Mittwoch, 14. Oktober 2020

Klarname und/oder Pseudonym

 Auf Social Media sind viele Maskierte unterwegs. Damit meine ich keineswegs den Mund-Nasen-Schutz, sondern alle die Deck-, Tarnnamen und Pseudonyme. Dann und wann entbrennt Kritik um das Versteckspiel. Ich beteilige mich nicht daran. Aus persönlichen Gründen.

                                                       Presseausweis für mich als Marta Sanecka

Marta Sanecka

Ich wollte mich doch von Anfang an verstecken und tat dies auch unter dem Pseudonym Marta Sanecka. Die Redaktion in Polen machte mit und stellte mir sogar einen entsprechenden Presseausweis. Alle meine journalistischen Texte erschienen folglich unter diesem Decknamen.

                                              Eine kleine Auswahl von Artikel unter dem Pseudonym Marta Sanecka

Lydia Sanojar

In Deutschland - neues Land, neues Pseudonym - suchte ich mir den Namen Lydia Sanojar aus und erstellte als solche meine Homepage. Später schrieb ich als Lydia Sanojar ein Märchen. Gar nicht schlecht. Das ist kein Selbstlob: die fabelhaften Figuren kamen zu mir und nicht umgekehrt ;)




Wenn es nach mir ginge, wäre ich "schriftlich" bis heute nur als Lydia Sanojar existieren. Das Autorennetzwerk suite101.de, für das ich anfing Texte zu verfassen, erlaubte aber zuerst keine Versteckspiele und verlangte Klarnamen (das änderte sich später). Klar, dass ich gezwungenermaßen mitmachte und mit meiner bürgerlichen echten Version signierte. Von meiner Lydia-Sanojar-Homepage wollte ich mich dennoch nicht trennen. Sie blieb also.

 Ich


Danach dachte ich mir nochmals ein Pseudonym aus. Ein ziemlich komisch klingendes: Gabi Scheren. Obwohl der Anlass überhaupt nicht komisch war: nach einem Zusammenbruch versuchte ich mich frei zu schreiben. Was bedeutet aber frei zu sein? Authentisch zu sein? Ich wiederholte also meine Geschichte unter meinem eigenen bürgerlichen Namen.


Man könnte sagen: Ich kam zu mir ;)



Sonntag, 16. August 2020

Coronavirus und neue Kleider

Anfang dieses Jahres schmunzelten wir noch über das exotische Virus. Kurz danach erklärten uns die auf einmal angebeteten Virologen, dass wir – Normalos - Masken nicht brauchen.

Tja, seitdem hat sich viel verändert.

                                                                          Mein Foto

Zurück in die Kindheit

Das Coronavirus scheint uns in die Kindeszeit zurückzuwerfen: Auf einmal fühlen wir uns schwach und klein. Wir fürchten wieder das Ungeheuer und sehnen uns nach einer starken Hand, die uns durch die Dunkelheit leitet.  Oder nach einem Märchen, das uns die Welt erklärt. Das taten doch die klugen alten Fabeln, die man manchmal als gruselig verunglimpft. 

Er ist nackt!

Das Coronavirus hat einiges entblößt, was wir uns zuvor nicht anschauen wollten. Ein wenig wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Ja, der Kaiser ist nackt; das Vorhandensein seiner imaginären Kleider redeten wir uns lediglich ein. 

Die Welt um uns herum zeigt sich plötzlich nicht nur Natur-, sondern durchaus Menschenfeindlich. Daher wollen wir aufs Neue definieren, was wesentlich und was unwichtig ist. Wenigstens solange die Angst unseren Alltag beherrscht. 

