Samstag, 31. März 2018

Wer hat Angst vor facebook, twitter & Co.?

Ach, was für schöne Zeiten das waren, die Zeiten ohne Social Media (Sozialen Medien) - seufzen diejenigen, die endlich durchregieren wollen, ohne dass jemand dazwischen quatscht, also tweetet oder postet. Es schließen sich auch diejenigen an, die über das Monopol auf Meinung träumen.

Damals hatten Ottonormalverbraucher nichts zu melden. Ich finde das nicht schön.

Nein, ich ignoriere mitnichten den schlimmen Datenklau bei facebook (und nicht nur dort), aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kommunizieren und das Vernetzen mithilfe von Rauchzeichen weniger effizient ist. Ich spreche mich also gegen das Ausschütten des Kindes mit dem Bade.


                                                                   Rauchzeichen sind weniger effizient


Sollen wir sie verstaatlichen?


Jan Böhmermann wusste schon vor 5 Jahren, dass wir an diesen Punkt gelangen und machte einen Vorschlag zum Ablehnen:




Nee, lieber doch nicht.

Auf Augenhöhe begegnen


Allen Unkenrufen zum Trotz sehe ich in den Sozialen Medien keine Gefahr für die Demokratie, im Gegenteil. Sie garantieren uns die Teilhabe an der Kommunikation. In einem taz-Interview beschreibt Jan Böhmermann diese Perspektive folglich:

„Wir haben die Möglichkeit einer einigermaßen barrierefreien Kommunikation zwischen allen Teilen der Gesellschaft. Das System, das wir haben, macht Sinn, weil sich Autorität und Basis auf Augenhöhe begegnen können. Dass das funktioniert, ist wie die Entdeckung von Amerika. In einer Gesellschaft oder über Landesgrenzen hinweg können sich Leute vernetzen. Menschen mit gleichen Interessen können zusammenarbeiten für etwas Besseres.“

Demokratische Kraft


Darin steckt die wahre demokratische Kraft der Sozialen Medien: die Überwindung der Grenze zwischen Oben und Unten, die Möglichkeit einer direkten Reaktion.

Denen, die darin keine Chancen, sondern lauter Hindernisse sehen, müsste man sagen, dass sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lasse. Dies betrifft auch jene Medien, die ihr früheres Monopol auf Verkündung und Deutung der Nachrichten vermissen.

Der oft erhobene Vorwurf der Manipulation in den Sozialen Medien greift zu kurz und kann zum Bumerang werden.  Den Ausweg bieten das Aufgreifen von Themen und die gründlichen Recherchen.


Freitag, 9. März 2018

Polen, Juden und das Jahr 1968

Andrzej Duda hat sich für eine antisemitische Hetzkampagne im Jahr 1968 in Polen entschuldigt: "Bitte verzeihen Sie, verzeihen Sie der Republik und den Polen, dem Polen von damals." Das ist eine wichtige und richtige Geste. Der polnische Präsident hielt seine Rede in der Warschauer Universität, wo alles begann.


                                                                                                                Screenshot


Vor 10 Jahren schrieb ich über die Ereignisse aus dem Jahr 1968. Darunter folgt jener Text:


Die Revolte 1968 hat Europa verändert. Der neue Wind fegte über die Länder. Die Jugend lehnte sich gegen die alte bürgerliche Ordnung auf. In Paris besetzten Studenten die Sorbonne. Sie wurden von Arbeitern mit einem Generalstreik unterstützt. In Berlin lieferten sich Rebellen Schlachten mit der Polizei und schockierten damit die Gesellschaft, die damals die körperliche Züchtigung der Kinder erlaubte und die Selbstbestimmung der Frau verweigerte.

Auch in Polen hinter dem Eisernen Vorhang brodelte es. Die Protestierenden, vorwiegend Studenten, sammelten sich zuerst im Theater von Warschau.


