Mittwoch, 27. April 2016

Die immer noch nicht gleichberechtigte Frau: klein gehalten und verarscht

In der gleichen Woche, in der die Süddeutsche Zeitung über die Gleichberechtigung diskutieren wollte, veröffentlichte sie auch die Ergebnisse einer Studie der Uni Erlangen-Nürnberg, aus der hervorgeht, dass über eine Million Frauen in Bayern (im Rest des Landes jedoch ebenso) „im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt geworden (sind, Anm. GG). Und alljährlich erdulden geschätzt 140 000 Frauen in Bayern sexuelle oder körperliche Gewalt, von denen 90 000 schwer misshandelt werden.“ Härter könnte kein Realitätsverweigerer wachgerüttelt werden.


                                                         Ich habe nichts gegen die Nacktheit. Fot. Autorin

Aus der Höhle in den Wettbewerb


Warum wehren sich die angeblich gleichberechtigten Frauen nicht? Warum erdulden viel zu viele die gegen sie gerichtete Gewalt? Denjenigen, die sich jetzt mit einem Vorurteil zu Wort melden wollen, dass das Problem nach Deutschland importiert wurde, muss ich entgegnen: Falsch! Mehrheitlich haben weder die misshandelten Frauen noch die männlichen Täter einen Migrationshintergrund. Unterschiede gibt es dennoch: Laut Monika Schroettle müssen Migrantinnen häufiger und schwerere Gewalt ertragen. 

Was hindert aber die ach so aufgeklärten Leidensgenossinnen, die Gewalt gegen Frauen zu beenden? Vielleicht ist dies deswegen so schwer, weil wir hinsichtlich unserer Gefühle wie Neandertaler immer noch in den Höhlen hocken. Um was für eine explosive Mischung aus Urinstinkten und modernen Herausforderungen muss sich hier handeln, in Anbetracht des Wettbewerbs, der sich, seien wir ehrlich, gegen das Schwache richtet, und auf den wir von Kindesbeinen an getrimmt werden!   

Wie lange wollen wir warten?


Natürlich darf man das Thema der Gleichberechtigung nicht zu dem tragischen Kapitel der Gewalt reduzieren.

Es gibt viel Positives in diesem Bereich. Was Frauen heutzutage alles dürfen! Beachtlich, wenn man die relativ kurze Geschichte der Emanzipation berücksichtigt. Zählen wir doch einige Errungenschaften auf: Frauen dürfen nicht nur heiraten, wen sie wollen und wann sie wollen, sondern sich auch scheiden zu lassen, sie dürfen Kinder kriegen oder auch nicht, sie dürfen lernen, arbeiten, ohne den Ehemann nach der Erlaubnis zu fragen, wählen und gewählt werden. Na gut, das mit dem Heiraten und dem Kriegen von Kindern gab es schon immer. Auch die Scheidung ist keine moderne Idee.  Mit dem Nichtkriegen vom Nachwuchs war es dagegen früher viel schwieriger, die Verhütung  - sehr unzuverlässig. 

Ja, wir haben viel erreicht, hier in Europa. Und doch sind wir - meiner Meinung nach - weit vom Ziel entfernt. Blende ich das Positive aus? Bin ich als Frau undankbar und kann mich über das Erreichte nicht freuen? Eine Gegenfrage: Wie lange wollen wir noch auf die Gleichberechtigung warten? 

Wir haben Rechte auf dem Papier


Unsere Errungenschaften bestehen zum Teil lediglich auf dem geduldigen Papier. Das Grundgesetz verlautet, dass wir – Männer und Frauen – gleichberechtigt sind. Wieso ist es also so schwierig, das verbriefte Recht endlich umzusetzen? Warum verdienen Frauen immer noch viel weniger als Männer? Aus welchem Grund versperrt man ihnen den Weg zu den höchsten wirtschaftlichen Entscheidungsgremien? Weshalb ist die Arbeitswelt weitgehend frauen- und familienfeindlich organisiert? Warum ist die Erziehung der Kinder nur Frauensache? Wieso entstehen die größten Karrieren von Frauen fast ausschließlich durch die Heirat (Friede Springer, Liz Mohn, Maria-Elisabeth Schaeffler) oder das Erben? 

