Posts mit dem Label Frauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 9. Juni 2026

Haben wir ein Problem mit den Männern?

Diese Frage bejahen bestimmt alle, die sich blind hinter Collien Fernandes oder den Ärztinnen in dem neuen Fall stellen. Das blinde Vertrauen wird von den Verfechtern der guten Sache vorausgesetzt und nachdrücklich gefordert.

Herkules und Cacus von Baccio Bandinelli
Florenz, Piazza della Signoria

 Zwischen Sessel und Entmannung

Die Versuche an die MeToo-Bewegung aus dem Jahr 2017 anzuknüpfen, gibt es immer wieder. Dass die MeToo-Kampagne die westliche Welt verändert hat, steht außer Frage. Sie artete aber in unzulässigen Beschuldigungen und Manipulationen aus. Meist verwendete man dafür konstruierte Skandale, die keine waren, oder Hörensagen. 

Wie soll man die neuesten Enthüllungen einordnen?  Der Marburger Bund befragte 9.073 angestellte Ärztinnen und Ärzte, die zu 90 Prozent in Krankenhäusern arbeiten. 

„Fast jede zweite befragte Person berichtet von Machtmissbrauch im beruflichen Umfeld. Besonders betroffen sind Ärztinnen in Weiterbildung.“

Den Machtmissbrauch verbindet man mit dem Sexismus:

„Die Schilderungen reichen von sexistischen Kommentaren bis hin zu übergriffigem Verhalten.“

Ferner bringt man den Mangel an Frauen in den Chefetagen zur Sprache:

„Obwohl mehr als 60 Prozent der Medizinstudierenden Frauen sind, liegt der Anteil von Chefärztinnen nach Angaben des Bündnisses Allianz kommunaler Großkrankenhäuser (AKG) bei etwa 15 bis 20 Prozent.“

Welche Lösungen könnte man jetzt vorschlagen:

1. Frauen an die Macht, also auf die Chefsessel? 

2. Männer gründlich entmannen? 

Feudale Welt

Man kann nicht leugnen, dass in Deutschland Frauen benachteiligt, sexistisch behandelt und Missbrauch werden. Die Frontlinie verläuft jedoch – was ich oft wiederhole – nicht zwischen Männern und Frauen. Es hilft also herzlich wenig jede freundschaftliche Geste, jedes harmloses Küsschen oder jeden deftigen Witz zu denunzieren. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass sich hinter derartigen Versuchen militante Emanzen verstecken, die Männer als Geschlecht ausradieren wollen. 

Ich glaube nicht, dass alles Paletti wird, wenn man Männer mit Frauen als Chefs ersetzt (obwohl ich mich für eine Frauenquote in vielen Bereichen ausspreche). Für mich liegt hier das Problem tiefer. 

In Deutschland herrschen feudale Strukturen, die die Machthaber auf allen Stufen der Hierarchie praktisch zu Sonnenkönigen machen und die Welt in Herrscher und Untertannen teilen. Die Herrscher erheben sich über jegliche Regeln. Ein Untertan darf sie nicht kritisieren. Die Untertannen haben zu spuren und werden wie Leibeigene behandelt. 

Bedrohte Spezies

In solch einer Umgebung ist Frau sozusagen selber schuld, wenn sie Kinder kriegt. Daher fehlt es an den Krippen- und Kindergärten-Plätzen, an der Nachmittagsbetreuung in den Schulen, entgegenkommenden Arbeitgebern, die flexible Arbeitszeiten anbieten, Absicherung im Alter – eine Grundrente, die den Namen verdient und nicht der Murks, der bei der letzten Rentenreform herauskam.

Was mich dagegen kaum stört, sind deftige Witze oder harmlose Küsschen. Manchmal befürchte ich, dass man Männer zu bedrohten Spezies erklären muss. 


Montag, 31. März 2025

Saskia Esken: eine Zumutung oder eine Chance?

 Am Fall Esken zeigt sich wie in einem Brennglas die deutsche Eigenart im Verständnis und in der Behandlung von Frauen. 

