Freitag, 27. Dezember 2019

Es war eine gute Rede, dennoch erhebe ich einen Einwand, Herr Steinmeier!

Diejenigen, die mal in einem kommunistischen Land (eigentlich im Realsozialismus) gelebt haben, kennen bestimmt den Begriff „russisches Dementi“. Sorry, russische Freunde, ich korrigiere dies sofort – natürlich müsste es heißen: „sowjetisches Dementi“. Solch ein Dementi seitens der Obrigkeit entchiffrierten die Untertanen stets als eine verkehrte Bestätigung. Es galt das Prinzip:  was die Machthaber vehement abstreiten, muss genau deswegen wahr sein.  Ich dachte daran, als ich den Satz von unserem Präsidenten Frank-Walter Steinmeier hörte: "Von zu wenig Meinungsfreiheit kann in meinen Augen nicht die Rede sein.“


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So viel Streit


Der Präsident betrachtete in seiner Weihnachtsansprache den politischen Raum und kam zum Fazit „so viel Streit war lange nicht“, was eben ein Beweis für eine absolute Meinungsfreiheit sein sollte. Schön und gut. Gilt aber die Meinungsfreiheit auch, wenn wir den politischen Raum verlassen? Meine Antwort lautet: Nein. Ich vermisse sie schmerzhaft in einem riesigen und schwerwiegenden Bereich – in der Wirtschaft oder noch allgemeiner: in der Arbeitswelt. 

Ich behaupte, dass die hiesige Arbeitswelt nicht demokratisch, sondern diktatorisch konstruiert und geführt wird. In unseren Unternehmen - egal, ob privat, staatlich oder genossenschaftlich  - herrschen andere Regeln, was mit sich weit reichende Konsequenzen bringt. Wenn ich nach ähnlichen Strukturen suche, dann finde ich sie z. B. bei der Mafia, wo auch der Gehorsam zu den wichtigsten Tugenden gehört. 

Aus dem Katalog der Diktatoren


Das ganze wirtschaftliche System ist auf die Angepassten ausgerichtet. Dafür, dass nur solche Mitarbeiter hineinkommen, sorgt schon das Kopfnoten-Verfahren, genannt: Arbeitszeugnisse. Auf eine paranoide Weise und zum Teil mit chiffrierter Sprache bewertet der „alte“ Arbeitgeber den ihn verlassenden oder rausgeworfenen Arbeitnehmer, damit der „neue“, um Gottes Willen!, keinen Revolutionär einstellt. Kopfnoten sind eine Maßnahme aus dem Katalog der Diktatoren. Ihr Zweck erfüllt sich im Abstempeln und Aussortieren. Gehorsam wird belohnt, Ungehorsam bestraft. Derartige Regelungen dienen dem Erhalt von existierenden Machtstrukturen und verhindern notwendige Veränderungen. 

Zu den disziplinierenden Maßnahmen für angepasste Arbeiter gehört genauso die lange 6-monatige Probezeit. Geprobt wird dann eigentlich nur eins: ob sich der Kandidat/die Kandidatin als braver Arbeitssoldat eignet. Es scheint, dass ein Arbeiter sein Hirn an der Eingangstür abgeben müsste.

Neben den Kopfnoten und der langen Probezeit gehört das Schnüffeln in den Social Media, das die Unangepassten aufspüren  sollte, auch zum Repertoire der Arbeitgeber.  Die Diktatoren unterscheiden nämlich nicht zwischen der Arbeits- und Freizeit und vereinnahmen den ganzen Menschen.

"Fürchtet Euch nicht!"


Ich gebe Ihnen, Herr Steinmeier, aber Recht, wenn Sie sagen: „Was die Demokratie braucht, sind selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger“. Unbedingt! Ich sehe aber keinen Grund, auf dieses Selbstbewusstsein ausgerechnet auf der Arbeit zu verzichten. 

Ihren Appell am Schluss Ihrer Rede kann ich sogar laut mitschreien: "Fürchtet Euch nicht!"

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