Ein romantisches (= zur Romantik gehörendes) Spektakel 


Polen unter kommunistischer Herrschaft war von den Sowjets abhängig und ferngesteuert. Den Jahrestag der russischen Oktoberrevolution (nach dem Julianischen Kalender) feierte man im November (nach dem Gregorianischen Kalender) jedes Jahr im ganzen Land. Aus diesem Anlass bereitete im Jahre 1967 Kazimierz Dejmek in Warschau ein Stück für die Bühne vor. Er wählte „Ahnen“ von Adam Mickiewicz. Mickiewicz, ein polnischer Romantiker und Prophet, hat für Polen einen Rang inne, der nur mit Johann Wolfgang Goethe in Deutschland vergleichbar ist.


Die Lesart 


Das Spektakel hat angeblich dem russischen Botschafter missfallen; besonders störte ihn die Reaktion des Publikums. Die Zuschauer vergaßen den historischen Abstand zum Inhalt und applaudierten frenetisch Passagen, die sich gegen den Zaren und seine Macht richteten, als ob es sich um die Gegenwart gehandelt hätte. Dichterische Worte aus den Zeiten als Polen nicht existierte, aufgeteilt zwischen den Nachbarländern, wirkten auf einmal aktuell. Wie diese:

„Wen wundert’s, wenn man uns hier beleidigt,

Seit einem Jahrhundert

schickt Moskau nach Polen

Nichts mehr als Gauner“ *)

                   oder

„Wenn jemand die Herrschaft erträgt,

Sage nicht, dass er ihr folgt,

Gott legt eben manchmal die Macht

In eines bösen Geistes Hand“ *)

Vom Theater zu Demonstrationen


Die Entscheidung der Zensur, das Stück abzusetzen, kam nicht überraschend. Im Nachhinein wundert es aber, dass man vorerst noch ein paar Vorstellungen zugelassen hatte. Am 30. Januar 1968 gab es dann die angekündigte letzte. Nach dem Spektakel, im überfüllten und tosend applaudierten Theater, formierte sich ein nicht zu großer Zug und marschierte zum Denkmal von Adam Mickiewicz. Die Demonstranten protestierten gegen die Absetzung des Spektakels und skandierten Parolen, wie „Freiheit ohne Zensur“ und „Freie Kunst - freies Theater“. Die Miliz nahm daraufhin 35 Personen fest.

Im Februar begehrten hiernach die Schriftsteller auf. Eine Petition an den Sejm, das polnische Parlament, unterschrieben über Dreitausend Menschen.

Am 8. März, auf einer Kundgebung im Hof der Warschauer Universität, traten Demonstranten für die inzwischen relegierten Studenten auf und wurden durch Miliz und deren Helfer brutal geschlagen und verschleppt. Als Reaktion auf diese Vorkommnisse breitete sich in den Tagen danach der studentische Protest auf alle größeren Universitäten im Land aus.


Innerparteilicher Kampf 


Neben dem studentischen Protest lief ein interner Parteikampf um die Macht. Die Kulissen dieses Kampfes bildete der Sechstagekrieg. Polnische Kommunisten haben sich, genauso wie die Sowjets, im Nahost-Konflikt im Jahre 1967 auf die Seite von Arabern gestellt und ihnen Hilfe angeboten. Israel wurde hart verurteilt, diplomatische Kontakte abgebrochen.

Diesen Konflikt nutzte man für die Säuberungen in den eigenen Reihen. Władysław Gomułka, der damalige polnische Ministerpräsident und Parteichef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), warf den polnischen Juden Zionismus und Sympathie für den Aggressor vor. Infolgedessen entfernte man aus Partei, Militär und Medien Menschen mit jüdischer Abstammung und ihre Getreuen.

Im März 1968 erreichte die antisemitische Kampagne ihren Höhepunkt. Den „Zionisten“ schob man die Verantwortung für die Märzunruhen zu. Im ganzen Land organisierte die kommunistische Partei Kundgebungen gegen "die zionistischen Feinde des Volkes".