Viele Wege führen …

Soeben mutieren wir zu Hobby-Philosophen und sinnieren darüber, wohin uns der Weg führt. Vorsichtig stellen wir unsere Heiligtümer infrage, wie zum Beispiel das heilige ewige Wachstum. Wenn wir die ganze Gesellschaft endlich ins Auge fassen, kann und darf dieses Heiligtum nicht bestehen: immer mehr zu produzieren, ohne Rücksicht auf die Natur, ohne Rücksicht auf menschliches Leid und Verderben.

Redlichkeit ist gleich Dummheit?

In der Coronakrise entdeckten wir die außerordentliche Bedeutung der Redlichkeit. Ein redlicher Mensch ist „rechtschaffen, aufrichtig, ehrlich und verlässlich“ (Duden). Das sind Eigenschaften, die in der vom Wachstum beherrschten Realität nicht hoch im Kurs stehen. In der Krise dagegen - umso mehr. Wir müssen uns doch in der Not gegenseitig vertrauen und auf uns verlassen können. 

Zum Glück gibt es genug Gutmenschen – belächelten, bemitleideten und meist ausgenutzten. Wir klatschen für sie gerne; solange wir noch vor Angst zittern und speisen sie mit diesem oberflächlichen Beifall ab. „Redlich“ in den normalen Zeiten dient eher als Synonym für dumm. Anders als in den guten alten Märchen: dort haben sie am Ende gewonnen.

Wir leben aber nicht in einem Märchen. Leider.


Sonntag, 8. März 2020

Lippenbekenntnisse – muss das wirklich sein?

Unter „Lippenbekenntnis“ verstehen wir  laut Duden „jemandes Bekenntnis zu etwas, das sich nur in Worten, nicht aber in Taten äußert.“ Dieses Phänomen ist alles andere als selten. Wir sprechen hier über einen ganzen Ozean im politischen und gesellschaftlichen Leben. Lippenbekenntnisse sind allgegenwärtig. In diesen Sekunden gehen bestimmt die nächsten über die Bühne und mir mächtig auf die Nerven.

Ich verlange mitnichten, dass sich Politiker nicht mehr zu wichtigen Themen und Ereignissen äußern– darunter zu solch schrecklichen wie der Terroranschlag in Hanau. Ich fordere jedoch, dass den Worten die Taten folgen. Es ist doch nicht zu viel verlangt, oder?

Wenn der Staat selbst diskriminiert, 
sind die hier abgebildeten Forderungen nur bloße Lippenbekenntnisse. 

Viertel- und Halbwahrheiten


Offensichtlich sind das aber ziemlich unrealistische Wünsche der Naiven, die immer noch an Märchen glauben. Auf die Lippenbekenntnisse zu verzichten bedeutet doch nichts anderes als sich zur Wahrheit zu bekennen. Also: Hand aufs Herz und raus mit der Sprache, sagt, was Ihr wirklich denkt! Hose runter, und keine dummen Spielchen mehr.

Hätten wir aber die ganze Wahrheit tagein, tagaus überhaupt ertragen können? Brauchen wir eine derartige brutale Offenheit? Ist es nicht angenehmer und sicherer mit Viertel- und Halbwahrheiten zu hantieren? Oder direkt gefragt: Kann man ohne Lügen leben und noch wichtiger – überleben? Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Daran hat sich nichts geändert. Daher behaupte ich, dass wir keine Wahrheit wollen.  Sie ist nicht unsere Freundin. Wieso? Weil  das Unbekannte uns Angst einjagt?  Nein, wir ahnen die Wahrheit, wir spüren sie. Aber wir fürchten sie. Sie hätte uns gezwungen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.

Unser Lippenbekenntnis zur Wahrheit ist also eine der größten Selbstlügen. Wir alle sind Lügner.

Verantwortung – eine umgekehrte Pyramide 


Dennoch gibt es für mich einen gewaltigen Unterschied zwischen den kleinen Not- und Alltagslügen, die ich als ein Feigenblatt oder einen Schutzmantel mit ruhigem Gewissen rechtfertigen kann, und den Lügen in den wesentlichen, entscheidenden Dingen des Lebens. Besonders, wenn sich derartige Lügen auf die anderen Menschen auswirken. Wenn diese Lügen das Leben der anderen ruinieren und zerstören. Natürlich hängt jene vernichtende Wirkung von der Position ab. Je höher jemand in der Hierarchie klettert, desto größer seine Möglichkeiten. Und die Verantwortung. 

