Wie kam es dazu, dass Andersen ausgerechnet Oldenburg so oft besuchte? Der wahre Grund trägt den Namen Lina Eisendecher. Sie schrieb ihm am 10.03.1843 einen Brief. Er verweilte damals in Paris, wo er unter anderem Victor Hugo und Alexander Dumas begegnete.
Oldenburg. Altes Postamt, errichtet 1902 bis 1905
Bewunderin und ihr Meister
Persönlich kannte sie ihn noch nicht, dafür aber sein Werk auswendig:
„Eine fremde Handschrift, ein fremder Name sucht Sie in der großen Weltstadt auf, doch ich hoffe wenn sie diese Zeilen gelesen ist Ihnen beides nicht mehr fremd, denn Sie werden fühlen wie lieb und bekannt Sie mir schon lange sind.“
Lina Eisendecher lädt den Autor, für den sie außerordentlich schwärmt, am Ende ihres langen Schreibens gleich ein:
„Läßt es Ihre Zeit zu hierher zu kommen (…), so finden Sie bei uns ein offenes Herz, ein offenes Haus! Mein geliebte Mann, der meine tiefe Anerkennung für Sie vollkommen theilt, vereinigt seine Bitten mit den meinigen, und ladet Sie auf das herzlichste ein uns einen Besuch zu schenken.“
Andersen antwortet aus Paris postwendet und am 22.05. besucht er die Familie zum ersten Mal: Er reiste mit einer Schnellpostkutsche (Diligence), über die er in seinem Tagebuch scherzte: “Es war keine Schnellpost, sondern eine Schneckenpost“. Das Schimpfen über die Verkehrsmittel ist mitnichten unsere Erfindung.
„Oldenburg ist freundlich gelegen – notiert er weiter in seinem Tagebuch -, von hübschen Anlagen umgeben; ich stieg im „Hotel de Russie“ ab, ging zu Eisendechers, ein schönes Landhaus in der „Gartenstraße“, niemand war zu Hause. Im Wirtshaus erhielt ich von Frau Eisendecher einen netten Brief, daß ich unbedingt bei ihnen wohnen solle, mein Zimmer erwarte mich dort. Ich zog sogleich um (…).“
Das Landhaus steht nicht mehr. Seine Stelle nimmt ein Wohnblock ein.
Der Meister beschreibt seine Bewunderin - Lina war damals 23 Jahre alt - folgend:
„… (Ich) wurde von einer freundlichen Frau mit einem klugen, energischen Gesicht empfangen, das war Lina Eisendecher; ihr Mann kam mir herzlich entgegen, zwei kleine Kinder spielten.“
Auf der anderen Seite der Gartenstraße erstreckt sich der imposante (16 ha) Schlossgarten. Das Landhaus von Eisendechern befand sich fast direkt gegenüber vom Torhaus mit dem Haupteingang.
Andersen ging dort oft spazieren.
„In Dänemark eingewurzelt“
Die große Politik – wie seit eh und je einer der destruktivsten Kräfte - überschattete schließlich die herzliche Freundschaft und intensive Korrespondenz. Während die Spannungen zwischen Deutschland und Dänemark wegen der Schleswig-Holsteinischen-Frage zunahmen (der Krieg brach schließlich 1864 aus), kühlte sich die enge Verbindung zwischen Lina Eisendecher und Hans Christian Andersen ab.
Am 20.02.1850 fragt sie ihn: „Sollten Sie so ein guter Däne sein, daß Sie allen Deutschen feindlich gesinnt?“ Er versichert sie unverzüglich: „Sie und die Ihrigen waren und sind fast täglich in meinen Gedanken.“ Und es gebe viele liebe Menschen in Deutschland, dem Land, „wo man mir mit Aufmunterung und Güte entgegenkam.“ Er betont aber auch, dass sein Herz ganz dänisch und er in Dänemark „eingewurzelt“ sei.
Danach wechseln sie nur wenige Briefe. Andersen schaute nur gelegentlich vorbei. Sein letztes kurzes Schreiben ist auf den 31.12.1860 datiert. Lina schreibt erst am 8. August 1862 zurück und schließ mit dem Satz ab: „Gott erhalte Ihnen Ihr schönes Talent noch lange.“
Alle Zitate stammen aus dem Buch: Hans Christian Andersen, Lina Eisendecher, Briefwechsel. 2003. Wallstein Verlag.
Vorausgehend: Teil 1
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