Guter Start? Doch nicht


Am Anfang steht die Schule. Und sie ist weiblich. Nicht nur grammatikalisch, sondern auch was das Lehrpersonal betrifft (die Chefetagen jedoch ausgenommen!): Anpassung als Motto und Zwang als Methode. Da haben die Frauen die Nase vorn: Sie trainieren doch das Kuschen seit einer Ewigkeit. Der Start ist für sie also gut? Keineswegs. Die Schule bereitet nicht für das wahre Leben vor. Sie stärkt viel zu selten das Rückgrat, stattdessen bricht sie es viel zu oft. 

Hinzu kommt es noch, dass Frauen mit einer anderen schweren Belastung an das Erwachsenenalter gelangen.  Sie fallen viel öfter als die Jungs dem Kindesmissbrauch zum Opfer und lernen sehr früh, dass sie kein Subjekt, stattdessen ein Objekt von Handlungen der Stärkeren sind.

Wo liegt das Problem?


Das Problem liegt nicht in der Nacktheit und nicht in den Witzen. Weder ärgere ich mich über die Evas, die in der Werbung völlig unpassend erscheinen, wie sie der liebe Gott schuf, noch empöre ich mich über die Frauenwitze. Am Rande angemerkt: Wenn wir schon so freizügig sind, hätte ich gerne - im Sinne der Gleichberechtigung natürlich - mehr nackte Kerle in den Reklamen, die Küche als Hintergrund eingeschlossen. 

Vielmehr als jene aufgebauschten Quasi-Probleme und die Schaukämpfe, beschäftigt mich der gesellschaftliche Status der Frau. Und der ist kurz gesagt mies. Die Frau hinkt dem Mann hinterher, eine Kanzlerin hin oder her. Übrigens: Die Kanzlerin Merkel spielt das Spiel der Männer und für die Gleichberechtigung der Frauen hat sie so gut wie nichts getan. Das weibliche Geschlecht bleibt sowohl wirtschaftlich als auch sozial schwach.  In ihren besten Jahren werden Frauen klein gehalten und im Alter - arm. Und unterwegs unter der Doppelmoral, die ganz anders Frauen als Männer beurteilt, leidend.

Frauen auf beiden Seiten der Front 


Die Frontlinie verläuft mitnichten zwischen den Geschlechtern. Frauen sind auf beiden Seiten. Auf der „männlichen“ patriarchalen Seite finden sich zum einen, jene Vertreterinnen der alten guten Tradition, die von diesem System profitieren und sich bequem darin eingenistet haben. Zum anderen die jungen Gegnerinnen des Feminismus, die aus ihm am meisten Gewinn ziehen. Sie rufen laut zum Beispiel, dass sie keine Quote brauchen. Damit zeigen sie nur, wie unsicher sie sind. Sie wollen beweisen, dass sie – um Gottes Willen! – keine Hilfe benötigen und aus eigenen Kräften alles schaffen. Anders als ihre männlichen Kollegen. Die nehmen, was sie kriegen können. Egal, ob sie genug Qualifikationen haben oder nicht. 

Männlich ist nicht mit menschlich gleichzusetzen


Die Welt um uns herum ist nach wie vor männlich. Das tut weder den Frauen noch den Männern gut. Ich will keine männliche und auch keine weibliche Welt. Ich will eine menschliche. Eine gleichberechtigte.

Sonntag, 17. April 2016

Angela Merkel macht Jan Böhmermann weltweit bekannt

Das ganze Land spricht über Böhmermann. Und die ganze Welt dazu. Was man allerdings weniger ihm selbst zuschreiben darf. Er hat eine mächtige Helferin: Angela Merkel.



                                                        Scrennshot

Spagat zwischen Kunst und Politik


Ohne Merkels Hilfe gäbe es die ganze Affäre nicht. Die sonst so zurückhaltende und die Krisen aussitzende Kanzlerin preschte mit ihrer Kritik vor. Dies tat sie zu einem Zeitpunkt, als es sich noch lediglich um das wenig bekannte satirische Gedicht handelte. Sie übte sich auf einmal als eine Literaturkritikerin und interpretierte eindeutig den Inhalt. Das Werk von Böhmermann sei "bewusst verletzend", meinte Merkel und teilte ihr literarisches Urteil telefonisch dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu mit. In diesem Moment überschritt sie die Grenze zwischen einer immer subjektiven artistischen Ansicht und den konkreten politischen und rechtlichen Konsequenzen. Dieser Spagat ist eine Zerreißprobe. Sie hätte es sein lassen sollen.

Elefant aus einer Mücke


Womit wir in diesem Fall zu tun haben ist die altbewährte plumpe Zensur. Die Herrscher nutzen sie als eine Waffe und mischen sich in die Kunst und Medien ein. Sie verbieten oder veranlassen das Entfernen, auch Zerstören, von Werken jeglicher Art, ob künstlerischen oder informativen, die ihnen nicht in den Kram passen. Und manchmal sperren sie auch die Verantwortlichen - die Künstler oder Autoren im Gefängnis ein. Das Hauptmerkmal der Zensur ist ihre Willkür, das Fehlen von logischen Grundlagen. Wie in Causa Böhmermann. Die Bundeskanzlerin fühlte sich in ihren Absichten gestört und machte mit ihrer überflüssigen Kritik – sie und nicht Erdogan – aus einer Mücke einen Elefanten.

Ich finde es schrecklich komisch, dass die ganze Affäre in dem gleichen Jahr passiert, in dem die Neuausgabe von „Mein Kampf“ erscheint.

Merkels schlechtes Gedächtnis


Wir sprechen über die gleiche Person, die unterwegs auf mehr oder weniger diplomatischen Reisen die Menschenrechte stets anspricht und anfordert.  Erinnert Ihr Euch an ihren hartnäckigen Kampf gegen Putin? Alles im Dienste der Menschheit, er wäre ein Despot und sie eine unerschütterte Verfechterin der Demokratie.

Um Erdogan zufrieden zu stellen, vergisst sie ihr eigenes Engagement und unterstützt einen Tyrannen, der von der Meinungsfreiheit gar nichts hält und seine Gegner wortwörtlich vernichtet. Sie verhilft einem zynischen machtbesessenen Führer aus politischem Kalkül und wirft ihm Böhmermann zum Fraß vor.

Traurig, traurig


Es ändert an diesen Tatsachen nichts der Fakt, dass sich die Gerichte hierzulande – Gott sei Dank anders als in der Türkei – meist von der Macht der Politiker nicht beeindrucken lassen und theoretisch unabhängig sind.

Merkel, die sich in der Vergangenheit stets gegen den EU-Beitritt der Türkei aussprach, adelt jetzige türkische Machtriege, die sich von einem säkularen Staat und der Demokratie in Meilenschritten schnell entfernt. Das ist ein fatales Signal. Und der traurigste Aspekt der ganzen Affäre.   


Dienstag, 12. April 2016

Der Staat und seine Bürger – keine Liebesbeziehung

Bei dem Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern dürfen wir nicht über eine Liebesbeziehung reden. Der Staat ist krankhaft misstrauisch (der Beweis dafür ist die ausufernde Bürokratie) und traut uns nicht, beziehungsweise traut uns nur das Schlimmste zu.  Er macht uns ohne Grund zu Verdächtigen.


                                                                                     Keine Liebesbeziehung. Fot. Autorin


Wobei müssten eher wir ihn, den Staat, mit sehr großer Skepsis genießen. Er handelt oft wie ein Ganove, ein Krimineller, der nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, um uns zu betrügen und zu beklauen. Wie sonst lässt sich der folgende Sachverhalt  begründen? „Mehr als jeder dritte Hartz-IV-Empfänger, der gegen vom Jobcenter verhängte Sanktionen Widerspruch einlegt oder klagt, erhält recht.“ Da kann man in diesem Fall nicht über ein Missverständnis reden! Das sind keine einzelnen Fehler. Es ist ein vom Staat gesteuertes ungerechtes System. 

Als einen belastenden Umstand müssen wir unbedingt im Auge behalten, dass wir hier über die Menschen auf der niedrigsten gesellschaftlichen Stufe, über die Ärmsten sprechen. Über diejenigen, die sich von den unzähligen Tafeln (eine wirklich boomende „Branche“ in Deutschland) die Essensreste abholen.  

Die Härte des Staates


Ich bin keine Anarchistin, ich betone bei jedem Anlass, dass wir einen starken Staat mehr denn je nötig haben. Stark ist für mich aber nicht jemand, der auf die Schwachen einprügelt. Das tun gewöhnlich die abscheulichsten Verbrecher. Darf man auf diese Art über den Staat sprechen? Wie kann man aber seine Vorgehensweise anders nennen?

Der Staat macht nämlich die Schwächsten zu Geiseln. Er braucht sie in dieser Rolle, um die Stärke vorzutäuschen. Weil der Staat sehr schwach ist. Ohne zu übertreiben kann man ihn als den verlängerten Arm der Wirtschaft oder den Superreichen Familien sehen. Den Quandts, den Schaefflers, den Ottos, den Oetkers, den Liebherr usw.

Vergesst die Entfaltung!


Indem der Staat die Schwächsten drangsaliert, will er beweisen, dass er alles im Griff hat. „Schaut her, wenn ihr nicht spurt, wird euch auch so ergehen!“ Die Arbeitnehmer oder die Bürger im Allgemeinen zwingt man dadurch zum Gehorsam. Spuren sie nicht, landen sie in der Hölle, bekannt unter dem Namen Hartz IV. Dadurch agiert der Staat nicht im Interesse seiner Bürger, er macht sich zum Diener der Wirtschaft, weil eben die Wirtschaft einen enormen Druck ausübt, um billige und willige Kräfte zu erhalten. 

Und was ist mit der freien Entfaltung der Persönlichkeit, wie uns das Grundgesetz im Art. 2 Abs. 1 garantiert? Die können wir glatt vergessen.

Ehrenamt oder Dumpingkonkurrenz


Es gibt Alternativen (seit Entstehung der AfD ist das Wort in Missgunst geraten, obwohl es nichts dafür kann). Deutschland verfügt über ein unerschöpfliches Reservoir von Arbeitsplätzen. Niemand müsste in der Arbeitslosigkeit verzweifeln. Alle diese Stellen verbergen sich unter dem Namen: Ehrenamt. Das Ehrenamt hat eine Wandlung durchgemacht und verlor seinen ursprünglichen Sinn.  In der Gegenwart ersetzt es und verdrängt in vielen Fällen die regulären Arbeitsstellen.  

In seiner jetzigen Gestaltung steht das Ehrenamt in Konkurrenz zum Arbeitsmarkt und verstärkt dadurch enorm die existierenden Ungleichheiten. Hier finden wir die Quelle von Dumpinglöhnen mit dem absoluten Tiefpunkt von 0 €. In diesem Zusammenhang darf es auch nicht wundern, dass es zu 80 % Frauen sind, die ehrenamtlich schuften. 

Wo wollen wir denn hin?


Die Politik und die Gesellschaft müssen sich entscheiden. Wenn das Ehrenamt weiter die Arbeitsplätze ersetzen soll, muss man die Bürger mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) versehen. 

Das BGE ist in vielerlei Hinsicht eine gute Alternative, die auch das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern wesentlich erwärmen könnte.