Donnerstag, 20. Januar 2022

Deutscher Blinder Fleck: die Zerstörung von Polen im II. Weltkrieg

 Dass in der deutschen Wahrnehmung bis heute das Ausmaß des Verbrechens gegen Polen kaum ersichtlich ist, gehört zu den größten Siegen der Nazi-Propaganda.  Dieser Wahnsinn hat Methode. Jene von den Nazis. Sie begannen bereits den Zweiten Weltkrieg mit dem propagandistischen Vorwand, es wären die polnischen Soldaten, die den Sender Gleiwitz attackierten, und nicht die in den polnischen Uniformen verkleidete SS. 

„Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben“: ob der Propaganda-Minister der Nazis diesen Satz wirklich gesagt hat, ist nicht sicher. Dass die Propaganda nach diesem Prinzip funktioniert, dagegen schon.

"Der Spiegel"


Historische Wahrheit


"Polen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört wie kaum ein anderes Land", schreibt neulich ungewöhnlich offen „Der Spiegel“ (Nr. 3/22). 

Und dennoch hört man immer wieder laute Stimmen, auch unter den durchaus politisch korrekten Meinungsmachern, die behaupten, den Polen ginge es nicht so schlecht. Oder noch schlimmer: man beschuldigt sie der Mittäterschaft.

Das macht mich jedes Mal fassungslos. Denn derartige Altnazi-Propaganda verhöhnt die Opfer besonders dreist. Auf diese Weise spuckt man ihnen ins Gesicht..

Dabei geht es mir nicht darum, stets auf die Tränendrüse zu drücken. Sondern um die historische Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger. Sonst lassen wir die Nazi-Propaganda weiterleben. Sonst leugnen wir das unfassbare Leid, die unmenschliche Herrschaft, das widerliche Verbrechen. 

„Da wurde alles gestohlen“


Die Nazis wischten Polen von der Landkarte weg. Der westliche Teil wurde vom „Dritten Reich“ annektiert. „Im Zentralpolen mit Warschau richtete Hitler das Generalgouvernement ein, von dem die Nazis selbst sagten, sie hätten es ausgeplündert wie kein anderes Land in Europa“*)

Dass alles geklaut wurde, reichte den widerlichen Verbrechern nicht. „Die Deutschen wollten das Land nicht nur ausrauben, sondern seine Bewohner versklaven, umbringen und ihre Kultur zerstören“*), sagt die deutsche Historikerin Ramona Bräu.

So viel Ehrlichkeit über Polen ist in Deutschland nach wie vor selten. 

*) „Da wurde alles gestohlen“, Der Spiegel, Nr. 3/22

Sonntag, 28. November 2021

Manipulation, du altes Miststück!

Manipulation ist eine sehr gefährliche Waffe. Diese These betone ich besonders hier und jetzt. Weil die Manipulation aus den Krisen Kapital schlägt. Sie blüht in den schwierigen Zeiten auf, oder eher wuchert gewaltig, denn sie ist keine hübsche Erscheinung. Dieses alte Miststück! 


Ob jung oder alt, der Mensch ist nach wie vor manipulierbar.

Zweck und Mittel


Grundsätzlich macht sich der Manipulant oder die Manipulantin selbst die Hände nicht schmutzig. Die dreckige Arbeit erledigen für ihn oder sie die nützlichen Idioten oder willigen Nutznießer. Die Ahnungslosen und die Bescheidwissenden handeln nach dem gleichen Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Die ersten kann ich noch entschuldigen, die zweiten nicht. Wer sehenden Auges mitmacht, der verdient kein Verständnis. 

Das Ziel der Manipulation erscheint uns klar: die Macht über die anderen zu erobern und zu behalten, wobei jedes Mittel, das den Erfolg verspricht, wird genutzt, nach dem obigen Motto.

Die Manipulanten sind im Allgemeinen erbärmliche Figuren, die ihre eigene innere Leere mit dem Leid der Mitmenschen auffüllen müssen. 