Die Bedeutung


Der Protest im März 1968, und die Ereignisse danach zerrütteten die Schicksale der Beteiligten: Sie wurden vor Gericht gestellt, von den Universitäten relegiert, ins Gefängnis gesteckt. Über 12.000 Polen jüdischer Abstammung verließen das Land und begaben sich in die erzwungene Emigration.

Aber die Generation '68 hat ihre Lektion gelernt. Sie bildete die spätere Opposition der 70er und 80er Jahre. Und sie trug zum Erfolg von Solidarność bei und somit zum Niedergang des Kommunismus.

*) meine Übersetzung

Montag, 5. März 2018

Das Fremde und das Eigene, oder worüber wir eigentlich reden

Wenn Joachim Gauck „die Fremden "entfeinden" und das Eigene entidealisieren“ will, habe ich natürlich nichts dagegen. Im Gegenteil. Dennoch ist das eine völlig falsche Setzung von Themen.


                                               "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl" (Screenshot)

Die Glasur ist mir egal


Gaucks Formulierung entblößt seine Sehnsucht nach klaren Grenzen zwischen Wir (dem Eigenen) und Ihr (dem Fremden). Irgendwie klingt dies wie: „Bitte sich nicht vermischen.“  Sorry, aber für eure Konnotationen in diesem Moment, meine lieben Leser, bin ich nicht verantwortlich. 

Der von Gauck angesprochene Aspekt der feindlichen Einstellung gegenüber des Fremden spiegelt tatsächlich die Wirklichkeit wider. Nein, ich spreche hier nicht über die offensichtlichen Fremdenfeinde wie Nazis & Co, sondern über eine grundsätzliche Ausrichtung des Staates und der Gesellschaft. 

Die Angst vor dem Fremden sitzt meist tiefer als die oberflächliche Gutmenschen-  oder Kulturenversteher-Glasur. Sofort muss ich hinzufügen, dass ich weder gegen die einen noch die anderen etwas habe. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Außerdem soll jeder fürchten, was er will. Mit einer wesentlichen Einschränkung: die anderen dürfen dafür nicht bezahlen. 

Was heißt hier Wir?


In seiner Rede in Düsseldorf erwähnt Gauck Jean Améry, der vor den Nazis flüchten musste: „Abgeschnitten von dem "Wir" wurde ihm schmerzhaft bewusst, wie sehr der Mensch Heimat braucht, "um sie nicht nötig zu haben". Bedeutet hier das Wir wirklich die Heimat oder eher die Sehnsucht nach dem Verlust, die gemeinsam allen Trauernden ist? 

Wenn das Wir die Heimat bedeuten sollte, dann besteht ein Staat aus vielen Heimaten, in die er – der Staat – sich nicht einmischen darf, weil sie – die Heimaten – eine private Angelegenheit jeden Einzelnen sind.  

Mich interessiert aber das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Staat. Das ist eine ganz andere Ebene, die man mit den privaten Heimaten nicht verwechseln darf. Aus der staatlichen Sicht betrifft nämlich das Wir alle Bürger. Welche Konsequenzen daraus entstehen? Dass wir als Bürger gleich sind, gleich sein müssen. Wir als Bürger haben gleiche Rechte und Pflichten.

Diese einheitliche Behandlung aller Bürger ist für mich die wichtigste Voraussetzung einer gelungenen Integration. Darin ist Deutschland gescheitert.  

Macht, was ihr wollt 


Geschickt vermischt Gauck Äpfel mit Birnen, in dem er folgendes sagt: „Einen großen Einfluss in der Integrationspolitik hat lange Zeit die Konzeption des Multikulturalismus gehabt: Was sich auch immer hinter den einzelnen Kulturen verborgen hat - Vielfalt galt als Wert an sich.“ In diesem Punkt widerspreche ich dem Ex-Bundespräsidenten. Das war keine Multikulti-Konzeption, sondern Laissez-fair-Politik: Macht, was ihr wollt, denn ihr seid uns egal. Und vor allem, ihr seid uns niemals gleichwertig. 

Es fehlte das staatliche Wir und fehlt immer noch.