Die Machthaber tragen in dieser Hinsicht also die größte Verantwortung. Meine Pyramide steht demnach auf dem Kopf. Die Spitze = ganz wenig Verantwortung fürs gesellschaftliche Wirken -, befindet sich unten.

So billig kommt Ihr mir nicht davon!


Liebe Mächtige (=jene an der Macht), ich glaube Euch nicht, wenn Ihr Euch zu Menschenrechten bekennt, aber alltägliche Diskriminierung und Rassismus nicht nur zulässt, sondern auch befeuert und verschiedene Gruppen gegeneinander ausspielt. Ich glaube Euch nicht, wenn Ihr über Gleichberechtigung faselt, aber Menschen hierzulande sortiert in erste, zweite, dritte Klasse und auch so behandelt. 

Ihr gebt diesem Staat das Gesicht, das zu oft zu einer falschen Maske verkümmert. Ihr gebt viel zu vielen Menschen das Gefühl, dass die Gerechtigkeit nur jenseits, aber nicht diesseits möglich ist. Ihr missbraucht Eure Macht gegenüber derer, die sich kaum wehren können. Die Verachtung der Schwachen kommt von oben! Der Staat knickt andauernd vor Reichen und Mächtigen ein, aber trickst und nutzt die Ohnmächtigen aus. Wie ein gewissenloser Ganove. Ihr, die Mächtigen, spaltet die Gesellschaft auf die Nützlichen und Nutzlosen (so behandelt man z. B. die Hartz-IV-Empfänger und ihre Kinder), auf die Privilegierten und Nichtprivilegierten in der Zwei-Klassen-Medizin, auf die, die immer Recht haben, und die, die finanziell nicht in der Lage sind, sein Recht vor Gericht zu erstreiten. 

Der Staat treibt somit die Verzweifelten in die Arme der Nazipartei, zu der sich die AfD entwickelt hat.  Die verwirrten Wähler merken zum Teil nicht, dass sie versuchen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. 

Freitag, 27. Dezember 2019

Es war eine gute Rede, dennoch erhebe ich einen Einwand, Herr Steinmeier!

Diejenigen, die mal in einem kommunistischen Land (eigentlich im Realsozialismus) gelebt haben, kennen bestimmt den Begriff „russisches Dementi“. Sorry, russische Freunde, ich korrigiere dies sofort – natürlich müsste es heißen: „sowjetisches Dementi“. Solch ein Dementi seitens der Obrigkeit entchiffrierten die Untertanen stets als eine verkehrte Bestätigung. Es galt das Prinzip:  was die Machthaber vehement abstreiten, muss genau deswegen wahr sein.  Ich dachte daran, als ich den Satz von unserem Präsidenten Frank-Walter Steinmeier hörte: "Von zu wenig Meinungsfreiheit kann in meinen Augen nicht die Rede sein.“


Screenshot

So viel Streit


Der Präsident betrachtete in seiner Weihnachtsansprache den politischen Raum und kam zum Fazit „so viel Streit war lange nicht“, was eben ein Beweis für eine absolute Meinungsfreiheit sein sollte. Schön und gut. Gilt aber die Meinungsfreiheit auch, wenn wir den politischen Raum verlassen? Meine Antwort lautet: Nein. Ich vermisse sie schmerzhaft in einem riesigen und schwerwiegenden Bereich – in der Wirtschaft oder noch allgemeiner: in der Arbeitswelt. 

