. Hier ist die Marschroute vorgegeben: haut auf die polnische PiS-Regierung drauf! Wobei sich die schimpfenden Journalistinnen und Journalisten nicht entscheiden können, in welche Ecke sie Polen zur Strafe stellen sollen. Der Ton ist aber klar: herablassend, feindlich und einseitig bis an die Schmerzgrenze. Der „Spiegel“-Artikel „Jenseits des Rechts“ von Maximilian Popp und Jan Puhl (Nr. 33) passt perfekt in das Schema.


                                                                            Kann man anders über Polen berichten?


Pauschal und generalisiert

Man nimmt also ein paar Unzufriedene und generalisiert zu einem Gesamtbild. Ich versuche diese Vorgehensweise an einem deutschen Beispiel veranschaulichen. Dafür hätte ich einen Richter gebraucht, der laute und medienwirksame Kritik über Frau Merkel und ihre Regierung äußert. Gibt es solch einen nicht? Wieso? Sind alle mit Merkel zufrieden? Wohl kaum. Die Richter entweder trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen, oder wollen sich nicht politisch einbringen, weil ein Richter unparteiisch bleiben soll. Nicht wahr? Für Polen darf diese Regel dennoch nicht gelten, laut deutschen Medien.

Dämonen an der Weichsel

Zum gängigen Mittel derartigen „Journalismus“ gehört Dämonisierung des Gegners, weil es hier eigentlich nicht um die Berichterstattung, sondern um eine ideologische Mission geht. Dafür konstruiert man ein Monster. 

Das Monster heißt in diesem Fall Jarosław Kaczyński. Er wird als gefährlich und allmächtig dargestellt. Wer die polnische politische Landschaft ein wenig kennt – stets in Bewegung, mit vielen Parteien und sich andauernd verändernden Allianzen – der wird mit dem Kopfschütteln nicht mehr fertig.

Verschwörung mit dem Traum der Schwiegermutter

Wieso tun das die deutschen Medien? Die Antwort auf die obige Frage wäre höchst interessant, würde sie eine ehrliche. Die naive Hoffnung lassen wir lieber beiseite.  In der Zwischenzeit versuche ich mich in Spekulationen und Verschwörungstheorien.

Die Wurzeln der heutigen Situation reichen tief in die Vergangenheit. Seit der Okkupation scheinen die Nachfolgegenerationen von faschistischen Mördern ihren Opfern nicht verzeihen können, dass sie keine Opfer mehr sein und auf Augenhöhe mitreden wollen. 

Die Kriegsrechnung ist immer noch offen und die Nazipropaganda quicklebendig. Die gezielte Vernichtung von Eliten, Kulturen und Gesellschaften deuten heute Propagandisten dreist um. Die Nazis hätten vor Freude über die vielen folgsamen Schüler gehüpft.

Es wundert in diesem Kontext nicht, dass sich einer wie Jarosław Kaczyński, der sich aufrichtet und Forderungen stellt, bestens als Zielscheibe jeglicher Attacken eignet. Ganz anders als der Traum aller Schwiegermütter Donald Tusk, Jungendfreund von Angela Merkel und ihr späterer Protegé. 

Der unersättlichen Machtbesessenheit von Frau Merkel steht einer wie Jarosław Kaczyński einfach im Weg – sie will die EU unterjochen, ihr Appetit ist enorm. Donald Tusk, ihre Marionette, erweist sich hierfür als nützlicher Idiot.  

Merkel selbst darf sich jedoch nicht mit Katharina der Großen (ihrem Vorbild) vergleichen. Denn sie hängt an den Schnürchen der mächtigen deutschen Familien. Familien mit langer Tradition. Auch Nazi-Tradition. Da ist man nicht wirklich wählerisch.

Darf ich überhaupt derartige Thesen fabrizieren? Wieso nicht? „Spiegel“ tut es schließlich auch.


Donnerstag, 29. Juli 2021

Henryk Broder, lautstarke Gesinnung und die Lippen von Jan Kasprowicz

Regelmäßig arbeiten sich die Hüter der politischen Korrektheit an Henryk M. Broder ab.  Er bietet die beinahe perfekte Projektionsfläche für die Wettbewerber um die größte Empörung im Dienste „der guten Sache“, weil er gerne provoziert und die von jenen Hütern festgelegten Grenzen überschreitet. Wieso tut er das? Was veranlasst ihn zu den Äußerungen wie diese: "Sagen wir, wie es ist: Der Antifaschismus ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts"? 

