Als ich über einen historischen hölzernen Gully (studzienka) las, den man bei den Gleisarbeiten unweit vom Hauptbahnhof an der Kreuzung von Straßen Peronowa und Stawowa entdeckt hat, dachte ich, dass die Geschichte uns zu Füßen liegt, oder – genau gesagt – unter den Füßen.
Ich will diesen stummen Zeitzeugen persönlich „kennenlernen“. Vor Ort schaut mich ein Aufseher staunend an: Er wisse von nichts. Wie sollte den dieses Ding aussehen? Rosa? – scherzte er. Zur Zeit meiner Besichtigung dauern noch die Arbeiten (am 26.09. beendet), daher kann ich nicht selbst nachgucken. Unverrichteter Dinge ziehe ich weiter. Die Stadt hat ja in puncto Geschichte genug zu bieten.
Oben Märchen, unten Anstifter
Touristen wie Einwohner flanieren unter dem Torbogen, der zwei alte Häuser am Rande des Marktplatzes verknüpft, und die meisten wissen nicht, dass sie auf den mittelalterlichen Rebellen trampeln.
Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel)
Marktplatz
Marktplatz
Diese zwei zusammengeschlossenen kamieniczki (Bürgerhäuser) heißen Jaś und Małgosia (Hänsel und Gretel), wobei das größere Haus den weiblichen Namen trägt. Benannt wurden sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Menschen, die sich beim Anblick an das Märchen der Gebrüder Grimm erinnerten. Unter der friedlichen Oberfläche der verbindenden Arkade ruhen widerständige Handwerker.
Im Mittelalter verfügte Wrocław über Autonomie gegenüber dem tschechischen König Wacław IV (Wenzel), dem die Stadt direkt unterstand, und über ausgebaute Selbstverwaltung. Handwerker wollten auch „mitmischen“. 1418 zettelten sie einen Aufstand an.
„Sie eroberten das Rathaus und ermordeten alle anwesenden Ratsherren, Schöffen und Ältesten, zusammen mit dem amtierenden Bürgermeister Mikołaj Freyberg. Die einen töteten sie auf der Stelle, die anderen führten sie hinaus und enthaupteten sie am Pranger (den flüchtenden Jan Megerlin überwältigten sie und stürzten ihn vom Turm). Die Aufständischen brachen im einverleibten Rathaus die Truhen mit Geld und Dokumenten auf (ein Teil davon wurde zerstört), nahmen Waffen ein und befreiten auch die Gefangenen.“
Rathaus
Rathaus
Pranger
Vorerst waren sie erfolgreich. Aber nach zwei Jahren verhängte der Nachfolger von Wenzel, Sigismund von Luxemburg, harte Strafen: Dreißig Anstifter wurden zum Tode verurteilt, genauso viele zur Verbannung. Die Hingerichteten bestatte man nicht auf dem Friedhof, sondern unter dem Weg, der dafür eingerichtet, vom Torbogen zwischen „Jaś“ und „Małgosia“ zum Eingang der St.-Elisabeth-Kirche führte.
St.-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche
St-Elisabeth-Kirche oder Garnisonskirche
Tor zum Leben
Die St-Elisabeth-Kirche wurde und wird immer noch meist Garnisonskirche genannt. Ihre Geschichte beginnt im Mittelalter (Anfang des XIV. Jahrhunderts gebaut), ist abwechslungsreich (eine Zeitlang war das ein evangelisches Gotteshaus) und mit Katastrophen gespickt. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont erlitt die Kirche zwei verehrende Brände in den kommunistischen (realsozialistischen) Zeiten (1975, 1976). Der vom 9.06.1976 war am schlimmsten. Über Ursachen mutmaßt man bis heute. Eine Brandstiftung konnte man nicht nachweisen. Gerüchte schossen ins Kraut. In einer Version beschuldigte man deutsche Touristen, die auf diese Weise einen Diebstahl vertuschen haben sollten.
Hinter „Jaś“ und „Małgosia“ und vor der Kirche lag bis zum XVIII. Jahrhundert ein Friedhof. Den Torbogen ergänzte damals noch eine Pforte. Geblieben ist an der Spitze der Arkade in der Kartusche die lateinische Inschrift „Mors Janua Vitae“: „Der Tod ist das Tor zum Leben“. Natürlich nur, wenn man daran glaubt.
Nachfolgend; Teil 2
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