Ich behaupte, dass die hiesige Arbeitswelt nicht demokratisch, sondern diktatorisch konstruiert und geführt wird. In unseren Unternehmen - egal, ob privat, staatlich oder genossenschaftlich  - herrschen andere Regeln, was mit sich weit reichende Konsequenzen bringt. Wenn ich nach ähnlichen Strukturen suche, dann finde ich sie z. B. bei der Mafia, wo auch der Gehorsam zu den wichtigsten Tugenden gehört. 

Aus dem Katalog der Diktatoren


Das ganze wirtschaftliche System ist auf die Angepassten ausgerichtet. Dafür, dass nur solche Mitarbeiter hineinkommen, sorgt schon das Kopfnoten-Verfahren, genannt: Arbeitszeugnisse. Auf eine paranoide Weise und zum Teil mit chiffrierter Sprache bewertet der „alte“ Arbeitgeber den ihn verlassenden oder rausgeworfenen Arbeitnehmer, damit der „neue“, um Gottes Willen!, keinen Revolutionär einstellt. Kopfnoten sind eine Maßnahme aus dem Katalog der Diktatoren. Ihr Zweck erfüllt sich im Abstempeln und Aussortieren. Gehorsam wird belohnt, Ungehorsam bestraft. Derartige Regelungen dienen dem Erhalt von existierenden Machtstrukturen und verhindern notwendige Veränderungen. 

Zu den disziplinierenden Maßnahmen für angepasste Arbeiter gehört genauso die lange 6-monatige Probezeit. Geprobt wird dann eigentlich nur eins: ob sich der Kandidat/die Kandidatin als braver Arbeitssoldat eignet. Es scheint, dass ein Arbeiter sein Hirn an der Eingangstür abgeben müsste.

Neben den Kopfnoten und der langen Probezeit gehört das Schnüffeln in den Social Media, das die Unangepassten aufspüren  sollte, auch zum Repertoire der Arbeitgeber.  Die Diktatoren unterscheiden nämlich nicht zwischen der Arbeits- und Freizeit und vereinnahmen den ganzen Menschen.

"Fürchtet Euch nicht!"


Ich gebe Ihnen, Herr Steinmeier, aber Recht, wenn Sie sagen: „Was die Demokratie braucht, sind selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger“. Unbedingt! Ich sehe aber keinen Grund, auf dieses Selbstbewusstsein ausgerechnet auf der Arbeit zu verzichten. 

Ihren Appell am Schluss Ihrer Rede kann ich sogar laut mitschreien: "Fürchtet Euch nicht!"

Montag, 25. November 2019

Gewalt an Frauen passiert täglich

Diesen Artikel habe ich vor 12 Jahren auf der nicht mehr existierenden suite101.de veröffentlicht. Erschreckend finde ich seine Aktualität heute.


  Screenshot, Frontal 21


"Die Gewalt an Frauen ist ein oft verkanntes Problem. Es handelt sich nicht um eine Erscheinung am Rande der Gesellschaft. Betroffen sind Frauen aus allen Schichten.

Vor sieben Jahren hat Ralf D.* seiner Frau zum ersten Mal die Rippen gebrochen. Danach schien er darüber selbst erschüttert zu sein. Er ist schließlich ein gebildeter Mensch. Ralf D. begab sich in Therapie, entschlossen mit dem Trinken aufzuhören und somit auch mit der Gewalt. Zeitnah wurde seine Frau schwanger. Das Kind bereicherte das Familienleben, gleichwohl brachte es auch viel Stress mit sich. Der Familienvater verliert dadurch immer wieder die Nerven und schlägt so heftig zu, dass Nachbarn die Polizei rufen. Danach kehrt Ruhe ein. Aber nur kurz. Dann geht es von vorne los.

Solche hoffnungslos wirkenden Fälle sind keine Ausnahmen. In den häuslichen Wänden schlagen Ehemänner und Partner richtig zu. Bis sich die Frau traut, nach Hilfe zu suchen.