Von mir bekommt Ihr keine Antwort darauf, weil ich die Motive von Herrn Broder nicht kenne. Ich freue mich aber, dass es ihn gibt. Lieber jemand, der über die Stränge schlägt, als eine Armee von Konformisten. 

 Wir dürfen ihn nie aus den Augen verlieren. 
Egal in welcher Verkleidung er erscheint.

Ein Fass Salz

Zurück zum oben zitierten Satz über Faschismus und Antifaschismus. Müssen wir jene Begriffe neu und zeitgemäß definieren? Tun wir das aber nicht andauernd? Diesbezüglich beschäftigt mich stets die Diskrepanz zwischen mehr oder weniger lautstark geäußerten Gesinnung und oft verborgenen und widersprüchlichen Einstellungen. Denn auf die Lippenbekenntnisse bin ich stark allergisch, genauso wie Jan Kasprowicz (1860 - 1926), ein polnischer Poet, der sich über geheuchelten Patriotismus ärgerte:  


"Selten berührt meine Lippen - 

Was ich hier heute bekenne -

Der mit Blut getränkte und

Kostbarste Klang: Vaterland.


Ich sah Händler im Wettstreit,

Auf den Plätzen versammelt,

Wie sie sich gegenseitig überbieten,

Wer es lauter herausschreit.“

Und nochmals das Original:

„Rzadko na moich wargach 

Niech dziś to warga ma wyzna -

Jawi się krwią przepojony,

Najdroższy wyraz: Ojczyzna.

 

Widziałem, jak się na rynkach

Gromadzą kupczykowie,

Licytujący się wzajem,

Kto Ją najgłośniej wypowie.”


Knapp und platt könnte man sagen, dass das Gelaber kaum zählt, die Gefühle und das Herz umso mehr. Die springen jedoch nicht sofort ins Auge. Darin besteht also die größte Schwierigkeit, das wahre Gesicht der lieben Nächsten zu enthüllen. Um einen Menschen wirklich kennenzulernen, muss man mit ihm gemeinsam ein ganzes Fass Salz aufessen, sagen die Polen und meinen damit, die unendliche Zeit, die man dafür braucht. 

Meister der Täuschung

Und was ist mit dem Faschismus? Er ist ein Meister der Täuschung, schon immer gewesen. Somit muss ich Henryk Broder in diesem Punkt recht geben: der Faschismus zögert nicht, die Maske des Antifaschismus aufzusetzen, wenn es ihm nützt. 

Er ist ein lebensgefährlicher Gegner. Mit gutgemeinten Aufrufen und Ritualisierung des Denkens lässt er sich kaum bekämpfen. Unsere Bequemlichkeit im Denken und Handeln ist seine persönliche Freundin. 

Indessen dürfen wir ihn nie aus den Augen verlieren. Egal in welcher Verkleidung er erscheint. Mit der Stärkung der Demokratie und dem ununterbrochenen Einsatz für Menschenrechte und Freiheit können wir ihn in Schach halten. 



Mittwoch, 28. Juli 2021

Plakate im Wahlkampf

 Sie freuen sich auf uns, aber stehen nicht zur Wahl.




Die Vorderseite ...




... und das Gegenteil.




Eine kommentierte Ausgabe.




Abgerutscht?




Geister der Vergangenheit?




Gute Preise, gute Besserung.




Rot wie die Kunst.




... weil Ihr es seid.



Freitag, 23. Juli 2021

Die Anmaßung maßt sich viel zu viel an

Nichts gedeiht so prächtig wie die Anmaßung, was so viel bedeutet wie Überheblichkeit und Arroganz oder unberechtigte Inanspruchnahme. Diese nüchterne Auflistung von Duden schildert natürlich keine gesellschaftlichen Folgen, die dieses Phänomen verursacht. Dabei denke ich kaum an die strafrechtlich relevante Amtsanmaßung (§ 132 StGB: Wer sich unbefugt mit der Ausübung eines öffentlichen Amtes befasst oder eine Handlung vornimmt, welche nur kraft eines öffentlichen Amtes vorgenommen werden darf, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.) 

Mir geht es um die nicht strafbare und um unsere alltägliche allgegenwärtige Überheblichkeit, die uns Steine in den Weg legt und an den Rand der Verzweiflung bringt, während sie uns auf Schritt und Tritt begleitet. 

                                                                  Es muss mitnichten die oberste Stelle sein.