Auf die Schwachpunkte drücken


Manipulanten sind nicht an einer Debatte interessiert. Das logische Argumentieren meiden sie wie der Teufel das Weihwasser. Sie appellieren schließlich nicht an den Verstand (den wollen sie ausschalten), auch wenn sie dies vortäuschen und den Anschein der Sachlichkeit erschaffen wie auch die Autorität der Wissenschaft ausnutzen.

Sie spielen stattdessen mit Gefühlen, weil sie – selbst kaltblütig – dadurch die Kontrolle über die anderen erlangen. Wer Gefühle zeigt, der entblößt sich, der offenbart seine Schwachpunkte.  

Antwort auf den Einwand


Manipulation ist bestimmt genauso alt wie der Mensch; jede und jeder von uns manipuliert – lautet der wichtigste Einwand. Die Alltagsmanipulation bestreite ich mitnichten, ich lasse sie auf diese Stelle aber außer Acht. Da sie sich im Rahmen des Anstands hält und grundsätzlich nicht die Ausbeutung oder die Zerstörung des anderen voraussetzt . Ein bisschen Manipulation darf doch sein.

Was jedoch die Machthaber (auf allen Stufen der Hierarchieleiter) oder diejenigen, die sich auf dem Weg zur Macht befinden, betrifft, sieht die Situation ganz anders aus. Eine Machtposition eröffnet andere Perspektiven und Möglichkeiten.

Nach wie vor manipulierbar


Im allbekannten Experiment von Stanley Milgram aus 1961 bringt der Versuchsleiter die Teilnehmer ohne Mühe dazu, Folter als Strafe für Fehler anzuwenden. Seitdem wiederholte man mehr oder weniger ähnliche psychologische Versuche in verschiedenen Variationen, die allesamt bestätigen, was wir schon ohnehin wussten: Der Mensch ist manipulierbar.

Auf erschütternde Weise veranschaulichte der Film "Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel, wozu der manipulierte Homo sapiens fähig ist.

Eine Machtposition verführt von Manipulation Gebrauch zu machen. Daher wächst exponentiell mit der Erweiterung des Machtbereichs die Verantwortung eines Politikers, einer Politikerin, eines Chefs, einer Chefin, Redakteurs und Redakteurin usw. 

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Das Märchen über Angela, Donald und Friede

Wer glaubt, dass die Entscheidungen in der Politik leicht nachvollziehbar wären, wenn man doch die Akteure kennt und weiß, aus welcher Partei sie kommen, der ähnelt einem Kind, das noch den Weihnachtsmann für wahr hält.

Nichts ist einfach im politischen Betrieb. Dass es auch dort menschelt, versteht sich von selbst. Darüber hinaus wird es fies gespielt, manipuliert und erpresst.  Alles der Macht wegen, der härtesten Droge. Was für ein Stoff für Verschwörungstheorien!

Na dann bastele ich mir nun eine Verschwörungstheorie oder ein Märchen – es kommt aufs Gleiche hinaus. Die früheren Fabeln hatten evident das Potenzial dazu.  Sie strotzten vor Kühnheit und Grausamkeit. 

Es war einmal eine Freundschaft.

Dicke Seile


Am Anfang stehen zwei Freundschaften, die stark sind wie dicke Seile, also Seilschaften. 

Junge Angela und junger Donald wohnen in zwei Ländern, trotzdem kennen sie sich in der vordigitalen Welt persönlich, treffen sich und wandern auch zusammen. Angela macht nach der Wende eine steile politische Karriere. Sie vergisst ihren Freund Donald dabei nicht und verschafft ihm ein hohes Pöstchen im europäischen Reich. Er soll dafür bloß als ihre Marionette agieren.

Die zweite Freundschaft-Seilschaft mit Friede ergibt sich als Nebenprodukt der Macht und dient auch deren Erhalt. Friede sorgt für die richtige Berichterstattung so überzeugend, dass die sogenannten seriösen Medien den lakaienhaften Ton und Inhalt übernehmen.  Seitdem wird nur Gutes über Angela in Medien erscheinen. Das Volk hört die beschönigten Erzählungen so oft, dass es sich nicht mehr traut, daran zu zweifeln.