Die letzten Jahrzehnte brachten beachtliche Errungenschaften im Kampf gegen häusliche Gewalt. Die heute breite Landschaft von Programmen, Projekten und Hilfsangeboten der vor über 30 Jahren injizierten Frauenhäuser. Dort fanden Frauen und finden bis heute Zuflucht, Hilfe und Rat. Auskunft über diese Einrichtungen in Deutschland geben unzählige Internetseiten.

Den gesellschaftlichen Aktivitäten auf diesem Felde von unzähligen Vereinen und Kirchen folgten zögernd viel später die Politiker und verabschiedeten das Gewaltschutzgesetz, das am 1. Januar 2002 in Kraft getreten ist. Das Gewaltschutzgesetz stärkt die Rechte der Opfer. Demnach wird u. a. ein schnelles Verfahren ermöglicht, um den Täter der Wohnung zu verweisen. Der Schläger muss gehen, das Opfer darf bleiben.

Zusätzliche Möglichkeit sich zu schützen bietet den Opfern das Gesetz gegen Stalking (Verfolgung und schwere Belästigung) vom 31. März 2007.

Mit den Gesetzen und unterschiedlichen Maßnahmen wurde das Problem der Gewalt an Frauen nicht gelöst. Häusliche Gewalt nimmt sogar zu, wie viele Sachkundige warnen. Keineswegs handelt es sich dabei um eine Erscheinung am Rande der Gesellschaft. Weder Status noch Bildung schützen Frauen vor Gewalt.

Das Ausmaß des Problems ist schwer zu beschreiben. Auch dort, wo die Polizei schon eingreift, werden die Daten nicht gezielt erfasst. Die polizeiliche Kriminalstatistik macht zur Gewalt an Frauen keine gesonderten Angaben. Das wird erst mit der bundesweiten Einführung eines aus sechs Zahlen bestehenden Deliktschlüssels ab 1. Januar 2008 möglich sein.

Daher musste man sich bisher auf das Gespür und die Erfahrung von Helfern und Betroffenen verlassen. Und zwischen den Zeilen von existierenden Statistiken lesen. So z. B. verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik 2006 insgesamt einen Zuwachs von Gewalttaten; darunter fällt auch die häusliche Gewalt.

In der ersten Studie über Lebenssituationen von Frauen in Deutschland aus dem Jahre 2004 wurden die Frauen selbst methodisch nach ihren Erfahrungen mit Gewalt befragt. Die erhaltenen Resultate sind erschüttend: Jede vierte Frau erlitt körperliche oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner.

Migrantinnen sind laut dieser Studie in noch höherem Grade der Gewalt ausgesetzt. Gleichzeitig sind sie rechtlich weniger abgesichert. Das Recht wendet sich sogar gegen sie. Wenn sie keinen selbständigen Aufenthaltstitel besitzen, droht ihnen die Abschiebung, nachdem sie sich von dem gewalttätigen Ehemann trennen. Zwar bietet der Härtefall-Paragraph einen Ausweg. Es besteht jedoch weder ein Anspruch auf eine Entscheidung der Härtefall-Kommission, noch irgendein Rechtsmittel gegen deren Urteil. Ein Härtefallverfahren hat keine aufschiebende Wirkung. Was bedeutet, dass das Opfer während des laufenden Verfahrens abgeschoben werden kann. Daher setzen sich Hilfsorganisationen wie z. B. Terre des Femmes mit verschiedenen Aktionen für die Sensibilisierung beim Thema Gewalt gegen Migrantinnen.

In der Politik kommt diese Sensibilisierung nur schleppend an. In den Institutionen, die mit den betroffenen Frauen zu tun haben, fehlt oft nicht nur das Einfühlungsvermögen. Es fehlt auch nicht selten das spezifische Wissen. Beunruhigen wirkt in diesem Kontext eine Bemerkung von einer jungen Polizistin aus der „ersten Frontlinie“. Viele ihrer Kollegen würden bei den Einsätzen immer noch nach dem Motto: „Pack verschlägt sich, packt verträgt sich“ handeln.