In voller Hässlichkeit


Die Voraussetzungen sind überall wirklich günstig. Wenn eine Gesellschaft streng hierarchisch aufgebaut ist (zeigt mir aber bitte eine Gemeinschaft, die keine Hierarchie kennt), entsteht fruchtbarer Boden für Überheblichkeit und Arroganz. Von oben blickt man einfach leichter herab. Es muss mitnichten die oberste Stelle sein, um das Phänomen auszulösen. Eine kleine Erhöhung, eine winzige Stufe höher und schon zeigt sich die Arroganz in voller Hässlichkeit.  

Die Anmaßung will stets mehr und begnügt sich nicht mit dem Vorhandenen. Das ist in sich keine schlechte Eigenschaft. Die Überheblichkeit täuscht aber lediglich eine gesunde Ambition vor. Denn sie ist krank vor Missgunst und Eifersucht. Sie ist an einem fairen Match nicht interessiert. Nicht im Geringsten. Sie will herrschen, der Rest hat sich gefälligst unterzuordnen.

Chamäleons Mäntelchen


Kommt die Anmaßung an die Macht, sind die Konsequenzen gravierend, mitunter vernichtend. Denn sie will immer recht haben; koste es, was es wolle. Ihre Entscheidungen wirken dementsprechend oft sprunghaft und lassen sich selten nachvollziehen. Das angestrebte Ziel können die Beobachter nicht wirklich erkennen. Sie suchen doch nach logischen Voraussetzungen. In meisten Fällen vergeblich. Weil die Anmaßung lediglich ein Ziel kennt– sich selbst.

Sie ist ein Chamäleon und verkleidet sich dauernd. Dabei hängt sie ihr Mäntelchen stets nach dem Wind.  Damit weicht sie jeder ernsthaften Debatte aus. Sie liebt stattdessen die Inszenierung – das A und O ihrer Geltungssucht.

Weg von Auto-


Die Anmaßung blendet und verblendet diejenigen, die sich nach Autoritäten sehnen und auf die Autokraten reinfallen. Beide Begriffe beginnen mit dem Präfix "Auto-", das die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkt. Darin verbirgt sich auch die Gefahr und die Verlockung, das Nachdenken den anderen zu überlassen.

Gibt es denn ein Gegengift? Das wichtigste wäre die Immunisierung gegen Hypokrisie und Heuchelei.

Bis es so weit ist, nicht aufhören zu fragen! Wer fragt, irrt nicht. Oder wenigstens seltener. Und wer hinterfragt, der ist besser gegen die Anmaßung gewappnet. Sie hält sich nämlich an keine Spielregeln.

Mittwoch, 30. Juni 2021

Wahlen 2021: ich wünsche mir …

Im September dürfen wir wählen. Ich freue mich darauf und hoffe, dass sich danach viel ändert. Dass die Wahlen kein Wunschkonzert sind, weiß ich natürlich. Wünsche habe ich trotzdem. Wer hat sie nicht?

                                                                       Im September dürfen wir wählen.


Märchen über die Würde

An erster Stelle wünsche ich mir nicht mehr und nicht weniger, als dass das ganze existierende neoliberale System auf den Prüfstand gestellt wird. Ich denke dabei nicht an eine Revolution, weil ich die Gewalt als Mittel der Veränderungen  absolut ablehne, sondern an die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten. 

Denn das Grundgesetz wird oft wie eine Märchenerzählung behandelt – schön, aber ohne Bezug zur Wirklichkeit. So in der Art: Es war einmal ein Land, in dem die Würde des Menschen als höchstes, unantastbares Gut galt und wo jede und jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hatte …  .

Wer das Grundgesetz mit seinen Grundrechten ernst nimmt, muss die herrschenden Strukturen von Grund auf umbauen. Sie beinhalten nämlich viele eindeutig rassistische, antisemitische und diskriminierende Bauteile.

Der Fehler liegt im System. 

Ungesunde Vermengung

Wieso sollen wir aber überhaupt am System rütteln, wenn wir doch in einem der reichsten Länder leben? Eben deswegen, weil wir es können und müssen. „Nach uns die Sintflut“ eignet sich nicht für eine Gesellschaft, die  die Zukunft in Erwägung zieht.

Die Pandemie ist ein Wendepunkt. Sie läutet das Ende des alten Weges ein, was viele leider überhören, oder nicht verstehen.  

Schauen wir uns beispielsweise das Gesundheitssystem an. Theoretisch sollte es darum gehen, die Abwehrkräfte des Menschen zu stärken, damit er ohne Hilfe auskommt. Wenn man aber die Gesundheit mit der Ökonomie vermengt und alle Teilnehmer – Ärzte, Apotheker, Pflegedienste, Pharmaindustrie usw. – an Patienten verdienen wollen, dann sind die Verdienenden nicht an der Genesung, sondern am  Erhalt des Status quo – lange konstante Erkrankung – interessiert.  So wurden in Deutschland 2018 fast 17 Millionen Operationen durchgeführt. 2010 waren es noch 13 Millionen.

