"Empört Euch!" ist formal ein Imperativ. Inhaltlich - woke (jedenfalls aktuell). Um seine woke Gesinnung zu beweisen, muss man sich empören. Sollte es keinen Skandal in Sicht geben, erschafft man einen. Momentan ist Dieter Nuhr dran.
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Vor dem Sex
Was hat der „Angeklagte“ gemacht? Er habe Femizid relativiert und die Verantwortung auch den Opfern zugeschrieben, lautet der Vorwurf.
„In seiner Sendung »Nuhr im Ersten« riet Dieter Nuhr Frauen, zum Schutz vor Gewalt einen Partner vor dem Sex »einfach erst mal kennenzulernen«.
Hat er das gesagt? Ja. Darf man ihm daraus einen Strick drehen? Nein. Und wieso nicht? Weil er auch klare Kante zeigte:
„Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr und natürlich sind das 300 bis 350 zu viel. Das ist doch keine Frage.“
Wunderbar unberechenbar
Ich stimme Dieter Nuhr sogar zu: Wir sollten Augen weit aufreißen, noch bevor wir in die Kiste mit jemandem springen. Also, ja, Papi Nuhr, du hast recht. Strukturell gesehen.
Im echten Leben kommen einerseits die Unsicherheitsfaktoren (Variablen) hinzu, wie Menschenkenntnisse, Erfahrungen usw. Anderseits mischt ab und wann die Liebe mit. Und die macht bekanntlich blind.
Das Leben ist insgesamt wunderbar unberechenbar. In meiner Familie erzählt man sich eine alte und wahre Geschichte über eine Verwandte, die vorm Haus in einem kleinen Dorf irgendeiner Arbeit nachging. Vorbei lief ein Mann, ein Fremder. Er hatte es offensichtlich eilig, blieb trotzdem kurz stehen und rief: „So eine schöne Frau habe ich noch nie gesehen!“ (Heutzutage hätte man das als Catcalling angeprangert). Im Laufe des Tages kehrte er durch das Dorf zurück und hielt um die Hand der schönen Frau an.
Sie gingen beide ein hohes Risiko ein. Kann man sich aber im Leben gegen alle Gefahren absichern? Oder muss man die Gelegenheit beim Schopf packen, statt auf den perfekten Moment zu warten, der vielleicht nie kommt?
Der große Rahmen
Zu der Geschichte gehören noch ein paar Details: Die „schöne Frau“ war eine Polin, die eine uneheliche Tochter großzog (in damaligen Zeiten!). Der „Romeo“ war ein Ukrainer. Sie haben sich dennoch sehr gut verstanden und lebten glücklich jahrelang zusammen. Ukrainischer „Romeo“ erwies sich als großartiger Stiefvater und bester Ehemann.
Ein Märchen wurde war? Nicht ganz. In das Leben der kleinen Leute mischte sich die große Politik. Im Rahmen der Aktion Weichsel (Akcja „Wisła” 1947 - 1950), die sich gegen die im Untergrund weiter kämpfenden Banden UPA richtete, wurden auch Unbeteiligten in Mitleidenschaft gezogen und des Landes nur wegen ihrer Nationalität verwiesen. „Romeo“ musste Polen verlassen, der Trauschein und die polnische Familie konnten ihn nicht schützen. Seine Julia hat nie mehr von ihm gehört.

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