Screenshot

Deutsches Privileg


Vor allem sei die Frau schutzbedürftig. Diese Behauptung lese ich heraus aus den vielen Aufrufen von Männern, die unbedingt "unsere Mütter, Töchter und Schwestern" vor den Angreifern verteidigen wollen. Unter einer Bedingung: die Gefährder und Gewalttäter kommen von außerhalb - Migranten, Flüchtlinge oder Illegale. "Finger weg von unseren Frauen!" – lautet der Schlachtruf. „Frauen zu schlagen und zu drangsalieren ist unser deutsches Privileg“, möchte man wahrheitsgemäß gleich ergänzen. 

Diese besitzergreifende Einstellung bezeugt ein sachliches Verhältnis zum sogenannten schwachen Geschlecht. Sachliches, weil man die Frau als Objekt betrachtet; ein Objekt, das man vorm Diebstahl bewahrt, und nicht ein Subjekt, das über sich selbst entscheidet,

Es reicht ein Blick auf den Lebenslauf von Saskia Esken, um zu begreifen, dass sie sich nicht im oben erwähnten Sinne objektivieren lässt. Sie zeigt Charakter. In Deutschland gehört sich das für eine Frau nicht. Sie sei theoretisch gleichberechtigt, praktisch solle sie sich aber ein bisschen ducken und nicht zu sehr auffallen. Um jegliche Missverständnisse in diesem Punkt zu vermeiden, eile ich gleich zu erklären, dass Angela Merkel keineswegs zu gleicher Kategorie wie Esken gehört. Sie witterte stets, aus welcher Seite der Mainstream-Wind kommt, und richtete sich danach.

Chancen außerhalb des Männer-Spiels


Eine Frau wie Esken, mit Ecken und Kanten, ist eine Zumutung für die Herren, die zwar oft über die Gleichberechtigung schwafeln, aber nur im begrenzten Rahmen, den sie von Fall zu Fall definieren.  In der SPD, die sich zwar Chancengerechtigkeit als Ziel auf die Fahne schreibt, sieht die Situation auch nicht viel besser aus, als in dem Rest des nicht nur politischen Landes. Ich hätte sogar gesagt, dass es dort eine versteckte, aber verbreitete, männliche verachtende Grundhaltung Frauen gegenüber herrscht. Olaf Scholz war eine leuchtende Ausnahme in dieser Hinsicht. Und unbedingt muss ich noch hinzufügen, dass in dieser Auseinandersetzung auch einige Frauen Hand in Hand mit Männern ihre nicht angepassten Kolleginnen bekämpfen.

Denjenigen, die jetzt protestieren wollen, dass ich Scholz in diesem Zusammenhang nenne, weil er Esken doch einfach stehen ließ, als sie mit ihm reden wollte und alle haben es gesehen und boshaft kommentiert, möchte ich sagen, dass ich Scholz glaube. Danach gefragt, antwortete er, dass er sie nicht wahrgenommen habe und den Vorfall sehr bedauere. 

Im Fall Esken geht es mir weniger um Inhalte, die sie formuliert und durchzusetzen versucht. Ich gestehe sogar, dass sie mir nicht selten mächtig auf den Keks geht und oft bin ich nicht mit ihren Meinungen einverstanden. Über Themen, die sie vorbringt, kann man und soll man streiten. Ich erkenne aber dahinter einen Menschen, eine Frau, die sich traut, als solche ihre Stimme zu erheben und nicht lediglich das Männer-Spiel mitzutragen, und wirkt dabei authentisch. Wir - Frauen und Männer - sind unterschiedlich und hoffentlich auch bleiben. Wir verdienen jedoch die gleichen Chancen, die das Männer-Spiel nicht zulässt. Das Spiel mieft schon sehr, ist uralt und größtenteils frauenverachtend. Weder Männer noch Frauen kommen daraus als Gewinner. Es schadet beiden Geschlechtern. Vor allem schadet es auf dem Weg zu einer echten demokratischen Gesellschaft.   