Im Grunde genommen ist das kein Gesudheits-, vielmehr ein Krankheitssystem. 

Zeitpunkt für den Geist

Zurzeit hört man das Wort "Arbeitsplätze" andauernd und bis zu den Wahlen wird das auch so bleiben. Besonders in der Wirtschaft. Wer mehr davon verspricht, der hofft mehr Stimmen zu bekommen. 

Da es aber genauso leidenschaftlich um die Digitalisierung und Automatisierung gerungen wird, frage ich laut, wie man diese verschiedenen Richtungen verbinden will. Die Arbeitsplätze werden doch dadurch wegfallen. Einfach verschwinden.

Daher wäre gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, das Bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Dadurch hätte sich die Bürokratie wesentlich verringert (vom Abbau der Überproduktion und Zerstörung der Umwelt ganz zu schweigen). Dazu käme ein völlig anderer Geist im Land. Fast märchenhaft. Wie der im Grundgesetz. 



Montag, 14. Juni 2021

Freiheit ist die beste Freundin der Demokratie

Was ist eigentlich Freiheit? Ein Gefühl, ein Zustand, ein Recht oder eine Selbstverständlichkeit? 

Wahrscheinlich beinhaltet sie all das und noch mehr. Nur einfach ist sie nicht.

                                                                          Frei wie ein Vogel. Eigenes Foto.

Neu verhandeln


Ihre Bedeutung begreifen wir meist erst dann, wenn sie uns fehlt. Wie jetzt in der Pandemie:

„Es ist Zeit, sich auf die große Freiheit vorzubereiten: den bangen Blick von den Inzidenzen lösen, den ewigen Wechsel von Schließungen und Lockerungen beenden, die Expertokratie auslaufen lassen und Christian Drosten sowie Karl Lauterbach wieder zu Nebendarstellern machen. Es ist Zeit für große Politik, die Politik der Freiheit.“1)

In diesem Sinne bietet die Pandemie eine große Chance, nicht zum alten Zustand zurückzukehren, sondern neu über die Freiheit zu verhandeln. 

Bildlich ernst


Denn wir waren in den Vor-Corona-Zeiten mitnichten frei; eher im alten Trott und in den sozialen Konventionen gefangen. Grob skizziert sah das alte Bild ungefähr so aus: In dem größten Bordell Europas, auf der größten Drehscheibe für die organisierte Geldwäsche schwadronierten einige herrschenden Politiker über "ein Land, in dem wir gut und gern leben".  

Das ist kein Bild, sondern eine Karikatur? Da muss ich widersprechen. Laut Duden bedeutet Karikatur „Zeichnung o. Ä., die durch satirische Hervorhebung bestimmter charakteristischer Züge eine Person, eine Sache oder ein Geschehen der Lächerlichkeit preisgibt.“ Ich sehe hier aber nichts zum Lachen, besonders wenn ich noch ein paar Ergänzungen hinzufüge, wie moderne Sklaven (Wenig-Verdiener und Hartz-IV-Empfänger) oder sich selbst überlassene Alleinerziehende.

Alter Trott


Wenn wir die alte Welt einfach hinter uns lassen könnten! Man wird doch träumen dürfen, ehe die harte Wirklichkeit uns aufrüttelt. Vor allem der Gestank.  Der Gestank des Nazismus mieft bis heute überall dort, wo die Grundrechte und die Freiheit ungerechtfertigt beschnitten werden. Wobei man gewöhnlich in die Richtung einer Partei schaut. Wer jedoch reflexartig die AfD des Faschismus bezichtigt und dadurch sein Gewissen reinzuwaschen glaubt, der irrt gewaltig. 

Der alte Trott war und ist im erschreckend hohen Maß vom Nazi-Geist durchdrungen. 

Bevor mir jemand die Übertreibung und Dämonisierung der berühmten „Einzelfälle“ vorwirft, möchte ich zu bedenken geben, dass bis in die siebziger Jahre in den Behörden und Ministerien viele Nazis munter weiterarbeiteten und die Nachwuchsführungskräfte schulten. Da darf man sich wirklich nicht wundert, dass die Nachfolgegenerationen die Seuche tüchtig immer noch verbreiten.

Gegen diese Seuche hilft kein Impfstoff. Sie hat aber keine Chance dort, wo die Freiheit blüht.