So schüttet im Internet ein Polizist, als Wiesbadener79 getarnt, sein Herz aus. Er sei „nach vielen, vielen Einsätzen in dieser Richtung“ zu folgendem Fazit gekommen: „Ein Großteil der Frauen, welche von ihren Männern geschlagen werden, dieses selbst zu verschulden haben. Wenn man sich mal anschaut, wann Männer meistens zuschlagen, so ist es immer dann, wenn sie von den Frauen das Gefühl bekommen, nicht mehr geliebt zu werden“.

*Der Name wurde geändert."

Sonntag, 3. November 2019

Hilfe, die Demokratie wird geschrumpft!

Obwohl ich den Titel problematisch finde, stimme ich dem Autor in vielen Punkten zu. Es geht um den Beitrag von Klaus Dörre „Demokratie statt Kapitalismus oder: Enteignet Zuckeberg!“ Erstens: Eine Enteignung ist – glaube ich – nicht der richtige Weg; zu sehr erinnert diese Prozedere an den gescheiterten Kommunismus und enthält zudem ein enormes Gewaltpotenzial. Zweitens: Wenn man schon zur Enteignung aufruft, wieso sollte man nach Amerika schielen, statt mit eigenen deutschen Milliardären anzufangen?


„ Wo der Markt und seine Effizienzkriterien herrschen, 
hat demokratische Politik zu schweigen.“ Eigenes Foto

Kuchen für alle?


Wir haben keine Krise der Demokratie, schreibt Klaus Dörre und stellt dennoch eine vernichtende Diagnose:

„Vielmehr wird die demokratische Herrschaftsform auf dem Altar eines expansionistischen Kapitalismus geopfert, der zwecks Bestandssicherung zunehmend auf autoritäre Praktiken angewiesen ist.“*)

Das ist eine treffende Beschreibung der Gegenwart: „autoritär“ versus „demokratisch“, wobei das Demokratische zu verlieren scheint. Wieso? Wir dürfen doch frei wählen und schmücken unser System – die Marktwirtschaft - mit dem Adjektiv „sozial“. 

Das Soziale bleibt allerdings nur auf dem Papier. Die vorausgesetzte These, dass bei der stets wachsenden Wirtschaft alle „einen größeren Teil vom Kuchen“ bekommen, erweist sich schlicht als falsch: „Die Ungleichheit hat ein solches Ausmaß erreicht, dass sie selbst zur Wachstumsbremse geworden ist.“

Das Schweigen der Demokratie


Kann die Demokratie mit dem Kapitalismus überhaupt kompatibel sein? In dem Moment, in dem das Soziale zerstört wird, nicht mehr:

„ Wo der Markt und seine Effizienzkriterien herrschen, hat demokratische Politik zu schweigen.“

Die Entdemokratisierung vollzieht sich also über die Eliminierung der Sozialität. Das geschieht vor unseren Augen. Und Hilfe ist nicht in Sicht:

„Während sich die vertikalen, überwiegend klassenspezifischen Ungleichheiten verstärken, sind die Organisationen, die auf der Konfliktachse von Kapital und Arbeit agieren, während der gesamten Nachkriegsgeschichte nie so schwach gewesen wie in der Gegenwart.“

Gibt es Hoffnung?


Eine kurze Antwort lautet: Ja! Die Lösung steckt bereits im Problem, denn die fortschreitende Entdemokratisierung zurückschlägt, indem sie einen Legitimationsverlust marktradikaler neoliberaler Politik bewirkt. Man könnte sagen, dass der Neoliberalismus endlich aus der Mode kommt. Es gibt nämlich keine Demokratie ohne Volk. Vor den Rettern der Demokratie stehen jetzt riesige sozial-ökologische Aufgaben.