Friede hat Geld. Das erleichtert die ganze Sache enorm. Angela hat es auch, aber sie kann bei weitem nicht mithalten. Im Vergleich mit Friede besitzt sie lediglich Peanuts. 

Appetit auf mehr


So weit, so gut. Angela herrscht, Friede wacht medial darüber. Es läuft wie geschmiert. 

Die Märchen (besonders die alten) bevölkern ebenfalls Monster. Dazu häufen sich darin auch Hindernisse und Verluste. So nähert sich unaufhörlich der Moment, indem sich Angelas Macht im Land dem Ende neigt. Was macht man in solcher Situation? Findet man sich damit ab? Man tut es jedenfalls, als ob. Und peilt ein größeres Ziel an. Was ist schon ein Land gegenüber von vielen Ländern? Angelas Appetit ist mit der Zeit gewachsen, ihr schwebt jetzt die Herrschaft über das große europäische Reich vor, in dem sie die wenigen Auserwählten selbst auswählen will und für den Rest gnädig die Reste vom Tisch vorsieht.

Dafür braucht sie jetzt Donald. Er muss ihr helfen ans Ziel zu kommen und dafür in sein Land zurückkehren. Seine Aufgabe ist klar. Donald solle die dortige Regierung ablösen, die Macht zurückerobern. Damit es dann im europäischen Reich alles nach dem Plan läuft. Der Auftrag lässt sich aber nicht von heute auf morgen erledigen.

Obendrein scheint Friede ihren Laden nicht mehr im Griff zu haben. Denn es gibt auf einmal Kritik über Angela.

Sie holt sich zwar Rat aus dem Osmanischen Reich und dem Land der Morgenröte. Das reicht jedoch nicht.

Ziemlich beste Freunde


Wozu hat man aber Freunde? Die mit dem Geld sind die besten. Sie schaffen nämlich neue Freunde im weiten europäischen Reich. Die alten und die neuen Freunde machen sich an die Arbeit und schießen sich bereitwillig auf die Gegner von Donald regelrecht ein. 

Friede wird auch mit Kritikern fertig. Gekonnt verwischt sie ihre Spuren und lässt die Amis, mit denen sie längst Geschäfte macht, die schmutzige Arbeit vollenden. 

Wer oder was kann jetzt Angela aufhalten? Die sieben Zwerge? Oder Schlümpfe? Teletubbies? Wenn sich aber die Zwerge und die Schlümpfe vereinen … Stopp! Da beginnt bereits ein anderes Märchen.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Rassismus, Sexismus, Diskriminierung - der Mechanismus ist gleich

Ihr glaubt, dass Ihr im Recht seid, wenn Ihr mal die einen, mal die anderen ausschließt? Weil Ihr am längeren Hebel sitzt und damit an der Macht (so klein sie auch sein mag) seid und die Regeln aufstellen könnt? Obacht Leute! So fängt es an. Bitte also nicht die Unschuldigen spielen. Ihr seid womöglich Mittäter, wie in dieser Szene aus dem Film "Blue Eyed".

"Jane Elliott: Warum haben Sie sie nicht verteidigt?
Teilnehmer des Experiments: Wenn Sie diese Frau schikanieren, dann trifft's nicht mich, so sind die Regeln. Ich lehne mich zurück und gehe in Deckung. 
Jane Elliott: Und überlassen sie ihrem Schicksal. Das ist es doch, warum Rassismus funktionieren kann, Leute. Darum kann Sexismus funktionieren, darum kann Diskriminierung alter Menschen funktionieren. Sich zurücklehnen und nichts unternehmen heißt. mit den Unterdrückern gemeinsame Sache machen."

Über dieses Experiment schrieb ich 2008 den nachfolgenden Artikel unter dem Titel „Experiment mit blauen Augen“ für suite101.de (eine nicht mehr existierende Plattform). Die Zeiten ändern sich, der Text bleibt aktuell:

"Das ist kein Spiel. Wenn das ein Spiel wäre, 
hätte jeder die gleichen Chancen." 


Aus einem an Schülern durchgeführten Experiment entwickelte Jane Elliott ein Trainingsprogramm. Das Ziel der Übung ist es, die Mechanismen des Rassismus zu begreifen. Wie sich das anfühlt, ausgeschlossen zu sein, soll endlich jede und jeder am eigenen Leib erfahren. So oder so ähnlich musste sich die amerikanische Lehrerin Jane Elliott gedacht haben, als sie nach der Ermordung von Martin Luther King (04.04.1968) ihre Schüler unterrichtete.

Zuerst spalten


Sie führte folgendes Experiment durch: Dafür teilte sie zuerst ihre Klasse in zwei Gruppen auf: die Blauäugigen und die Braunäugigen. Die Schüler mit den blauen Augen erhielten blaue Kragen um den Hals, damit man sie von den anderen auf den ersten Blick unterscheiden konnte. Die Lehrerin erklärte hierbei die Blauäugigen als minderwertig. Die Schüler mit den braunen Augen sollten als sowohl geistig wie auch körperlich überlegen gelten. Danach schlüpften die Kinder in ihre Rollen. Wobei die einen sich erniedrigen ließen und die anderen erniedrigt haben.

Vom Experiment zum Training


Aus diesem Experiment entwickelte Jane Elliott ein Trainingsprogramm und tingelte seit 1984 durchs Land. Im Jahr 1996 kam sie mit ihrem Programm zum ersten Mal nach Europa. Ihre Tätigkeit wurde von Anfang an dokumentiert. Der erste Film entstand im Jahr 1970 in ihrer Schulklasse. Einer ihrer Erwachsenen-Workshops wurde auch von den deutschen Filmemachern unter dem Titel „Blue Eyed. Blauäugig“ 1996 verfilmt*).

Darin erfahren wir, warum gerade diejenigen mit den blauen Augen diskriminiert werden sollten: Der Grund dafür war die bewusste Umkehrung des Nazi-Prinzips, nach dem die blauäugigen Arier zu selbsternannten Übermenschen zählten.

Der Film "Blue Eyed" lässt die Zuschauer dem Experiment beiwohnen und beobachten, wie Jane Elliott die Blauäugigen mit Hilfe von Braunäugigen maßregelt. Die Braunäugigen erreichten den Status von Verbündeten und viele Vorteile. Ihnen wurden unter anderem auch die Lösungen von IQ-Tests diktiert, damit sie sich als intelligenter erweisen. Sie sollten als Dank dafür nur mitmachen. Und sie machten mit.

Den Vorgang mit dem IQ-Tests-Verrat begründete Elliott so: Das ist keine Mogelei, sondern lediglich eine Verstärkung der Machtposition. Und sie ergänzte sofort, dass es in Amerika genauso in den Schulen zugehe. Sie kenne sich ja aus; sie arbeite schließlich über 20 Jahren als Lehrerin.

Pech, der falschen Gruppe anzugehören


Die blauäugigen Pechvögel mussten vor allem warten. Sie warteten isoliert von den anderen. Der Raum, in dem sie sich aufhielten, war klein und besaß keine Fenster. Für 17 Personen standen nur drei Stühle zur Verfügung.

Wenn sie später den Übungsraum betraten und sich setzen durften, reichten die Stühle auch nicht aus. So landeten sie wortwörtlich auf dem Boden. Die Hierarchie wurde damit anschaulich verdeutlicht. 

Vor allem aber sollten sie spuren. Ihnen wurden strenge Regeln auferlegt. Sie sollten ohne zu zögern gehorchen. Ihre Fehler wurden ausgiebig in der Gruppe besprochen, um sie zu verunsichern. Sie wurden ausgelacht und rüpelhaft getadelt. Bis die Tränen flossen.