1) „Keine Angst vor der Freiheit“, Dirk Kurbjuweit, „Der Spiegel“ Nr. 23.


Montag, 24. Mai 2021

Jacek Żaba , eine Geschichte aus der Hölle der Redlichen

Jacek Żaba, nicht mal 26 Jahre alt geworden, hat keine großen Taten vollbracht und keine große Karriere hingelegt. Dennoch dürfen wir ihn nie vergessen. 


                                                                                    Fot. Jacek Żaba*)


Schule, Arbeit, Widerstand

Sein Leben ist schnell erzählt. In Krakau am 23.09.1963 geboren, ging er dort zur Schule. „Podstawówka”, wie man die Grundschule in Polen nennt, dauerte damals acht Jahre. Danach arbeitete er bei den Städtischen Verkehrsbetrieben. Der sympathische Einzelgänger schloss sich dem antikommunistischen Widerstand an und beteiligte sich aktiv an den Aktionen und Demonstrationen der derweil verbotenen Gewerkschaft „Solidarność“. Zu der Zeit galt das Kriegsrecht.

Vorher, am 13. Dezember 1981, erklärte General Jaruzelski den Ausnahmezustand in Polen und die Panzer rollten im kalten Winter durch die Straßen. Die kommunistische Regierung führte also den Krieg gegen das eigene Volk.

„Ein menschliches Wrack“

Ins Visier der polnischen Stasi geriet Jacek Żaba im 1982. Er wurde am zweiten September wegen der Teilnahme an der Demonstration vom 31.08.1982 verhaftet. Die Haftanstalt verließ er am 6.01.1983. Das Verfahren stellte das Gericht am 18.10.1983 ein, infolge einer Amnestie vom 21.07.1983.

Beim zweiten Mal sprach das Gericht Jacek  am 26.06.1986 schuldig und verhängte eine Freiheitsstrafe von 1,5 Jahren für eine Aktion, die zum Streik am 13. Dezember, am Jahrestag der Kriegsrecht-Ausrufung, führen sollte. 

Obwohl es sich um einen politischen Akt handelte, landete Jacek  in einer Zelle zusammen mit den harten Kriminellen. Dort wurde er erniedrigt, missbraucht, mit Exkrementen beschmiert, geschlagen und von seiner obersten Pritsche auf den Betonboden geworfen. Die Wächter ließen es zu oder machten mit. Unterdessen lehnte die Gefängnisleitung seine Bitte um Erlaubnis für die Korrespondenz mit Bekannten ab. Auf diesem verbliebenen Dokument befindet sich eine Anmerkung: "ein menschliches Wrack, debil, nicht genehmigen". 

Am 24.10.1986 ordnete man die Unterbrechung der Strafe. Da wog der Gefangene Żaba 48 kg. Sein Bekannter, der ihn damals zu sich nach Hause einlud, war geschockt: "Ich habe so etwas noch nie gesehen. Nachdem meine Frau Kartoffelpuffer serviert hat, schnappte sich Jacek noch ganz heiße Stücke, drückte sie krampfhaft in den Händen und flüchtete in die Ecke, in der er alles aufgegessen hat, mit dem Rücken zu uns gewandt."

Freiheit als Illusion

Einmal lächelte das Schicksal und Jacek  Żaba durfte den inzwischen international bekannten Oppositionellen Jacek Kuroń treffen, der ihm zusammen mit zweitausend Versammelten applaudierte. Kuroń versprach öffentlich, Jacek  Żaba vor der Rückkehr ins Gefängnis zu bewahren. Denn der Kommunismus schien sich rasant dem Ende zu nähern.

Als Jacek dann trotzdem die Aufforderung zur Fortsetzung der Strafverbüßung erreichte, sprang er vom achten Stockwerk in den Tod.

Hölle der Redlichen

Zu dieser Geschichte gehört auch der Fakt, dass die Verantwortlichen für das Verbrechen an Jacek Żaba nie bestraft wurden.

"Skizzen aus der Hölle der Redlichen" („Szkice z piekła uczciwych”) von Leon Kruczkowski, im 1963 erschienen, beschrieben die damalige polnische Realität. Der Begriff eignet sich dennoch für die Schilderungen aus jeder Diktatur. 

Die Hölle der Redlichen ist überall dort, wo man Menschen wie Jacek Żaba, unbestraft foltern und in den Selbstmord treiben kann. Und wo sie vergessen werden.


*) Fotonachweis: https://naszahistoria.pl/zlamane-zycie-jacka-zaby/ar/11440088