„Der Weg zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit führt über den Kampf gegen Luxuskomsum, Vermögenskonzentration und Einkommensungleichheit (…) Anstelle ökologisch begründeter Austärität benötigt dieser Weg eine Politik der substanziellen Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen.“


*) Alle Zitate stammen aus: Klaus Dörre „Demokratie statt Kapitalismus oder: Enteignet Zuckeberg!“ (in:) „Was stimmt nicht mit der Demokratie?“

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Mein alter Feind: der Gehorsam

Von einem Mitarbeiter erwarten Unternehmer meist die Teamfähigkeit, also dass er/sie im und mit einem Team arbeiten kann und will. Eine schöne Sache. Theoretisch.

                                                                                                 Sich unterordnen.

Wes Brot


In der Praxis verkommt die erwünschte Teamfähigkeit zur Bereitschaft, sich unterzuordnen und die Klappe zu halten, nach dem opportunistischen Motto „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Es geht im Grunde um Verzicht auf selbständiges Denken, geschweige denn das autarke Handeln.

Wir sprechen hier eigentlich über unseren alten Feind - meinen Feind auf jeden Fall -, den Gehorsam. Seine zerstörerische Kraft vergiftet gleichermaßen den Gehorsamen und seinen Umfeld. Ich spreche bewusst in diesem Zusammenhang über Gift, weil der Gehorsam das vernichtet, was einen Menschen ausmacht. Der Gehorsam verwandelt uns in die hirnlosen Zombies – nicht benutzte graue Zellen sterben doch ab. Das ist nachgewiesen. Ich schwör!

Stasi-Realoded-Gesetz?


Der/die Untergebene darf nicht er/sie selbst sein. Ich übertreibe maßlos? Wirklich? Warum also wird es allen Ernstes vor zu viel Ehrlichkeit in der Öffentlichkeit gewarnt? Die Mitarbeiter sollen sich sehr gut überlegen, wie sie in den Social Media auftreten und welche Meinungen sie dort äußern; am besten keine privaten und wenn schon, dann lieber unter einem Pseudonym. Noch nie waren Decknamen so populär wie heutzutage. Sonst kann der Arbeitgeber all das gegen seine Mitarbeiter verwenden. Stillschweigen akzeptieren sämtliche Akteure dieses Trauerspiels die fürchterlichen ungeschriebenen Regeln. Wieso?!

Ich frage euch, auf welcher Grundlage das Recht des Arbeitgebers auf das Ausspionieren der Mitarbeiter beruht. Das Stasi-Realoded-Gesetz? Was geht einen Arbeitgeber an, wie ein Mitarbeiter seine Freizeit verbringt? Die Epoche der Leibeigenen sollte doch längst vorbei sein. Theoretisch.

Es lebe der Ungehorsam!


So praktizierte verunstaltete Teamfähigkeit dient nur einem Zweck: die existierenden Strukturen und Machtverhältnisse zu erhalten.  Jene gehorsame Teamfähigkeit gefährdet demnach die Demokratie, weil sie feudale Weltordnung zementiert. Sie ist ein Feind des Denkens und der Freiheit. Sie will unseren Willen und unsere Intelligenz fesseln und aus uns auf Knopfdruck funktionierende Automaten schaffen.

Die kommunistischen Diktaturen kennen diese alte Bekannte gut: der gemeinsame Trott wurde zur höchsten Tugend erkoren. Wladimir Majakowski, der tragische Held der Oktoberrevolution, fasste in einem Gedicht diese Idee zusammen: "Der Einzelne ist Unsinn, der Einzelne ist Null".

Die Zukunft kann aber nur in Gegenrichtung führen: zurück zum Individuum. Wir sind unterschiedlich und das ist auch gut so. Es lebe der Ungehorsam!

Demnächst erwarte ich also folgende Jobanzeigen: Ungehorsam erwünscht.