Im Spiel hätte jeder und jede gleiche Chancen


Jane Elliott wunderte sich selbst, wie leicht es ihr fiel, ihre Macht während der Übung durchzusetzen. Die Einschüchterung funktioniert, verkündete sie abschießend. Den Einwand eines Teilnehmers, es wäre nur ein Spiel, erwiderte sie mit einer bitteren  Erkenntnis: "Das ist kein Spiel. Wenn das ein Spiel wäre, hätte jeder die gleichen Chancen." Und sie setzt noch eins drauf: "Glauben sie, dass es draußen gerecht zugeht?"

Wer unter den Blauäugigen jammerte, wurde sofort zurechtgewiesen: „Können Sie nicht einmal zweieinhalb Stunden aushalten, was die Schwarzen in diesem Land ihr ganzes Leben lang erdulden müssen?“ Ein weißer Blauäugiger-Teilnehmer gestand daraufhin verunsichert, dass es ihm Angst mache, selbst ein Teil dieses Systems zu sein.

Wozu das Ganze?


Was wollte Jane Elliott mit ihrem radikalen Experiment erreichen? Die Menschen sollten begreifen, was Rassismus sei. Sie sollten begreifen, was den Schwarzen, Schwulen, Lesben, Migranten, Frauen und anderen Benachteiligten jeden Tag zustoße.

Lassen sich aber auf diese Weise Verständnis und Einfühlungsvermögen beibringen? Lässt sich sogar die Realität ändern? Kann man Rassismus exorzieren?

Kritik oder wir wissen es besser


Wohl kaum, meinen viele Kritiker. Die Psychologen unter ihnen beanstandeten die schwarz-weiße Abbildung der Wirklichkeit. Susanne Lang und Rudolf Leiprecht kritisieren: „im praktischen Trainingshandeln ist ein konservativ-autoritäres Verständnis von Bildungsprozessen erkennbar. Darüber hinaus herrscht in der konkreten Interaktion mit den Teilnehmer(inne)n ein anti-dialogischer Kommunikationsstil vor“. (Susanne Lang, Rolf Leiprecht, Autoritarismus als antirassistisches Lernziel? 2001)

Rassismus „ist mehr als ein Set gängiger Vorurteile, Klischees und Stereotype gegenüber Migrant(inn)en bzw. ethnischen Minderheiten“, lautet der Vorwurf von Christoph Butterwegge (in „Rechtsextremismus als Herausforderung für Politik und Sozialpädagogik“ 2002). „Sinnvoller erscheint da schon ein `Argumentationstraining gegen Stammtischparolen`“, führt er weiter aus.

Trotz Kritik wurde das Konzept von Jane Elliott aufgegriffen und verbreitete sich auch in Europa. In Deutschland wurde der Eye-to-Eye-Verein gegründet. Nach Elliots Vorbild leiten deren Trainer Übungen, die den Teilnehmern das Gefühl des Machtmissbrauchs und die Ohnmacht der Unterdrückten nachempfinden lassen sollen.


*) Buch und Regie, Bertram Verhaag, 1996.

Weiterführende Links:

Dienstag, 21. September 2021

Wie frei ist unsere Meinung?

Zuerst plappern Kinder den Eltern und Erziehern nach. Eigenes Köpfchen zeigen sie aber ziemlich früh. Dennoch dauert die mentale Abnabelung manchmal sehr lange und manchmal gelingt sie nie. Meinen wir also wirklich selbst das, was wir meinen? Hochtrabend könnte man sagen: Ob wir frei denken und eigene Meinung äußern können und wollen, hängt von vielen Faktoren ab.


                                                                           Meinen wir, was wir meinen?


Wir können nicht ohne die

Der Mensch braucht andere Menschen, auch ein Einzelgänger kommt nicht ganz ohne sie aus. Das ist gleichzeitig die Quelle all unserer Probleme.  Eine Gesellschaft, die zwar „Leistung“ auf ihre Fahnen schreibt, aber den Konkurrenzkampf zum wichtigsten Prinzip erklärt, findet keine richtige Formel für das Miteinander. Die hohlen Parolen ausgenommen. Diese Gesellschaft ist von verschiedenen Zwängen geplagt und preist Werte, die sie tagtäglich missachtet.

Eigentlich müsste unsere Gesellschaft in die Klapse.

Geist der Unterwerfung

Was hat das mit der freien oder unfreien Meinung zu tun? Eine ganze Menge. Denn es wird von uns der Teamgeist angefordert, aber tatsächlich eine absolute Anpassung erwartet.  In einem derartigen System braucht man keine Zensur, weil sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen selbst zensieren. Nach dem Motto: Entweder bist du mit oder gegen uns. Wie in einer Sekte, wo sich Mitglieder mehr oder weniger freiwillig ihrem Guru oder Gurin unterwerfen. Hauptsache, man gehört dazu.

Manipulierte Denkfaulheit

Werden wir bei dieser Unterwerfung bloßgestellt, weisen wir die Schuld vor uns. Wir wurden manipuliert, lautet unsere Verteidigungsstrategie.  

Der Begriff „Manipulation“ machte in den letzten Jahren eine beachtliche Karriere. Die Anklage der Manipulation wird schnell erhoben und in den wenigsten Fällen begründet.  Zudem lässt man ein kleines Detail außer Acht: dieser Vorgang setzt eine aktive Beteiligung vor. Anders ausgedrückt: nur derjenige oder diejenige wird manipuliert, der und die es zulässt. Die Mittäterschaft kann man hier nicht verneinen. Aus Denkfaulheit lassen wir uns auf die Manipulation ein. Oder aus Angst vor der Ausgrenzung. Oder aber versprechen wir uns verschiedene Vorteile, wenn wir mit der Manipulatorinnen und den Manipulatoren Hand in Hand mitlaufen.

Simply die Macht

Stelle ich die Sachverhalte zu simpel dar? Die Manipulation gehört zu den komplexesten Phänomenen? Ja, ja, schon gut. Wo gibt sie denn nicht? Sie trägt viele Kleider und versteckt ihre Karten – eine Meisterin der Täuschung. Brandgefährlich wird sie als Werkzeug der Machthaber. Ihr Ziel ist dann zwar sonnenklar: an der Macht zu bleiben und Gegner zu bekämpfen, ihre Methoden keineswegs. Sie lernt stets dazu und nutzt die neuen digitalen Möglichkeiten. 

Heiß kochen

Nein, ich meine jetzt nicht die omnipotenten (angeblich) Russen, die Monster der Manipulation, wenn man den deutschen Medien glaubt. Die Russen mischen sich genauso ein, wie die Deutschen oder Amerikaner. Und außerdem bespitzeln sich alle gegenseitig. Ein ziemlich verrücktes Durcheinander. 

Worum es mir geht, ist die zynische Machtelite, die so tut, als ob sie sich für die ganze Gesellschaft eingesetzt hätte, aber in Wirklichkeit nur eine dreiste Klientelpolitik betreibt. Nach dem Motto, wer mich bezahlt, dem diene ich.  Sie appelliert stets an Gefühle und kocht sie heiß. Denn aufgeregte Leute lassen sich viel leichter manipulieren. 

Das Gedachte und Gesagte

Zurück zum Thema: Schaffen wir unter diesen Umständen die tatsächliche Meinung des anderen auszufiltern? Wir sagen doch nicht gleich, was wir denken. Wie hätte unsere Welt ausgesehen, wenn wir das Gedachte sofort offenbarten? Gewiss gaaanz anders. 

Zuerst also sperren wir selbst unsere Meinung ein. Wir entziehen uns der Verantwortung für die unbequemen Wahrheiten und wählen den abstoßenden aber sicheren Stallgeruch.  Dagegen verlangt die freie Meinung nach Mut. Der – wie alle unbequemen Dinge – lohnt sich in der ökonomisierten gesellschaftlichen  und politischen Landschaft selten. Flapsig formuliert: freie Meinung ist zwar schön, aber nutzlos. 

Frei, aber

Natürlich gibt es Grenzen, die das Gesetz bestimmt. Außerdem ist die freie Meinung nur dann frei, wenn sie andere Meinungen zulässt, statt sie aus einem einzigen Grund zu bekämpfen, weil sie anders sind. 



Mittwoch, 25. August 2021

Heikel, heikler, das Vermögen

Ein Blick reicht es, um die Vermutung, Radosław Sikorski könnte ein Freund der PiS-Regierung sein, kategorisch auszuschließen. Trotzdem verteidigt er ihre letzte Entscheidung. Sein beinahe einziger Vorwurf lautet, sie vermittle eigenes Handeln schlecht.

                                                                          Um die Korruption zu bekämpfen

Ein Fehler und eine Behauptung


Unter dem Titel „Privatvermögen hat keinen Glaubenscharakter“ (Mienie prywatne nie ma charakteru wyznaniowego“, Dziennik Łódzki“, 21-22.08.2021) erschien ein Interview mit dem ehemaligen Außenminister unter Donald Tusk. Darin bemerkt Radosław Sikorski, dass man anscheinend in Israel nicht verstanden hat, worum es geht bei der Änderung des polnischen Verwaltungsgesetzes (nowelizacja Kodeksu postępowania administracyjnego). Hauptsächlich handele es sich um die kommunistischen Enteignungen nach dem Krieg und nach dem Holocaust. 

„Schade, dass man das nicht erklärt hat, aber Israels Außenminister beging einen Fehler, weil man in dieser Sache Polen nicht besiegen kann. Er kalkulierte dennoch, dass er Polen auf der internationalen Arena beleidigen darf.“

Zu seiner Zeit (in der Regierung) wäre das nicht möglich, behauptet Sikorski selbstsicher.

Eine Frage und eine Antwort


Besitzangelegenheiten gehören zu den kompliziertesten.  In Polen noch ein bisschen mehr. Der Journalist Roman Laudańsk stellt dennoch eine direkte Frage:

„Haben wir jemals für das jüdische Vermögen bezahlt?“
Sikorskis Antwort ist ausführlich:
„Jüdisches Vermögen das ist das Vermögen der jüdischen Verbände und Gemeinden – Synagogen, Friedhöfe, Besitz der Vereine. Sie wurden großzügig zurückgegeben, genauso wie den anderen Glaubensgemeinschaften, darunter auch der katholischen Kirche. Das Vermögen verwalten verschiedene Organisationen, auch aus den USA. Ein Teil der Gelder verwendete man für die Pflege des jüdischen Kulturerbes in Polen, der andere Teil wurde ins Ausland transferiert. Das ist das wahre jüdische Vermögen. Das Privatvermögen hat in Polen keinen Glaubenscharakter. Gewiss hat die Mehrheit von uns mal eine Immobilie gekauft oder verkauft und weiß, dass wir im Grundbuch keine Religionszugehörigkeit deklarieren. Das ist eine Angelegenheit zwischen Polen und seinen jetzigen oder ehemaligen Bürgern, unabhängig von der Religion.“

Gegen Mafia, für Gerechtigkeit


Radosław Sikorski bezieht auch eine klare Stellung zur sogenannten „Wilden Privatisierung“, die erst die PiS-Regierung beendet und die Täter gerichtlich belangt hat. Über diese „Wohnungsmafia in Warschau, die sich auf die fiktiven jüdischen Erben berief“ (Roman Laudańsk) sagt Sikorski:
„Das war organisierte Kriminalität, die Täter gehören ins Gefängnis. Derartiges Prozedere konnte diese Intensität erreichen aus vielen Gründen wie Zerstörung  der Hauptstadt, Bierut-Dekrete und Verworrenheit Warschauer Besitzangelegenheiten. Im Konsens der politischen Kräfte beschloss man dem ein Ende zu setzen. Es gab 30 Jahre Zeit für die Lösung der Streitigkeiten. Immer noch möglich ist aber ein Zivilprozess. Ich bin davon überzeugt, dass diese Entscheidung keinen antisemitischen Charakter hat. Sie wurde herbeigeführt, nicht um den polnischen Juden Unrecht zu tun, sondern um die Korruption zu bekämpfen. Daher sind die Anschuldigungen des israelischen Ministers verfehlt.“ 
Dem ist nichts hinzuzufügen. 

Sonntag, 22. August 2021

Berichterstattung über Polen – ein Ärgernis

Kann man anders über Polen berichten? Bestimmt, aber nicht in Deutschland. Hier ist die Marschroute vorgegeben: haut auf die polnische PiS-Regierung drauf! Wobei sich die schimpfenden Journalistinnen und Journalisten nicht entscheiden können, in welche Ecke sie Polen zur Strafe stellen sollen. Der Ton ist aber klar: herablassend, feindlich und einseitig bis an die Schmerzgrenze. Der „Spiegel“-Artikel „Jenseits des Rechts“ von Maximilian Popp und Jan Puhl (Nr. 33) passt perfekt in das Schema.


                                                                            Kann man anders über Polen berichten?


Pauschal und generalisiert

Man nimmt also ein paar Unzufriedene und generalisiert zu einem Gesamtbild. Ich versuche diese Vorgehensweise an einem deutschen Beispiel veranschaulichen. Dafür hätte ich einen Richter gebraucht, der laute und medienwirksame Kritik über Frau Merkel und ihre Regierung äußert. Gibt es solch einen nicht? Wieso? Sind alle mit Merkel zufrieden? Wohl kaum. Die Richter entweder trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen, oder wollen sich nicht politisch einbringen, weil ein Richter unparteiisch bleiben soll. Nicht wahr? Für Polen darf diese Regel dennoch nicht gelten, laut deutschen Medien.

Dämonen an der Weichsel

Zum gängigen Mittel derartigen „Journalismus“ gehört Dämonisierung des Gegners, weil es hier eigentlich nicht um die Berichterstattung, sondern um eine ideologische Mission geht. Dafür konstruiert man ein Monster. 

Das Monster heißt in diesem Fall Jarosław Kaczyński. Er wird als gefährlich und allmächtig dargestellt. Wer die polnische politische Landschaft ein wenig kennt – stets in Bewegung, mit vielen Parteien und sich andauernd verändernden Allianzen – der wird mit dem Kopfschütteln nicht mehr fertig.

Verschwörung mit dem Traum der Schwiegermutter

Wieso tun das die deutschen Medien? Die Antwort auf die obige Frage wäre höchst interessant, würde sie eine ehrliche. Die naive Hoffnung lassen wir lieber beiseite.  In der Zwischenzeit versuche ich mich in Spekulationen und Verschwörungstheorien.

Die Wurzeln der heutigen Situation reichen tief in die Vergangenheit. Seit der Okkupation scheinen die Nachfolgegenerationen von faschistischen Mördern ihren Opfern nicht verzeihen können, dass sie keine Opfer mehr sein und auf Augenhöhe mitreden wollen. 

Die Kriegsrechnung ist immer noch offen und die Nazipropaganda quicklebendig. Die gezielte Vernichtung von Eliten, Kulturen und Gesellschaften deuten heute Propagandisten dreist um. Die Nazis hätten vor Freude über die vielen folgsamen Schüler gehüpft.

Es wundert in diesem Kontext nicht, dass sich einer wie Jarosław Kaczyński, der sich aufrichtet und Forderungen stellt, bestens als Zielscheibe jeglicher Attacken eignet. Ganz anders als der Traum aller Schwiegermütter Donald Tusk, Jungendfreund von Angela Merkel und ihr späterer Protegé. 

Der unersättlichen Machtbesessenheit von Frau Merkel steht einer wie Jarosław Kaczyński einfach im Weg – sie will die EU unterjochen, ihr Appetit ist enorm. Donald Tusk, ihre Marionette, erweist sich hierfür als nützlicher Idiot.  

Merkel selbst darf sich jedoch nicht mit Katharina der Großen (ihrem Vorbild) vergleichen. Denn sie hängt an den Schnürchen der mächtigen deutschen Familien. Familien mit langer Tradition. Auch Nazi-Tradition. Da ist man nicht wirklich wählerisch.

Darf ich überhaupt derartige Thesen fabrizieren? Wieso nicht? „Spiegel“ tut es schließlich auch.