Dienstag, 30. August 2022

Das 9-Euro-Ticket kurz vorm Ende? An der Grenze. Teil 4A

 Die Unbekannte begrüßt mich fröhlich auf Polnisch, deswegen antworte ich auch so. Gleich jedoch merke ich, dass sie nur wenige Brocken beherrscht. Wir unterhalten uns weiter auf Deutsch, im fast leeren Zug, früh am Morgen.

Die Rollen im Gespräch scheinen von Anfang an unmissverständlich verteilt zu sein: ich bin die Zuhörerin, sie erzählt von der Gegenwart und Vergangenheit auf dem Weg nach Heringsdorf. Von dort stammt ihre Mutter.

„Wohnen Sie da?“ – eher vergewissere ich mich, als frage.
„Nein“ – sie schüttelt den Kopf. – „Ich lebe in Berlin.“

Genau wie ihre 98-jährige Mutter, die sie jeden zweiten Tag besucht und der es zuletzt nicht gut gehe. Zu Hause warte auf sie ihr Mann, krebs- und herzkrank.

Es wurde ihr alles zu viel. Sie musste einen klaren Kopf kriegen, auf andere Gedanken kommen. Deswegen tat sie, was sie jedes Jahr getan hat, und fuhr nach Świnoujście, wo sie sich immer im gleichen Hotel erholt.

Mein Plan sah ganz anders aus: ich wollte bereits an der ersten Haltestelle aussteigen und die ehemalige Grenze aus der Nähe betrachten. 

Ich verwerfe mein Vorhaben bereitwillig und höre mir die Lebensgeschichte der Unbekannten.

Dank ihrem Vater hat sie den Beruf Elektrotechniker erlernt. Der Vater überzeugte sie mit dem Argument: „Du wirst immer Geld haben.“ Er unterstützte sie – beide arbeiteten im gleichen Betrieb – bei ihrem Fernstudium. Zu der Zeit hatte sie schon ihre Zwillinge. Später folgten noch einmal Zwillinge. Ihr Studium dauerte sieben Jahre.

„Nicht fünf?“ – hake ich nach.
„Das war ein Fernstudium, deswegen dauerte es sieben Jahre und jedes Wochenende musste ich zu Pflichtseminaren hinfahren.“
„Jedes Wochenende? Und unter der Woche haben Sie gearbeitet?“ 
„Ja. Ganze sieben Jahre. In der DDR haben alle Frauen gearbeitet, nicht wie im Westen, wo bis in die 70-ger Jahre der Ehemann oder Vater darüber entschieden hat, ob die Frau eine Beschäftigung aufnehmen durfte oder nicht.“

Danach arbeitete sie als Lehrerin. Schließlich landete sie in der Akademie der Wissenschaften, in der sie für die Organisation von Dienstreisen verantwortlich war. Die wurden gelegentlich zweckentfremdet und unter einem Vorwand für die touristischen Trips genutzt.

„Aber nicht in den Westen“ – murmele ich ungläubig.
„Doch“ – widerspricht sie und schildert, wie es funktionierte. Dafür wählt sie aber kein westliches Beispiel.

So verhalf sie ihrem Mann zur Erfüllung seines Traums. Er befolgte ihrem Rat, sammelte Fahrräder und transportierte sie als Spende nach Vietnam, das er besichtigen wollte.

Bevor sich unsere Wege in Heringsdorf trennen ...



... verrät sie mir, wie man solch ein hohes Alter (sie sei 80) erreicht:

„Dafür braucht man viel Humor. Deswegen fahre ich auch nach Świnoujście, wo die Menschen lachen, und nicht nach (hier fällt ein deutscher Name, den ich mit Absicht verschweige), wo man nur grimmig guckt.“

Vielleicht liegt es zum Teil daran, dass in Polen niemand (auch nicht die Deutschen, die dort verweilen) eine Maske trägt.

Vorausgehend:





Nachfolgend: